Die Zerstörung der deutschen Kultur durch Goethe (II)

Ein aktueller Beitrag zur Handlungsweise der Manichäer, der Germanis und Manis in heutiger Zeit. Hannah Arendt, Jüdin, aus dem Ausland kommend, brachte die deutsche Kultur nach Deutschland zurück. Nicht als Theorie, nicht als Predigt, sondern als Handlung.

von Wilfrid Jaensch

Im Jahre 1960 studierte ich in Freiburg/Br. Hannah Arendt kam aus den USA und hielt einen Gastvortrag. Das Gerücht ging um: Martin Heidegger würde teilnehmen. Heidegger war damals noch tabu. Seit seinem Rektorat 1933 – in NS-Uniform – und seit der Diskriminierung seines Lehrers Edmund Husserl, der Jude war, und seit der Vertreibung seiner Meisterschülerin Hannah Arendt, die Jüdin war – seither war Heidegger philosophisch erledigt.

Wir Studenten von 1960 erwarteten, dass Frau Arendt ihn absichtlich übersehen würde. Schließlich war er der politische Gegner, und kein Mensch hätte es ihr übel genommen, wenn sie ihn ignoriert hätte. Aber was geschah? Frau Arendt betritt den Hörsaal und geht zum Rednerpult. Sie betrachtet die Anwesenden. Ihr Blick fällt auf Martin Heidegger, der in der ersten Reihe saß.

Sie verlässt das Rednerpult. Sie geht auf Heidegger zu. Heidegger steht auf. Sie gibt ihm die Hand. Er nimmt ihre Hand in die seine. Dann geht sie zum Pult zurück. Heidegger setzt sich. Der Vortrag beginnt. In diesem Augenblick erfuhr ich, was deutsche Kultur ist. Ich erfuhr es von einem Menschen, dessen Leib zwar in Deutschland geboren wurde, aber als jüdischer Leib. Also musste dieser Mensch das Land verlassen und kam als Ausländer nach Deutschland zurück. Diese Ausländerin machte – vor meinen Augen – deutsche Kultur.

Sie hörte nicht auf ihren Leib. Sie gehorchte nicht den Ursachen von Vererbung und Umwelt. Ihr jüdischer Leib und dessen Misshandlung hätten ihr das Recht gegeben, Heidegger zu verachten. Aber davon machte sie sich frey. Zuerst stand sie im Mittelpunkt. Diesen Mittelpunkt verwandelte sie in einen Umkreis. Die Mitte war jetzt leer oder frey. In diese freye Mitte stellte sie Martin Heidegger, indem sie ihm die Hand gab. Heidegger wurde von seiner Leib-Eigenschaft und Vorgeschichte frey gesprochen.

Durch Frau Arendt haben wir diesen Menschen neu gesehen. Der Handschlag war ein Geschenk ohne Bedingung. Dieses Verhalten nenne ich schöpferisch, weil es etwas Neues schafft, das unabhängig ist von den Eigenschaften der Leiber. Das ist die Handlungsweise der Manichäer, der Germanis und Manis.

Das ist die Offenbarung des echten Faustus Minor in Deutschland. Eine Frau aus dem Ausland brachte die deutsche Kultur nach Deutschland zurück. Nicht als Theorie. Nicht als Predigt, sondern als Handlung. Stumm. Ahnt der Leser jetzt, was ich meine, wenn ich sage, das Bewusstsein der Götter befruchte und empfange sich selbst, unabhängig vom Leib?

Die Zerstörung

Goethe beginnt mit dem ”Prolog im Himmel”. Die Szene ist aus dem Buch ”Hiob” des Alten Testaments. Dort spricht Gott mit Satan über Hiob, den er ”meinen Knecht” nennt. Ebenso wird Faust als ”Knecht” bezeichnet. Der Knecht ist der Leibeigene.

Goethe glaubte an den Feudalismus. Er war ein Anbeter des Adels wie Prof. Gottsched. Wie sehr er die Demokratie verachtet hat, zeigt sich am Ende des Il. Teils. Dort faselt der uralte Faust etwas von ”freiem Volk”, aber auf der Bühne graben die Lemuren das Grab. Dieser Zynismus ist nicht zu überbieten. Das Wort ”Knecht” hat aber eine zweite Bedeutung. Leibeigener bin ich dann, wenn mein Bewusstsein die Eigenschaft meines Leibes ist. Dann bin ich unfrey.

Heute sagen die Amerikaner dasselbe. Das Denken sei eine Funktion des Gehirns, und das Gehirn sei ein Computer. Das ist beste römische Theologie. Das ist der krasse Gegensatz zu Faustus Minor. Und damit Faust an seinen Leib gefesselt wird, wird ”Faust” zum Privatnamen. Von Titel oder Amt des ”Faustus” ist keine Rede mehr. Ebenso wird das Wort ”Ich” abgeschafft.

Der erste Satz, den der leibeigene Faust auf der Bühne sagen darf, lautet nicht etwa: ”Ich habe nun Philosophie...”. Im Gegenteil. Er sagt: ”Habe nun, ach!, Philosophie...”. Aus ”Ich wird ”ach”. Hat man das ”Ach!” gehört? Es ist eine schallende Ohrfeige ins Gesicht des Ich- Philosophen Fichte. Eine Frau Faust hat also Heinrich Faust zur Welt gebracht, und der Heinrich erzeugt nun lauter kleine Fäustchen. Aber halt! Dieser Knecht ist gar nicht fähig zur irdischen Sexualität, zumindest nicht, wenn es um Frauen geht.

Um Frauen zu begehren, muss er erst in die Hexenküche. Dort wird er geschminkt und mit Drogen abgefüllt. Erst als Transvestit kann er begehren. Um die künstliche Gier zu stillen, muss er die Mutter vergiften. Der Bruder wird meuchlings ermordet. Margarete wird schwanger. Von wem eigentlich? Ihr Kind will sie dem Transvestiten-Paar nicht ausliefern. Sie tötet es und wird ihrerseits hingerichtet. Hier endet der erste Teil.

Das ist Goethes Darstellung des Manichäers Faustus Minor. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat Paul Celan seine ”Todesfuge” veröffentlicht. Celan trauert um die jüdische Kultur, die in Deutschland zerstört wurde. Er sagt: ”dein aschenes Haar Sulamith”. Sulamith ist der Name der Frau im Hohen Lied Salomons. Ihr schwarzes Haar steigt als Wolke aus den Gasöfen. Aber Celan fügt hinzu: "dein goldenes Haar Margarete”. Die deutsche Kultur wurde in Deutschland zerstört, lange, bevor die jüdische Kultur zerstört wurde.

Aber heute noch applaudiert man zu Gretchens Untergang auf der Bühne. Der zweite Teil ist derart zynisch, dass Goethe es nicht gewagt hat, ihn zu veröffentlichen, während er lebte. Faust erwacht auf blumiger Wiese, gesättigt von Gretchens Blut. Diese Szene hat Bram Stoker später in seinem berühmten ”Graf Dracula” weitergedichtet. Dann unterwirft Faust sich hündisch dem Kaiser, vor keinem Verbrechen zurückschreckend. Sobald er zwei Menschen trifft, die sich lieben, lässt er sie verbrennen. Die Menschen heißen Philemon und Baucis.

lhr Mörder Faust ist 100 Jahre alt laut Goethe. Verbrennen! Das ist das Ende. ”dein goldenes Haar Margarete / dein aschenes Haar Sulamith.” (Paul Celan). Dass die Nazis sich mit dem impotenten Kleinkriminellen identifiziert haben, wundert mich nicht. Dass Faust am Schluss gerettet wird, verdanken wir Lessing. Dessen Holzkiste lag immer noch drohend in der Mark Brandenburg. Lessing hatte den Teufelspakt als Alptraum der Protestanten dargestellt.

Aber wie gelingt Goethe die Rettung des Zynikers Faust? Er führt die Madonna ein. Die Verszeilen sind aus Gedichten der beiden Novalis entlehnt, und dagegen wäre nichts einzuwenden. Aber für Novalis ist die Madonna der blaue Himmelskörper. Das ist die Erde in ihrer Umlaufbahn. Die Madonna ist die Königin von Atlantis. Und was macht Goethe daraus? Die Madonna schwebt ganz oben, im Himmel. Unten ist die Erde wie eine feste Scheibe.

Das ist das mittelalterliche Weltbild. Kopernikus wird widerrufen. Nicht nur die deutsche Kultur, auch ihr kosmischer Ort wird zerstört. Weimar enthüllt sich als Weima-Rom. Ich habe nicht behauptet, dass Goethe glaubt, was er sagt. Sein ”Faust” ist nicht das Bekenntnis privater Probleme. Sein ”Faust” gibt nicht wieder, was er von Magie wusste. Mein Lehrer Walter Muschg, ein Kenner der echten Magie, sagt in seiner ”Tragischen Literaturgeschichte”:

Goethe habe sich für das bewusst Böse entschieden. Goethe hat also alles gewusst, was ich über den Faustus Minor und die Mani gesagt habe. Gerade deshalb konnte er das Gegenteil darstellen. Der Leser seiner Werke hat keine Möglichkeit mehr, den wirklichen Faust kennenzulernen. Die Wirklichkeit der deutschen Kultur wird ganz bewusst vernichtet. Hier ist ein Könner am Werk.

Deutschland als Hohlspiegel

Seit 200 Jahren ist die deutsche Kultur zerstört. An die Stelle der Ger-Mani und der Heiligen trat das Nichts. Das Nichts ist Finsternis. Die Finsternis ist ein Spiegel. Deutschland wurde zum Spiegel für seine Umwelt, die man Ausland nennt. Im Ausland wurde mir gesagt, wir Deutsche seien Kinder, die alles nachahmen, was im Ausland geschieht. Weil wir Kinder seien, müsse man uns erziehen.

Daher die Re- Education nach dem Zweiten Weltkrieg. Aber diese herablassende Bemerkung wurde mit einer Stimme geäußert, in der ich Angst vor den Deutschen spürte. Wenn die Kinder das Ausland nachäffen, dann spiegeln sie es zurück. Und zwar als Karikatur. Denn der Spiegel ist ein Hohlspiegel. Alles, was im Ausland geschieht, wird in Deutschland auf die Spitze getrieben, und die Spitze bricht ab. Sämtliche politische Verfassungen wurden in Deutschland nachgeahmt und ins Absurde getrieben.

Dasselbe gilt für die technischen und wirtschaftlichen Umwälzungen. Kaum erreichen sie Deutschland, werden sie zum Salto Mortale. Denn Deutschland ist das Land der Götter und Heiligen.< b>Sobald die Götter verschwinden, lassen sie den Hohlraum zurück. Über dem Hohlraum schwebt die Gewitterwolke des Absoluten. Das Absolute enthüllt alles Relative als nichtig. Die Neuerungen des Auslandes mögen für das Ausland berechtigt sein. In Deutschland werden sie zur Grimasse. Deshalb hat das Ausland Angst vor den Deutschen.

Die Deutschen enthüllen die Wahrheit. Nicht die eigene. Die eigene Wahrheit ist zerstört. Sie besteht nämlich in der Gutheit. Sondern die Deutschen enthüllen die Wahrheiten des Auslandes als Irrtümer, die sich selbst vernichten, wenn sie ins Absolute getrieben werden. So hat Hitler die jüdische Kultur zwar zerstört. Zugleich hat er versucht, sie nachzuäffen.

Die jüdische Kultur ist matrilinear. Jude bin ich dadurch, dass eine jüdische Mutter meinen Leib geboren hat. Ich bin also leibeigen. Mein Bewusstsein ist die Eigenschaft des mütterlichen Leibes. Aber diese Mutter gehört zum auserwählten Volk Gottes. Hier liegt der Unterschied zu den Deutschen. Die Deutschen sind nicht das auserwählte Volk Gottes. Sie sind Götter. Oder sie sind nichts. Dieses Nichts hat Hitler auf die Spitze getrieben, indem er jüdischer sein wollte als die Juden. Woran erkennen die Nazis einen Deutschen? Er hat eine deutsche Mutter. Und einen deutschen Vater. Woran erkenne ich, dass meine Eltern deutsch sind? Sie haben wiederum deutsche Eltern.

Und so fort bis ins Unendliche, das Adam und Eva heißt. Diese Definition hat keine Eigenschaft. Man verliert sich in der Zeitlichkeit der Generationen. Die Blutsverwandtschaft hat in der deutschen Kultur nichts zu suchen. Fichte sagt in den ”Reden an die deutsche Nation”: ”Deutsch bist du, wenn du dich selbst hervorbringst, ganz egal, wo dein Körper geboren ist.” Die Theorie der Blutsverwandtschaft ist die Zerstörung der deutschen Kultur.

Blutsverwandtschaft ist Leibeigenschaft. Goethe hat diesen Irrtum in die Welt gesetzt, als er den Titel ”Faustus” zum Privatnamen eines ”Knechtes” machte. Goethes Hass gegen Faustus Minor und die deutsche Kultur machte in Hitler seinen Salto Mortale. Als Zeugen für diese Behauptung zitiere ich den ”Doktor Faustus” von Thomas Mann, veröffentlicht nach dem militärischen Zusammenbruch des Dritten Reiches. Was ich Thomas Mann vorwerfe, ist sein Schweigen über Lessing und den wirklichen Faustus Minor.

Goethes Widerruf durch Thomas Mann

Thomas Mann schrieb seinen ”Doktor Faustus” im amerikanischen Exil. Als Gegner des Dritten Reiches musste er auswandern. Sein Roman spielt in der Zeit seiner Niederschrift. Faustus ist also unser Zeitgenosse. Er ist Musiker, aber er ist nicht fähig, eine neue Kunst zu erzeugen. Mann nennt ihn ”steril”, also unfruchtbar.

Er bedarf der Droge, der Hexenküche und des Teufelspaktes. Was hier als ”Sterilität” vorgeworfen wird, habe ich soeben als ”Hohlspiegel” beschrieben. Thomas Mann wirft den in Deutschland Verbliebenen vor, dass sie fremde Kulturen nachäffen. Nicht nur die jüdische Vererbungslehre wird den Deutschen aufgedrängt, auch die Rechtsform des römischen Reiches wird kopiert, ganz abgesehen vom italienischen ”Duce”, der als deutscher ”Führer” ebenso nachgeahmt wie in den Salto Mortale übertrieben wird.

Solche Nachäffungen nennt Thomas Mann den ”Teufelspakt”. Aber diesen Pakt habe bereits die Weimarer Klassik gemacht, die den antiken Klassizismus nachäfft. Bereits Goethes ”Faust” sei steril. Dessen ”Rettung” sei blanker Hohn. Thomas Mann nimmt Goethe zurück. Die Rettung wird gestrichen. Zwischen der Weimarer Klassik und dem Dritten Reich sieht Mann eine konsequente Entwicklung. Und jetzt macht er sich auf die Suche nach dem ”echten” Faust. Er findet das Volksbuch des 16. Jahrhunderts.

In dessen alte Sprache gräbt er sich ein. Aus dem Volksbuch wird seitenlang zitiert. Und das Ende des Volksbuches ist zugleich das Ende des Romans. Der Text heißt ”Doktor Fausti Weheklag”. Denn auch dieser alte Faust der Protestanten macht den Teufelspakt. Und jetzt kommt Thomas Mann zu dem ungeheuerlichen Urteil: die gesamte deutsche Kultur seit dem l6. Jahrhundert sei ”steril”. Darin läge ihr Wesen. Sie sei unfruchtbar. Mein Lehrer Walter Muschg hat Thomas Mann radikal abgelehnt.

Er nannte ihn ”Gaukler” und Dilettanten. Denn Thomas Mann hat gar nicht bemerkt, dass bereits das Volksbuch eine Hetzschrift gegen den wirklichen Faustus war. Der Teufelspakt soll beweisen, dass Faust von Magie gar nichts verstand. Und darauf sei Thomas Mann hereingefallen. Er sei also dem Goethe – trotz seiner Widerlegung – auf den Leim gegangen. Goethe hingegen habe gewusst, wer Faustus ist, und was Magie bedeutet. Er habe dieses Wissen für sich selber angewendet und dadurch jene gespenstische Goethe-Verehrung erzeugt.

Den Deutschen habe er aber das Wissen absichtlich vorenthalten. Aus dem deutschen Faustus habe er bewusst jenes schäbige Zerrbild gemacht. Aber er habe es wenigstens gewusst und sei deshalb zu achten, wenn auch als Gegner. Thomas Mann hingegen sei zu verachten, weil er von dem ganzen Betrug keine Ahnung habe. Sein Urteil über die ”Sterilität der Deutschen” sein eine ahnungslose Unterwerfung unter das Goethesche Diktat.

Soweit Walter Muschg. Und jetzt wird es heiter. Thomas Mann hat Walter Muschg bestätigt. Während der Niederschrift des Romans sah er erstmals die Bilder der zerbombten deutschen Städte. Dieser Anblick hat ihm buchstäblich das Herz gebrochen. Er sagte: ”Ich gehöre dazu. Auch ich habe den Teufelspakt gemacht. Für meine Kunst brauchte auch ich die Droge, Schminke, die Hexenküche. Auch ich bin steril.” Bei diesen Sätzen aus der ”Entstehung des Doktor Faustus” habe mich dreifach gewundert.

Erstens bestätigt Thomas Mann das vernichtende Urteil von Walter Muschg.

Zweitens wundert es mich, dass der S. Fischer-Verlag heute noch Werke von Thomas Mann herausgibt und gar nicht ernst nimmt, dass dieser Autor die gesamte deutsche Kultur einschließlich Goethes und seiner selbst als ”steril” verurteilt. Hätte man dieses Urteil beachtet, man würde den Autor nicht dadurch quälen, dass man ihn weiterhin bloßstellt indem man ihn druckt.

Aber es gibt drittes Wunder. Hier widerspreche ich meinem Lehrer Walter Muschg. Indem Thomas Mann das Wort ”ich bin selbst” mit der ”Sterilität” verbunden hat, enthüllt er neues Gesicht des ”Bösen”, das in unserem Jahrhundert zum ersten Mal sichtbar wird.

Das Böse ist steril. Es ist unfruchtbar. Nicht der Leib des Menschen ist unfruchtbar. Sondern sein Bewusstsein. Das Böse ist also nicht mehr der Teufel mit Hörnern und Schwefelgeruch. Sondern als böse gilt jetzt der Mensch, dessen Bewusstsein sich nicht selbst befruchten kann, weil es als Eigenschaft des Leibes gilt. Diese Enthüllung ist neu. In dieser Selbst-Enthüllung des Bösen erkenne ich die Wirksamkeit des wirklichen, des echten, des Manichäers Faustus.

Und dafür bewundere ich Thomas Mann, obwohl dieser Schriftsteller keine Ahnung davon hatte, wen er hier durch sich selber sprechen ließ. Und deshalb, weil ich diesen Satz bewundere (”ich bin selbst steril”), trennte ich mich vom Urteil Walter Muschgs und stellte an meinen verstorbenen Lehrer folgende Frage. Der Verstorbene hat die Frage beantwortet. Man findet sie also nicht in seinen Schriften. Die Antwort ist verblüffend einfach.

Die Frage lautet: Wenn es stimmt, was Muschg behauptet; wenn Thomas Mann also ein ahnungsloser Schwätzer war, der von Magie keine Ahnung hat, im Gegensatz zu Goethe, der alles wusste, was die Magie der Manichäer betrifft, obwohl er das Gegenteil gepredigt hat, indem er seinen Heinrich Faust als ”Knecht” verhöhnte und dadurch die deutsche Kultur zerstörte, - wenn das alles zuträfe, dann müsste es den echten Faustus doch geben. Sonst könnte ihn Goethe nicht zerstören.

Aber wo ist er? Denn wenn es ihn gibt – warum hat er sich dann nicht gewehrt? Warum hat er 200 Jahre lang geschwiegen? Warum hat niemand sich gegen Goethes Zerrbild empört? Warum ließ Faustus sich derart verstümmeln, dass nicht einmal ein Thomas Mann in der Lage war, ihn zu entdecken, obwohl Mann doch bis ins 16. Jahrhundert zurück gegangen ist? Wo ist Faustus seit Goethes ”Faust I” bis heute wirklich? Diese Frage stelle ich dem verstorbenen Walter Muschg. Seine verblüffend einfache Antwort enthüllt mir nachträglich die Meisterschaft, mit welcher Goethe uns alle aufs Glatteis geführt hat.

Die Lösung der Manichäer

Wer kennt ihn nicht, den Satz am Ende des Goetheschen Faust: ”Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.” Welcher Christ geht hier nicht auf die Knie und betet an! Und auch der Atheist – steigen ihm nicht die Tränen in die Augen vor lauter Rührung?

Wer wird sich nicht bemühen wollen? Wer möchte nicht erlöst sein? Merkt lhr jetzt, was hier gespielt wird? Denn das ”Wir” ist die Mehrzahl der Majestät (pluralis majestatis). So nennt sich der Heilige Vater in Rom. So nannten sich die Cäsaren und Kaiser: ”Wir, Kaiser von Gottes Gnaden”. Und die doofen, kleinen Deutschen sollen gefälligst strebend sich bemühen! Wozu denn? Und in welche Richtung?

Das sagt uns das ”Wir” der Majestät. Sie heißt jetzt nicht mehr Kaiser oder Papst. Sie heißt jetzt: Führer-Hauptquartier. Sie heißt jetzt: Zentral-Komitee der Partei. Sie heißt jetzt: Banken- Konsortium der USA! Und wir Deutschen haben zu streben und zu gehorchen. Das ist Goethes Botschaft. Warst du mal Schüler? Oder Schülerin? Erinnerst du dich noch daran, was die Schüler am tiefsten verachten? Nicht ihre Lehrer. Sondern den Mitschüler, der ein ”Streber” ist.

Aber kaum sind wir Erwachsen, tun wir das, was wir verachten: wir streben. Bitte erlöse mich! Diese Streberei ist es aber nicht, in welcher Goethe seine meisterhafte Irreführung zur Vollkommenheit treibt. Sondern die vollkommene Irreführung besteht in der Richtung, in die wir jetzt nicht mehr blicken. Es ist die Richtung der wahren deutschen Kultur. Dafür sind wir erblindet. Deutsch ist ”deus”, ist ”theos”, ist ”Thot”. Die Germanen sind Manen oder Manis.

Was macht der Manichäer Faustus? Er macht genau das Gegenteil von dem, was Goethe uns predigt. Er will gar nicht erlöst werden. Er kann gar nicht. Von wem denn? Sondern er selbst ist der Erlöser. Wen oder was erlöst er? Das Böse. Wie erlöst er das Böse? Indem er sich damit vereinigt. Er vereinigt sich mit dem Bösen, indem er sich verschlingen und verdauen lässt.

Als Verschlungener und Verdauter dringt er in die Magensäfte und Blutbahnen des Bösen ein. Bis er im Nervensystem des Bösen denkt. Sich selbst. Und das Böse? Gesättigt von Faustus, bemerkt es viel zu spät, dass es mit Faustus schwanger geht. Und es platzt. Und es enthüllt sich von innen her und veröffentlicht sich selbst. Das war die Antwort meines verstorbenen Lehrer Walter Muschg. Denn Etwas muss uns doch auffallen. Auch im 16. Jahrhundert wurde Faustus bekämpft und ermordet. Aber nach dem Tod seines Leibes hat er nicht aufgehört zu wirken. Er sprach durch andere.

Noch im 16. Jahrhundert sprach er aus Kopernikus und Giordano Bruno. Im l7. Jahrhundert sprach er aus Descartes und Spinoza. Im 18. Jahrhundert sprach er aus Lessing, Kant, Fichte und den beiden Novalis. ”Atlantis” wurde veröffentlicht. In diesem Augenblick schlug Goethe zu. ”Faust l” wird aufgeführt, der leibeigene Knecht. Und ausgerechnet jetzt schweigt der wirkliche Faust? Aus keinem Menschen erhebt er seine Stimme?

Er schweigt und lässt es zu, dass nicht einmal ein Thomas Mann ihn finden kann? Warum? Weil er sich mit seinem absoluten Gegensatz vereinigt. Das ist die Technik der Manichäer. Erst Goethe hat diesen Gegensatz erzeugt. Noch Augustinus beschimpft zwar den Manichäer-Bischof Faustus. Aber denn doch als Bischof! Noch das Volksbuch unterstellte dem Faustus den Teufelspakt. Aber doch noch mit Respekt und Angst und Gänsehaut! Aber Goethe? Faustus ist kein Amt mehr, sondern der zufällige Eigenname, eines Knechtes, dessen Bewusstsein nur noch die Eigenschaft seines Leibes ist.

Schon bei der ersten Beschwörung des Erdgeistes wird er bezeichnet als ”hingekrümmter Wurm”. Nennt er sich nicht selber so? Ein Wurm! Kein Autor der Weltliteratur hat den Faustus derart in den Dreck gezogen. Das ist das bewusste, gezielte Gegenteil der Wahrheit. Aber der Manichäer kümmert sich nicht um Wahrheit. Er ist der Schöpfer des freyen Willens, er kümmert sich um das Gute, indem er es tut. Er gibt sich dem absolut Bösen hin. Was ist das absolut Böse? ”Absolut” heißt: losgelöst. Das Böse ist losgelöst vom Guten. Es hat keinen Maßstab mehr. Es verliert das Wissen um sich selbst.

Es verrottet zu dem, was Hannah Arendt ”die Banalität des Bösen” nannte, angesichts von Adolf Eichmann beim Prozess in Jerusalem. Ich komme gleich darauf zurück. Der ”hingekrümmte Wurm, der strebend sich bemüht” – das ist Goethes Bild vom Deutschen. In dieses radikale Gegenbild lässt der Manichäer Faustus sich ein.

Er lässt sich vom Wurm fressen und verdauen. Als Verdauter dringt er in die Blutbahnen des Goetheschen Wurmes. Falsch. Goethes Faust hat kein Blut im Leib. Sondern Tinte. ln die Tintenbahnen also löst Faustus sich auf. Und dringt ins Nervensystem. Und Goethes Faust wird schwanger vom wirklichen Faustus. Und platzt. Und das absolut Böse enthüllt sich selbst. Es spricht sich selber aus, in unserem Jahrhundert, wie es noch nie gesprochen hat.

Es offenbart sich als ”Sterilität” durch Thomas Mann und als ”Banalität” durch Hannah Arendt. Die Zerstörung der deutschen Kultur durch Goethe ist damit beendet. Die Zerstörung hat sich selbst zerstört. Darin erkenne ich die Wirksamkeit des wirklichen Faustus während der letzten 200 Jahre.

Die Banalität des Bösen und das Abenteuer des Guten

Hannah Arendt wurde in Deutschland geboren und studierte bei Heidegger und Jaspers. Da sie als Jüdin geboren war, musste sie das Land verlassen, sonst hätte man sie umgebracht. Sie wurde Bürgerin der USA. Beim Prozess gegen Eichmann war sie Berichterstatterin. Was hatte sie erwartet? Sie selbst und damals alle Welt? Das absolut Böse in religiöser Form.

Eichmann war Massenmörder, und man wollte den ”bösen Deutschen” vor Gericht. Jenen Goetheschen Faust also, der als alter Mann noch Philomon und Baucis verbrennen lässt. Man erwartete von Eichmann den deutschen Fu-Man-Schu! Das Monstrum mit Hörnern und Vampirzähnen, mit Schwefelgestank und Pferdefuß. Was fand Frau Arendt? Den lieben Kleinbürger. Den Familienvater. Mit Anspruch auf Rente. Den Beamten, der nur Befehle ausgeführt hat. Den ganz normalen Zeitgenossen also. Diese Entdeckung war ungeheuerlich. Sie ist es heute noch. Frau Arendt hatte den Mut, die Wahrheit auszusprechen.

Sie nannte es ”die Banalität des Bösen”. Dieses Wort hat Wut ausgelöst, auch bei den Juden. Denn diese Banalität trifft uns alle. Das banal Böse weiß gar nichts mehr vom Guten. Es ist normal. Du wirst geboren und stirbst. Dein Bewusstsein ist eine Eigenschaft des Leibes. Die Ursachen deines Bewusstseins sind Vererbung und Umwelt. Deine Handlungen sind die Wirkung von Befehlen. Es sind die Befehle deiner Hormone oder deiner Vorgesetzten. Du bist nicht schuldig, weil du zur Schuld gar nicht fähig bist. Kein Gedanke ist von dir selbst gedacht. Du wiederholst nur, was dir gesagt wird.

Keine Handlung ist aus sich selbst gewollt. Du tust nur, was Andere wollen. Dieses Bild vom leibeigenen Menschen ist die Grundlage der Wissenschaften. Die Medizin setzt es voraus wie die Psychologie. Die Soziologie kennt nichts anderes. Die Wissenschaften sind nicht wertfrei, wie sie behaupten. Sie haben sich dem Wert des absolut Bösen unterworfen. Die Wissenschaftler und Spezialisten sind die Banalität des Bösen.

Aber die Enthüllung geht weiter. Auch die Leser dieses Textes sind banal böse. Vor allem jene, die sich über meinen Text ärgern. Warum? Weil sie lügen. Sie behaupten, sie ärgern sich. Aber wenn sie täten, was sie sprechen, dann würden sie sich selber ärgern. Einfach so. Oder freuen. Sie wären an ihrem eigenen Ärger schuld. Sie wären fahig zur Schuld. Aber ebendies bestreiten sie. Sie haben nur Befehle ausgeführt. Sie ärgern sich über den Text. Der Text ist also schuldig.

Er ist die Ursache, und der Ärger ist nur die Wirkung. Wer sich über meinen Text ärgert, gibt mir die Vollmacht über Emotionen. Er unterwirft sich mir. Er wird zum Knecht. Und weil das ja ganz normal ist, wie der Leser glaubt, so hat er am eigenen Verhalten das beste Beispiel für das absolut Böse, das Hannah Arendt als das ”banale Böse” enthüllt. Aber auch das Gute hat sie enthüllt.

Ich habe es mit den Augen meines Leibes gesehen. Im Jahre 1960 studierte ich in Freiburg/Br. Hannah Arendt kam aus den USA und hielt einen Gastvortrag. Das Gerücht ging um: Martin Heidegger würde teilnehmen. Heidegger war damals noch tabu. Seit seinem Rektorat 1933 – in NS-Uniform – und seit der Diskriminierung seines Lehrers Edmund Husserl, der Jude war, und seit der Vertreibung seiner Meisterschülerin Hannah Arendt, die Jüdin war – seither war Heidegger philosophisch erledigt.

Wir Studenten von 1960 erwarteten, dass Frau Arendt ihn absichtlich übersehen würde. Schließlich war er der politische Gegner, und kein Mensch hätte es ihr übel genommen, wenn sie ihn ignoriert hätte. Aber was geschah? Frau Arendt betritt den Hörsaal und geht zum Rednerpult. Sie betrachtet die Anwesenden. Ihr Blick fällt auf Martin Heidegger, der in der ersten Reihe saß. Sie verlässt das Rednerpult. Sie geht auf Heidegger zu. Heidegger steht auf. Sie gibt ihm die Hand. Er nimmt ihre Hand in die seine.

Dann geht sie zum Pult zurück. Heidegger setzt sich. Der Vortrag beginnt. In diesem Augenblick erfuhr ich, was deutsche Kultur ist. Ich erfuhr es von einem Menschen, dessen Leib zwar in Deutschland geboren wurde, aber als jüdischer Leib. Also musste dieser Mensch das Land verlassen und kam als Ausländer nach Deutschland zurück. Diese Ausländerin machte – vor meinen Augen – deutsche Kultur. Sie hörte nicht auf ihren Leib.

Sie gehorchte nicht den Ursachen von Vererbung und Umwelt. Ihr jüdischer Leib und dessen Misshandlung hätten ihr das Recht gegeben, Heidegger zu verachten. Aber davon machte sie sich frey. Zuerst stand sie im Mittelpunkt. Diesen Mittelpunkt verwandelte sie in einen Umkreis. Die Mitte war jetzt leer oder frey. In diese freye Mitte stellte sie Martin Heidegger, indem sie ihm die Hand gab. Heidegger wurde von seiner Leib-Eigenschaft und Vorgeschichte frey gesprochen. Durch Frau Arendt haben wir diesen Menschen neu gesehen.

Der Handschlag war ein Geschenk ohne Bedingung. Dieses Verhalten nenne ich schöpferisch, weil es etwas Neues schafft, das unabhängig ist von den Eigenschaften der Leiber. Das ist die Handlungsweise der Manichäer, der Germanis und Manis. Das ist die Offenbarung des echten Faustus Minor in Deutschland. Eine Frau aus dem Ausland brachte die deutsche Kultur nach Deutschland zurück. Nicht als Theorie. Nicht als Predigt, sondern als Handlung. Stumm.

Ahnt der Leser jetzt, was ich meine, wenn ich sage, das Bewusstsein der Götter befruchte und empfange sich selbst, unabhängig vom Leib? Also sei es doppelgeschlechtlich, männlich und weiblich in einer Person? Hat der Leser sich etwa vorgestellt, ich spräche von einem doppelgeschlechtlichen Körper? Von Sexualorganen? Diesen Blödsinn überlasse ich den Griechen mit ihren gipsernen Hermaphroditen im Museum. Nein.

Gerade der Körper ist nicht gemeint. Sondern das Bewusstsein. Im Bewusstsein erzeuge ich mich selbst, wenn ich einen Gedanken denke, der sich selber denkt. Wenn ich eine Handlung entwerfe, die sich selber will. Ohne jede Vererbung. Ohne äußeres Vorbild. Und ich empfange mich selbst, wenn ich diese Handlung nicht nur einmal mache, sondern dauernd, wie eine lange Schwangerschaft. Dann gebäre ich mich selbst. Aber dieses ”Selbst” ist eben nicht die Wiederholung meiner Person. Nur die irdische Vererbung wiederholt den Vater im Sohn. Die Götter machen das Gegenteil. Wenn sie sich selbst gebären, dann bezeichnet das Wort ”Selbst” die freye Mitte.

Die Götter sind Umkreise und Atmosphären. In die freye Mitte tritt das ganz Andere, das ich das ”Fremde” nannte. Das Fremde darf sich selbst enthüllen, es darf sein eigenes Leben offenbaren, ohne Bedingung. lch füge jetzt hinzu: nicht nur das Andere, nicht nur das Fremde, sondern sogar das Gegenteil darf sich offenbaren. Denn Heidegger, den Frau Arendt in die freye Mitte stellt, war – leiblich und geschichtlich gesehen – ihr eigener Gegner. Damit habe ich die Wörter definiert: Deutsch – deus – Theos – Thot. Das ist die Kultur der Selbst-Erzeugung. Der Fachausdruck dafür ist ”ewig”. Die deutsche Kultur ist ewig. Oder sie ist nicht. Die Jüdin Hannah Arendt hat sie mir vorgeführt. Damals war ich 19 Jahre alt. Dreißig Jahre später erfuhr ich dasselbe in gesteigerter Weise durch Julius Posener in Potsdam.

Der deutsche Faustus in Potsdam

Julius Posener wurde in Deutschland geboren, aber weil seine Mutter Jüdin war, musste er Berlin verlassen. Das Dritte Reich und die Nachkriegszeit überlebte er im Exil und kam mit englischem Pass nach Berlin zurück. Seit 1961 lehrte er ”Geschichte der Architektur” an der ”Hochschule der Künste”.

Nach der Wende hielt er 1990 in Potsdam seinen Vortrag zum ”Deutschen Umbruch”, den Gunnar Porikys anregte (wie auch diesen Text hier) und anschließend in seiner ”Edition Babelturm” veröffentlicht hat. In diesem Vortrag fiel ein unerhörter Satz. lch fand den Satz auch in Poseners Autobiographie und in seinen Lesungen, die ich in der ”Bücherei für Geisteswissenschaft und Soziale Frage” genoss. Der Satz lautet in meinem Gehör wie folgt:

”Wäre ich nicht Jude gewesen – der Lichtdom von Speer hätte mich begeistert.” Albert Speer war der erste Architekt des Dritten Reiches. Er war Mitglied einer Partei, die Julius Posener ermordet hätte, wäre er in Deutschland geblieben. Bei den olympischen Spielen in Berlin 1936 erfand Speer den ”Lichtdom”. Tausende von Scheinwerfern umgaben das Stadion und wurden nachts in den Himmel gerichtet. Ihre Strahlen ergaben einen Dom aus Licht. Julius Posener hätte das Recht dazu, und kein Zuhörer hätte es ihm übel genommen:

Speer zu verurteilen. Denn Speer war der Gegner, nicht nur politisch, sondern lebensgeschichtlich. Wäre Posener ein Vertreter der Banalität des Bösen, dann hätte er sich auf den Standpunkt seines Leibes gestellt. Er sagt aber: ”Ich gestehe, dass es mir leid tut, Speers Lichtdom nicht gesehen zu haben. Er war, meine ich, seine größte Leistung.” (”Der Deutsche Umbruch”, S. 11)

Das ”ich” dieses Satzes öffnet die Möglichkeit, dass der Sprecher unabhängig wird von seinem Leib und ein Urteil der Begeisterung ausspricht: die Begeisterung über den Gegner. In diesem Satz steht Posener nicht auf dem Standpunkt seiner leiblichen Lebensgeschichte. Sondern er nimmt seine jüdische Herkunft und wirft sie in den Umkreis. Die Mitte, wo der Standpunkt wäre, ist jetzt leer und frey. In der freyen Mitte darf der Gegner sich offenbaren.

Speer darf seinen Lichtdom nochmals vor den Augen der Zuhörer aufleuchten lassen. Das ist deutsche Kultur, wiederum nach Deutschland gebracht durch einen ”Ausländer”. Posener war ein Selbsterzeuger seines Bewusstseins. Er war ein Selbst-Gebärer. Aber das Selbst, das er gebar, war nicht sein eigenes. Er wiederholte nicht sich selbst. Sondern das Selbst ist das Selbst des ganz Anderen, der jetzt in der Mitte sein darf. Er darf in das Sein eintreten. Das ist die schöpferische Handlung des Germanichäers.

Das ist das Gegenteil zu der ”Sterilität”, die Thomas Mann beklagt hat. Das ist das Gegenteil zur Banalität des Bösen, die sich immer nur selber wiederholt. Sondern das ist: göttlich, also: deus, also deutsch. Darin habe ich die Rückkehr des deutschen Faustus aus Goethes ”Wurm” erkannt. Ohne die Handlungen von Hannah Arendt und Julius Posener hätte ich nie erfahren, was deutsche Kultur ist.

Und ich betrachte es nicht als Zufall, dass der Satz über den Lichtdom in Potsdam gesagt wurde. Die meisten Leser glauben, Potsdam sei ein Museum. Potsdam konserviere die Geschichte Preußens. Potsdam sei also nur historisch zu würdigen. Diese Leser machen Potsdam zu einem ”Potz! Damals!”Ich habe auch so gedacht. Bis Julius Posener 1990 über den ”Deutschen Umbruch” sprach. Seither höre ich den Namen ”Potsdam” auf neue Weise. Deshalb erscheint mein Text zuerst in einer Potsdamer Zeitschrift. Hörst du den neuen Namen auch schon? Potsdam? Potsdama? Potsdaman? Potsdamani?

Anmerkung der Redaktion

Der zweiteilige Artikel ”Zerstörung der deutschen Kultur durch Goethe” erschien zuerst in der Edition Querformat – Kulturmagazin für das Land Brandenburg und Potsdam in den Ausgaben 5/99 und 6/00.

Wir bedanken uns insbesondere bei Gunnar Porikys vom ”Geisteswissenschaftlichem ArbeitsHalbkreis Potsdam” für die Zusammenarbeit und das zur Verfügung gestellte Bildmaterial.