Warum wir ohne Magie nicht l(i)eben können
Michel Houellebecq resümiert: "..überhaupt sind Männer unfähig, Liebe zu empfinden, das ist ein Gefühl, das ihnen völlig fremd ist." Auch für Niklas Luhmann ist - zumindest dauernde - Liebe unwahrscheinlich: "verstehende Liebe ist so strapaziös, daß es nahe liegt, sich an´s Gefühl zu halten und dessen Instabilität in Kauf zu nehmen." Wenn Liebe unwahrscheinlich ist und Magie Wahrscheinlichkeiten verändern kann, dann braucht´s für Liebe wohl Magie.
von Angela Jekosch
"Das Ende der Liebe" bei Houellebecq
"...die Menschen seiner Generation waren häufig vom Elend bedroht und verbrachten ihr Leben einsam und verbittert. Gefühle wie Liebe, Zärtlichkeit und Brüderlichkeit waren weitgehend verschwunden; in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen erwiesen sich seine Zeitgenossen sehr häufig als gleichgültig oder sogar grausam" beginnt Michel Houellebecq seinen Roman: "Die Elementarteilchen"
In diesem Buch ist viel von Sex, noch mehr von sexuellen Nöten, und ab und zu auch von Liebe die Rede. Im wesentlichen von deren Abwesenheit . Bruno zum Beispiel. Tag für Tag leidend mit seinem Schwanz beschäftigt, sieht er an Frauen nur, was für seinen bedürftigen Schwanz wichtig ist. Wichtig für seinen Schwanz sind an Frauen vor allem Brüste, kurzes Höschen und Möse. Besonders interessant sind an Frauen jegliche Anzeichen ihrer Bereitschaft zu einer "Lutschpartie" oder einem "Tittenfick". Und das ist jeden Tag so - sein ganzes bissel Leben lang.
Auch seinem Bruder Michel und den beiden kurzzeitigen Gefährtinnen von Bruno und Michel geht es so sehr viel besser nicht. Auch sie sind unentwegt mit ihrer eigenen Minderwertigkeit oder Unfähigkeit beschäftigt. Spätestens sobald sie es mit einem anderen Menschen zu tun bekommen, wissen sie nicht mehr, was sie überhaupt wollen sollen oder können
Alle leiden und sterben sie an dieser Krankheit - Liebesunfähigkeit in diesem Buch. Und doch kann sich keiner der vier entschließen, aus dem Teufelskreis seines vorprogrammierten Leidensweges auszubrechen.
Nunja, das große Lalula von menschlicher und wiedermal speziell männlicher Liebesunfähigkeit wird viele viele Buchseiten lang bejammert. Und daß dieses Buch in Deutschland weg ging wie warme Semmeln ist zumindest ein Indiz dafür, daß es Leute gibt, die es mögen, in ihrer eigenen Resignation bestätigt zu werden.
Immerhin:
Einen interessanten Satz gab es für mich in Michel Houellebecq´s Buch schon: "Unser Unglück erreicht erst dann seinen Tiefpunkt, wenn die in greifbare Nähe gerückte praktische Möglichkeit des Glücks erblickt worden ist."
In gewisser Weise ist der Satz vom Tiefpunkt des Unglücks im Augenblick möglichen Glücks auch das Motto meines Artikel über das Unwahrscheinliche an Liebe - und zwar in seiner Umkehrung: Das Glück der Liebe wird erst dann praktisch greifbar, wenn Du am unglücklichsten bist über das was Du tust: wenn Dir messerscharf bewußt wird, daß Du das Gegenteil bewirkst von dem was Du bewirken willst.
Und Liebe erwartet...
Niklas Luhmann, Soziologe, Systemtheoretiker analysiert Liebe als eines der vier eigenständigen Komunikationsmedien der Gesellschaft. Er konstatiert, daß alle existentiellen Bedürfnisse (früher größtenteils Domäne der Familie) nunmehr in der anonymen Gesellschaft befriedigt werden können.
Der Einzelne muß nicht mehr, um existieren zu können, mit anderen nahe zusammenleben. Auch Sex und sogar die Befruchtung der Eizelle sind inzwischen anonym unkomplizierter zu regeln als im Rahmen einer Familie.
Die Kehrseite dieser Tendenz ist: Der Freiraum und der dringend werdende Bedarf an echter Intimbeziehung entsteht im eigentlichen Sinne erst jetzt.
Beziehungen, in denen Du nicht als auswechselbarer Rollenträger, sondern explizit als Person interessant, gefragt, begehrt bist, werden wichtig.
Das gab es zuvor nicht. Zeigt Luhmann. Eines war mit dem anderen im Rahmen der Familie vermischt. Effektivität und Intimität vermischt in einem System - bremsen sich gegenseitig aus.
Ihre Ausdifferenzierung in verschiedene Systeme war die Basis für die Weiterentwicklung sowohl des einen wie des anderen. Eine Intimbeziehung wird zu einer " Beziehung, in der man prinzipiell für alles (alle Intentionen) des anderen aufgeschlossen sein muß. Es ist nicht mehr (wie noch in der traditionellen Familie) erlaubt, Persönliches der Kommunikation zu entziehen."
Das Faszinierende an Luhmann´s Buch ist für mich: Er stellt keine Regeln auf, sondern: Er stellt sie fest. Er beschreibt - als Soziologe - die tatsächlich implizit vorhandenen Regeln. Es sind die Regeln, nach denen man Liebe empfinden, ausdrücken, simulieren, anderen unterstellen oder leugnen kann.Es sind die Regeln, die praktisch funktionieren. Luhmann beobachtet und beschreibt sie "nur"...
Die historische Untersuchung
von Luhmann legt offen: Diese Regeln und mit ihnen das Selbstverständnis von Liebe haben sich im Laufe der letzten Jahrhunderte verändert.
Genauer: Die in diesen Jahrhunderten liebenden, leidenden, an Liebe verzweifelnden Menschen haben sie verändert.
Grenzen gesprengt oder weiter gesteckt. Was als Liebe verstanden, respektiert und v.a. auch gefühlt wird, hat mit eher naiver Anbetung begonnen. Der oder die Angebetete konnte im Notfall auch auf Dauer abwesend sein. Ja, wie noch höfische Minnekunst zeigt, Distanz (also gerade nicht Intimität) zur/ zum Angebeteten waren dem Liebesgefühl sehr förderlich.
Heute erwarten Liebende eine intensive, die ganze Person erfassende und verändernde Intimität.
Das Ergebnis ist: Nicht mehr irgendwelche äußeren oder überhaupt andere Gründe, Reize, Wünsche bewirken Liebe.
Schönheit, Jugend, gemeinsamer Besitz oder Aussicht auf Reichtum können keine Liebe mehr bewirken. Auch Notgemeinschaft, Kindererziehung, Leistung, Status, Leidenschaft und sexuelles Begehren sind keine Gründe für Liebe mehr.
Es gibt keinen äußeren Grund mehr, der Liebende trennen kann und keinen mehr, der sie zusammenhält. Was bleibt als einzige und dafür unbedingte Basis ist nur noch die Liebe selbst.
Liebe hat sich zu einem eigenständigen System ausdifferenziert - so die systemtheoretische Formuierung.
Damit erst ist sie von nichts anderem mehr als von sich selbst abhängig.
Liebe erzeugt, erhält und steigert sich selbst - durch die Art, wie - Liebende miteinander kommunizieren - verbal und vor allem nonverbal. Das wird ein zartes Netz aus Handlungen, die sich gegenseitig halten. Ihr Ziel und Grund ist nur noch das Glück des anderen. Das heißt auch: Die (fast) identischen Handlungen aus anderen Zwecken zerreißen das Netz.
Liebe will den anderen immer intimer kennenlernen, um immer mehr zu seinem Glück beitragen zu können. Und Liebe hat einen untrüglichen Maßstab:
Sie weiß, sie erwartet, daß nur der, der liebt, so handeln kann.
In der Praxis heißt das: Auf das Erleben (Gedanken, Gefühle, Wahrnehmung) des Geliebten reagiert der Liebende vorausschauend, intuitiv ahnend - mit Handeln. Der Film "Und täglich grüßt das Murmeltier" gibt eine zumindest oberflächliche Anschauung, was dieser Satz alles bedeuten könnte.
Das heißt nicht unbedingt (wie in diesem Film): Bestätigung der Bedürfnisse des anderen, aber Liebe heißt immer: Ich überschreite meine eigenen Interessen und Gewohnheiten. Und vor allem, darauf komme ich noch zurück: Ich will sie überschreiten.
Dazu muß ich den Geliebten sehr gut kennen. Ich muß , wissen, wie Farben, Gerüche, Musik auf ihn wirken. Ich muß wissen, was er sich zutraut und was nicht. Wovor hat er Angst? Und was ist die Vision seines Lebens? Was er sich von Sex ersehnt, muß er wissen wollen, wie er Sex betreibt und wie er mit der Differenz dazwischen umgeht.....Eine (fast) beliebige Aufzählung. Es gibt nichts, was unwichtig wäre. Er ist wichtig dieser Andere, den ich liebe.
Intimität
stellt sich nicht auf den ersten Blick ein. Sie entsteht erst in dem Maße, wie mehr und mehr Bereiche des persönlichen Erlebens und des Körperverhaltens des Geliebten für Dich verständlich und wichtig werden. Und dieses Kennenlernen muß sich wechselseitig einspielen.
Ansonsten bleibt es bestenfalls bei einer Eltern-Kind-Beziehung.
All diese Daten, die ich brauche, um einem Menschen auch aus der Nähe gerecht zu werden, aus - rein wissenschaftlichem Interesse zu erkunden, wäre allerdings unzumutbar strapaziös. Es wäre ein Fulltimejob, den niemand auf sich nehmen wird.
Umgekehrt - versteht der Liebende das Erleben des noch so heiß Geliebten nicht zu entziffern, wird er früher oder später mit emotionalen Ausbrüchen reagieren. Oder er wird - auch bei allerbestem Willen - den Geliebten höchstens bedienen, nicht aber glücklich machen können.
Wer aber liebt, wessen größte Freude es ist, wenn der Geliebte immer glücklicher wird, macht das spielend!
Und eben das ist unwahrscheinlich. So unwahrscheinlich wie es vor Jahrhunderten war, die ferne, fremde "Geliebte" in den Armen zu halten. Auf Dauer, wenn der Alltag drückt, die eigenen Bedürfnisse, Ängste, Schmerzen, Triebe, Sorgen und Unfähigkeiten, mit all diesen "Kleinigkeiten" fertig zu werden. Die man nur liebend bewältigen könnte. Die berühmte Schlange, die sich in den Schwanz beißt.
„Elementarteilchen“
Houellebecq beschreibt das in seinen „Elementarteilchen“. Sterbliche, wenigstens normalerweise, davon hat mich spätestens dieses Buch überzeugt: Sterbliche können nicht lieben. Sie sind ganz mit ihrer Angst um ihr bißchen Existenz beschäftigt, mit ihrer ewig lauernden Angst vor Alter und Tod, Kampf um Status, Besitz, kleine Vorteile. Sie sehnen sich vielleicht nach Liebe, die meisten tun das eine Zeitlang wenigstens in ihrem bissel Leben: Aber wenn die Chance zur Liebe einmal in greifbare Nähe rücken sollte - weichen sie aus. Je nach Programm weichen sie sie vorwärts, rückwärts, im Zick-zack, oder in die Eroberung aus. Laut Statistik sind Beziehungen spätestens nach sieben Jahren am Ende. Gehen auseinander entweder oder leben nur noch aneinander vorbei.
Frauen wie Männer. Weil meiner Erfahrung nach die viel gepriesene Liebesfähigkeit von Frauen, nur besser getarnter Egoismus als der männliche ist.
Was bleibt ist unerfüllte Sehnsucht nach Liebe.
Was bleibt ist bei vielen das unbestimmte Gefühl, ein Versager zu sein. Und oft ist dieses Gefühl gekoppelt mit Wut, Ohnmacht, Angst gegenüber dem Partner, der einen getäuscht, der "meine" Erwartungen nicht erfüllt hat.
Das Paradox der Liebe
Liebst Du mich? fragt:Wächst Du für mich über Dich hinaus? Und das meint: Über Dein (Bio-) Programm (Dein Skript, Deine Gewohnheiten, Bequemlichkeiten, Ängste, Triebe) Es ist unwahrscheinlich, daß ein Mensch dieses Ungemach immer und immer wieder auf sich nimmt - "nur um einen anderen Menschen glücklich zu machen". Aber "Ich liebe dich" hast Du versprochen als Liebender. Darum stehst Du ständig auf dem Prüfstand. Der Geliebte will sehen, glauben können, daß Du ihn liebst. Eben weil es so unwahrscheinlich ist, daß er es nicht glauben kann.
Gibt es einen Ausweg?
Ja, den, der im Problem selbst steckt: Liebe erwächst aus Liebe.
Alles, was man als Grund nehmen kann für den Anfang ist:
Eine, Deine, Eure Vision von Liebe. Lieben wollen. Statt warten, bis "die Liebe kommt". Sie kommt nicht. Nur in der Zukunft findet man Gründe zum Handeln, die tragen.
Wenn nun Magie die Kunst und Wissenschaft ist, Wahrscheinlichkeiten nach unserem Willen zu beeinflussen - was heißt das dann im Kontext Liebe? Die Geliebte herbeizaubern durch wilde Rituale? Den Geliebten dazu bringen, daß er tut, was ich mir wünsche? Durch Liebestrank an mich fesseln?
Es ist kein Witz, es melden sich immer wieder Leute bei uns, die genau das von Magie erhoffen. Und ironischerweise liegen sie nur dicht daneben. Und damit völlig falsch. Es ist "einfacher": Du brauchst „nur“ Deine Erwartungen an Dich selbst, an Deine Geliebte auf die richtige Weise zu verändern - der Rest hin zu unwiderstehlicher Anziehungskraft ist (fast) ein Kinderspiel.
Eigentlich ist damit schon alles gesagt. Ich will aber, da die Implikationen solcher einfach klingenden Sätze leicht überlesen werden, noch mit ein paar Bemerkungen hinzufügen.
Liebe scheitert
heute vor allen an falschen und daher unerfüllbaren Erwartungen. Es sind Erwartungen, die Liebende an sich selbst und vor allem an den Partner haben.
Mit jedem Vorwurf, sogar mit (fast) jeder Verletztheit verbauen sich Liebende den Weg, auf dem zu gehen sie einander versprochen haben.
Der andere wird sich schuldig, unfähig, unwürdig fühlen. Er wird seine Sinne für den Geliebten nicht öffnen können, sondern wahrscheinlich noch mehr mit sich beschäftigt sein als zuvor.
Wenn aber wir an unseren Erwartungen scheitern, nun denn, - widmen wir uns unseren...
Erwartungen
Das bedarf wie jeder magischer Akt einiger Bewußtheit. In dem Maße, wie es Dir gelingt, Deine Erwartungen selbst zu wählen, werden sich auch die Erwartungen Deiner Umwelt an Dich verändern. Diese Erfahrung magisch Geschulter treffen auch auf Beziehungen zu: Die Erwartungen und Handlungen des Geliebten verändern sich allein schon dadurch, daß Du Deine Erwartungen änderst. Du brauchst es ihm gar nicht nicht zu sagen.
Pandula hat in der AHA 6/99 als Praxisteil die sogenannten "Erwartungslisten" vorgestellt und als Partnerübung vorgeschlagen.
Diese Übungen sind eine inzwischen ausgiebig getestete Methode, die seine Erwartungen an den Geliebten zu verstehen und kritisch zu prüfen. Tut man das nicht, bliebe man den eigenen Erwartungen hoffnungslos und vor allem emotional ausgeliefert.
Sie wirken halt. Ob wir sie nun kennen oder nicht.
Beobachte Deine Erwartungen an Dich, Deinen Partner, an Deine Beziehung. Beobachte sie genau!!! Ohne sie zu zensieren. Am besten im Alltag, beim Abwaschen, Aufräumen, beim Sex. Beobachte Deine Erwartungen: Wünsche sowohl als auch Befürchtungen und schreibe sie auf.
Später kannst Du Deine Erwartungen überprüfen, mit denen anderer vergleichen, mit Deinem Partner oder Freunden besprechen. Dabei wirst Du interessante Entdeckungen machen. Du wirst mindestens entdecken, daß Dein Geliebter andere Erwartungen hat als Du. Die - subjektiv - genauso gültig sind wie Deine. Und also gelten gelassen werden wollen. Und dann... die Erwartungen des Geliebten zu kennen - das verändert schon die Deinen. Und die Seinen.



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