Interview mit W.H. Müller
Teil II
Fragen Knut Gierdahl (K.G.) und Dominik Irtenkauf (D.I.)
Antworten W.H. Müller (W.H.M.)
D.I. Alchimie ist auch unter dem Namen der Schwarzen Kunst bekannt. Kunst in diesem Sinne ist wohl eher als Wissenschaft zu verstehen, die aber entgegen heutiger akademischer Institute auch Erkenntnis bringt, die lebensfördernd ist. Auf der anderen Seite haben sich viele Dichter und Künstler mit der Alchimie auf verschiedenen Ebenen auseinandergesetzt. Kann Ihrer Meinung nach die Alchimie auch eine experimentell zu erarbeitende Transmutationslehre werden, die in der Kunst ihr Korrektiv findet?
W.H.M. Wofür steht »Kunst« in der Alchemie eigentlich?
Der Begriff »Kunst« steht im Kontext der Alchemie für das »künstliche Erschaffen« des hermetischen Körpers, des »Körpers im Körper«, des »Diamantenkörpers«, von dem oben bereits gesprochen wurde. Dieser Körper ist künstlich, da er »nicht natürlich« ist. »Nicht natürlich«, da der Weg des Alchemisten der Weg »gegen« die Natur ist. Besonders im operativen Taoismus, der »offen« alchemistisch ist, wird dies immer wieder betont. Dort spricht man von einem »pränatalen« und »postnalen« Weg. Es ist die Aufgabe des Alchemisten, den »postnatalen« Weg der Wasser aufzuhalten und ihren Lauf zu korrigieren. Daher »nicht natürlich« oder »widernatürlich«. Um nun diesen Körper künstlich zu erschaffen, bedient man sich einer wissenschaftlichen Disziplin.
Sie ist die »Wissenschaft Gottes«, die Lehre von den Naturgesetzen und ihrer universellen Interaktion. Sie ist die Lehre vom Stein der Philosophen, dem Graal, den nur der sehen kann, der ihn in sich aktualisiert.
»Kunst als Korrektiv?« Das kommt auf den Künstler an. Wenn man einen Rabelais, Colonna, Delacroix, Poussin meint, ja. Wenn man jemanden meint, der nachts schlecht schläft und sich genötigt fühlt, seinen alptraumhaften Frust in ein »Kunstwerk« umzusetzten, dann nicht. Die Alchemie kann keine Transmutationslehre »werden«. Diese Ausdrucksweise impliziert eine »Wahl«, eine »Möglichkeit«, die während des Kosmischen Werkes nicht gegeben ist. Die Alchemie »ist« eine Transmutationslehre, und zwar seit Anbeginn der Zeit...bis zum Ende der Zeit. Das Universum selbst ist ein Werk der »All-Chemie«, der Chemie, die »alles«, das »All« im wahrsten Sinne des Wortes betrifft.
Was ist »Kunst« überhaupt? Was ist der Impuls, der der künstlerischen Äusserung des Menschen zugrundliegt? Ich denke, dass es E.A. Poe war, der die für mich beste Definition dieses Begriffes gab. Sie lautet sinngemäss: Kunst ist Wahrheit, gesehen durch die Schleier der Seele. Je mehr Schleier über der Wahrheit liegen, desto verzerrter erscheint sie; und desto schwieriger wird es für jeden, der sich mit dem Kunstwerk beschäftigt, die Wahrheit in ihm zu ergründen. Je näher die Kunst an der Wahrheit ist, desto korrigiender kann sie wirken...und dies gilt für das Leben des Künstlers selbst, sowie für all jene, die sich das Kunstwerk betrachten oder es lesen mögen.
D.I. Sie äußerten sich früher schon (Interview mit Golem) zur »Popularität« der Alchimie als magischer Weg. Sie führten die geheime Tradition auf, die sich auf eine gleichbleibende Psychologie als Fundament stützt. Zitat: »Die Mittel sind dabei stets zeit- und kulturgemäß.« In der heutigen Zeit verschlechtert die Verschlüsselung arkanen Wissens die Bereitschaft aufgeweckter Menschen, sich dieser Disziplin zuzuwenden. Es muß für Interessierte nachvollziehbar sein, warum sich eine Weisheitslehre und Natur- philosophie hinter jahrtausendealten Hermetismen versteckt, statt ihr zweifelsohne vorhandenes Wissen für den Fortschritt der Menschheit einzusetzen. Müsste man nicht gegebenfalls die alchimische Tradition ins 21. Jahrhundert bringen, um in zeitgemäßen Formen die Lehren der Alchimie vorzustellen? Im Kern: Ohne revolutionäre Formen kann man auch keine erleuchtenden Inhalte präsentieren. Sie sprechen eine mangelnde Bereitschaft der Menschen, sich mit der Alchemie auseinanderzusetzen, an, da die Schriften der Alchemisten zumeist stark verschlüsselt sind.
W.H.M. Nun, ich sehe hier ein primär psychologisches Problem der Neuzeit...ein Problem, das früher in dieser Form so nicht existent war. In einer Zeit, in der in den Medien auch die letzten Tabus zu fallen scheinen, sieht sich ein Mensch, der ein Interesse an der Alchemie empfindet, mit einer Realität konfrontiert, die er, als Mediengebildeter - bzw. eher Medienverbildeter - überhaupt nicht oder sehr schwer nachvollziehen und akzeptieren kann. Ich kenne dieses Problem auf meinem persönlichen Bekanntschaftskreis. Wenn ein Thema nicht »beim Lesen in der U-Bahn« oder andeswie »en passant« in den Griff zu kriegen ist, wendet man sich schon bald davon ab. Das ist ein Effekt der »Fast-Food«-Gesellschaft, die die letzte Gesellschaftsform darstellt, denn sie ist selbstzerstörerisch. Man hat den heutigen Leser dazu programmiert, nur leicht Verdauliches, zigfach Aufgegossenes zu akzeptieren. Alles andere scheint unverdaulich. Kommt ein solcher Leser zur Alchemie, trifft er zudem auf Verschlüsseltes. Doch nun eine Frage, die verwundern mag: Inwieweit sind alchemistische Text überhaupt verschlüsselt?
Sicher, es gibt viel Verschlüsseltes, es gibt aber auch zahlreiche Schriften, die eigentlich garnicht verschlüsselt sind. »Wer« oder »was« da verschlüsselt, ist das programmierte Bewusstsein des vermeintlichen Lesers. Symbole bleiben Symbole. Ein Hexagramm ist ein Hexagramm und ein Pentagramm ein Pentagramm. Diese Symbole sind nur in dem Masse verschlüsselt, wie das beobachtende Bewusstsein an ihrer Wirklichkeit teilhat oder nicht teilhat. Das ist eigentlich reinste Quantenphysik, »gelebte« Quantenphysik. Wer in ein Auto nicht einsteigt, kann mit ihm auch nicht fahren. Das ist wohl die grundlegendste psychologische Wahrheit, deren Ausmass kosmisch ist. Aber eine Verschlüsselung hat auch noch einen anderen Zweck, der gleichermassen in der heutigen Zeit nicht mehr geschätzt wird, obwohl er eigentlich nur dem Leser dienlich ist. Ein verschlüsselter Text ist wie eine Barriere, gegen die der Leser ankämpfen muss; er muss vielleicht ungeahnte Ressourcen anzapfen, unbekannte Fähigkeiten entwickeln, um diese gegebene Barriere zu überwinden. Und es ist genau dieser psychische Aufwand, durch die der Leser dann in jene Wirklichkeit katapultiert werden kann, in der er überhaupt erst einmal eine Chance hat, mit dem Werk, an dem er interessiert ist, zu »beginnen«. »Nur mal probieren«, ein Häppchen hier, ein Häppchen da, gibt’s dabei nicht. Wer etwas Wahres erfahren, muss sich den Spielregeln der Adepten anpassen.
Dies hat mit der Natur des menschlichen Bewusstseins zu tun, und es sind die Alchemisten, die diese Natur von allen am besten kennen, denn sie sind es schliesslich, die es transzendieren und es damit für sich kontrollierbar machen. Die meisten Menschen wollen alles »geschenkt« haben und dies am liebsten noch auf dem berühmten »Silbertablett«. Doch was ist die Gegenleistung? Wirkliche Einweihung ist ohne einen eigenen psychischen Aufwand nicht möglich. Die Entschlüsselung von Texten dient der Transzendenz eines bestimmten Bewusstseins, bestimmter Denkstrukturen, vor allem jenem Denkmuster, das in der Illusion besteht, man »könne alles« ohne weiteren Aufwand erreichen.
D.I. Sie sprechen den Umstand an, dass mit dem Zurückhalten von Wissen dem Fortschritt der Menschheit nicht gedient sei.
W.H.M. Die von Ihnen angesprochene »laborante« Alchemie ist ein Beispiel dafür, das dem nicht so ist. Trotz der scheinbar und faktisch verschlüsselten Schriften der Alchemisten entstand schliesslich die Chemie. Und wodurch entstand sie? Sie entstand, weil es Menschen gab, die den von mir angeführten psychischen Aufwand wagten, um eine gegebene Barriere zu überwinden. Es war mit Sicherheit nicht die letzte existente Barriere, die in den Schriften vorhanden war, aber es war ein Schritt in eine bestimmte Richtung, der diesen Individuen und der Menschheit in der Folge gestattet wurde. Verschlüsselung ist somit notwendig, denn sie erfordert eine Entschlüsselung. Sehen sie es wie plus und minus in einer bipolaren Welt. Beide sind notwendig, das eine kann ohne das andere nicht existieren. In diesem Sinne ist Alchemie ein elitäre Wissenschaft, doch es ist nicht eine selbsternannte Elite, die darüber entscheidet, wer Zugang erhält und wer nicht. Es »kann« jeder Mensch selbst sein; jeder Mensch »kann« sich selbst adeln, indem er sich selbst einen Zugang zu den Mysterien der Königlichen Kunst verschafft. Die Ritterschaft des Graals kennt keine Nationalitäten, keinen Nationalismus, keine kulturellen Konflikte. Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes »kosmopolitisch«.
Es heisst, dass die Wege des Menschen und die Wege der Götter sich nur dann kreuzen, wenn sich der Mensch in die Gegenwart der Götter erhebt. Die Sufis sagen, dass sich der verborgene Meister, womit der hermetische Zustand der inneren Vollkommenheit gemeint ist, nur dann zeigt, wenn der Mensch dazu in der Lage ist, diesen überhaupt zu erkennen. Dieser verborgene Meister gibt sich also nur dem zu einem Meister selbst werdenden Menschen zu erkennen. Dies aber ist ein ausschliesslich inneres Erkennen, dem ein psychischer Aufwand vorangehen muss. Wer ein Tor öffnen will, muss erst einmal den Schlüssel in der Hand halten. Ohne Schlüssel keine Toröffnung. Und dieser Aufwand fängt an, indem man sich über das, was ein Alchemist in verschlüsselter Form schreibt, Gedanken macht; indem man Schriften vergleicht, Symbole abgleicht, etc. Es ist nicht möglich, die alchemistische Praxis zu erlernen, indem man nur »ein« Buch liesst. »Lege et relege« heisst es daher, was auch auf den ursprünglichen Sinn des Wortes »Religion« hindeutet. Denn »Religion« ist etwas ganz anderes, als man heute im allgemeinen zu denken bereit ist.
Die Anstrengung muss immer wieder gewagt werden, bis schliesslich ein Durchbruch erfolgt... Die Übermittlung alchemistischen Wissens in die Sprache des 21. Jahrhunderts ist eine Aufgabe, der ich mich persönlich verschrieben habe. Seit längerer Zeit arbeite ich an einer solchen Übermittlungsform, die z.B. auch Quantenphysik oder Quantenkosmologie mit einschliesst, denn Alchemie ist die Wissenschaft der universell wirksamen Prinzipien, der Energien und Energieformen, der Manifestationsgrade einer kosmischen Intelligenz oder Kraft, die im religiösen Kontext als »Gott« bezeichnet wird. Da der Mensch Symbole produziert, die alle in dem einen oder anderen Verhältnis zu dieser kosmischen Intelligenz stehen, ja, die diese Intelligenz beschreiben, sind die Symbole von grösster Wichtigkeit auch für eine solche Übermittlungsform. Es kann keine symbollose Welt geben, so wie es auch keine wirklichen Atheismus geben kann. Selbst der »grösste« Atheist produziert zeitlebens Symbole, durch die sich die kosmische Intelligenz übermittelt. Er mag es nicht bemerken, wodurch er sich als eine »arme Kreatur« outet, die die grösste Chance, die der Mensch hat, nicht wahrnimmt. Eine geeignete Übermittlungform würde zweifelsohne eine Revolution darstellen, die die ganze Gesellschaft erfassen könnte. Schliesslich revolutionierte die Chemie, gleichermassen nur eine Übermittlungsform, das Verständnis des Menschen zur Natur grundlegend.
K.G. Wie müsste der Wissenschaftlicher oder der »Künstler« aussehen, was müsste es für ein Mensch sein, der für diese Übermittlung in Frage käme?
W.H.M. Hierbei müssen wir unbedingt wegkommen von so seltsamen und letztendlich unstimmigen Begriffspaaren wie »real und irreal« oder »rational und irrational«, die zumeist nur von »einer« Seite angeführt werden, um die Argumentationsweise einer »anderen« Seite blosszustellen. Es müsste ein Mensch sein, der in der Lage ist, Hermetik und »moderne« Naturwissenschaften »gnadenlos« miteinander abzugleichen. Mit »gnadenlos« meine ich »ohne Rücksicht auf Verluste«, sowohl für die Hermetik als auch für die Naturwissenschaften zeitgenössischer Prägung. Ich gebe Ihnen ein hervorragendes Beispiel für die »zeitgenössisch-zeitgemässe« Unfähigkeit, seine eigene Disziplin immer wieder neuen Erkenntnissen anzupassen und dadurch zu wirklichem Wissen zu gelangen:
Vor nicht allzu langer Zeit wurde im Weltall ein riesenhafter Planet entdeckt, dessen Alter auf etwa fünf Milliarden Jahre geschätzt wird. Falls diese Schätzung nur annähernd stimmen sollte, würde diese Entdeckung den vollständigen Ruin der allgemein vertretenen und verbreiteten »Big-Bang-Theorie« bedeuten, denn nach dieser gab es vor fünf Milliarden Jahren gerade mal Vorstufen planetarer Evolution. Würde man diese Theorie daraufhin verwerfen, hätten Teleskope letzlich ihren Sinn gehabt. Wenn man es nicht tut, warum gibt es dann überhaupt noch Teleskope, die dann ohnehin nur das entdecken »sollen«, was man gerne entdeckt haben möchte, weil es in das Weltbild passt. Wenn man das Weltbild revolutionieren will, muss man sich von derartigen Verhaltensweisen verabschieden. Wenn man es täte, ich gebe Ihnen Gewissheit, das Weltbild würde sich nur innerhalb kürzester Zeit verändern...Schritt für Schritt in Richtung Wirklichkeit und Wahrheit.
Ein anderes Beispiel, was sich verheerend auf die kosmologische Sichtweise der »modernen« Naturwissenschaften ausgewirkt hat, ist das, was ich das »Drama einer Zahl« nenne. Diese Zahl ist die Null. Wie bereits der bekannte Ägyptologe und Hermetiker R. Schwaller von Lubicz Anfang des letzten Jahrhunderts in seinem monumentalen Werk »Der Tempel des Menschen« betonte, kann es innerhalb der Parameter der kosmischen Natur keinen Zustand der Vollkommenheit geben, zu deren Symbol die »Null«, der »vollkommen geschlossene« graphisch auserkoren wurde. Denn dieser vollkommene Kreis würde bedeuten, dass all das, was ihn determiniert, ein ausgeglichenes Verhältnis zueinander hätte. Der vollkommene Kreis, die Null, steht für »Ewigkeit«, doch alles, was im Universum existent ist, ist nicht ewig. Die kosmische Natur, die »Hüllen«, sind vergänglich. Zum »jetzigen« Zeitpunkt steht die Null, die genauso wie der »Punkt«, der schon zu so vielen falschen Schlussfolgerungen einlud, bis heute so »verehrt wurde«, für ein Ideal, das Ideal der Vollkommenheit. Sehen wir die Null allerdings als das Sinnbild einer metaphysischen Realität, einer metaphysischen Vollkommmenheit, sind wir mitten in der Hermetik und auf dem Weg zur Verwirklichung des Hermetischen Menschen, der perfekten »himmlischen« Natur, die im Christentum im allgemeinen als das »Himmelreich« bezeichnet wird. Die Null ist die Zahl des »Narren«, und tatsächlich ist der Naturwissenschaftler, der sie in Verehrung eines phantomhaften Ideals verwendet, ein Narr.
D.I. Wo genau befindet sich die Alchimie? Elitärer Zirkel oder grundlegende Kommunikationsformen für ein verändertes Bewußtsein? Wie weit darf man sich von der geschichtlichen Entwicklung dieses Einweihungsweges entfernen, ohne die Grenzen über Maßen zu strapazieren?
W.H.M. Die Alchemie ist die »Wissenschaft vom Ausgleich der Kräfte«, sie umfasst somit gegensätzliche Wirklichkeiten. Wenn es diese Gegensätzlichkeiten nicht geben würde, müsste man auch nicht von einem notwendigen Ausgleich sprechen. Und da sie die Wissenschaft von Ausgleich der Kräfte ist, befindet sie sich »dazwischen«, denn nur dort, wo diese antagonististischen Wirklichkeiten oder Prinzipien aufeinandertreffen, kann auch der Ausgleich erreicht werden. Aus diesem Grunde ist sie ein »Niemandsland« zwischen den Welten, eine »Grauzone« zwischen dem Schwarzen, dem Unaktualisierten, und dem Weissen, dem Aktualisierten, zwischen Adam und dem Albedo. Aus diesem Grunde wird Hermes auch manchmal als »Graue Eminenz« oder »Grauer Meister« bezeichnet. Die Eigenschaft einer »Grauen Eminenz« ist das Handeln aus der Verborgenheit. Sie sprechen von »grundlegenden Kommunikationsformen«? Welche Formen sind das?
Ist z.B. die menschliche Sprache eine »grundlegende« Kommunikationsform. Das denke ich nicht. Sie ist eine »menschliche« Kommunikationsform, mehr erstmal nicht. Es gibt Formen, die weitaus umfassender und vor allem effektiver sind. Nehmen sie z.B. die sogenannte »photonische Kommunikation«, das heisst die Kommunikation mittels des Lichts selbst. Dies hat schon »grundlegendere« Bedeutung.
K.G. Scheint mir ziemlich verwegen, die Tragweite menschlicher Kommunikation mit einer zu vergleichen, die wir nur abstrakt ‚kennen‘. Diskutieren Photonen über Goethes Faust?
W.H.M. Nein, »diskutieren nicht«, das ist menschliches Kommunikationsverhalten. Vorsicht bei solchen begrifflichen Übertragungen, die Literatur ist voll von ihnen und fast ein jeder läuft Gefahr, in ihre Falle zu tappen. Dort, wo die menschlich - egobewusste Kommunikation aufhört - da, wo das Bewusstsein selbst nur noch in seiner prinzipiellen, nicht ausgestalteten »Form« vorhanden ist - beginnt die »heilige Kommunikation«. Diese Kommunikation funktioniert auch »ohne« das genannte menschliche Bewusstsein. Ja, das tut sie. Der Alchemist muss sich »entleeren«, denn es geht darum, das zu erkennen, was in dieser prinzipiellen Dimension - und Dimension ist Form - enthalten ist. Ich muss mich jetzt vielleicht ein wenig unklar ausdrücken, doch jeder, der sich ernsthaft mit der Alchemie befasst, wird wissen, was ich sage: Es kümmert »Gott« nicht, was der Mensch denkt, solange er nicht an »ihn« denkt. Denn der Mensch ist nicht »Gott« und wird es als Lebens-«form« auch niemals werden. Was besagt ein alchemistischer Sinnspruch? »Die Arbeit ist die Meine, der Ruhm gehört Gott«. Und wie lautet der Zusatz? »Und einige Früchte davon mag der Leser ernten«. Auf das eben Gesagte weist auch der bekannte Sufi-Spruch hin: »Licht zu Licht«. Wer Licht erkennen will, muss erst einmal Licht erkennen »können«, muss die Voraussetzung dafür schaffen. Wäre es anders, würde jeder Mensch »Gott« in seiner prnzipiellen Form »sehen«. Schliesslich ist die Alchemie als die Wissenschaft Gottes auch die »Wissenschaft des Lichts«. Die Sufis sagen, dass das Licht von Gott zu Gott führt. Kommunikation also. Allerdings Kommunikation auf einer Ebene, die für den Menschen in der Regel unzugänglich ist. »Elitär« ist die Alchemie in gewisser Weise, weil nur der »zugelassen wird, der nach den Regeln der Kunst kämpft«. Das ist jene eigene psychische Aufwand, der geleistet werden muss. Erst dann gelangt man zu einer »grundlegenden Kommunikationsform« und zwar »grundlegend« im Sinne von »kosmisch-fundamental«, wie oben gerade angesprochen. Symbol und nicht Symbol dieser Kommunikationsform ist das »Wort Gottes«, der »Logos«. Und der Logos ist das Solare Prinzip, Licht also. Die geschichtliche Dimension des alchemistischen Einweihungsweges ist sekundär. Sie ist wie ein Gewand, das man nach Belieben an- und ausziehen kann. Denken sie nur an die verzweigte Geschichte der Ordensgemeinschaften und Geheimgesellschaften. Ein beliebtes Beispiel: Was waren oder sind die Templer? Sie waren ein solches Gewand.
Dasselbe gilt für die sogenannten Rosenkreuzer und andere. In der Freimaurerei nun haben diese Begrifflichkeiten eine gewisse Heimat gefunden. Und ist die Freimaurerei nur deshalb mit dem alchemistischen Weg gleichzusetzen,weil sie sich zu ihrer Darstellung in der Öffentlichkeit entsprechender Symbole bedient? Nein. Ist sie gar jener elitäre Kreis, durch den die Mysterien offenbart werden? Nein. Sie werden vielleicht bemerken, dass derarige Fragestellungen nicht zum erhofften Ergebnis führen. Das können sie auch nicht, denn wann immer sie derartige Fragen stellen, sprechen sie über die »geschichtliche« Dimension, die soviele Facetten hat wie es Menschen gibt. Wenn sie etwas durch eine Abweichung von der »geschichtlichen Entwicklung« strapazieren, dann ist das ihr eigenes Bewusstsein. Und in der Folge strapazieren sie das Bewusstsein von Scharen von Historikern, die hoffen, endlich einmal etwas gefunden zu haben, was sie irgendwie weiterbringt, »ohne« selbst daran teilzuhaben zu müssen. Eigene »Teilnahme« ist die Voraussetzung, da sind wir wieder bei der Quantenphysik. Die Veränderung der Wirklichkeit setzt nun mal die Teilnahme des eigenen Bewusstseins voraus.Die Sufis nennen es »Aktive Imagination«, womit die alchemistische Praxis der Rückführung zur Urintelligenz gemeint ist. Doch wie immer betont, ist dieser Weg der eine »Weg jenseits aller Wege«, denn der Ort, den es aufzusuchen gilt, ist jener »Ort, der auf keiner Landkarte verzeichnet ist«. Wenn sie sich auf diesen Weg begeben haben, sind die »geschichtlichen Entwicklungen« nur von sekundärer Bedeutung. Sie bleiben interessant, ohne Frage.
Aus diesem Grunde warne ich immer davor, »Historie« mit »Metahistorie« zu verwechseln. Die Geschichte, die für den Historiker nachvollziehbar ist, vergleiche ich mit dem Vorhang vor einem Fenster, das geöffnet ist, dass man dennoch aber nicht ohne weiteres sehen kann. Was man sieht, ist der Vorhang, der durch einen spürbaren, aber dennoch unsichtbaren Luftzug in Bewegung gesetzt wird. Und dieser Luftzug, dieser Wind ist der aktive »Geist Gottes«...real-materiell und erfahrbar nur für jenen vollkommenen »Körper«, den der Alchemist aus dem Chaos in sich herausformen konnte. Dies ist kein Gedankenspiel, keine intellektuelle Spielerei, kein blosses akademisches Reden, kein Herumexperimentieren mit dem Unbekannten. Dies ist ein Körper, der erschaffen und wahrgenommen wird. Ich möchte an dieser Stelle etwas ansprechen, das ihre Frage nicht unbedingt mit einschliesst. Ich halte es aber nach dem Gesagten für unbedingt erwähnenswert:
Die Hermetik wird oft als »totalitär« bezeichnet; und man tut dies in gesellschaftspolitischer Hinsicht. Genau an dieser Stelle werden Historie und Metahistorie auf fatale Weise miteinander verwechselt. Dies mag absichtlich oder unabschtlich geschehen. Tatsächlich ist die Hermetik, ist die alchemistische Praxis »totalitär«, denn was sie als Ziel hat, ist »alles«. »Totalitär« kommt von »totus«, lat. für »alles«. Dieses »Alles«, das abgestrebt wird, ist das Wiedereinswerden mit der uranfänglichen Schöpferkraft. Es ist die Reformation der adamischen Urordnung. Die Hermetik ist somit tatsächlich »totalitär« was ihre metahistorische Dimension betrifft. Denn: Nur ein vollkommener, hermetischer Körper, ein »Körper im Körper« kann mit dieser Kraft in Kontakt treten. Wir haben also das »Totalitäre« im Sinne von »Vollkommenheit«. Und diese Vollkommenheit ist das »Eins-sein«, das Einheitlich Urbewusstsein, das »alles« ist und »allem« zugrundliegt. Die hermetische Praxis führt aus der W! elt des scheinbaren »Entweder-Oder« hinaus; und sie führt hinein in eine Welt, in der »man keine Wahl hat«, weil das, was ist, so ist, wie es ist. Wer sich »Gott« nähern will, muss sich darüber im Klaren sein, dass er sich einer Kraft nähert, deren schöpferischer Natur keinelei persönliche Dimension anhängig ist, was bedeutet, dass sich der Mensch, der diese Kraft in sich erfahren will, Opfer bringen muss. Eines davon ist das Opfer der Person, der Persönlichen selbst... Ein anderes Opfer, das in Wirklichkeit keines ist, besteht darin, sich ein- und unterzuordnen, etwas was der »programmierte« Mensch der Jetztzeit nur schwer kann: »Einzuordnen« in die Hierarchie der kosmischen Kräfte; und erst »nach« dieser Einordnung kann der Aufstieg erfolgen. Es wird daher gesagt, dass die Grundvoraussetzung für den hermetischen Weg die Einsicht in die Tatsache ist, dass Adam fiel. Wer diesen Fall und das Erbe das auf den Menschen überkam nicht akzeptiert, wird auch alles weitere nicht akzeptieren. Mit »Unterordnung« ist die Erkenntnis gemeint, dass es Kräfte gibt, die über dem menschlichen Energieaggregat stehen, und deren Eigenarten von einer anderen evolutionären Wirklichkeit geprägt sind. Anders ausgedrückt: Obwohl der Mensch sinnlich in der Lage ist, Licht wahrzunehmen, erkennt er jedoch nicht dessen Essenz, dessen ureigenes Wesen. »Evolution« gilt nicht nur für diesen Planeten, sie gilt auch für Sonnen und Galaxien. Auch »Gott« gehört einer Evolution an. Es ist die göttliche Evolution, die Evolution einer schöpferischen Intelligenz, die sich des Menschen als ihr Gefässm, als ihr Vehikel bedient.
Ein weiteres Opfer besteht in der Aufgabe der Illusion, der Mensch könne sich den Weg der praktischen Alchemie nach Gutdünken selbst gestalten, könne dies oder das machen, wie es ihm beliebt. In diesem Kontext ist das Wort »experimentell gefährlich, denn es impliziert den Umstand, man könne sich eine Hintertür offenhalten, falls das »Experiment« oder sein Ausgang nicht gefällt. Was die Evolution »Gottes« betrifft, ist der Weg der »All-Chemie«, der »Chemie des Welt-Alls« vorgegeben, denn das Ziel ist die Reformation, die Wiederwerdung aus dem Chaos, in den der Keim der Gottkraft einst zurückfloss, um sich zu erhalten, und aus dem er nun wieder hervorströmt, um sich zu reformieren. Und er muss das Opfer der Einsicht bringen, dass, wie sich Dante Alighieri in seiner »Göttlichen Komödie« ausdrückte, vor dieser Kraft »nur« das Bestand hat, was »ewig« ist, was also mit anderen Worten den natürlichen Zustand des Vergänglichen überwunden hat. Eine Anspielung auf den unvergänglichen Körper der Alchemisten. Der Mensch muss die Illusionen aufgeben, die die »äussere« Welt, in der er lebt, ihm als »beständige Wirklichkeit« vorgaukelt. Wie auch die Null wird er dann selbst zu einem Narren, dessen Spiel der unaufhörliche Blick in den Spiegel der Eitelkeiten ist. Er muss nach »innen« blicken, er muss ins verborgene Zentrum gelangen. Wie die taoistischen Alchemisten sagen: Nicht mit der Welt, sondern nur in der Welt leben. All dies ist »totalitär« im ureigensten Sinne des Wortes. Doch wer dies mit der Geschichte der Menschheit, der »blossen« Historie verwechselt und ihrer Facetten gleichsetzt, begeht einen folgenschweren Fehler, denn er kapselt dadurch sich und andere von der »grossen Chance« ab, die der Mensch in diesem Universum besitzt: Eine verlorene Urharmonie wiederzuerlangen.


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