Interview mit Wolf-Detlef Kaufmann (AHA 2/1999)
Mit dem "Präsidenten" der Internationalen Nietzsche-Gemeinschaft ins Gespräch zu kommen, lohnt sich. Er sprudelt nicht nur vor Ideen und Gedanken, sondern ist auch ein exellenter Nietzsche-Kenner. Wie Steffen, damals noch nicht Chefredakteur der AHA, erfahren konnte.
für die AHA: Steffen Siegert
StS: Sie leiten eine Nietzsche-Gemeinschaft. Mich interessiert dabei zunächst mal, was das genauer heißt: Wie lange gibt es diese Gesellschaft, wie arbeiten ihre Mitglieder zusammen und welches Ziel verfolgen sie dabei?
WDK: Ich bin nicht "Präsident", das wäre des Guten zuviel. Die Nietzsche-Gemeinschaft versteht sich als lockere Gruppe, die es sich zum gemeinsamen Ziel gemacht hat, die von Nietzsche angestrebten Ziele zu verfolgen. Oder anders ausgedrückt: Wir möchten der von Nietzsche angedachten Zukunft ein Stück weit den Boden bereiten. Die Mitglieder der Gemeinschaft, und das sind, zugegeben, nicht so viele, wie es vielleicht wünschenswert wäre, arbeiten auf einer modernen kommunikativen Ebene, das heißt über eMail und Internet, zusammen.
STS: Soviel ich weiß, gibt es noch weiterere Nietzsche-Gesllschaften in Deutschland. Wie unterscheiden sie sich von diesen, arbeiten Sie mit diesen anderen Gesellschaften zusammen und wenn ja, wie?
WDK: Unseres Wissens nach gibt es noch den sog. "Forschungs- und Förderverein Friedrich Nietzsche e.V." in Halle, der sich mehr auf die Pflege nietzschescher Hinterlassenschaften in Thüringen konzentriert. Es werden auch nicht uninteressante Seminare von diesem Verein abgehalten. Allerdings ist er von Akademikern dominiert und staatlich alimentiert. Gerade der letzte Punkt, nämlich die Inanspruchnahme staatlicher Fördermittel und Gelder, steht aber im krassen Gegensatz zu dem, was Nietzsche stets gefordert hat. Andere Nietzsche-Vereine sind uns nicht bekannt, was aber nicht heißt, dass es sie nicht gibt. Ihr Wirken jedenfalls scheint eher unsichtbar zu sein.
STS: Zu Ihnen persönlich: Wie sind Sie zu Nietzsche gekommen und was ist es, was Sie an Nietzsche offenbar besonders fasziniert, wenn Sie sich über so lange Zeit mit ihm auseinandersetzen?
WDK: Zu Nietzsche bin ich als Jugendlicher gekommen, und zwar durch das Buch “Der Wille zur Machf”. Dieses von Nietzsche ja nie wirklich geschriebene, sondern später aus seinem Nachlass zusammengestellte Werk hat mich fasziniert, und zwar wegen der Ausdrucksweise und der Art, wie Nietzsche etwas thematisierte. Damals habe ich gewiss noch nicht auch nur ansatzweise realisiert, was Nietzsche eigentlich gesagt, gemeint hat. Es war eben das “wie": wie es gesagt wurde; das hatte Wirkung. Man muss sich vor Augen halten, dass dieses “Kennenlernen" vor dem Hintergrund des damals gerade wieder einmal modern gewordenen Marxismus ablief. Vielleicht ist die Faszination, die das damals für mich hatte, auch nur vor dem Hintergrund meiner Auseinandersetzung mit dem Marxismus zu verstehen. Ich war damals aktiver Gewerkschafter und jung. Und es ist ein Vorrecht der Jugend, kritisch, rebellisch und extrem: also idealistisch zu sein und die Welt verbessern zu wollen. Dass das heute oftmals nicht mehr so ist, ist in meinen Augen ein deutliches Zeichen der Degeneration. Von der Wiege bis zur Bahre abgesichert zu sein: das Kennzeichen des “letzten Menschen" im Sinne Nietzsches, der ja fordert: “Lebe gefährlich".
STS: Friedrich Nietzsche wurde lange mit den Wagner-Festspielen in Bayreuth, dem "Willen zur Macht", der "Blonden Bestie" sowie nationalsozialistischen Inbegriff-Nahmen assoziiert. Wie schätzen Sie es ein, ist Nietzsche heute noch anrüchig?
WDK: Was heißt anrüchig? Welcher Denker, welche Person der Geschichte ist in der Lage, sich gegen auch böswillige Inanspruchnahme zu schützen? Ist Franz Liszt anrüchig, weil die Nazis seine Musik den sog. Sondermeldungen voranstellten? Natürlich war Nietzsche ein Verehrer Richard Wagners und lange dessen gern gesehener Hausgast. Solange Wagner in Triebschen exiliert war, ging Nietzsche, nachdem er die Professur in Basel erhalten hatte, dort ein und aus. Nachdem aber Wagner nach Bayreuth umgezogen war, endete das Verhältnis. Es hatte sich vorher schon stark abgekühlt, weil Nietzsche inzwischen zu einer kritischen Einstellung Wagners gegenüber gelangt war. Bayreuth aber, der ja von Cosima Wagner schon in Szene gesetzte Kult um den "Meister", das alles stieß Nietzsche ab. Da sich Nietzsche in seinen Werken klar gegen jegliche Art des damals aufkeimenden Antisemitismus stellt, kann eine Inbesitznahme von Begriffen, die er in einem ganz speziellen Kontext nutzt, nur erfolgen, wenn man zugleich Nietzsche entstellt, verkürzt und bewusst uminterpretiert. Das haben die Nazis getan, und trotzdem war Nietzsche ihnen immer ein unbequemer Zeitgenosse. Es wurde einmal über Nietzsche gesagt, er sei Dynamit. Das ist er für jeden, der sich seiner bedienen soll, und einigen ist er wohl auch schon in den Händen explodiert. Deshalb wird er wohl manchen Leuten immer anrüchig bleiben, egal, was kommt.
STS: Zu seiner Zeit war Nietzsche ein Einsamer, seiner Zeit weit voraus und deshalb noch Jahre über seinen Tod hinaus missverstanden. Was denken Sie: Wie sieht das heute aus? Hat Nietzsche inzwischen die Leser, die er sich gewünscht hat?
WDK: Ja und nein. Wenn ich ein Buch mit dem Untertitel “Für Alle und Keinen" schreibe, dann zeigt das ja schon, wie ich meine Leser einschätze. Natürlich hat er sich intelligente, weltoffene Leser, also “freie Geister" in seiner Wortwahl, gewünscht. “Ich schreibe nicht für Esel", schrieb er einmal seinem Verleger. Und natürlich, es gab auch genügend Esel" unter den Lesern. Deshalb ist Ihre Frage auch nicht zu beantworten. Zuletzt aber findet jeder Autor auch die Leser, die er verdient.
STS: Was meinen Sie Herr Kaufmann, was würde Nietzsche von Thelema und den Thelemiten halten? Und war er Ihrer Auffassung nach ein Thelemit?
WDK: Ich weiß wenig über Thelema und die Thelemiten. Ich gehe aber davon aus, dass Nietzsche gewiss keiner gewesen wäre. Zwar schwebte ihm zeitweise die Gründung eines “Klosters für freie Geister" vor; aber zuletzt ist es dazu nie gekommen. Doch, wie gesagt, da ich die Philosophie von Thelema nicht kenne, kann ich dazu auch keine Aussage machen.
STS: Jetzt etwas spezieller: Die drei zentralen Philosopheme von Nietzsche: “Der Übermensch", “Der Wille zur Macht" und “Die ewige Wiederkehr des Gleichen" verstehe ich als Ergänzung und Kommentar zum Liber Al vel Legis. Was aber verstehen Sie z.B unter “Wille" und was unter “Macht"?
WDK: Auch hier gilt: Da ich das Liber Al vel Legis nicht kenne, ja, ich gestehe, es nicht gelesen zu haben, also da ich darüber keine Aussage treffen kann, kann ich natürlich auch nicht sagen, ob es sich bei Nietzsches Begriffen um Kommentare oder auch nur Ergänzungen zum genannten Werk handelt. Da das Liber AI vel Legis aber nach Nietzsches Werken entstand, muss man wohl der Ansicht widersprechen, hier handele es sich um Kommentare. Kommentiert kann nur etwas werden, was es schon gibt. Da es das Liber Al vel Legis aber zu Nietzsches Zeiten noch nicht gab, wird er es auch nicht kommentiert haben. Dem gegenüber ist eher anzunehmen, dass das Liber Al vel Legis von Nietzsche inspiriert wurde somit ein Kommentar zu seinen Werken, insbesondere dem Zarathustra, darstellt. Doch da ich das Buch nicht kenne, kann ich das auch nicht beurteilen. Nur soviel möchte ich sagen: Die Begriffe Übermensch, Wille zur Macht und Ewige Wiederkehr des Gleichen sind nur originär im Kontext des Gesamtwerkes von Nietzsche zu interpretieren; man kann sie also nicht außerhalb dieses Zusammenhangs darstellen. Es sei denn, man legt keinen Wert auf die von Nietzsche damit angestrebten Intentionen.
STS: Wie steht es mit der Idee der Unsterblichkeit Ihrer Meinung nach bei Nietzsche, gerade im Kontext "Der ewigen Wiederkehr des Gleichen"?
WDK: Zu jeder dieser Fragen gibt es sicher ganze Bibliotheken mit interessanten, intelligenten Büchern, die sich mit den Antworten beschäftigen, und so würde es den Rahmen eines Interviews sicher sprengen, hier en detail zu antworten. Nietzsche dachte sich die Wiederkehr als identisch, ohne Abweichungen. Es handelt sich hier zwar um eine Art “Unsterblichkeit"; aber diese Unsterblichkeit beinhaltet nicht die Möglichkeit, sein Leben stets neu auszugestalten. Man muss sich dabei vor Augen halten, dass Nietzsche an diversen Stellen seines Werkes darauf hinweist, dass man nur ein Leben habe und dieses, getreu dem Motto “Werde der, der du bist", so ausgestaltet, dass man es in Ewigkeit wieder so leben würde, ohne Abstriche.
STS: Schließlich zum Philosophem des Übermenschen: Dieses Wort wie auch der Wille zur Macht hat ja in der Vergangenheit zu einigem an Missverständnissen und entsprechenden Konsequenzen geführt. Da Sie sich sehr intensiv mit Nietzsche auseinandergesetzt haben, nehme ich an, dass Sie differenzierter und vielleicht auch anschaulicher beschreiben können, wie sich Nietzsche den Übermenschen vorgestellt hat
WDK: Der Übermensch ist für Nietzsche der “Nachfolger" des heutigen Menschen, so wie dieser “Nachfolger" der Affen im weitesten Sinne ist. Eine neue Stufe der Evolution mithin, weit überlegen der, auf der wir uns derzeit befinden. Da es nach Nietzsche den Übermenschen noch nicht gibt, kann es auch nur Theorie sein, was man sich in seiner letzten Ausprägung darunter vorzustellen hat. In Nietzsches Augen war der Übermensch vor allem Vollender, Schöpfer und Zerstörer, also Philosoph und Machtmensch. Gleich einem Kinde wird er dazu neigen, das von ihm Errichtete von Zeit zu Zeit zu zerstören, um es dann neu aufzubauen. In diesem ständigen Schöpfungsvorgange wird er sich zu immer neueren Höhen emporarbeiten, eben auf die “Vollendung" hin, ohne dass ihm bewusst wäre, wie diese aussieht. Da die ewige Wiederkehr des Gleichen und der Wille zur Macht in eins gedacht werden müssen, sehen wir im Tun des Übermenschen zuletzt auch die höchste Ausprägung der ewigen Wiederkehr und des Willen zur Macht.
STS: Was meinen Sie Herr Kaufmann, würde Friedrich Nietzsche heute den Lesern der “AHA" zu denen auch Sie zählen auf den Weg geben wollen?
WDK: Nun ja, Nietzsche war kein Freund von "Literaten" und Zeitungen, obwohl er trotzdem ein begieriger Leser war. Er hielt das Pressewesen seiner Zeit für ein Übel, ein Verfallssymptom und um wieviel mehr würde das auf unsere Zeit mit der Medienüberflutung zutreffen! Was könnte er uns also auf den Weg geben? Ich glaube, man würde ihm nicht gerecht werden, wollte man das auf ein Zitat verkürzen. Gewiss würde er sich wünschen, durch seine Tätigkeit, durch sein Werk “freien Geistern" den Weg gewiesen zu haben.
STS: Sehr geehrter Herr Wolf Detlef Kaufmann, ich bedanke mich im Namen der Redaktion und im Namen vieler Leser der “AHA" für dieses Interview und wünsche Ihnen viel Erfolg in Ihrer weiteren Arbeit.



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