Symposion

Daß wir Thelemiten meditieren, Yoga und andere Körperübungen machen, um unsterblich zu werden - das kann ich heutzutage selbst meinem Hausarzt erzählen. Ich ernte, wenn ich "unsterblich" ausreichend abschwäche, z.B. durch abwiegelnde Gesten, sogar verständig anerkennendes Kopfnicken.
Aber Feste mit reichlich strömenden Weinen - ???

von Angela Jekosch

VorBild Sokrates

Zum Leben von Thelemiten gehören regelmäßige Symposien. Das sind keine wilden Besäufnisse. Und Ziel der Symposien ist keineswegs besinnungslose Trunkenheit, Vergessen von Kummer und Leid oder was auch immer Menschen zur Flasche greifen läßt. Eher im Gegenteil könnte man sagen: Symposien sind eine - lustvoll - freudige - Übung darin, zur Besinnung zu kommen.

Und diese Tradition kommt nicht von ungefähr. Wir greifen damit zurück auf das griechische Symposion, wie es Platon in seinem SYMPOSION beschreibt. Und wer will, kann es auch so sehen: Wir eifern einem unserer Ahnen - dem herrlichen Sokrates - nach, ein praktischer, vor Witz und Lebendigkeit sprühender und dazu auch noch (was später selten wurde) konsequenter und mutiger Weiser, den sicher nicht nur ich schon seit meiner Kindheit verehre.

Die Sonne

So ganz klar, wie ich an diesen Artikel herangehen soll, war ich mir keineswegs - bevor ich zu schreiben begonnen habe. Weil: Ich weiß aus Erfahrung, daß jemand, der selbst an diesen Symposien nicht teilnimmt oder nie teilgenommen hat, sich Bilder dazu in den meisten Fällen macht, die weit entfernt von den Tatsachen sind. So habe ich mein Tarot zu diesem Artikel, den Du gerade liest, befragt. Zur Antwort kam gleich als erste Karte - "Die Sonne". - Spielerisches Lernen.

Wie ich das Tarot inzwischen kenne, sagt es mir solche Selbstverständlichkeiten nur, wenn es meint, daß ich etwas noch nicht so ganz geschnallt habe.

Eije. Ich nehme schon seit vielen Jahren an Symposien teil. Und erkläre seit vielen Jahren den Neuankömmlingen, was Trinken und Feiern, Tanzen und Freude beim Überwinden von eigenen Grenzen mit dem Weg zur Unsterblichkeit zu tun haben könnte. Ernte immer wieder Kulleraugen.

Tja. Selbst das Bild des zur Unsterblichkeit strebenden Adepten scheint hier in Deutschland offensichtlich stark vom christlichen Weltbild (Askese, Zölibat, Beschränkung) geprägt zu sein. Hat ja auch ein Körnchen Wahrheit, insofern nur Tiere nach dem reinen Lust/ Unlust-prinzip überleben können. Ein Körnchen halt.

Zurück zu mir: Könnte schon sein, daß ich faktisch an den Symposien oft mehr gekämpft als gespielt habe. Eine Erfahrung, die ich immer wieder mache: Wieviel mehr an Bedeutung als ich glaubte, in einem so leicht von den Lippen mir gehenden Wort, Begriff oder Bild liegt. Und ich spielend leicht die Schuppen von den Augen fallen lasse, sobald ich auf die Idee komme, daß da auf meinen Lidern welche drauf liegen könnten: Symposion als Spielwiese werdender, lernender Götter. Eine der Spielwiesen.

Dann ist es vielleicht an der Zeit, daß ich diese Spielwiese eingehend beäuge und Dich an meinen Einsichten teilhaben lasse.

Wer weiß, vielleicht fehlt Dir genau dieses Puzzlestück für Deinen nächsten Schritt.

Oder anders: Nur wer glücklich ist, kann denken. Und Glück ist eine Kunst - die Kunst spielen zu können. Glücklich spielen wie ein Kind. Ohne die tausend versteckten Verbotsschilder des normalen Lebens, sondern mit klaren Regeln, was ist jetzt erlaubt und was nicht - eben den Spielregeln. Die Stützen der Kunst, hingebungsvoll glücklich spielen zu können. Und spielend an Grenzen kommen. Regeln helfen dann, da zu bleiben, statt einfach wegzurennen, wie ich es vielleicht täte, wenn ich nicht weiß, was ich jetzt tun soll. Und ohne Grenzen, hinter denen Neuland liegt, macht Spielen keinen Spaß.

Spielregeln

Wichtig, bevor es losgehen kann, sind also die Spielregeln. Regeln für einen geschützten Raum, Regeln, von denen jeder weiß, daß jeder der Beteiligten sie kennt und sich dran halten wird.

Wichtig: Versprechen, Vereinbarungen, Verträge, die jemand am Symposien macht, gelten nur, wenn sie in den nächsten Tagen nüchtern von allen Beteiligten bestätigt werden.

Alle trinken Wein (nichts anderes) und alle in etwa die gleiche Menge - ca. einen Liter.

Zwang (einschließlich Gewalt), Herabwürdigung, Täuschung sind verboten. Die Ausrede: "Ich war ja betrunken" gilt nicht. Für Handlungen wie Gewalt, Herabwürdigung und Täuschung, die niemandem einfach passieren - ganz einfach weil es vorsätzliche sind, ist jeder voll verantwortlich.

Autoschlüssel etc. werden zu Hause gelassen oder abgegeben. Alle bleiben in den vereinbarten Räumen.

Das sind einige der wichtigsten Spielregeln für einen geschützten Raum, in dem Du was Neues lernen kannst. Spielend, spielerisch lernen, ungetrübten Herzens.

Spielen hier primär im Sinne von Konsequenz-gemindertes Probehandeln - was tue ich, wenn die Hemmungen mich nicht mehr beim Handeln hindern? Was tue ich, wenn ich nicht, wie sonst immer, wegrennen oder mich ablenken kann - weil ich ja hier in dem Raum zu bleiben versprochen habe? Höchst interessante Erkenntnisse über Dich selbst und Deine Mit-Symposianten kannst Du so gewinnen.

Keineswegs garantiert. Du mußt es wollen, neugierig sein. Dann sind die Symposien ein wunderbares Hilfsmittel, sich und seine Abwehrstrategien gegenüber Neuem kennenzulernen. Und solche haben Sterbliche noch in Hülle und Fülle.

Zum Beispiel:

  • Wie lenke ich ab, wenn ein Thema mir unbehaglich wird?
  • Auf wen achte ich am Symposion, auf wen nie?
  • An welchen Stellen versuche ich immer wieder, ins Betrunkensein zu flüchten? Wer neugierig ist und bleibt, wird zwar gelöst, locker, fröhlich und kann vielleicht auch nicht mehr ganz gerade gehen. Aber Abschalten und besinnungslos betrunken werden - das passiert Dir nicht einfach, das kannst Du bei diesen Mengen von Alkohol sehr gut selbst entscheiden.

Andererseits: Auch möglichst nüchtern bleiben - ist eine Ausweichstrategie und jemand, der glaubt, immer die Kontrolle über sich zu behalten müssen glaubt, der bleibt nüchtern, egal, wieviel er trinkt. Und bei einem Liter Wein garantiert.

So lernst Du nach und nach Deine Muster kennen. Und bekommst auch das Feedback, ob bzw. inwiefern sich diese im Laufe der Zeit ändern.

Und die festen Denkmuster - so und nicht anders ist die Welt - lockern sich halt auch ein wenig, sodaß Du die Chance hast, neue Einsichten und Ideen oder neue Perspektiven auf ein für dich scheinbar unlösbares Problem zu gewinnen. Manchmal durch Feedback eines Mit-Symposianten, manchmal einfach dadurch, dass Du anders und anderes siehst, wenn Deine Denkgewohnheiten mal nicht eh schon entschieden haben, was wahr und falsch ist, bevor Du überhaupt hingesehen hast.

Doppelstrategie

Beispiel: Längere Zeit verhielt ich mich normalerweise nüchtern meinem Mann gegenüber ausgesprochen sorgend. Aus der Distanz und im Nachhinein klingt es vielleicht komisch: Geht es ihm auch gut, verhält er sich auch richtig, überschattet nicht etwa ein Wölkchen sein Gemüt. Immer in Unruhe. Obwohl es weder ihm noch mir gefällt. Und doch wird Sich-Sorgen kommuniziert und verstanden zunächst mal als Ausdruck von Interesse und Aufmerksamkeit an einem Menschen. Soweit so bekannt.

Nun aber die Symposien. Dieselbe Frau verhält sich jetzt ihrem Mann gegenüber völlig anders. Sie vergißt all die Sorgen und Gedanken, die sich um ihn drehen, schon nach wenigen Gläsern Wein. Meist blendet sie sogar völlig aus, daß er anwesend ist. Und das Symposion für Symposion. Und jedes mal ist sie entsetzt über sich im Nachhinein - wie stehe ich nun wirklich zu ihm? Stimmt die nüchterne Sorge oder das Gegenteil?

Widersprüche dieser Art findet fast jeder Symposionerfahrene bei sich, wenn er will und bei seinen Mitsymposianten natürlich auch.

Und zumeist stellt sich bei längerer und genauerer Beobachtung immer wieder raus, daß Du diese scheinbaren Gegensätzen im Alltag durchaus auch beobachten kannst - nur weniger offensichtlich.

In diesem Fall: Ohne es zu beabsichtigen versteckt sich hinter der z. T. übertriebenen Sorge der Wunsch, nicht so genau hinsehen zu müssen, was wirklich mit ihm ist. Ihn nicht sehen, verstehen zu müssen, sondern - mit meinen Sorgen - so behandeln zu dürfen, wie ich ihn sehe- als Sorgenkind meinetwegen. Da muß man erstmal hinterkommen. Aber als ich es begriffen habe, war ich froh und wußte endlich!!!, was ich anders machen kann. Sorge als Ausdruck von Liebe? Ja, Irrtum! Und sollte es wirklich andere Möglichkeiten, Liebe auszudrücken?

Eros

So wie in diesem Beispiel über längere Zeit oder auch ganz akut an einem Symposion nur: DAS Thema von Symposien, untergründig mindestens immer zu sieben Achteln präsent, ist - und war schon zu Griechenzeiten - Liebe, Lust oder - wie bei Platon: Eros.
Das ewige Lieblingsthema von Menschen und Göttern. Die einen sind mit sich, ihrem Selbstbewußtsein, ihrem Körper vor allem beschäftigt. Mancher muß zuallererst klären:

  • "Warum bin ich so schrecklich in Sabine verliebt?".
  • Oder "Warum liebst Du mich nicht!"
  • Was hat Liebe mit Sex zu tun - und was nicht?
  • Oder "Woher kommt meine Lust zur Unsterblichkeit?"

Das banalste und das größte Thema gleichermaßen - je nach Perspektive, in die einer es stellt oder gerade zu bewältigen sucht. Vielleicht deshalb das ewige Untergrundthema. Das offen zu kommunizieren werdende Götter vor allen an Symposien lernen.

Und zumeist sind die, die du liebst, begehrst, verschmähst oder auch eifersüchtig beobachtest, um Dich herum und mit ihren offenen Fragen und oft auch mit Dir beschäftigt.

Tragisch? Komisch? Tragikomisch dran ist für mich, daß es so schon zu Zeiten von Sokrates war:

Das SYMPOSION des Platon. Sein Thema ist: Eine Lobrede auf den Gott Eros. "Ist es nicht unerhört," so heißt es bei Platon einleitend, "daß auf alle Götter Lobgesänge und Anrufungen von den großen Dichtern gedichtet worden sind, dem Eros aber, einem so großen und herrlichen Gotte, auch nicht einer jemals von so vielen Dichtern , die es gegeben, ein Loblied gesungen hat?"

Schnell sind sie sich einig und einer nach dem anderen bemüht sich im folgenden nach Kräften den göttlichen Eros zu preisen.

Phaidros etwa würdigt ihn als den ältesten aller Götter.

Pausanias und Eryximachos unterscheiden zwischen dem irdischen und dem himmlischen Eros.

Aristophanes sodann stellt den Menschen als ein ursprüngliches Kugelwesen vor, das in zwei Hälften ob seiner den Göttern gefährlich erscheinenden Macht zerschnitten wurde. Und Eros nun ist die Kraft, die jeweils getrennten Hälften sehnsüchtig nacheinander suchen läßt.

Agathon rühmt Eros den zartesten, schönsten und jüngsten Gott. Und seitdem Eros geschaffen sei, entstand erst aus der Liebe zum Schönen alles Gute für Götter und Menschen.

Die Rede des Sokrates
Sie bildet - wenig überraschenderweise für die meisten - den Höhepunkt des Symposions: Eros, so Sokrates, sei mitnichten ein Gott, sondern vielmehr die Liebe zum Schönen. Die Liebe zum Schönen (und Guten somit) aber, so Sokrates, ist keinesfalls selber schon schön oder gut.

Nein, Eros könne keiner sein, der schon göttlich, schön und gut sei, denn dann würde und könne er danach nicht mehr streben - wie es ein Liebender täte.

Er könne natürlich auch nicht das Gegenteil - ein selbstzufriedener Sterblicher - sein, einer, der nichts anderes wolle, als das er schon sei oder hätte. Nein, vielmehr muss Eros ein Daimon sein. Ein Begehrender, Strebender - einer der in der Mitte sei, sein müsse, zwischen schön und häßlich, gut und schlecht, weise und töricht, reich und arm. Denn nur das in der Mitte könne schon und könne noch liebend begehren.

Eros, nein sei nicht der oder das geliebte Schöne, sondern der Verliebte, der Liebende, der sich nach dem "Besitz" des Guten sehne.

"So ist denn, alles zusammengenommen, die Liebe der Wunsch, das Gute für immer zu besitzen." Notwendig ist daher, dass die Liebe auch nach der Unsterblichkeit trachtet. Und eben im Begehren und Zeugen und Aufziehen seiner Kinder, Gedanken hat der Sterbliche teil an der Ewigkeit. Deshalb genau - wegen der Liebe zur Unsterblichkeit begehre er so heftig nach Zeugung.

Und Dir, liebem Leser, müsste nun hoffentlich einsichtig sein, wie göttlich dieser Umstand, dieser Zufall??? ist:

Dass zum Streben nach ewiger Ekstase Symposien gehören - an denen sich alles um das schönste, spannendste und wichtigste aller Themen dreht:

Die Liebe. Eros in uns, der nach Ewigkeit trachtet.
Das Gesetz der Unsterblichen.