Sterben oder nicht sterben?
eine kurze Antwort von MDE auf den Leserbrief von Frater Scindor Velorum
Erstmal, vielen Dank Frater Scindor Velorum. Die Frage die Du ansprichst ist essentiell und Deine Ausführungen treffen exakt die entscheidenden Punkte.
Ich halte die Angst vor dem Tod nicht für verwerflich. Es ist eine kreatürliche und existentielle Angst, die eben für das Überleben wichtig ist. Andererseits ist Leben an sich, nur um des Lebens willen, ohne einen Sinn, einen Zweck oder ein Ziel des Lebens zu haben, belanglos, einfach nur Biologie. Wenn die reine Angst vor dem Verlöschen im Tod Triebfeder des Strebens nach spiritueller Entwicklung ist, dann wird diese Entwicklung m.E. in die falsche Richtung führen bzw. spirituelle Entwicklung verhindern.
Das ist ähnlich der alten Frage "Freiheit wovon" oder "Freiheit wozu".
- Die reine Freiheit von allen Bedingtheiten, ohne einen positiven Zweck, ist leer und nutzlos, unterscheidet sich letztlich nicht von Unfreiheit, denn es gibt keinen Maßstab des freien Handelns.
- Nur eine "Freiheit wozu", d.h. eine Freiheit die ein Ziel oder einen Zweck hat, ist eine operable Freiheit, ein Zustand indem Freiheit oder Unfreiheit ein Unterschied ist der einen Unterschied macht, d.h. einen bedeutungsvollen Unterschied.
Wenn man Leben will, nur um des Lebens willen, dann ist Leben oder Tod ebenso ein Unterschied der keinen Unterschied macht, ein Unterschied der bedeutungslos ist. Gehen wir davon aus: Leben ist dann essentiell, wenn es einen Unterschied macht der einen Unterschied macht. Ich nenne das den Sinn des Lebens. Leben und Tod machen nur dann einen bedeutungsvollen Unterschied, wenn das Leben einen Sinn hat.
Der Wahre Wille ist genau so ein Konzept, welches den bedeutungsvollen Unterschied, den Sinn, erfasst. Wenn der Mensch in der Eschatonischen Evolution (das Eschaton ist der Zustand der letzten Vollendung der Welt) eine Rolle spielt, wenn das Individuum seine Rolle in der Welt und in der Entwicklung der Welt, erkennt und ausfüllt, dann hat Leben einen Sinn, denn es macht einen bedeutungsvollen Unterschied ob solch ein Individuum lebt oder nicht lebt.
Damit kommen wir zum Problem der Identität. Ein Konzept von Reinkarnation, welches Lernen und Entwicklung durch Reinkarnation postuliert, aber entweder eine Erinnerung an vergangene Inkarnationen kontingent setzt und/oder die personale Identität zwischen Inkarnationen leugnet, ist selbstwidersprüchlich. Lernen basiert auf Erinnerung, denn ohne Erinnerung muss man alles immer wieder neu lernen und Entwicklung ist nicht möglich. Identität ist aber auch eine Frage des Gedächtnisse, denn Identität ist nichts anderes, als die Summe der Erfahrungen die ein Lebewesen gemacht hat und macht.
Identität ist eine Relation die transitiv, symmetrisch und reflexiv ist.
- Transitiv: Wenn A mit B und B mit C identisch sind, dann sind auch A und C identisch.
- Symmetrisch: Wenn A mit B identisch ist, dann ist auch B mit A identisch.
- Reflexiv: A ist mit sich selbst identisch.
Wenn wir den Inhalt der individuellen Identität, das Gedächtnis der Erfahrung, hinzunehmen, dann wird klar, dass es keine Identität ohne Erinnerung geben kann. Einen Wechsel der Identität in der Reihe der Erfahrungen kann es nicht geben, denn es handelt sich einfach um andere Identitäten.
Am Beispiel: Frater Scindor Velorum schreibt: "Wäre es tatsächlich so trostlos, die Seele eines geliebten Menschen wiederzutreffen und zu wissen, dass dessen alte Persönlichkeit für immer fort ist?" Hier wird eine Seele mit einer Identität als identisch mit der Seele mit einer anderen Identität gesetzt. Das kann dann nur bedeuten, dass irgendeine Seelensubstanz, die aber nichts mit einer individuellen Identität zu tun haben kann, identisch geblieben ist. Was soll das bedeuten?
Man kann das wohl übertragen auf den Fall, dass ein Körper, der zu einem Zeitpunkt eine geliebte Seele beinhaltet, zu einem späteren Zeitpunkt eine andere, mit der ersteren nichtidentische Seele beinhaltet. Man kann in diesem Fall den geliebten Körper wiedertreffen, aber nicht die Seele die in diesem Körper gewohnt hatte, denn nun lebt eine andere Seele darin. Mir wäre es in diesem Fall ziemlich egal ob die Substanz, hier der Körper, derselbe ist, ich würde die Seele, denn diese habe ich geliebt, nicht den Körper, wiedertreffen wollen.
Eine weitere Überlegung: "der leidenschaftliche Computerspieler in mir, der sich sehr gerne in viele verschiedene Identitäten begibt, fände es wohl auf die Dauer ziemlich langweilig, für immer dieselbe Identität zu besitzen. " Zustimmung, wenn Identität etwas statisches wäre. Aber die Identität einer Seele ist nichts statisches, da sie sich mit jeder neuen Erfahrung verändert. Kontinuierlich sich verändernde Identität, insofern Identitäten, sind die Essenz der Seele. Ohne diese durchgehende Identität wäre es z.B. nicht auszuschließen, dass man immer wieder das gleiche Leben lebt - ohne es bemerken zu können. Was ja nun wirklich die unendliche Langeweile, welche Spannung nur durch Vergessen erzeugt, wäre und Entwicklung jeder Art völlig unmöglich macht.
"Diese Lust an der Kunst ist meine primäre Antriebsfeder, nicht die Angst vor dem Erlöschen meiner Existenz im Tod." Diesem Satz stimme ich voll zu! Das Leben ist ein unendliches Kunstwerk, welches alle meine vergangenen und zukünftigen Taten und Werke umgreift. Der Sinn dieses Lebens ist die Gestaltung der Eschatonischen Evolution: Dies ist mein Wille und mein Zweck und deshalb will ich ewig leben! "... der Tod gebe gerade dadurch, dass der das Leben limitiere, erst einen Sinn" - das ist eine sehr alte philosophische Idee, die in der Moderne z.B. von Camus ausgearbeitet wurde. Ich denke, es ist genau umgekehrt: Der Tod beraubt das Leben jedes Sinns. Dem Tod Sinn zuzusprechen scheint mir eher ein verzweifelter Versuch sich trotz der angenommenen eigenen Vergänglichkeit Bedeutung zuzusprechen. Wenn man Hunger hat, aber nichts zu Essen zu finden ist, kann man ja auch beschließen man sei auf Diät.
Ein letztes: Aus meiner Sicht ist die Erde lediglich der Kindergarten der Immortalisten. Leary brachte das mal auf den Nenner von der Raupe und dem Schmetterling: Wir irdischen Menschen sind Raupen, unsere natürliche Metamorphose ist der Immortalist! Das ist die Leistung die von uns larvalen Lebewesen wirklich gefordert ist und das ist der erste Zweck dieses larvalen Lebens: ein bunter, sich mit den eigenen Flügeln in die lichte Höhe schwingender Schmetterling zu werden. Packen wir es an!



Sicher online kaufen: Bei der Bestellung werden deine Daten SSL verschlüsselt. Nutze Paypal oder Click&Buy zum Bezahlen.