Interview mit Stephen Mace

Fragen und Antworten zu Interview mit AHA, Steffen Siegert, am 12. O9. 2001 in Berlin

Abdruck in der AHA 14. Jahrgang, Heft Oktober/November, S. 12-15 Stephen Mace im Gespräch mit Steffen Siegert.

Zu dem vorliegenden Interview wurden von Steffen Siegert Fragen ausgearbeitet, die Stephen Mace wenige Tage vor seinem Besuch in Berlin - noch in Milford - schriftlich beantwortete. Im Gespräch in Berlin wurden die Antworten dann präzisiert, die Steffen Siegert vorab in übersetzter Form vorlagen.

1. Was ist das zentrale Anliegen deiner Arbeit? Worin besteht die wesentliche Botschaft?

Ich strebe den Zugewinn von Kraft für einzelne Personen an, und alles, was ich schreibe, hat auf die eine oder andere Art damit zu tun. Die Magick besteht darin, "wie es gemacht wird", Politik befasst sich damit, "warum wir es tun müssen", und die Geschichte bedeutet "wie diese Art von Dingen in der Vergangenheit ausgearbeitet wurden". Die Motivation meiner Anstrengungen liegt darin, ein Gefühl dafür zu entwickeln, inwiefern eine Thelemitische Gesellschaft anstrebenswert sei - anarchistisch im Detail, doch außerdem kreativ im Sinne einer weitgehend selbstorganisierten Ordnung. Ich denke, dass das möglich ist, doch nur, wenn Menschen die Kompetenz und Kraft erlangen, sich selbst zu kontrollieren. Der effektivste Weg, dies zu erlangen, sind die Techniken der Magick, was in den Arbeiten von Aleister Crowley ausführlich dargestellt ist.

Doch bin ich dem an der Kabbalah ortientierten Vokabular weniger verbunden, weil ich seit dem dritten Jahr meiner Praxis damit gearbeitet habe, Austin Osman Spares individualistische Erschaffung von Symbolismen zu verwenden - und seine Beschwörungstechnik durch Unterdrückung - , ergänzend zu Crowleys wesentlicher Praxis der astralen Projektion, Yoga und so weiter. Ebenso, wie ich die Aussagen des Liber Al vel Legis und ebenso den Thelemitischen Standpunkt akzeptiere, kann ich in Crowley selbst nicht mehr als den bestinformiertesten Kommentator sehen. So obliegt es jeder Generation aufs neue, die Prinzipien des Buches auf ihre eigene Zeit anzuwenden, und ich sehe es so, dass auf diese Art verschiedene Denker wie Hakim Bey und Oswald Spengler Modelle entwickeln, die das Thelemitische Weltkonzept sinnvoll umsetzen. Doch hängt alles von der Fähigkeit der Individuen ab, ihre eigene Kraft zu fokussieren. Wenn wir in Angelegenheiten des Staates einzugreifen versuchen, bevor wir uns selbst kontrollieren können, dann riskieren wir den Hungertod von Millionen. Das kann nicht im Sinne des Vorhabens sein.

2. Wie würdest du das Neue Äon charakterisieren, und in welchen Maße erwachsen aus der allgemeinen spirituellen Tätigkeit neue Impulse für das Neue Äon?

Ich betrachte das neue Äon als die Zeit, in der Individuen ihre spirituelle Kompetenz erlangen. Um dahin zu gelangen, müssen sie sich darüber im klaren sein, dass die Psyche als ein Stoff zu betrachten ist, der in und jenseits ihrer existiert, ein Rohmaterial, aus dem die Welten eigener Wahl zu erschaffen sind. Die Energien, welche Gedanken, Phantasien, Träume, Verhaltensweisen, Gefühle, Reflexe, Archetypen, kulturelle Unterströmungen und den gewöhnlichen Wahnsinn beleben, ebenso wie Ökosysteme und Geologie, sind alle fähig, Dinge zu erschaffen. Und sie sind dem zugänglich, genutzt zu werden, wann immer wir die Objektivität erlangen können, unser eigenes Bewusstsein als einen Grund zu sehen, der bearbeitet werden muss.

Nur dann können wir das Reich der Psyche gestalten und beherrschen - das, was wir den magischen Raum nennen. Dieses Reich der psychischen Kraft einen "Raum" zu nennen, ist, wie ich zugestehen wollte, an Spengler angelehnt, doch was ich damit heraus arbeiten möchte, ist, dass es sich hierin um einen kosmischen Prozess handelt, der von den gewöhnlichen esoterischen Strömungen nur wenig beeinflusst ist. Der Magicksche Raum wird ausgerichtet werden, weil dies der nächste anstehende Schritt ist. Wir können alles außer uns selbst zu kontrollieren, und wenn das fehlt, dann kann unsere Beherrschung des physikalischen Raumes die Kraft haben, die Welt zu zerstören. Was kontrolliert werden muss, ist die Psyche, und indem wir Übung darin erlangen, sie durch unsere persönlichen Vernetzungen an Licht zu kontrollieren, lernen wir auch, alles jenseits dessen zu kontrollieren und eröffnen damit eine neue Welt.

Ich glaube, dass die gewöhnlichen esoterischen Strömungen eine Begleiterscheinung dessen sind, was man den Untergang des Abendlandes nennt. Der westliche Imperialismus dehnt sich über den Erdball aus und unterjocht ihn. Nun, da seine Kraft abebbt, arbeitet sich der Rest der Welt in der Art der ursprünglichen Verbindungen durch, indem der Westen mit kulturellen Fäden aller Art und Güte durchzogen wird. Das geht soweit, dass darin Techniken eingeschlossen sind, die uns helfen, mit der Psyche umzugehen - die verschiedenen Formen des Yoga sind das offensichtliche Beispiel - und somit hilfreiche Vorbereitungen für die magicksche Praxis sind. Andererseits kann der kommerzielle Firlefanz in der Esoterik, der in der populären Kultur so deutlich herausragt, letztlich nur dazu dienen, einen Begriff davon zu geben, dass so etwas wir Magick real ist. Wenn es den Leuten genügend Neugier macht, das sie die Mühe auf sich nehmen, selbst zu arbeiten, dann ist es gut.

Anderenfalls ist das alles für Thelema nicht wichtiger als Fußball oder Film. All der Stoff des Bewusstseins muss verwendet werden, um den Willen zu erfüllen. Das ist nur dann möglich, wenn wir über die Disziplin verfügen, Angst und Verlangen beiseite zu lassen, so dass wir Bewusstheit als eine Manifestation roher psychischer Kraft begreifen können und nicht als eine Art von Fenster zur Wahrheit hin. Die Praxis des Yoga kann einem helfen, diese Disziplin zu erlangen. Eine Psychohotline wird dies nicht leisten können.

3. Wie sieht es in den USA aus? Welche Kräfte formieren sich dort in Bezug auf das Neue Äon? Welcher vorherrschende Blickwinkel besteht von seiten der amerikanischen Magieszene nach Europa hin?

Einerseits sieht es so aus, dass Amerika der Nabel des Tieres ist, der Brennpunkt der Vereinigten Weltordnung, das inkarnierte Babylon (und ich würde anmerken wollen, dass ich "Babylon" in dem Falle mit einem "y" buchstabiere).

In diesem Sinne ist sein kultureller Dünkel nahezu schwindelerregend, und die Türen stehen dem weit offen, der überhaupt etwas Individuelles versuchen möchte - einschließlich Thelema - einfach da es mit zeitlichem Wohlstand und Macht so beschäftigt ist, dass es etwas Esoterisches überhaupt nicht wahrnehmen kann. Andererseits ist Amerika auch ein Land, das von archaischen Theismen besessen ist, speziell dem Christentum, weshalb ich das Thema so oft ich kann in meinen Schriften behandle. Obschon diese Besessenheit eine Atmosphäre hervorbringt, die der Magie scheinbar feindlich entgegensteht, werden okkulte Phänomene als real angenommen, was letztlich einem Einbruch die Tür offen lässt. In jedem Fall - wenn man Jesus von Nazareth selbst mit Respekt behandelt und lediglich das Christentum als die Erfindung eines sündenbesessenen, selbstgerechten und dünkelhaften Menschenfeindes betrachtet - nämlich des Saulus von Tarsus -, dann kann man davon ausgehen, dass man respektvoll angehört wird. Bezüglich dessen, wie Europa seitens der amerikanischen magickschen Szene betrachtet wird, ist es viel schwieriger, etwas zu sagen.

Zuallererst ist da der auffallende amerikanische Provinzialismus, der durch Crowley in seinen Bekenntnissen treffend beschrieben wurde. Es ist jetzt nicht mehr so extrem wie damals, weil imperiale Verpflichtungen in keine andere Richtung als zur Öffnung einer Kultur hin arbeiten können, aber noch immer erlangt man den Eindruck, dass die meisten Amerikaner - die Okkultisten eingeschlossen - nichts außerhalb des eigenen Bürgersteiges mitbekommen. Zweitens ist es schwer, über die amerikanische Magieszene zu schreiben, weil ich mein Leben nicht darauf verwetten würde, dass es da überhaupt jemals eine gab. Natürlich ist es gemeinhin üblich, im Internet groß und breit zu debattieren, einschließlich der OTO-Kontroversen in rauen Mengen, doch könnte ich nicht behaupten, dass es außerhalb des Netzes irgendeinen Ort mit einer Art Szene gäbe.

Es gibt kaum ein paar erwähnenswerte Zeitschriften, und auch das ist Jahre her. Ich denke, dass vielleicht dem Internet die Tendenz innewohnt, diese Art von Dingen zum Erliegen zu bringen. Es ist unvergleichlich mehr Spaß dabei, wenn man in Foren und Chatrooms in irgendeine Art von ungeregeltem Dialog hineingeht als sich der soliden Arbeit zu unterziehen, die getan werden muss, wenn man einen Text für eine Veröffentlichung schreiben und überarbeiten will sowie den Text zu gestalten, zu veröffentlichen und zu verteilen. Und wenn es denn keine Zeitschriften gibt, bleiben die Neuentwicklungen in der Magie privat, und es gibt dazu keinen gesellschaftlichen Kommentar.

Um damit also deine Frage zu beantworten, wie Europa von der amerikanischen Okkultszene her betrachtet wird, kann ich nur davon ausgehen, wie ich es selbst sehen würde - ich betrachte es als fruchtbaren Boden für alle Arten von magickschem Wachstum. Und dies wiederum trifft speziell auf Deutschland zu, wenn man all die politischen und sozialen Turbulenzen einrechnet, durch das es während ungefähr der letzten 85 Jahren hindurch gegangen ist. Die Formen des Osiris wurden in einem tiefen Sinne eingelöst, und so gibt es nichts, was die Entwicklung derer des Horus hemmen könnte. Nur Selbstzufriedenheit und Verhaftung im Materiellen könnte dies zurück halten, und in dem Maße, wie sich das deutsche kommerzielle Establishment in die geschäftlichen Notwendigkeiten der Vereinigten Weltordnung schrittweise einfügt, wird die Leere der diesbezüglichen Versprechungen offenbar werden, und damit werden die Gelegenheiten für Thelemitische Reaktionen herausragend sein.

4. Wenn man den Beginn des Christentums analysiert, dann wurden anfangs Jesus und seine Anhänger als Schwärmer betrachtet. Später trugen sie ihre Lehren Intellektuellen vor, was die neue Lehre als ernsthaft geprüft und propagiert erscheinen ließ. Ist die Thelemitische Bewegung/Bewegung des Neuen Äon heute auf einem solchen intellektuellen und philosophischen Niveau, dass man sie nicht länger als esoterischen Unsinn abtun kann?

Es hat für die Erlangung einer philosophischen Akzeptanz für Thelema zwei große Barrieren gegeben: die Terminologie und das Eigeninteresse des intellektuellen Status quo. Die Terminologie stellt ein Problem dar, weil Crowley zu allererst und vor allem ein Magier der Hermetischen Tradition war, und das moderne intellektuelle Establishment stammt direkt von einer Tradition ab, die viel Mühe darauf verwandte, vor 300 Jahren all das abzustreifen und hinter sich zu lassen. Er betrachtete die Sterne und Planeten nicht nur als Beschreibungen wirkender Kräfte, sondern sein Denken war im Ganzen an die Hermetische Kabbalah gebunden - für gewöhnliche Akademiker Geschwätz und für die jüdischen Anathema, weil es sie entweder an den Aberglauben ihrer Vorfahren erinnerte oder weil es eine Korruption der Heiligen Namen durch Nichtjuden darstellte.

Insofern Crowley eng mit diesen Symbolismen verbunden war, hebt er oft heraus, dass die Kabbalah der eine Wahre Weg ist , alle Dinge zu betrachten, und zwar viel mehr als ein Werkzeug, Kraft zu beschreiben und zu manipulieren sowie die Reaktionen der zurück kehrenden Kraft zu interpretieren. Doch ist der unbewusste Geist in hohem Maße ursprünglich ungeformt und wird jedes in sich folgerichtige und ausgewogene System annehmen, das man auf ihn projiziert. Das ist die Lehre, die wir aus der Tatsache zu ziehen haben, dass all diese anderen Systeme - vom Voodoo bis zum Taoismus - anscheinend effektiv sind sowie aus dem Werk von Austin Spare, der ausführte, dass es am besten ist, wenn wir unser eigenes System ausarbeiten, als wenn wir uns eingliedern. Die Chaosmagie hat große Verdienste in der Ausarbeitung der diesbezüglichen Technik, und im wesentlichen würde ich mich selbst als einen häretischen Chaosmagier betrachten wollen, wobei meine Häresie in der freien Akzeptanz von Thelema und dem Heiligen Schutzengel besteht. So ist die Kabbalah eine symbolische Vereinbarung und die Gemmatria ein Weg, unerwarteten Verbindungen Geltung verschaffen zu können.

Wenn man es in diesem Lichte betrachtet, dann ist Crowleys Werk vollkommen folgerichtig und klar, indem es einen Weg eröffnet, effektive Magie zu verfolgen, ganz gleich, ob man nun die Kabbalah benutzt oder nicht, solange man sich in wesentlicher Harmonie mit der Thelemitischen Geisteshaltung befindet. Doch ist es aus allen diesen Gründen schwierig, ein ernsthaftes Wort hierzu von den Intellektuellen unserer Zeit erwarten zu wollen. Auch meine ich diesbezüglich, dass das mehr mit ihnen als mit uns zu tun hat. Sie haben noch nicht die Geisteshaltung entwickelt, die es ihnen erlauben würde, Kraft als solche zu verwenden, und so ist es verlorene Mühe, ihnen Argumente in Begriffen der Kraft nahebringen zu wollen. Es ist auch nicht zu ihrem Vorteil als Akademiker, die Arbeit zu verrichten, die sie befähigen könnte, Kraft effektiv zu verwenden. Das würde dazu führen, dass sie ihrer heiligen Objektivität verlustig gehen könnten (die selbstverständlich nicht existiert noch existieren kann), und so betrachten sie uns als inkonsequente Schwärmer. So meine ich, dass es mehr eine politische Frage ist, als dass sie die intellektuelle und philosophische Reife unserer Arbeit beleuchten würde. Und natürlich ist es so, dass politische Macht aus Gewehrläufen erwächst.

Was würde ich letztlich über eine Lösung dessen sagen wollen. Wir müssen einfach dran bleiben, unsere Magick und die Zaubereien solange zu entwickeln, bis sie in ihrem Effekt so schnell und sicher werden, dass Thelema als eine Notwendigkeit betrachtet wird, das Mittel der Wahl für die Menschheit, wenn es darum geht, eine Technologie für eine allvermögende Individualität zu entwickeln. Das Christentum verlor seinen alten Ruf, Wahnsinn zu sein, als es zeigte, dass es in der Lage war, sich selbst in beständigen Glaubensgemeinschaften zu organisieren, Gemeinschaften, die viele soziale Probleme lösten, mit denen die alte Welt sich noch nicht einmal befasste. Das bedeutet, dass es dann, als es reale Macht zeigte, respektabel wurde. Wenn wir das gleiche können, wird es eben den Effekt hervorbringen.

5. Heute gibt es praktisch keinen Zweifel mehr daran, dass der moderne Mensch in seiner Evolution das Tier-Mensch-Stadium durchlaufen hat. Würdest du unsere Zeit als die Zeit des Überganges vom Menschen zum Übermenschen sehen wollen · was man als einen Menschen bezeichnen könnte, der sich von den Fesseln des Fleisches und der Biologie befreit hat?

Ich sehe keinerlei biologische Veränderung, solange wir nicht in der Lage sind, Kinder im Weltraum zu erzeugen. Dann kann es sein, dass es spontane Lösungen der Probleme in Form von Knochenentkalkung, Verdauung und so weiter geben kann. Doch wird damit eine andere Frage beantwortet. Ich glaube nicht, dass das Biologische als eine Begrenzung gesehen werden sollte. Das Biologische ist ein Reich des Diskurses, in dessen Termini wir unseren Willen manifestieren können, das notwendige Medium für den "Schmerz der Trennung" und die "Freude der Vereinigung". Ich denke, dass das Problem mehr in unserer Entfernung vom Biologischen als in irgend einer Art von Bindung an dieses liegt, und ich meine, dass die gegenseitige Durchdringung des Biologischen und Spirituellen weitgehend damit zu tun hat, womit sich das Neue Äon befasst. Dies kann magisch durch die Taoistischen Abwandlungen des Kundalini Yoga erreicht werden, unter Zuhilfenahme natürlicher Elementale und der Bereitschaft, den Kraftfluss durch alle Dinge anzuerkennen. Die Verschmelzung des Fleisches mit dem Geist verleiht dem Fleisch endloses Potential der Verfeinerung und Erneuerung, wenn der Geist dies so will. Indem wir das Fleisch vergeistigen, transzendieren wir seine Begrenztheiten. Wir verwanden uns in das zeitweise Vehikel unserer zeitlosen Bestrebungen. Doch ist am Ende der Tod unausweichlich.

Unsterblichkeit ist nicht möglich innerhalb eines Schemas, in dem der Tod aus dem Leben heraus erwächst. Fleisch, das mit Geist verschmolzen wird, kann Dauerhaftigkeit erlangen, Elastizität - fähig, fortzubestehen, bis es ebenso Äther wie Muskel und Knochen ist. Und wenn jemandes Arbeit, für die er berufen ist, getan ist - und die Person, die dieses Niveau der Kompetenz erlangt, wird wissen, worin die Arbeit, zu der er oder sie berufen ist, besteht, und ebenso, wenn sie vollbracht ist - dann wird man das Körperliche abfallen lassen und seinen vervollkommneten Lichtkörper in den Turbulenzen, aus denen der Tod besteht, auf die Probe stellen. Das ist alles, was ich darüber zu sagen wage.

Stephen Mace P.O. Box 256 Milford, Connecticut

06460-0256

Copyright©2001 durch Stephen Mace

Ins Deutsche übersetzt von Barbara Roca

Interview, Teil 2

November2001 Fragen: Steffen Siegert Text: Stephen Mace Übersetzung: Barbara Roca

Du warst für drei Wochen in Berlin, ich glaube, zum ersten Mal. Du bist mit vielen Leuten zusammen gekommen, hast eine Menge diskutiert, Interviews gegeben und bist insgesamt mit viel Neuem bekannt geworden. Welche Eindrücke und Reflexionen hast du nach Amerika mit zurück genommen?

Meine wichtigsten Eindrücke hatten mit den Personen zu tun, die ich traf und mit denen ich die Zeit verbracht habe, doch ist das eine Sache zwischen uns, die ich hier nicht ausführen will. Dann gab es da Dinge, die andere Leute vielleicht als trivial betrachten würden, und vielleicht sind sie es auch, die mir nicht aus dem Kopf gehen. Sachen wie gepflasterte Straßen, mit Stuck bedeckte Fassaden, das Wetter, die Umgebung und ein ausgefeiltes System des innerstädtischen Transportes und Verkehrs. Die Berliner sind übrigens auch nicht annähernd so dick wie die Amerikaner, und das mit all dem süßen Backwaren hier. Freilich könnte sich das mit drei Mac-Donalds-Filialen in einem Umkreis von 200 Metern von der Gedächtniskirche weg schnell ändern.

Vielleicht irgendwelche Eindrücke mehr magischer Natur?

Hauptsächlich der, dass die Reise eine Art Einweihung war, ein gewaltsamer Stoß in ein Reich hinein, wo Kraft mehr bedeutet als Stoff. Dieser Prozess hat sich seit meiner Rückkehr fortgesetzt, und sollte er auch nicht mehr so intensiv sein, so hat doch seine Bedeutsamkeit begonnen, ins Dichte hinabzusinken, und ich kann absehen, dass es Wege gibt, die gegangen werden müssen, bevor er vollendet ist. Doch wird das langwierig sein.

Sind deine Erfahrungen hier von dem Angriff am 11. September geprägt worden?

Es ist mehr so, dass meine Erfahrung des 11. September davon geprägt wurde, dass ich hier in Deutschland war. Wäre ich zu Hause gewesen, dann wäre ich in dem amerikanischen Realitätskonsens inbegriffen gewesen, so wie er sich nach dem Angriff herausbildete. In Berlin war ich davon völlig isoliert, und meine Teilhabe am deutschen Konsens war minimal - sowohl auf Grund der sprachlichen Probleme als auch auf Grund dessen, dass die aufgeklärteren Deutschen, mit denen ich zusammen war, nicht so schnell bereit waren, sich da hinein zu begeben. Doch war es offensichtlich, dass die Realitäten Tag für Tag miteinander verschmolzen und sich wieder zerstreuten, und im Moment scheinen sie kaum eins miteinander zu sein. Ich bin mir auch sicher, dass ich nicht zu dieser Betrachtungsweise gekommen wäre, hätte ich nicht einen so entfernten Platz eingenommen, von dem aus ich alles in entfalteter Form beobachtete.

Es ist, als befände sich alles in einem Schwebezustand, unbeweglich und noch an seinem Platz, doch sind die Dinge auch nicht wirklich miteinander verbunden und insofern empfindlich für die leiseste Berührung. Solche eine Berührung kann von jeglicher Ebene kommen - der okkulten so gut wie der politischen, militärischen oder ökonomischen - und kann effektiv sein, ganz gleich, was ihr Ursprung ist. Dann hier in Deutschland zu sein - ja, das war der perfekte Tempel für diese partielle Einweihung.

Wie das?

Zum Teil hat es mit der einfachen Tatsache zu tun, dass das hier nicht zu Hause ist, es ist nicht Amerika, ist nicht, womit ich vertraut bin. Es ist natürlich westlich, so wusste ich, woran ich war, doch ohne Sprachbeherrschung nimmst du andere Dinge wahr, bevor du die Wörter versteht, und das versetzt Dingen gerade dort eine Anschub. Es hat auch mit der Geschichte zu tun, die hier so offensichtlich ist. Natürlich bringt der Wechsel der Zeiten in der Geschichte, so wie man ihn definiert, verschiedene Wirklichkeiten mit sich, und an einem Platz zu sein, über den so viele Zeiten hinspülten und so viele Artefakte aus Wirklichkeiten zu sehen, die kamen, gingen oder unvermeidlich zu gehen haben - von der Zitadelle über Sanssouci und Babelsberg bis zur Mauer und (auf der Höhe der Zeit) den Potsdamer Platz - das war tatsächlich die perfekte Umgebung, um diese Art von Einsichten zu befördern. Ich habe auch das Gefühl, dass es da tiefere Schwingungen gibt, die aufgenommen werden müssten, so als wenn all diese zurückweichenden und anrollenden Gezeiten etwas Ursprüngliches aus der deutschen Landschaft aufgerufen hätten. Vielleicht, dass durch die aktuellen Schwierigkeiten, die die gegenwärtige Unordnung als den seichten Schaum zeigen, die sie ist, diese Schwingungen leichter wahrgenommen und gesteigert werden können.

Daher würde ich anmerken wollen, dass diejenigen, die Horus und Saturn nördlich von Tempelhof anrufen, sich sicherlich am rechten Ort befinden, um diese Art von Arbeit zu verrichten, und ich zweifle nicht daran, dass es andere Identifikationen des Platzes mit der Kraft gibt, die man finden könnte, wenn man den Omen, der Landschaft und den Artefakten, die aus ihr hervorgehen, eine genaue Aufmerksamkeit zuwendet. Ebenso anderen Aspekten. Ich persönlich schien eine exzellente enge Verbindung zur preußischen königlichen Familie zu haben, insofern das Wetter, das während meines Aufenthaltes für gewöhnlich regnerisch war, immer dann aufklärte, wenn ich mich einem ihrer Tempel näherte. Das Anschauen eines Videos über Wilhelm II (Majestät brauchen Sonne - Peter Schamoni) schien auch eine effektive Magick für einen sanften Heimweg zu sein. Wenn man ihre fünf Jahrhunderte des Einflusses auf Brandenburg sehen wollte, dann würde ich annehmen, dass die Hohenzollern einen Egregor etabliert haben, der mit dem Land verbunden ist und sich auf ihre verschiedentlichen Residenzen konzentriert, einer, der Gunst erweist, wenn man ihm mit dem angezeigten Respekt begegnet. Diese Art von Egregor kann in nur 85 Jahren nicht zerstreut werden, besonders, wenn die Tempel so wohl erhalten sind, und wenn Leute wie wir ihn ausrichten, so als wenn er noch gegenwärtig sei und ihn mit unserer Aufmerksamkeit und unserem Respekt ernähren, dann kann er seine Kraft unendlich lange bewahren, und ebenso seine Fähigkeit, Gunst zu erweisen.

Im Werk von Hakim Bey und Oswald Spengler siehst du Modelle entwickelt, die "das thelemitische Modell nützlich ausfüllen". Im GOLEM - Grüße an den Hadit Verlag - und in der AHA sind Texte von Bey und Auszüge aus deinem Spengler-Essay veröffentlicht worden. Könntest du noch einmal zusammenfassen, worin du den wesentlichen Kern der Arbeit dieser beiden Autoren siehst?

Ich sehe Bey als eine Quelle der Analyse, Strategie und Geisteshaltung, die dafür brauchbar ist, mit der Situation umzugehen, wie sie sich im Moment darstellt. Spengler bietet andererseits einen Überblick über einen größeren Prozess an. Indem die Art und Weise analysiert wurde, in der Kulturen in den letzten 5000 Jahren aufgestiegen und niedergegangen sind, teilt er uns etwas über die Phasen mit, die der Westen wird zu durchlaufen haben, wenn er aus seiner Bedingtheit kultureller Kraft herausfällt und in den dekadenten Zustand der Zivilisation übergeht und welche Umstände jede Phase des Abstieges begleiten werden. Ich glaube, wenn wir irgend etwas Neues aus dem gängigen Morast heraus bringen wollen, müssen wir wissen, wie das zu bewerkstelligen ist und wann - und sowohl Bey als auch Spengler können uns hier helfen - Spengler, indem er uns sein Modell der kulturellen Evolution liefert und Bey, indem er eine Art von Politik des Lichts anbietet.

Politik des Lichts?

Ich ziele nicht auf etwas wie New Age oder anderen Blödsinn in der Art ab. Es ist, als wenn Bey die psychischen Kraftströme anerkennt, die das Zentrum der Politik sind, so wie sie heute ausgeübt wird und dann anarchistische Antworten anbietet, die diese Kraftströme in Rechnung stellen. Jeder Anarchist, der Kraftströme anerkennt, wird sich so nahe am Thelemitischen befinden, dass man keinen Unterschied ausmachen kann, und so verhält es sich mit Bey. Sein Konzept der Medientotalität ist unbezahlbar.

Erkläre uns die Medientotalität bitte näher.

Der wesentliche Punkt liegt darin, dass die ganze Fassade von Unterhaltung/Nachrichten/Reklame/Feierlichkeiten, die von der Vereinigten Weltordnung - was Bey ganz einfach "Kapital" nennt - als Ersatz für Realität vorgestellt wird, sich selbst erhält, indem es sich von der Kreativität derer, die sich ihr entgegen stellen, ernährt - indem diese Kreativität verdaut wird, um die eigene Fassade, ständig auf dem laufenden zu sein, aufrecht zu erhalten. Diesen Prozess der Verdauung nennt Bey "Vermittlung" - Mediation, was darin besteht, die Gegenwärtigkeit des eigenen Lebens auf toten Text reduziert zu haben - Kritzeleien auf Papier, Pixels auf einem Bildschirm, Impulse auf einem Tonband - wobei die Lebenskraft, die dies ursprünglich animierte, herausgezogen ist, um die glänzende Fassade der Totalität von dem, was wirklich ist, zu nähren. Beys Vorschlag ist es, die Wirklichkeit, die die Totalität vorstellt, als illusorisch zu entlarven, ein Konstrukt des Kapitals, Werkzeug des Kapitals, die Kontrolle aufrecht zu erhalten.

Und was schlägt er vor?

Für Zwecke der Verteidigung ist seine bekannteste Strategie die Zeitweise Autonome Zone, oder (TAZ - von Temporary Autonomous Zone - Anm. d. Übers.). die Idee dabei ist, dass die geistesverwandten Opponenten des Status quo zeitweise zusammengehen, völlig außerhalb der staatlichen Kontrolle, und sich dann auflösen und verschwinden, sobald der Staat beginnt, sie in den Blick zu nehmen und zu lokalisieren. Bey bietet als Beispiel dafür die verschiedensten Dinge an - von den Zusammenschlüssen der Piraten im 17. Jahrhundert bis zu gegenwärtigen Hausbesetzern, Zusammenschlüssen von Drogendealern, okkulten Orden und Leuten, die für gewöhnlich der Gruppe Grateful Dead durch ganz Amerika nachziehen. In jedem Fall werden die Insider der Zone die Wirklichkeit, die durch die Totalität aufgesetzt wird, ablehnen und alles tun, um sie auseinanderzubrechen, um sodann die Erschaffung einer Wirklichkeit zu ermöglichen, die ihren eigenen Bedürfnissen entspricht.

Für den Angriffsfall empfiehlt Bey das, was wir "poetischen Terrorismus" nennen, welcher Name nun mittlerweile eine düsterere Aura hat, als er das noch vor dem 11. September hatte. Grundsätzlich bedeutet es, "öffentliche Kunst" an ungeeigneten oder unerwarteten Stellen in ungeeigneter Art zu plazieren oder auszuüben. Es kann irgend etwas sein, von Xerox-Abzügen, die unter die Scheibenwischer von Autos geklemmt werden bis zu ganzen Tanzdarbietungen inmitten einer Kreuzung im Berufsverkehr. Es könnte unangekündigtes Theater an öffentlichen Plätzen sein, sagen wir ein Paar, das im Einkaufszentrum eine Dialogszene aus einem Stück von Tennessee Williams aufführt. Natürlich sind solche Aktionen an der Grenze zum Illegalen, doch Bey teilt uns mit, dass die beste Vorstellung des poetischen Terrors darin besteht, sich nicht erwischen zu lassen.

Zur Erinnerung: Der Vorsatz besteht darin, den Sinn der Zuschauer für Routine zu brechen, ihre Selbstvertrauen, dass ihre Routine Realität definiert und eine Wirklichkeit zu konstituieren, die völlig verschieden von dem ist, was die Totalität mit dem kommerziellen Glamour aufzusetzen versucht. Der eigentliche Terrorismus tut das natürlich auch, insofern nur für einen Moment entfernt von den ersten Reaktionen von Zorn und Angst, Heroismus und Schmerz eine neue Wirklichkeit so plötzlich aufscheint, dass man sich nur schwerlich daran erinnern kann, was man im Moment des Bruches fühlte. Trunkenheit zum Beispiel, insofern sie einen nicht notwendig von den Dingen entfernt, hinterlässt einen viel länger anhaltenden Bruch, wennschon unendlich viel subtiler.

Das heißt, Bey meint, ein wahlweiser Wechsel der Wirklichkeiten sei optimal.

Also, er nennt sich selbst einen ontologischen Anarchisten, und insofern die Ontologie der Zweig der Philosophie ist, der sich mit dem befasst, "was ist", würde das augenscheinlich daraus folgern. Und selbstverständlich ist eines meiner eigenen Hauptaxiome, dass Realität der objektive Niederschlag eines subjektiven Prozesses ist. So ist das, was herauskommt, tatsächlich real, doch der Prozess, es herauszustellen, hat mehr mit Bewusstsein zu tun - entweder dem menschlichen, oder dem einer Pflanze, eines Tieres oder irgend einer Gottheit oder Intelligenz, die von diesen unabhängig besteht - als mit der Realität, die vorher existierte.

Es scheint, dass wir auf diesen Begriff der veränderlichen Wirklichkeiten zurück kommen. Könntest du ihn auch auf Spengler beziehen?

Im weiteren Sinne schon. Selbstverständlich arbeitete Spengler seine historische Morphologie vor dem Ende des Ersten Weltkrieges aus, so dass die ganze Postmoderne - wie Dada und der Surrealismus -, die Leute wie Bey beeinflussten, eine ganze Weile nach der Zeit aufkamen, in der er zu seinen Schlüssen kam, und in jedem Fall war er zu konservativ, um von der Avantgarde beeinflusst gewesen zu sein. Und außerdem hat ihm zufolge jede Kultur ihren eigenen Zugang zur Wirklichkeit, und es ist in eben dieser speziellen Wirklichkeit, dass sie ihr einzigartiges Schicksal ausarbeitet.

Wie unterschied er diese Wirklichkeiten voneinander? Was macht den Unterschied zwischen der einen und der anderen aus?

Für Spengler war die Grundlegung der Wirklichkeit einer Kultur die Art von "Raum", den diese Kultur als ihre zu erobernde Welt anerkannte. Die Fokussierung der Gesellschaft auf diesen Kampf ist es, was ihnen die Kraft gibt, Hochkultur hervorzubringen. Es ist ihre nachlässige Trägheit im letztlichen Sieg, die zum Abstieg der Kultur führt.

Für Spengler liegt der Impuls hinter der Kultur darin, die Unvermeidlichkeit des Todes wahrzunehmen und zu erkennen, dass der Intellekt die Lebenskraft - das Blut - darin unterstützen kann, den Tod zurück zu drängen. Wenn diese Anstrengung sich auf die Familie und den Clan - mithin den Leib unserer Mutter Erde - beschränkt, dann ist das Ergebnis die Stammeskultur - begrenzt in ihren kulturellen Möglichkeiten, doch fähig, Jahrtausende zu überdauern, ohne dem Aufstieg und Fall zu unterliegen, der für Hochkulturen charakteristische ist. Hochkultur kommt dann auf, wenn eine elitäre Gruppe von Personen- diejenigen, die ihre erste Aristokratie bilden werden - eine spezielle Art von Raum erkennen und aufbrechen, ihn zu beherrschen. Die Kultur beginnt diese Suche, indem sie vor Blut pulsiert, vom Intellekt nur dürftig zurückgehalten, doch jede Stufe der Raumbeherrschung erfordert weitere Konstruktionen des Intellektes, dessen Komplexität den Blutfluss nur abschnüren kann. Zu dem Zeitpunkt, da der Raum völlig erobert ist, wird dieser Fluss tatsächlich geschwächt sein, doch wird das unter den Umständen keinen Unterschied machen. Die Welt, die die Kultur anerkennt, wird unter ihrer Kontrolle sein. Alles, was erwartet wird, ist Geld zu machen. In diesem Moment ist die Kultur zu Ende gekommen, und der lange Abstieg der Zivilisation beginnt.

Was ist dafür der historische Zeitrahmen? Haben Spenglers Kulturen eine charakteristische Lebensspanne?

Jede Kultur dauert über tausend Jahre an. Die Dauer der Zivilisation kann von einigen wenigen Jahrhunderten bis zu Jahrtausenden andauern, was von solchen Faktoren wie geographischer Isolation abhängt und davon, was für Sorten räuberischer Volksstämme über den Horizont herauf ziehen, um ihr Fleisch zu fleddern und ihre Knochen zu verputzen.

Würden Bin Laden und seine Landsleute diese Rolle ausfüllen können?

Auf keinen Fall. Um bei Spengler zu bleiben müsste man sagen, dass die westliche Kultur ungefähr um 1050 begann. So tritt sie eben gerade in den Abstieg der Zivilisation ein, und in diesem Zustand ist sie unschlagbar. Bin Laden und seine Anhänger sind nicht besser dran als die Juden in ihrem Kampf gegen Rom im ersten und zweiten Jahrhundert. Natürlich war es für die Römer nicht leicht, sie niederzuschlagen, und die Unruhen waren nicht allein auf Palästina beschränkt. Doch waren sie keinesfalls die Ursache für den Fall Roms.

In den Gesprächen mit dir spielt immer wieder der Raumbegriff eine Rolle. Welche Differenzen kannst du da ausmachen?

Jede Kultur richtet den Raum in einer einzigartigen Art und Weise aus, und in der Folge dieser speziellen Zugänge kommen verschiedene Wirklichkeiten auf. Für die alten Ägypter war der Raum die Linie von der Geburt bis zum Tod und dann die Wiedergeburt im Nachleben. Der klassische Begriff war rein lokal. Die Kultur, die Spengler die magische nannte - Juden, Christen, Araber, Osmanen - definierten ihren Raum als das, was Spengler den "dogmatischen Raum" nannte. Das ist ein geschlossener Raum, der durch die Wahre Religion definiert ist; er existiert in der zwischen Schöpfung und Apokalypse beschlossenen Zeit, und jede Abteilung jeder Wahren Religion formt ihre eigene transnationale, transethnische Gemeinschaft aus, um ihre spezielles Reich zu bewohnen. Und für den Westen - das, was Spengler "faustische" Kultur nannte - besteht der Raum einfach in den drei Dimensionen des physikalischen Raumes. Die ursprüngliche faustische Manifestation besteht in der Technik, die alles, was auch immer diese Dimensionen bewohnt, ihrer Kraft untertan macht.

Für Spengler war die Annäherung einer Kultur an den Raum ein primäres Symbol. Das heißt, dass es niemals explizit ausgedrückt wird, doch es erscheint in allen anderen symbolischen Manifestationen der Kultur - ihrer Architektur, der Politik, den darstellenden Künsten, der religiösen Praxis, der Mathematik und so weiter. Daher war für die klassische Kultur Politik etwas Lokales. Die übliche Regierungsform war der Stadtstaat, und selbst Rom sah sich selbst in der Anfangszeit des Imperiums so. Mathematik war ebenfalls etwas Lokales, und Geometrie war, was man mit einem Stift in den Sand malen konnte. Wenn etwas nicht lokal zu erfassen war, dann interessierten sie sich nicht dafür. So wie bei Euklid - das Postulat der Parallelen ist eben genau das, - ein Postulat. Die griechischen Geometer wussten, dass man es nicht beweisen konnte und waren an einer Alternative nicht interessiert. Genauso sind die modernen Denker nicht interessiert an irgend welchem Raum jenseits der drei Dimensionen des physikalischen Raumes und der physikalischen Technik, die diese kontrolliert.

Was ist mit Einstein?

Eine gute Frage. Man kann es auf zwei Arten betrachten: Entweder hat der physikalische Raum tatsächlich vier Dimensionen, und die Relativitätstheorie befähigt uns just, sie tiefer zu beherrschen, oder die Relativität war eine Art Ketzerei, und die Tatsache, dass sie angenommen wurde, ist ein Hinweis darauf, dass zu Einsteins Zeit der Westen seine kulturschaffende Kraft zu verlieren begann und in die Dekadenz der Zivilisation eintritt. Ich denke, dass ersteres eher zutrifft. Die physikalische Evidenz ist das, was die Entwicklung der Theorie beflügelte. Einstein hätte nicht daran gearbeitet, wenn es da nicht ein Problem mit der Übereinstimmung der Tatsachen gegeben hätte.

Ja, aber was meinst du damit, dass der Westen seine kulturschaffende Kraft verliert?

Wenn eine Kultur jung und voller Blut ist, ist sie viel weniger in der Lage, fremden Annäherungen an den Raum ein Erblühen in ihrer Einflusssphäre zu erlauben. Ein gutes Beispiel dafür ist das, was die Gegenreformation mit der Hermetischen Strömung tat, die während der Renaissance aufkam. Agrippa hatte sich mit Frömmigkeit bedeckt zu halten, Bruno wurde verbrannt, und die rosenkreuzerische Bewegung wurde während des Dreißigjährigen Krieges untergepflügt, wobei nur einzelne Zweige der Freimauerei heraussprießen konnten. Erst während des letzten Jahrhundert konnte die Hermetische Strömung es wagen, sich wieder zu zeigen. Und sogar dann konnten Hermetiker wie Wynn Westcott, einer der Begründer des Golden Dawn, aus dem Orden heraus gezwungen werden, da die Angst bestand, man könnte seine öffentliche Position verlieren. Eine völlige Missachtung öffentlichen Missfallens war eines der Dinge, die es Aleister Crowley erlaubten, eine so wichtige Arbeit zu verrichten. Er sicherte ab, dass er keine gesellschaftliche Position hatte, die er hätte verlieren können und war daher frei, die magicksche Erneuerung ohne Hemmungen voranzutreiben.

Doch ist erst einmal der Zustand der Zivilisation erreicht, ist dieser kulturelle Puritanismus hinfällig. Der soziale Zusammenhalt wird ersetzt durch Splitter- und Interessengruppen, und die gesellschaftliche Landkarte beginnt abzubröckeln. Die Philosophie jemandes wie Hakim Bey hätte niemals aus irgendeiner kraftvollen Kultur heraus, die auch immer die Welt gesehen hätte aufsteigen können, doch ist sie für eine Zivilisaton nicht so unüblich. Es ist nicht so, dass der Geisteszustand der Denker notwendigerweise in Zivilisationen so verschieden von dem in Kulturen ist, sondern mehr so, dass die gesellschaftlichen Realitäten, die sie beschreiben, in einer kulturellen Phase tatsächlich von strengerem Zusammenhalt sind als in der zivilisierten. Während der kulturellen Phase gibt es unbekannten Raum zu erobern, so dass die Einheit wesentlich ist. Doch in der Zivilisation ist die Beherrschung vollständig, und jeder ist nur daran interessiert, sein der ihr eigenes Nest auszupolstern. Zwischen den Nestern tauchen Lücken auf, und diese sind wesentliche Risse in der Welt. Diese Risse sollten durch einen jeden angegangen werden, der nach den noch nicht begriffenen Räumen sucht, da es hier ist, wo man sie finden wird.

Wenn man nach dem Titel des Absatzes aus deinem Spengler-Essay gehen wollte, der in der AHA veröffentlicht wurde, dann würdest du persönlich nach dem magischen Raum suchen.

Ja, um ihn als die Domäne der kommenden Kultur anbieten zu wollen. Per definitionem ist der magicksche Raum der Raum, in dem man Magick betreibt. Wenn Realität der objektive Niederschlag eines subjektiven Prozesses ist, dann ist der magicksche Raum das, worin dieser Prozess stattfindet. Mit der faustischen Beherrschung des physikalischen Raumes können wir alles außer uns selbst kontrollieren. Die Kombination von faustischer Technik mit der magischen Apokalyptik stellt eine Fusion dar, die unser aller Tilgung und Auslöschung bedeuten könnte. Zum ersten Mal hat das Getümmel der Zivilisationen im Abstieg das Potential, alles Leben auf dem Planeten zu beenden. Es möchte scheinen, dass eine Straße hin zu einer Lösung durch einen Raum geschehen könnte, wo Bewusstheit gehandhabt wird, um sich als physisches Ereignis zu manifestieren - den magickschen Raum. Einfach indem er als eine Arena dient, indem dies getan werden kann, bietet er den leidenschaftlich damit Befassten einen Gelegenheit, den Aufruhr in etwas, irgend etwas Produktives zu verwandeln. So, wie diejenigen, die ihn meistern, in ihren verschiedenen Wegen effektiv erscheinen mögen, werden ihnen andere nachfolgen - mit eben dem oder größerem Talent, es ihnen gleichzutun. Von daher wird der neue Raum durch würdige Eroberer in Besitz genommen werden, indem sie ein Reich heraus arbeiten werden, das geeignet ist, über die nächsten tausend Jahre bewohnt zu werden.

"Eroberer" scheint ein allzu belasteter Begriff zu sein. Warum so kriegerisch?

Ja- um bei Spengler zu bleiben, werden sie die Aristokratie der neuen Kultur darstellen, das, was wir den Ersten Stand nennen. Der Zweite Stand ist Geistlichkeit dessen, was auch immer als Religion in der neuen Kultur Einzug halten wird, und nach Spenglers Modell kämpfen Aristokratie und Geistlichkeit um die Vorherrschaft, so wie sie gemeinschaftlich daran arbeiten, ihren angezielten Raum unter die Herrschaft zu bekommen. Wie Spengler sagt - die Domäne der Aristokratie ist Kraft, und die der Geistlichkeit Wahrheit, aber sie überlappen sich unvermeidlich. Dieses Ringen mit dem Raum und miteinander wird die ersten Jahrhunderte der Kultur beleben. Es wird auch einer beachtlichen kommerziellen Tätigkeit Auftrieb geben, die sich in Städten konzentriert, die der Stammplatz einer zunehmend wohlhabenden Bourgeoisie sind, die den Dritten Stand darstellt. So wie die Städte sich zu cities wandeln, inspiriert die Bourgeoisie die städtischen Volksmassen - den Vierten Stand -, der Aristokriatie und der Geistlichkeit "demokratische" Kraft zu entreißen, doch in dem Prozess korrumpieren sie die politischen Formen so weit, dass sie zu zerbrechen beginnen. Das unmittelbare politische Problem wird durch den "Cäsarismus" gelöst, doch ist der Untergang nun unvermeidlich.  

"Cäsarismus" scheint für unsere Zeit eine delikate Sache zu sein. Das solltest du genauer erklären.

Er ist ein berittener Mann, kein erobernder Held wie Napoleon oder Alexander - mehr ein Restaurator des Reiches wie Alexander. Doch indem er die Macht ergreift, es zu restaurieren, reißt er die konstitutionellen Formen entzwei, die es befähigen würden, sich aus sich selbst zu erneuern, und wenn er erst einmal stirbt, dann werden die Nachfolgekämpfe eine ständige Quelle des Chaos sein. Vor dem 11. September würde ich gesagt haben, es scheint äußerst unwahrscheinlich, dass das faustische politische System, so korrupt wie es ist, nach einem politischen Cäsar verlangte, es zu erretten. Mittlerweile sind mögliche politische Szenarien dafür nur zu leicht vorstellbar, und daher möchte ich mich darüber wirklich nicht verbreiten. Auf jeden Fall wird die gegenwärtige Bedrohung überwunden werden. Mag sein, dass es einen Cäsar braucht, um alle Ressourcen bereitzustellen, doch die Vereinigte Weltordnung ist bis an die Zähne bewaffnet und steht nicht in Gefahr, innerhalb der nächsten Jahrhunderte zu kollabieren. Doch ganz gleich ob der kommende Cäsar abdankt, wenn seine Arbeit getan ist oder entscheidet, im Amt zu bleiben - der faustische Raum wird mit Rissen durchzogen sein, und die Räume dazwischen werden reif dafür, genutzt zu werden.

Ich will auf die Stellung zurückkommen, die die Thelemitische Bewegung in der Gesellschaft einnimmt. Du meinst im Hinblick auf das Christentum, dass es seines Rufes ledig wurde, Unsinn zu sein, als "es sich fähig zeigte, sich selbst in dauerhaften Glaubensgemeinschaften zu organisieren - Gemeinschaften, die viele soziale Probleme lösten, mit denen die alte Welt niemals auch nur versucht hatte umzugehen". Es wurde respektabel, als es reale Macht bewies. Verstehe ich dich recht, wenn ich das dahingehend interpretiere, dass für Thelema, insofern es sich noch nicht in dieser Position befindet, da wir mit solcher Arbeit noch nicht in der Vorhand sind, die Chancen der Etablierung jedoch unvermeidlich wachsen?

Ja - die Chance wächst unvermeidlich, doch insofern die faustische politische Struktur weg bricht, wächst auch die Möglichkeit der Vernichtung. Ich bin sicher, dass es am Ende ein Wettrennen wird, doch wird es wohl nicht entschieden sein, bis wir die Bühne verlassen haben. Das hoffe ich jedenfalls. Um dich zu präzisieren - ich denke, dass Thelema einen sicheren Vorteil hat, das Ethos des magickschen Raumes zu werden, und wenn diese kulturelle Bewegung die Turbulenzen des faustischen Kollaps überlebt, dann wird etwas, das Thelema sehr ähnelt, der Führer dafür sein, "wie man sich zu verhalten hat" - einfach da es die beste Art ist, menschliche Interaktion zu organisieren, wenn die persönliche Kraft den Parameter für die Stellung innerhalb einer Gesellschaft abgibt. Die Priesterschaft des magickschen Raumes - sein Zweiter Stand - könnte sehr leicht thelemitisch sein, indem diese Wahrheit gegen die Kraft individueller Zauberer aufgerichtet wird. Doch es wird eine Menge Anstrengung erfordern, bis wir diesen Zustand erreichen.

In großen deutschen Zeitungen werden prominente Politiker, Wissenschaftler, Künstler und Schriftsteller immer nach ihren Träumen und Visionen befragt. Nun ist die AHA freilich nicht so eine Zeitung, doch würde es mir und den Lesern Spaß machen, etwas von Stephen Mace über Stephen Maces Träume und Visionen zu hören. Kannst du uns dazu etwas sagen?

Ich sehe eine Zeit vor mir, in der Menschen die Fähigkeit haben, die Leidenschaften, die sie bewegen, nicht als Last zu erfahren, oder Besessenheit, oder als Entäußerungen einer schrecklichen Welt oder der Blindheit ihrer Bewohner, sondern als Rohmaterial, aus dem eine Welt geschaffen wird, die ihren eigenen Vorstellungen entspricht. Ich hoffe auf eine Zeit, in der Menschen begreifen werden, dass religiöse Symbole keine absoluten Wahrheiten sind, die durch Jehova oder Allah oder irgendeine andere Manifestation des Elementales vom Berg Moriah zustande kommen, sondern Werkzeuge, die die Menschheit entdeckt hat, um ihren eigenen Bewusstseinszustand zu manipulieren, nur mit der Effektivität der damit verbundenen Techniken verbunden, relative Werte zu bestimmen. Zu sagen, dass ein Symbol "gut" und das andere "bösartig" sei, sollte so absurd werden wie zu sagen, eine mit Benzin betriebene Maschine sei "gut" und ein Elektromotor "bösartig". Ich suche nach einer Zeit, in der die Regierung sich der Unterscheidung zwischen Tätigkeiten, die öffentlich und denen, welche privat sind, bewusst wird und es lernt, auf der eigenen Seite der Trennlinie zu verbleiben.

Und vor allem hoffe ich darauf, dass wir entdecken können, wie voller psychischer Kraft die Erde selbst ist und inwiefern, es an uns ist, diese Kraft aufzunehmen, wenn wir nur in eine enge Verbindung mit ihr eintreten. Natürlich wird man nur in eine enge Verbindung mit der Erde eintreten können, wenn man sie mit Respekt behandelt, doch steht dies ohnedies nicht mehr zur Disposition - ganz unabhängig von dem Raum, den die nächste Kultur angehen wird.