Ein Sprachmagier begibt sich in die Zeilen

von Dominik Irtenkauf

Ergänzende Reflektionen: Der vorliegende, einleitende Text in meinen sprachmagischen Ansatz entstand für die Lesung beim Thelema-Society-Sommerfest 2002 und wird in fast unveränderter Form hier wiedergegeben. Er eignet sich idealiter für einen kurzen Abriß zu meiner kulturlaboratorischen Neuausrichtung ‚verdrehter‘ Literatur. Die Bewußtheit über das eigene Schreiben fördert ein ums andere Mal die Tiefen menschlicher Sprache und Kommunikation hervor.

Was einen Doppelgänger sonst im literarischen Diskurs ausmacht, überfällt uns noch, bevor wir uns in die Zeilen begeben können:

"It is necessary to be clear about the nature of the true double, or Doppelgänger. The Doppelgänger is a second self, or alter ego, which appears as a distinct and separate being apprehensible by the physical senses (or at least, by some of them), but exists in a dependent relation to the original. By »dependent« we do not mean »subordinate«, for often the double comes to dominate, control, and usurp the functions of the subject; but rather that, qua double, it has its raison d’être in its relation to the original. Often, but not always, the subject and his double are physically similar, often to the point of absolute identity. Brothers [...], and especially twins, may be doubles, but where this is the case there is always an element, whether overtly supernatural, numinous or otherwise extraordinary, which goes beyond the merely natural relationship. The most characteristic Doppelgänger always have a supernatural or subjective aspect, which does not imply that, within the scheme of the fictions they inhabit, they have no objective existence. On the contrary, the psychological power of the device lies in its ambiguity, in the projection of the subject’s subjectivity upon a being whose reality the structure of the novel or story obliges the reader to accept." – Fette Hervorhebung von mir.

Die mir von der AHA zugestandene Rubrik Sprachmagie wird in mehreren Texten den Versuch anstellen, diesem ominösen Doppelgänger auf die Spur zu kommen. Es ist die Detektion eines mir vorauseilenden und zugleich aber auch umschleichenden Fährtenlegers. Er verbricht vieles, bevor ich es gewärtigen kann. In wenigen Situationen bin auch ich schneller. Dann muß ich aber schon sehr waghalsig sein. Mich in fremde Künste wagen. Neue Bilder suchen, die dem Schritt (der Schrift?) des Doppelgängers Barrieren entgegensetzen. ...

Komisch mutet’s schon an, wenn ständig neben mir ein Anderer mitläuft – und von Zeit zu Zeit über meine Schulter lugt. Keineswegs fühle ich mich verfolgt; er ist ja doch von anderer Gestalt. Rein äußerlich; aber was er denkt, ähnelt frappierend meinen eigenen Gedanken. Da rennen mir unzählige Schauer den Rücken hinab. Ja, es ist eine furchterregende Sache, was sich da im Leben eines Sprachmagiers ereignet.

***

Er müht sich ab, Worte aus seinem Inneren hervorquellen zu lassen. Verlassen steht er aber oft bei dieser Art Meditationen auf einem alles überragenden Hügel und betrauert die verflossenen Zeiten. Ihm trägt man stets aufs Neue die Meinung heran, er solle unterhalten und immerzu an seiner Filigranität des Erzählflusses arbeiten. Er jedoch strebt anderen Dingen zu – und das weiß auch sein Doppelgänger. Kaum kann er sich nämlich auf einen Geistesblitz einstellen. Dies jedoch nicht aus dem Grund, weil Geistesblitze ungeheuer rasch verglimmen und kaum einzuholen sind. Sondern weil er weiß, daß ein Geistesblitz auch leben möchte. Wenn sich nämlich ein Schreiberling sofort auf diesen flüchtigen Gedanken stürzt, geht dieser ein. Er sollte also vielmehr Acht auf ein gesundes Wachstum geben und den Zögling nicht sofort wieder quengeln. So wie jeder junge Schüler muß er erst lernen, sich im Durcheinander der Welt zurechtzufinden.

Gedanken wachsen auch dann, wenn der Sonnenstrahl hinter den Kopf schleicht. Oft wendet man sich um, weil vor den Augen nur Finster herrscht. Schwierig ist die lückenlose Schilderung der Bewegungen. Oftmals flüchtet man sich auch in die Tiefe, der Doppelgänger hält dann den Strick ganz weit oben. So könnte ich mich ja sicher fühlen, doch es verstört schon ungemein, wenn der eigentliche Zielpunkt der Schreibe aus den Augen verschwindet.

Da ich jedoch den Doppelgänger hinter mir weiß, könnte ich ihm meinen Stift überreichen. Er, der sehr verschmitzt ist, reicht ihn bald schon wieder zurück. Er bewegt sich oft auch unabhängig von meinen Absichten. Ja, das macht mir zuweilen schon zu schaffen....

Nichtsdestotrotz versuche ich, mich ihm schreibend zu nähern. Die Schrift, wie sie in ihrer Urgestalt erscheint, ist voll von Schlenkern, Abschweifungen, Verrenkungen – so muß auch der Doppelgänger sein, dessen Schritt je nach Verfassung und Auftritt variiert.

Seine Spuren hinterläßt er im feinen Papiersand. Was sich dort jedoch einmal eindrückt, bleibt bestehen. Aus diesem Grund ist auch der Doppelgänger ein gefährlicher Gegner, der nicht von der Spur abweicht.

Möchte man ihn zur Rede stellen, ist es nötig, nochmals zurückzuschauen – was man hinterlassen hat, was er mit den unterschiedlichsten Strichen kundgetan hatte. Man findet ihn also zwischen den Zeilen. Wenn ich jedoch nicht aufpasse, dann versteckt er sich hinter schwarzen Flecken, die bei energischem Schritt entstanden sind. In diese Schwärze hinabzutauchen, ist eine leichte Versuchung, die man als Schreibender viel zu oft kostet.

Es wird jedoch nur noch schlimmer, wenn man seine Nase zu sehr auf die Gravuren drückt – verwischen kann man die Tinte nur zu schnell. Und dann fängt das Spekulieren darüber an, was sich unter diesem Loch im Schreibfluß verbirgt.

Manch einer wird wohl versuchen, mit der noch nicht vertrockneten Feder das Unlesbare wegzukratzen... manch anderer unternimmt den Versuch, das Versehen zu übertünchen. Beide irren, wenn sie meinen, Herr über meinen Doppelgänger zu werden. Der windet sich ja, sollte man ihn in seiner Eigenwilligkeit einschränken wollen.

Wie aber kommt man ihm auf die Schliche? Wie zieht man seine Gestalt unter aufklärendes Licht?

Seine Wege sind zwar verschlungen, doch hinterläßt er – wie schon erwähnt – Abdrücke. Sie setzen sich tief in den Morast alter Gedanken, auch wenn er seine Schritte stets, wohl aus Prinzip, auf reinen Untergrund setzt. Es scheint nur an der Oberfläche auf, doch die Spitze drang tiefer ein....

Ich kann nun seine Spuren nachvollziehen, sie mir im Kreativen Kopf nachzeichnen. Wollt ihr nun seine Konturen ergründen, wie sie sich im Wechselspiel zwischen Strich und Fläche materialisieren, möget ihr sodann bestaunen, was er bereits hinter sich gelegt hat. Er beschreitet Pfade, die zuvor nur schnelle Geistesblitze erleuchteten. Tretet den Sand fester, auf daß auch ihr diesen Impulsen folgen könnt.

Der Doppelgänger bewegt sich aber mit Vorliebe in schwarzer Stielette (sic!). Zudem schleicht er zu einer Stimme, die kaum hörbar durch das Leben schwingt.

Aufbrüche fallen uns leichter, wenn wir durch Mauern sehen können, die sowieso alle aus Sand gebaut sind. ... Um durch die Mauern zu sehen, begeben wir uns alle zwischen die Zeilen.

In dieser Buchstabensuppe kocht ein alter Hexenmeister. Rührt darin kräftig und sobald die Speise gar ist, zieht er einzelne Stäbe heraus. Bevor er sie verschlingt, fuchtelt er mit ihnen herum. Wir wundern uns, wie wild er mit ihnen umherschwenkt. Immer schneller wirbeln sie, bis sie einen Kreis formen. Einen Kreis, der von zwei Nudeln zusammengehalten wird. Die Nudeln scheinen sich ineinander verkeilt zu haben. Wenn ich Hunger auf etwas Neues bekomme, beiße ich herzhaft in den Kreis – und der Hexenmeister wird nicht lange säumen, einen neuen Schöpfer aus der Suppe zu holen.