Spielen - der beste Weg sich zu besinnen
Willkommen im neuen Aeon, meine Damen und Herren. Hereinspaziert in eine neue Zeit. Lassen Sie den Bierernst des Christentums und die heilige Ruhe der Inder hinter sich, um eine etwas andere Art der Entwicklung und der Selbsterkenntnis kennen zu lernen: Spielen.
von Norak
Immer beliebter und so auch Gegenstand meiner Erfahrung in den letzten Jahren sind nicht Spiele ganz allgemein, sondern Spiele der Gattung
Computerspiele
Natürlich kann man auch andere Spiele nutzen, um gezielt überlebenswichtige Fähigkeiten zu trainieren, aber um die soll es in diesem Artikel nicht gehen. Und viele Fähigkeiten lassen sich auch mit Computerspielen besonders schnell und effektiv oder überhaupt nur mit solchen entwickeln. Fangen wir also an:
Die erste Frage die ich mir bei dem Thema stellte, war: Was für Vorteile sollen denn Spiele gegenüber meinem sogenannten Alltag bieten? Habe ich denn nichts Wichtigeres zu tun als mich mit solch profanen Dingen wie Spielen abzugeben? Ich würde doch eigentlich viel lieber ein Buch über Kabbala lesen um mich auf die große Unendlichkeit des Daseins vorzubereiten.
Daraufhin drückte mir mein schlauer, wenn auch mir etwas unheilig erscheinender Guru mit einem breiten Grinsen die Anleitung zu einem recht komplexen Spiel in die Hand (Wenn ich mich recht erinnere war es "Capitalism +") mit der Aufforderung es zu studieren und anschließend zu spielen.
Was für ein Fiasko! Ich ging bei dieser Wirtschaftssimulation so schnell Pleite, dass ich als erstes mit Grauen an mein eigenes Bankkonto denken musste. Wenn ich so mit meinen Finanzen umgehe ...
Aber das Problem stellte sich dann interessanterweise als ein noch allgemeineres dar. AHA! Ich lese nicht richtig! Oder genauer: nur flüchtig und überlese dabei wichtige Details. Mit einem leichten Schaudern dachte ich an meinen dicken Kabbala-Schinken und mein lang gehegtes Vorhaben, mich einem komplexen Ritual intensiv zu widmen. Das dürfte dann wohl an den berühmten Details, in denen bekanntermaßen gerade bei Ritualen der Clou steckt, scheitern. Wahrscheinlich wären mir diese Details viel zu spät aufgefallen, nämlich dann wenn es zu spät gewesen wäre. Nicht so bei dem Spiel! Hier konnte ich mir nochmals das Handbuch nehmen, es studieren und mich so zu einem Dagobert Duck entwickeln. Diese kleine Begebenheit illustrierte für mich recht eindrucksvoll, wie gut sich Spiele, besonders Computerspiele für die eigene Entwicklung eignen. Was machte den Unterschied aus?
Ein Punkt, der auf alle Spiele zutrifft ist, dass sie nicht sogenannte Alltagsrealität sind. Ich kann handeln und wenn das Ergebnis ein Fiasko wird, dann kann ich auch noch mal zu einem alten Speicherstand zurückkehren, um eine andere Strategie oder Taktik auszuprobieren. Im Alltag geht das nicht. Wenn ich in bestimmte Aktien investiere, dann werden sie mir entweder Gewinn oder Verlust einbringen. Wenn ich Verlust einfahre, dann habe ich nicht die Chance, dem Broker zu sagen: OK, gib mir mein Geld wieder und ich probiere es jetzt mit anderen Aktien.
Wie er reagieren würde, lässt sich leicht vorstellen. In Spielen lässt sich sozusagen Probehandeln, im Alltag meist nicht. Im Alltag haben viele Entscheidungen, die ich treffe, sofort drastische Konsequenzen, die ich nicht mehr rückgängig machen kann. Das Spiel, selbst wenn ich es verlieren sollte, hat, wenn ich bereit zu Lernen bin, für meinen Alltag nur positive Konsequenzen. Allein dies macht Computerspiele schon zu einer idealen Lernumgebung.
Der zweite Punkt, den ich aus dieser Erfahrung ziehen konnte, war der sehr kurze Feedbackbogen. D. h. ich hatte sehr schnell das Ergebnis meines Handelns vor Augen, im Vergleich zu meinem geplanten Ritual, bei dem ich es erst sehr viel später bemerkt hätte, wenn etwas schief gelaufen wäre, falls ich es überhaupt bemerkt hätte.
Ist nun genaues Lesen schon alles, was ich aus einem Spiel ziehen kann? Oh nein, das gehörte ja noch nicht einmal zu dem Spiel selbst. Was man aus Spielen lernen kann, ist im wesentlichen erst einmal eine Frage des konkreten Spiels selbst. Das oben erwähnte Spiel ist eine Wirtschaftssimulation.
Bei solchen Spielen herrschen langfristige Planungen vor, bei denen Hauruck-Aktionen meißt nur Chaos und Misserfolg produzieren. Du meinst, dass Du langfristig planen kannst? Dann empfehle ich Dir, es an einem solchen Spiel zu testen. Wie, Du schaffst es nicht? Dabei ist der Alltag doch noch viel komplexer, denn es gilt, viel mehr Regeln zu beachten als in einem Spiel. Prognose: Du bekommst im Alltag keine langfristige Planung hin und wirst langfristig erfolglos bleiben. Tipp: Beschäftige Dich mit solchen Spielen und trainiere Deine Fähigkeiten!
Falls Du das an den Haaren herbei gezogen findest, so empfehle ich Dir als Lektüre „Die Logik des Mißlingens“. Hier findest Du Ergebnisse von Untersuchungen, bei denen Menschen sich mit Verhalten von Systemen auseinander setzen sollten.
Eindrucksvoll schildert der Autor folgendes Experiment:
Eine einfache Versuchsanordnung wurde aufgebaut. Es gibt einen Regler, über den sich eine Temperatur einstellen lässt und eine Anzeige auf der man diese ablesen kann. Was der Probant nicht weiß ist, dass jede Aktion am Regler sich verzögert auf die Temperatur auswirkt und er weiß nicht, wie stark sie sich auswirkt. Nun sollte der Teilnehmer eine bestimmte Temperatur einstellen. Hört sich einfach an nicht? Ergebnis: Fast niemand schaffte es!
Meiner Ansicht nach ein erschreckendes Ergebnis wenn ich daran denke wie viel „Regler“ sich im Alltag befinden, die richtig temperiert sein wollen.
Ein solches Spiel wie "Capitalism+" stellt praktisch eine solche Versuchsanordnung größer und komplexer dar und damit eben ein gutes Mittel, um sich für den Alltag besser als bisher zu rüsten.
Wie, das überzeugt Dich noch nicht, selbst mit Spielen anzufangen? Du meinst, es gibt auch andere Methoden, um genaues Lesen und Umgang mit Komplexen Systemen zu lernen? Ich stimme Dir zu, es gibt andere Möglichkeiten. Für Lesenlernen bietet sich z. B. das Studium einer Gebrauchsanleitung für einen Videorecorder an. Du erfährst sehr schnell, ob Du was überlesen hast und hast somit einen sehr kurzen Feedbackbogen. Für den Umgang mit komplexen Systemen bietet sich tatsächlich ein Gang an die Börse an, am besten auch gleich noch ein Wirtschaftsstudium. Beides scheint mir allerdings einen entscheidenden Nachteil zu haben, neben den schon oben erwähnten. (Apropos genaues Lesen: Welche waren es?) Nämlich der Faktor Spaß und Intensität! Das Erste dürfte jedem einleuchten. Spiele sind dazu da, Spaß zu machen, dafür wurden sie erfunden. Gibt es jemanden der sich fragt, wieso sollte Lernen möglichst viel Spaß machen? Vorsorglich hier eine Antwort:
Mit Spaß an der Sache lernt es sich unvergleichlich besser und schneller
Wahrscheinlich hast Du diese Erfahrung in der Schule gemacht oder in einem anderen Bereich Deines Lebens. Wenn Du an etwas Spaß hast, dann fällt es Dir viel leichter, Dich auch an Details zu erinnern. Bei der Sache zu bleiben - auch da musst Du Dir gar keine Mühe geben, Du willst eh nichts anderes tun. Gebrauchsanweisungen sind dagegen im Vergleich zu Spielen eher unspaßig. Auch die Intensität also die Stärke der Emotionen, die beim Studieren von Gebrauchsanweisungen aufkommen, lässt meiner Erfahrung nach doch sehr zu wünschen übrig.
Dabei ist Intensität und der Umgang mit Intensität gerade für die eigene Entwicklung ein sehr wesentlicher Punkt.
Denn Entwicklung bedeutet Neuland zu betreten, sich dem Unbekannten stellen, sich in Situationen zu begeben, in denen man noch nicht weiß, wie man sich verhalten soll. Falls Du auch so wie ich von dieser Rasse abstammst, die sich noch vor kurzem auf Bäumen getummelt hat, und deren Verwandte am liebsten Bananen essen, dann wirst Du in für Dich sehr neuartigen Situationen feststellen: Deine Synapsen fangen an zu schütten und Du versuchst, entweder zu fliehen oder stehst wie ein Hase vor der Schlange paralysiert da. Oder Dir „geschieht“ ein Freudentaumel, ein Wutausbruch etc. Diese automatischen Reaktionen sind in den meisten Fällen unbrauchbar. Sie hindern Dich - eben weil sie automatisch ablaufen - vernünftige Entscheidungen zu treffen. Ein klarer Kopf ist hier trotz schüttender Synapsen gefragt.
Um damit umgehen zu lernen, ist es wichtig, solche Situationen zu erzeugen und zu trainieren. Hierzu sind allerdings Wirtschaftssimulationen nicht so sehr geeignet. Vielmehr Spiele mit Action. Wenn es nicht so sehr schlecht programmiert wäre, würde ich Lamentation Sword empfehlen. Ein Klassiker dieser Gattung ist übrigens Diablo. Auf Diablo 2 warte ich noch gespannt ... Spiele mit Multiplayermodus, die in diese Richtung gehen, halte ich für geeignet. Wer es sich noch sinnvoll dabei erschweren will, unterhält sich dabei nur per Chat, falls es die Möglichkeit in dem betreffenden Spiel gibt. Das steigert den Stress enorm. Wie gesagt, ist der Multiplayermodus bei solchen Spielen sehr wichtig. Alleine gespielt sind solche Spiele meist einfache Hack`n Slay Spiele, bei denen man eher dumpf wird, als etwas zu lernen.
Noch etwas Anderes lässt sich bei solchen Spielen lernen wenn man sie mit anderen gemeinsam spielt:
Zusammenarbeit
und sich klar und verständlich ausdrücken. Dies sind auch zwei Fähigkeiten die enorm wichtig sind für die eigene Entwicklung, denn Entwicklung funktioniert nur sehr begrenzt alleine und gute, funktionierende Kommunikation ist die Basis für eine gute Zusammenarbeit.
Es gibt mit Spielen wie Age of Empires auch die Möglichkeit die Elemente einer guten Planung sowie Action und Wettkampf incl. Teamwork miteinander zu verbinden. Wer also effektiv etwas lernen will, der nehme sich ein solches Spiel vor.
Die Hand - Augen Koordination läßt sich auch gut mit Rennspielen trainieren. Dies ist eine Fähigkeit, die man braucht wenn es einmal schnell gehen muss. Dies ist nicht zu unterschätzen wenn man in Situationen steckt, die einem völlig fremd sind. Wer eine gute Hand - Augen Koordination besitzt, der ist vielleicht um jenen Tuck schneller, der den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg macht. Kampfsportler und Autofahrer werden wissen wovon ich rede.
Zum Hirntraining eignen sich auch gute Adventures und Rollenspiele mit logisch aufgebauten Rätseln. Wobei Adventure den Vorteil haben, auch noch in einem gehörigen Maße Geduld zu trainieren, wenn man mal wieder feststeckt ... Rollenspiele hingegen haben den Vorteil, dass es den meisten sehr leicht fällt, sich mit der Spielfigur zu identifizieren und Identifikation mit der Spielfigur ist entscheidend für Intensität. Auch noch etwas lässt sich an Rollenspielen ablesen: Deine persönliche Vorliebe für welchen Entwicklungsweg Du Dich besonders interessierst. Eher Magier oder Krieger? Priester oder Dieb?
Du kannst also sehen, dass wenn Dich Deine Entwicklung „ernsthaft“ interessiert, Du um Spiele kaum herum kommst. Und wieso sollte man sich nicht soviel Spaß wie irgend geht, gönnen? Außer vielleicht Du vertrittst eine etwas verschrobene christliche Anschauung. In diesem Fall kannst Du ja einfach zur Geißel greifen.

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