Den persönlichen Mythos dichten
von Sabrina Ulbrich
Die Kabbalah ist ein Hilfsmittel, die eigene Lebensgeschichte neu zu schreiben. Jeder hat seine Lebensgeschichte schon in der Kindheit zu schreiben begonnen und baut diese Welt in einem kontinuierlichen Gedankenfluß weiter aus. Es ist dieser Gedankenfluß, den du bemerkst, wenn du damit beginnst, zu meditieren."... das schaffe ich nicht, die anderen werden sich darüber amüsieren ... und außerdem: woher soll ich das Geld nehmen? ... niemand, der meine Arbeit anerkennt ... einfach im Stich gelassen haben sie mich ... sie werden schon sehen, was sie davon haben! ...".
Im Alltag sind wir völlig damit identifiziert, so daß wir ihn nicht bemerken. Und doch handeln wir immer im Sinne dieser Geschichte, mit der wir uns die Welt erklären. Wenn du etwas in deinem Leben verändern willst, dann beginne nicht die Welt zu verändern sondern deine eigene Geschichte.
Mit jeder Handlung, die du vollziehst, gehst du ein Stück deines Weges und legst eine Richtung fest. Du kannst die Richtung mit jedem Schritt ändern, aber - zu oft gewechselt - so kommst du nirgendwo an - genausowenig mit blinder Sturheit. In diesem Bild kannst du die Kabbalah als eine Karte verstehen. Sie ist eine Karte mit Anleitung wie sie zu lesen ist und - anders als bei gewöhnlichen Karten - ebenso wie sie zu zeichnen ist! Diese kabbalistische Karte zeigt dir ein paar Orientierungspunkte, nicht mehr und nicht weniger. Es sind grobe Richtungen vorgezeichnet, aber deinen eigenen persönlichen Weg mußt du selbst darin einzeichnen.
Wie nun? Wie zeichne ich mir meine eigene Kabbalah? Deine Kabbalah ist nicht völlig unabhängig von den Darstellungen anderer. Du lebst schließlich in dieser Welt mit anderen zusammen und diese deine Welt existiert genau in dieser Form, weil du sie gemeinsam mit anderen so gebaut hast. Wärest du allein, würdest du immer noch mit Steinen nach Bananen werfen. Andererseits: ohne deinen individuellen Beitrag reproduzierst du nur, was andere dir vorgekaut haben. Wenn Du beginnst, deinen eigenen Weg zu zeichnen, wirst du feststellen, daß auch die vorgezeichneten Wege, die du stehen läßt, deine eigenen werden - eben indem du sie stehen läßt. Dies sind Gesetze, die für alle gelten. Sie bieten die Grundlage des gemeinsamen Lebens. Du fügst selbst neue Elemente hinzu, die wiederum andere aufnehmen können oder nicht.
Die grundlegende Glyphe der Kabbalah ist der Lebensbaum. Sie stellt die Elemente und Zusammenhänge des Kosmos dar, sowohl des Mikro- als auch des Makrokosmos. Sie ist so allgemein, daß es keiner bestimmten Kultur bedarf, um sie zu verstehen. Obwohl - andererseits - gerade das es schwieriger macht, sie zu verstehen, denn es bedarf mehr Eigeninterpretation. Dion Fortune hat in ihrem Buch "Die mystische Kabbalah" ausführliche Beschreibungen des Lebensbaumes veröffentlicht. Und Aleister Crowley hat in seinem Buch "777" viele Tabellen angelegt, in denen er Götter, Pflanzen, Tiere, Edelsteine, Gerüche etc. den Sephiroth und Pfaden des Lebensbaumes zuordnet.
Sie liefern ein gutes Beispiel, wie man sich den Baum selbst erarbeiten kann. Es geht nicht darum diese Korrespondenzen auswendig zu lernen sondern sie selbst zu verstehen: zu verstehen, aus welchen Gründen z.B. die Rose von anderen Verstehenden Netzach zugeordnet wurde. Es geht auch nicht nur darum die Korrespondenzen anderer zu verstehen, sondern eigene Zusammenhänge herzustellen.
Es ist wichtig, diese traditionellen Zusammenhänge zu kennen. Generationen von Gelehrten und Magiern haben daran geforscht, und sie nicht zu berücksichtigen wäre einfach dumm. Andererseits - sie einfach ungeprüft zu übernehmen wäre nicht weniger dumm. Nimm Dir eine Abbildung des Lebensbaumes vor. Er ist auch eine Landkarte für dein Bewußtsein. Alles, was du denkst, fühlst und tust, kannst du am Lebensbaum anordnen. Sich mit den verschiedenen Aspekten des Baumes zu beschäftigen, heißt diese als Elemente des eigenen Selbst anzunehmen, die dunklen Seiten genauso wie die lichten. "Wie oben so unten" trifft auch hier zu, denn alles, was du in dem Baum siehst, ist auch in dir. Alles, was dir in der Umwelt begegnet, hat eine Entsprechung in deinem Geiste. Betrachte die Welt wie einen Spiegel, sie zeigt das, was in dir drinnen ist. Oder anders: du hast die Welt, in der du lebst, selbst so gemacht.
Was fällt dir an Regelmäßigkeiten in deinem Leben auf? Was passiert dir immer wieder? Was tust du immer wieder? Mit welchen Farben umgibst du dich gerne? Und mit welchen bist du tatsächlich umgeben, durch deine Kleidung, durch deine Wohnungseinrichtung? Fallen dir Widersprüche zwischen deinen Wünschen oder Ansprüchen und deinem tatsächlichen Umfeld auf? Bist du dir deiner Ziele bewußt und realisierst du sie erfolgreich?
Nimm dir den Baum vor und versuche dich selbst darin zu sehen. Betrachte ihn als Landkarte deines Bewußtseins. Welche Bereiche sind stark frequentiert, welche sind eher unterbelichtet? Bist Du zufrieden damit, wie es jetzt aussieht oder willst du etwas verändern? Dir stehen alle Potentiale frei, es ist nur eine Frage was du tust. Hast du Ziele? Vorbilder? Ideale? Was wünscht du dir? Was fasziniert dich? Kannst du diese Bilder und Ideen am Lebensbaum zuordnen? Wo lokalisierst du deine Stärken? Und wo deine Schwächen? Beschreibe dich als Romanfigur, so wie du gern sein willst, lies dir deine Darstellung dann durch und ordne die verschiedenen Eigenschaften am Baum an.
All dies ist nicht an einem Nachmittag getan. Lege dir am besten ein Buch an, in das du deine kabbalistischen Selbst-Erkenntnisse notierst. Je weiter du vordringst, desto besser wirst du die Zeichen verstehen, die überall um dich herum sind. Und desto wirkungsvoller kannst du selbst Zeichen setzen! Du setzt schon Zeichen, wenn du dich in bestimmten Farben kleidest oder ein Parfum verwendest oder auch nicht. Wenn du daran gehst dir eigene neue Symbole zu kreieren, dann werden sie zu Beginn schwach sein. Du mußt sie erst durch Verbindung mit anderen Ideen und mit starker emotionaler Beteiligung zu kraftvollen Symbolen machen.
Nach welchen Kriterien entscheidest du dich, welche Art von Zeichen du selbst setzen willst? In der mystischen Tradition ist das Höchste aller Ziele die Vereinigung des Mikro- mit dem Makrokosmos. Deshalb ist das Höchste aller Rituale die Anrufung des Heiligen Schutzengels. Dies hat Abramelin in seiner Heiligen Magie im 15. Jahrhundert beschrieben. Aleister Crowley hat nach dem Studium dieser Schriften sein Ritual "Liber Samech" entworfen. Jedes andere Ritual, welches nicht dem Zweck die Kommunikation mit dem Heiligen Schutzengel herzustellen geweiht ist, darf nichts anderes sein als eine Vorbereitung auf diesen Gipfelpunkt der Entwicklung des Menschen zur Verwirklichung seines göttlichen Potentials. Jedes Ritual und jede magische Handlung sollte darauf ausgerichtet sein sich selbst auszugleichen. "Er (der Magier) soll sich, bevor er mit seiner Arbeit beginnt, darum bemühen, sein eigenes Wesen genau auszuarbeiten und seine Anrufungen so arrangieren, daß das Gleichgewicht wiederhergestellt wird." (Crowley, Magick Bd.1) Indem du dich im Lebensbaum betrachtest, machst du dich selbst zum Thema.
Du denkst über dich nach und hinterfragst die Annahmen, die du über die Wirklichkeit machst, wenn du sie am Baum zuordnest. Indem du über dein eigenes Denken nachdenkst, erforschst und erschaffst du dein eigenes Wesen. Das Nachdenken über das eigene Denken fängt z.B. da an, wo du dich nicht nur mit der Kabbalah beschäftigst, sondern dich fragst, wozu du dich mit dem Thema beschäftigen willst, was genau du an der Kabbalah interessant findest, wie du dein Leben damit bereichern willst. Und es gipfelt in einem kontinuierlich wach-bewußten Leben, welches sich in jeder einzelnen Sekunde aller Empfindungen und Absichten gewahr ist und die Umwelt als Spiegelbild der eigenen Selbsterschaffung sieht.
Der Baum steht metaphysisch betrachtet für die Universale Kraft - die Kraft, die sich entfaltet wie die Energie der Pflanze, von den verborgenen Wurzeln aufsteigend, den Stamm, die Äste, Blätter und Früchte durchdringend. Er taucht als Symbol für die Gottwerdung in den verschiedensten Kulturen auf. In der assyrisch-babylonischen Mythologie gibt es einen 'kosmischen Baum', der in Eridu wurzelt, dem 'Haus der Tiefe' oder 'Haus der Weisheit'. In der griechischen Mythologie behüten die Hesperiden, die Töchter des Atlas, die goldenen Äpfel im Garten der Götter. Aus der Edda kennen wir die Göttin Idhunn, die die Äpfel der Unsterblichkeit bewacht und Yggdrasil, den zentralen kosmischen Weltenbaum. Buddha erlangte seine Erleuchtung unter dem Bodhi-Baum (ein Feigenbaum), nachdem die feindlichen Bemühungen Maras, dem Gott des sinnlichen Begehrens, ihn nicht bezwingen und in seiner Kontemplation beeinflussen konnten.



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