Die Passion eines Films
verwundert gesehen vom spectator
Herr Gibson hat nicht die Evangelien verfilmt, sondern den Religionsunterricht der 50er Jahre.
In den letzten Wochen hat sicher jeder von Ihnen, verehrte Leser, von dem neuen Film des US Stars Mel Gibson gehört. An sich ist es nicht ungewöhnlich, das leben Jesu zu verfilmen, ich erinnere mich noch gut an die Zeferelli - Verfilmung in meiner Kindheit, die mich damals sehr beeindruckt hat.
Man hörte schon im Vorfeld von diesem Film ungewöhnliches: er solle sich streng an die biblische Vorlage halten und ohne Synchronisation auskommen, das heißt, in dem Film wird Hebräisch, Aramäisch und Lateinisch gesprochen. Herr Gibson hat den Film, wie man hört, zur Gänze aus der eigenen Tasche finanziert und sieht in ihm eine Art persönliches Bekenntnis. Auch die Tatsache, daß nur das Leiden Christi gezeigt wird, ist ungewöhnlich. In den USA hat der Film alle Erwartungen übertroffen – das Publikum stürmte offenbar die Kinos. Man hörte von Herzinfarkten bei der Kreuzigungsszene. Von angeblichen Bekehrungen usw. Auch von merkwürdigen Ereignissen bei den Dreharbeiten war die Rede, so soll der Blitz einige Male eingeschlagen haben, einmal in den Jesus Darsteller, dieser blieb unverletzt. Ein Wunder? Nur profanen Naturen wie mir kommt da der Gedanke, wahrscheinlich hatte er die richtigen Schuhsolen.
Nun, man durfte also gespannt sein.
Was sich dem Publikum bietet, ist der Einbruch des traditionellen katholischen Glaubens in unser nichtssagendes = postmodernes Heute. Der Zuschauer sitzt verständnislos vor einem Film, der reich an mystischer Symbolik ist, die sich aber dem ungeschulten = nicht traditionell katholisch geprägtem Auge verbirgt. Der Autor stützt sich nicht (wie allgemein angenommen; oder lediglich: allgemein gewünscht?) nur auf die Bibel, sondern vor allem auf das mehrbändige Werk „Das arme Leben unseres Herrn Jesus Christus" des romantischen Dichters Clemens von Brentano, der in dem Opus die Visionen der stigmatisierten Nonne Anna Katharina Emmerik aufzeichnete.
Der Film zeigt die katholische Leidensmystik des 19. Jahrhunderts mit den Mitteln des Hollywoods von heute, angetrieben vom Feuer des Konvertiten Gibson, der offenbar denkt, man kann den katholischen Glauben mit der Gewalt eines MAD MAX verbreiten, mit dem er das Publikum früher „erfreute“.
Man könnte es eigentlich dabei bewenden lassen, indem man den Film unter der Rubrik ‚Peinlichkeit‘ ablegt – wenn da nicht die Reaktionen wären, die dem Werk an Peinlichkeit in nichts nachstehen.
Da sind zunächst jene, die sofort „Antisemitismus!“ riefen, weil Juden in dem Film eben wie Juden im neuen Testament vorkommen: als jene, die den Erlöser nicht angenommen haben. Mel Gibson hat ohnehin schon darauf Rücksicht genommen, indem er das jüdische Volk den berühmtesten Satz aus der Passion nicht sprechen lässt: „Sanquis ejus super nos et super filios nostros“(Sein Blut komme über uns und unsere Kinder). Da sehen schon manche das Ende des christlich – jüdischen Dialogs nahe, weil der Papst, nachdem er nachts (!!!) den Film sah, gesagt haben soll, "Es ist wie es war".
Man kann das Bekenntnis Herrn Gibsons nicht verstehen. So geht man peinlich berührt dazu über, dem Film Brutalität zu unterstellen; nun, eines ist klar, der Film ist nicht brutaler, als ein heute üblicher Film im Nachtprogramm.
Ich möchte es so zusammenfassen: in unserer westeuropäischen Gesellschaft erregt alles und jeder Anstoß, der konsequent etwas glaubt oder lebt (siehe die unglückselige Satanismusdebatte).
Alle Peinlichkeiten überbieten in der causa freilich die deutschen Kirchenvertreter - einer überholt den anderen beim Distanzieren von einem objektiv gesehen katholischen Film.
Herr Gibson wird mit dem Film niemanden bekehren, wohl aber das Häuflein der letzten Aufrechten bestärken. Mehr Wirkung wird der Film in Europa nicht haben. Was die USA betrifft, ist man dort, glaube ich, bereit alles zu glauben, was nur irgendwie Halt gibt.
Was meine ganz persönliche Bilanz ist, mag Sie vielleicht noch interessieren. Die Reaktionen auf den Film zeigen mir ganz deutlich, das Abendland geht nicht unter. Es ist bereits weg. Auch wenn es jetzt feierlich von Hollywood beschworen wird. Und die Kirchen sollten abtreten, sie sind nicht einmal mehr fähig, den eigenen Konkurs zu verwalten, so wie sie mit ihrer Vergangenheit umgehen.
Ach ja, sparen Sie sich das Geld für die Kinokarte. Lesen Sie lieber alte Nummern der AHA.



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