Gabriel García Márquez ...bis Glauben seine Macht verliert
Viele seiner Kritiker halten ihn für den großen Magier der lateinamerikanischen Literatur, die Krönung des Magischen Realismus. García Márquez' Leser sind eingestellt auf "Magisches", daran kann und muß er anknüpfen. Er bestätigt ihre Erwartungen durch die eine oder andere Absonderlichkeit. Doch beläßt er es dabei nicht, im Gegenteil.
von Angela Jekosch
Magischer Realismus ist eine Literaturrichtung mit dem Motto, "lo real maravilloso", darzustellen. Das real Wunderbare. Gewöhnliches, Vernünftiges und Magisches, Mythisches gehören bei allen Schriftstellern des Magischen Realismus zur Normalität. Das eine wie das andere und das so plausibel, daß Erklärungen sich erübrigen.
Meine Hypothese: Er ent-täuscht seine Leser, vorsichtig dosiert, mit Magick. Enttäuscht werden alle, die gehofft haben mögen, die Geheimnisse der Magie in seinen Romanen verraten zu bekommen. Und auch jene werden enttäuscht, die flüchten möchten in das tröstliche Versprechen, es gäbe höhere gute Mächte. Mächte, die helfen, wenn man nicht weiterweiß. Was er statt dessen vorführt, ist indes keine Schwermut ob der verlorenen Gewißheit. Noch brilliert er mit eiskalter Logik im Besitz neuer Gewißheiten. Nein, er vollbringt ein besonderes Kunststück - das der ehrenden Wahrhaftigkeit. García Márquez überzeugt durch Analysen, die empathisch - mitfühlend und zugleich konsequent - logisch sind.
Sehen wir uns seine Romane genauer an. Immer mal wieder finden wir uns konfrontiert mit fliegenden Teppichen, magischen Kugeln oder Ähnlichem. In seinem "Hundert Jahre Einsamkeit" sieht das ganze Dorf der Himmelfahrt einer gerade Verstorbenen zu. Aber diese "Wunder" spielen keine relevante Rolle für den Verlauf der Handlung. Umherwandelnde Geister von Toten gibt es halt und manche sehen sie, manche nicht.
In seinen späteren Romanen weicht García Márquez deutlicher von der Tradition des magischen Realismus ab. Genauer gesagt: Er krönt ihn, indem er über ihn hinaus wächst. Auch jetzt verwendet noch mythische Gleichnisse und symbolische Träume. Voodookenntnisse beeinflussen den einen oder anderen seiner Helden. Aber Wunder oder das, was Europäer für Wunder halten, werden keine mehr vorgeführt.
Mehr noch - anders als seine Vorgänger - hat er es sich offenbar zur Aufgabe gemacht, einen Glauben und Mythos nach dem anderen auseinanderzunehmen. Gründlich, fachmännisch, erbarmungslos tut er das. Bis sie ihre Macht verloren haben.
Er demontiert den Nebel des undifferenzierten, glorifizierenden Glaubens. In einigen Büchern tut er es mörderisch. Dort entmystifiziert er vor allem den Glauben an die Kraft der guten Absicht. Ein Glaube, der sich zeigt in Sätzen wie: "Ich meine es doch gut!"
In einem anderen Buch: "Die Liebe in den Zeiten der Cholera", zerlegt er den Mythos "Große Liebe" in seine Bestandteile: Übrig bleiben Vorwürfe, Versprechungen, Drohungen und Bitten, aber auch Geduld und Wahrhaftigkeit.
Auch der Mythos der "Befreiers", des großen Helden Lateinamerikas, Simon Bolívar (1783 - 1830) wird nicht verschont. Am Ende von "Der General in seinem Labyrinth" steht ein einsamer Mann. Jeder außer ihm weiß es längst: Er jagt einer Idee nach, an die keiner außer ihm mehr glaubt.
García Márquez wurde immer sparsamer bei der Beschwörung magischer Traditionen, um was zu gewinnen? Meine Hypothese: Um sich ganz auf die Lösung eines großen Rätsels konzentrieren zu können. Es lautet: Das, was die Menschen (eigentlich) wollen, und das, was sie tatsächlich tun, läuft in entgegengesetzte Richtung. Wie genau funktionieren diese Verirrungen? Unter welchen Bedingungen funktionieren sie? Und was müssen die Menschen tun, um diesem "Schicksal", sich selbst die Beine wegzuschlagen, entkommen zu können.
Seit vielen Jahren entdeckt García Márquez "Schicksals-Ereignisse" aller Art, die seine Neugier wecken. Er erforscht deren Komplexität - bis er sie in Romanform bringen kann.
Das Muster wiederholt sich: Wider bewußter Anstrengung verwirklicht sich etwas, das niemand für möglich gehalten hat. In den meisten Fällen wollten alle Beteiligten es verhindern. Und voller Verwunderung sehen sie: Es passiert trotzdem, sie wissen nicht, wie und glauben: Das ist Schicksal oder Magie eben oder sonst irgend etwas, das man sich nicht erklären kann. Auch der Leser, steht am Schluß seiner Bücher erst einmal vor einem Rätsel. Tief durchatmend habe ich die meisten seiner Bücher verlassen mit Worten im Kopf wie: "Unglaublich!", "Also doch!", "...dabei war es logisch und folgerichtig, geklärt von Anfang an!"
Wer dann genauer hinsieht, erkennt allmählich deutlicher: Das Unglaubliche passiert durch die Menschen selbst: Handlungen, die sie unterlassen, kleinere und größere Zugeständnisse an die Erwartungen der anderen. Erwartungen, zu denen sie sich gezwungen fühlen, Blicke, die nicht passen zu dem, was sie sagen. Das alles tun sie und sie halten es nicht für wichtig oder bemerken es gar nicht.
Ich will ein wenig veranschaulichen, wie García Márquez seine Leser zu Einblicken (ver-) führt. Ich nehme als Beispiel nicht "100 Jahre Einsamkeit", sein berühmtestes und komplexestes Buch. Statt dessen halte ich mich an zwei Bücher aus jüngerer Zeit.
Erstes Beispiel:
"Von der Liebe und anderen Dämonen."
Kolumbien, Mitte des 19.Jahrhunderts. Ein zwölfjähriges Mädchen stirbt, ein tollwütiger Hund hat sie gebissen. So viel weiß der Leser von Anfang an. Das Buch untersucht die Zeit vom Biß des Hundes bis zum Tod des Mädchens. Erzählt wird beides: Zum einen ist bald klar, daß das Mädchen sich nicht mit Tollwut infiziert hat.
Alle, die mit ihr zu tun bekommen, finden heraus, daß sie zwar gebissen wurde, aber nicht erkrankt ist: Ihr Vater, dann der Arzt, dann der Exorzist, die Nonnen im Kloster, in das sie gebracht wird, schließlich der Vizekönig des Landes. Aber keiner will die Verantwortung übernehmen und sie definitiv für gesund erklären. Alle meinen, ihr trotzdem helfen zu müssen. Am deutlichsten wird das bei ihrem Vater und dem Exorzisten, der sich in sie verliebt.
Beide leben nur noch in dem Gedanken, das Mädchen retten zu müssen und geben sich selbst dabei auf. Helfen-wollen nimmt den weitaus größten Platz des Buches ein. Der Leser wird so leicht reingezogen in den Sog der Hoffnung und der vielen guten Absichten. Hinzu kommt, daß keine seiner Figuren unsympathisch wäre. Ganz im Gegenteil. Es gibt keine “Guten” oder “Bösen” bei García Márquez. Für sich genommen, rein psychologisch, ist jede der Figuren in ihrem Handeln zu verstehen. Alle tun ihr bestes, glauben, nicht anders zu können.
Und trotzdem, ich behaupte sogar: Deshalb! - Stirbt das Mädchen. Die konkreten Handlungen, die zu diesem Ende führen, passieren alle plötzlich. Sie passieren eben - wider der guten Absicht, unbegründet, unüberlegt, aus Aberglauben oder zur Sicherheit eben.
Nicht um sie zu quälen, ruft der Vater alle Ärzte der Stadt zusammen. Die praktische Wirkung: Nach einer Woche sind Magen und Haut des Mädchens überreizt und entzündet. Sie beginnt, sich schreiend gegen neue Heilprozeduren zu wehren und wird nun für besessen gehalten.
Nicht um sie quälen, bringt der Vater sie nun in ein Kloster, nicht weil er denkt, sie wäre wirklich vom Teufel besessen. Aber: Der Bischof hat es befohlen und sicher ist sicher. Man weiß ja nicht, vielleicht ist sie ja wirklich besessen und für den Fall wäre das beste für sie: Exorzismus.
Auch der Exorzist verliebt sich nicht in sie, um sie in Verwirrung zu stürzen. Die Liebe überfällt ihn halt. Und er beichtet ihr seine Liebe auch nicht deshalb, um sie handlungsunfähig zu machen. Wartend auf ihn, ist die nun an ihre Zelle gebunden und versäumt es, im richtigen Moment zun entfliehen. Nicht um dies zu erreichen, sprudelt sein Herz über, sondern weil er nicht ein noch aus weiß mit seinen Gefühlsstürmen. Er verhindert eine gemeinsame Flucht aus dem Kloster nicht, um ihr den faktisch einzigen Rettungsweg zu versperren. Nein, er glaubt, sie würde eh´ in Kürze freigelassen werden. Ein legales gemeinsames Leben wäre besser als ein Leben auf der Flucht. Glaubt er.
Und er bleibt nicht weg von einem Tag zum anderen, damit sie an Liebeskummer sterbe. Sein Vorgesetzter zwingt ihn dazu. Doch auch dieser will das Mädchen nicht töten, sondern retten.
Schließlich das Mädchen selbst. Sie schlägt um sich, wenn sie zu lange “gerettet” wird. Sie tut es nicht, um denen, die über ihr Leben entscheiden, Angst einzujagen. Sie tut es nicht, um noch drastischere Sicherungsmaßnahmen zu provozieren. Sie kann sich einfach keine andere Gegenwehr vorstellen. Obwohl es der Möglichkeiten viele gäbe. Und warum läßt sie erst den Vater und später den Geliebten über sich bestimmen? Sie kennt es nicht anders.
In vielen seiner Romane trifft man auf ähnliche Grundstrukturen.
Präzise, vorurteilslos und dabei mitfühlend beobachtet und beschreibt García Márquez das Geschehen. Kettenglied für Kettenglied: Wer will was? Wer tut was? Wie wirkt das, was er tut, auf die anderen Beteiligten? Und das Ganze, als Muster, worauf zielt es? In Alltäglichkeiten, die Menschen zumeist geringschätzen, entdeckt er die Hinweise, die - zusammengefügt - das Rätsel lösen. Wie ein Detektiv.
Die Menschen kämpfen um ihr Leben.
Doch sie glauben an den Tod.
Ihr Scheitern scheint unwahrscheinlich.
Genauer betrachtet: folgerichtig.
Gut, Widersprüche zwischen Absicht und Tun werden aufgedeckt. Aber das ist nur ein Element, mit dem García Márquez über den Glauben an Magie hinausgeht. Hinausgeht in Richtung Magick. Es gibt noch mehr.
Mitleid erspart er sich und dem Leser. Die Stimmung in seinen Romanen hatte mich zunächst verwundert, dann zunehmend fasziniert. Anders als der tragische Ablauf des Geschehens in den meisten seiner Bücher es vermuten lassen könnte, kommt nirgendwo eine tragische oder depressive Stimmung auf. Im Gegenteil. Es entsteht eine Atmosphäre von Lebenskraft, Mitgefühl und Freude beim Entdecken scheinbar unerklärbarer Geheimnisse.
Komplexität scheint ihm Freude zu machen. Wie gesagt, “Gute” oder “Böse” gibt es in seinen Romanen nicht. Beobachtet werden die widerstreitenden Intentionen und Kräfte bei allen seinen Figuren. Komplex wird die Angelegenheit, wenn er die Interdependenz der einzelnen Handlungen vorführt. Die Intentionen und Kräfte der Einzelnen wirken nicht für sich allein, unabhängig von allen anderen. Sie ergeben ein Muster. García Marquez untersucht es genau. Ist es ein Muster, das zum Irrgarten wird? Ein Irrgarten, in dem die Beteiligten ihre Lebensenergie aufreiben? Dann ist das Muster tödlich. Oder wirkt das Muster so, daß der Wille zu leben die tödlichen Kräfte überwindet?
Lebens-Vision bewirkt das Unwahrscheinliche. In zwei Romanen haben seine Helden Erfolg. Nicht zufällig haben sie Erfolg oder dank höherer Hilfsmächte. In einem Roman ist es ein Liebender, im anderen ein Künstler. Beide verfolgen ein Ziel, das sie fordert, weit über ihre normalen Möglichkeiten hinaus. Anstrengung reicht nicht und guter Wille schon gar nicht. Umsichtig und präzise planend, ausdauernd arbeiten sie an ihrem Ziel. Und doch hätte ihnen das nichts genutzt, wenn sie nicht auch das Risiko gewagt häten: Das Risiko, den anderen Beteiligten wider aller Bedenken zu vertrauen.
Zweites Beispiel:
“Die Liebe in den Zeiten der Cholera”
Kolumbien, Mitte des 19.Jahrrhunderts. Helden: Fermina Daza und Florentino Ariza, ein ganz junges Pärchen. Sie sind gerade noch dabei, sich kennenzulernen. Da schickt das Mädchen ihm eine Karte: “Heute, als ich Dich gesehen habe, ist mir bewußt geworden, daß das mit uns nur eine Illusion ist.”
Kurz darauf wird sie von ihren Eltern verheiratet. Es gibt keine große Tragödie. Der Bräutigam ist eine gute Partie. Er ist noch jung, aber schon wohlhabend und mit sicherem Einkommen- ein Arzt. Er ist freundlich, verständnisvoll, geduldig, intelligent. Fermina findet sich ab mit der Wahl ihrer Eltern und verliert Florentino aus den Augen.
Anders Florentino Ariza. Für ihn ist sie die Frau seines Lebens. Er will warten, bis sie frei ist, In der katholischen Stadt, in der sie leben, heißt: bis ihr Mann stirbt. Auf diesen Tag, von dem er nicht weiß, wann er kommen wird, bereitet er sich vor: Ausdauernd und systematisch. Er gründet eine Existenz. Er lernt viele verschiedene Frauen kennen, um mit ihnen Sex zu trainieren. Oder um mit ihnen kooperieren, zu diskutieren oder den Haushalt führen zu lernen.
Keine von ihnen läßt er in dem Glauben, mit ihr zusammenleben wollen. Und mit keiner läßt er sich öffentlich blicken. Fermina Daza wohnt ja in derselben Stadt. Florentino will, wenn es so weit ist, glaubhaft erscheinen, wenn er ihr sagen wird: Ich habe mein ganzes Leben gewartet auf diesen Tag. Er pflegt seinen Körper und seine Gesundheit sorgfältig. Ab und zu organisiert er ein zufälliges Zusammentreffen mit Fermina Daza, damit sie ihn nicht ganz vergesse. Auch ihre Gesundheit würde er am liebsten behüten, denn auch ihr Tod könnte seinen Lebensplan durchkreuzen. Immerhin weiß er sie zufrieden und an der Seite eines Arztes.
Nach 51 Jahren ist es so weit. Die letzte Hürde ist zu überwinden. Sie hat nun eigentlich Witwe zu spielen, so will es der Anstand, nach dem sie ihr ganzes Leben ausgerichtet hatte. Doch da ist Florentino, der sich 51 Jahre auf ihre möglichen Bedenken vorbereiten konnte....
“....es ist das Leben, mehr als der Tod, das kein Ende hat.”



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