Von Federico Tolli

Diesmal: Kirche & Okkultisten - Das gemeinsame Trauma Satan?

Rom um 9 Uhr Morgens im Vatikan. Eilig schlendere ich über den frisch gebohnerten Marmor zur Sakristei, und verschlinge dabei ein Brötchen mit Parmaschinken als ich, in meditativer Einheit mit der italienischen Köstlichkeit in meiner Hand, gegen eine Statue laufe. Ich bin gegen einen Engel gestossen, aber der Engel, in einem ästhetischen Männerkörper aus Marmor gehauen, macht nicht den Eindruck als würde er sich über seinen Dienst erfreuen. Auf einen Stein gekauert, mit fallenden Flügel, und einem Blick Richtung Boden, machte die Marmorstatue eher den Eindruck, als würde sie einen geschlagenen und traurigen Engel darstellen. Etwas verdutzt frage ich einen dienstälteren italienischen Geistlichen, der mir über den Weg lief, worauf dieser schlicht auf italienisch antwortete "questo e Lucifer" und eilig Richtung Paläste verschwand. Ne, das kann nicht sein, der Engel erweckte eher Mitleid als dass dieser zu Hass oder "Bösen" tun einlädt.

Es war einer der wenigen Augenblicke, in dem ein Mensch knapp vor einer Erleuchtung stand, aber das Gesehene einfach nicht kapieren konnte. Ein Moment der Wahrheit, der nicht wirkte wie eine reinigende Flut, eher ein Moment der Wahrheit, dessen Wirkung mit einer Mauer auf der Autobahn zu vergleichen wäre. Das da soll verantwortlich sein für alles Böse auf der Welt, wird gejagt und exorziert, mit Bin Laden und Sadam Hussein, noch schlimmer mit Hitler verglichen?!? Oder machen die Popen auch einen Unterschied zwischen Satan, Luzifer und anderen Namen? Warum machen dann die Kirche, und die Medien so ein "Brimborium" um Satan, wenn doch mitten in ihrer Zentrale die Darstellung des gefallenen Engels "Klar und Wahr" spricht? Bekennen doch Christen, dass Satan, Luzifer, die alte Schlange durch die Auferstehung besiegt wurde - was soll das ganze Getue, und mit Luther gesprochen: Was soll die "dunkle" Johannes Offenbarung?

Scheinbar hat zumindest der Künstler begriffen, dass Satan für viele nur ein Spiegel ist, ein seelischer Abfalleimer, für Christen und invertierte Christen gleichermaßen. Dass diese Stellung nicht glücklich macht, liegt auf der Hand. Liest sich doch ein solches Beispiel gelungener ekklesiogener Therapie folgend:
"Satanisten schänden Berliner Kirche: Kondom im Taufbecken" melden die allseits bekannten Agenturen www.kath.net und www.idea.de, Sektenbeauftragter fordert härteres Vorgehen gegen Teufelsanhänger, war weiter zu lesen. So tut sich der Sektenbeauftragte Gandow mit innovativ-plakativen Äußerungen hervor: "Bei einem Anschlag auf eine Kirche muß mit der gleichen Intensität ermittelt werden wie bei einem Anschlag auf eine Synagoge." Satanismus sei kein "Dummejungenstreich". Gandows Angaben zufolge haben die Angriffe auf Kirchen in den letzten Jahren deutlich zugenommen. In Deutschland gebe es etwa 10.000 Anhänger des Satanskultes, für Berlin und Brandenburg geht er von etwa 1.000 aus. So werden von der christlichen Sexualethik frustrierte Jugendliche mit mordenden und plündernden SA Sturmtruppen bzw. "Glatzen" verglichen. Die Verwüstung: Im Taufbecken schwamm ein Kondom, die Altarblumen waren verstreut, die Bibel wurde gestohlen und die Lautsprecheranlage zerstört. Auf der Innenseite des Kirchenportals fand sich der Schriftzug "Satan". Das Täterprofil passt "perfekt" auf den Engel, der mir im Vatikan mein Schinkenbrötchen vermieste. Kein Drudenfuss, kein Sigil, kein Hinweis auf "schwarze Magie", aber Satan stand an der Tür. Wie ein pawlowscher Hund reagieren Medien, Volk und Kirche auf eine Fiktion, die nichts anderes tut, als im Vatikan den Marmor anzustarren.

Ist es wirklich dieser Engel, oder sind es nur die eigenen dunklen, verdrängten Seiten in einem, die Erfahrungen im Leben, die man wie das Große Tier in der Offenbarung, am liebsten hinter einer massiven Falltür in die Erde sperrt, und dort nie hervorholen möchte. Unterbewusst verdrängtes, das dann wieder zum Vorschein kommt, wenn Jugendliche oder schlichte Mörder wie Daniel und Manuela Ruda ihre Tat dem Engel zuschieben.
Es ist beschämend: Obwohl die Richter beim sogenannten "Satanistenmordprozess" als Juristen klar zum Ausdruck brachten, dass diesem Mord keine religiösen Motive zugrunde liegen, gar mit Satanismus nichts zu tun hatte, im kat.net zu lesen war:

"....der Prozeß gegen das Wittener Satanistenehepaar Ruda gezeigt habe, waren kürzlich wegen eines aus satanistischen Motiven begangenen Mordes an einem Arbeitskollegen zu langjährigen Haftstrafen und Unterbringung in der Psychiatrie verurteilt worden."
Starker Tobak von einer Religion, die von sich behauptet, Satan besiegt zu haben! Aber auch von anderen wird der arme Engel als Abfalleimer mißbraucht. Existieren heute noch viele "Logenoberhäupter", die sich als die Meister der "satanistischen Bewegung" lancieren, und mit spektakulären Worten wie Taten sich dieses Trauma der Christen zum Spielball machen. Ob gekreuzigte Frösche, geschlachtete Hähne, Gruppensex, oder einfache SM Spiele, oder gar Mord. All diese Dinge passieren in Deutschland alle 5 Minuten, aber im Zusammenhang mit dem Namen "Satan" oder "Luzifer" werden sie plötzlich sinister bedeutungsschwanger der Masse verkauft. Ein solch schönes Beispiel lieferte der Kölner Express, der sich letztens über den OTO ausließ:

"Die Sekte wurde bekannt durch ihren Guru Aleister Crowley, einen sexsüchtigen Menschen. Die Expertin der Hamburger Innenbehörde ist sicher, dass die Sekte aktiv ist. Die Treffen der Mitglieder sind sehr geheim, Aussteiger kennt man nicht. Man weiß, dass sie Sexorgien veranstalten. Der Akt hat bei den Sektenanhängern ein große Bedeutung."

" Was tut die Kölner Polizei gegen den bizarren Kult? "Der O.T.O. ist uns polizeilich nicht bekannt", sagt Sprecher Wolfgang Beus dem EXPRESS. Rein strafrechtlich gesehen kann man dem Orden also noch nichts vorwerfen."

Ein besseres Beispiel für ein vermarktetes "schlechtes Image" gibt es nicht. Auf der einen Seite müsste dann jeder Swinger Club in Deutschland polizeilich ausgehoben werden, wenn Sexsucht schon eine Gefahr darstellt, auf der anderen Seite weiss jeder, der eine "gnostische Messe" des OTO besuchte, daß ein Coitus höchstens im Kopf stattfindet. Ist es plausibel, dass der Orden trotzdem unbeirrt immer noch mit den Nimbus der 20ger Jahre wirbt!? In der Zwischenzeit hat sich die Sexualmoral erheblich verändert, und das, was Crowley als sexuelle Befreiung vom victorianischen Korsett propagierte, wird schon längst in jedem Schlafzimmer praktiziert. Mit Satanismus hat das in der Tat nichts zu tun, auch wenn man sich beeilt Crowley als "Neo-Satanisten" zu etikettieren.

Meine Frage ist nur, warum hat niemand den Mut, den armen Engel im Vatikan zu rehabilitieren, warum hat niemand den Mut zu sagen, dass "Satan" eine blanke Vorstellung, eine Illusion ist, eine Projektionsfläche für das, was nach mancherlei Aberglauben, nicht von "Gott" gewollt ist. Sicherlich gibt es Kräfte zwischen Himmel und Erde, die wir nur erahnen können, aber William Shakespeare meinte sicherlich nicht diesen "Märchensatan". Nein, hier müssen sich beide an die Nase fassen, Christen wie Antichristen, die Zeiten von Schwarz-Weiß sind vorbei, und der Engel, ist mir trotzdem noch ein Schinkenbrötchen schuldig geblieben.