Leserbrief zum Artikel "Reinkarnation- wie geht denn das?"

von Frater Scindor Velorum, Ordo Coronae Borealis

Ich habe Michael D. Eschners Artikel mit großem Interesse gelesen und bin der Ansicht, dass man seinen Ausführungen über das Wesen von Reinkarnation und den praktischen Ansätzen für ein personales Weiterleben nach dem Tod kaum etwas hinzufügen müsste. Allerdings sehe ich hinsichtlich der Intention, weshalb man sich beispielsweise durch Kundaliniarbeit seine personale Identität erhalten sollte, noch starken Diskussionsbedarf.

Ich bekam besonders am Ende des Artikels (aufgrund der Betonung der Wichtigkeit des Überlebens der personalen Identität) das Gefühl, dass sich hier wieder die alte Angst des Egos vor dem Verlöschen im Tod durch die Hintertür hereinschlich. Hier wird die Angst vor dem Vergessen, vor dem Ende der eigenen Existenz zur Triebfeder für spirituelle Entwicklung, und ich möchte die Frage stellen, ob so eine Triebfeder nicht letztendlich auf den falschen Weg führen kann (ich muss an dieser Stelle einen Crowley- Experten wie Eschner sicher nicht mit Old Crows zahlreichen Definitionen der Schwarzen Brüder langweilen, die in genau diese Richtung gehen).

Diese Angst ist nicht neu. Praktisch alle Hochreligionen missionieren mit ihr im Gepäck. In neuerer Zeit geht das evolutionär ausgerichtete Weltbild der Anthroposophen in eine ähnliche Richtung. Darin reinkarnieren Menschen selbstverständlich nur als Menschen ( womit auch ausdrücklich die Herausgehobenheit und Getrenntheit des Menschen von der übrigen Natur betont wird), natürlich baut man in jeder neuen Inkarnation auf den Erfahrungen aus dem letzten Leben auf- die Vorstellung, dass das eigene Ich irgendwann mal enden könnte, scheint den Antroposophen unerträglich zu sein, weshalb sie das Ideal der sich durch alle Reinkarnationen weiterentwickelnden Seele ausformuliert haben.

Noch deutlicher als in Eschners Artikel oder bei den Anthroposophen erkennt man bei Norbert Clarßen in seinem Buch "Das Wissen der Tolteken" die Sorge, die persönliche Identität könne mit dem Tode enden. Sämtliche schamanische Übungen, die er in seinem Buch beschreibt, zielen letztendlich darauf ab, die Freiheit über den Tod zu erlangen und zu verhindern, dass der mystische Adler, die Kraft, die den Kosmos erschaffen hat, im Augenblick des Todes die Bewusstheit des Sterbenden wieder verschlingt, die er ihm bei der Geburt verliehen hatte. Clarßen schreibt hierbei allen Ernstes vom "Einkassieren einer Leihgebür", als wäre das Multiversum ein kosmischer Krämerladen! In seinem System geschieht ausdrücklich jede Form von spiritueller Entwicklung aus Angst vor dem drohenden kosmischen Vergessen im Rachen des Adlers. Dies nur als Beispiel, wie weit verbreitet Theorien dieser Art sind.

Doch zurück zu Michael D. Eschners Artikel. Ich frage mich nach dessen Lektüre einfach, weshalb die personale Identität eigentlich unbedingt gesichert werden muss. Ist das tatsächlich so wichtig? Würde ich selbst es wollen, dass ich meine persönliche Identität über den Tod hinaus behalte? Wäre es tatsächlich so trostlos, die Seele eines geliebten Menschen wiederzutreffen und zu wissen, dass dessen alte Persönlichkeit für immer fort ist?

Nun - der leidenschaftliche Computerspieler in mir, der sich sehr gerne in viele verschiedene Identitäten begibt, fände es wohl auf die Dauer ziemlich langweilig, für immer dieselbe Identität zu besitzen. Ich empfände sicher das Wissen darum, dass eine geliebte Seele irgendwo weiterexistiert, sei es als Pflanze, als Mensch, als Brandungswelle oder als Roter Drache des Chaos, nicht als trostlos. Im Gegenteil: Die Beständigkeit der Existenz in unendlich vielen Spielarten ist für mich sehr tröstlich, unabhängig vom Vergessen, was meistens damit einhergeht.

Der Thelemit in mir, der sich die Entwicklung seiner Spiritualität auf die persönliche Lebensfahne geschrieben hat, beschäftigt sich natürlich auch mit der Freilegung der Kundalinikraft, aber nicht aus der Intention heraus, die persönliche Identität über den Tod hinaus zu sichern. Ich bin ein verflucht neugieriger Mensch, und ich will einfach wissen, was alles in mir steckt und wozu ich mich durch Trainieren meiner spirituellen Muskeln wohl noch weiterentwickeln kann - was noch alles durch spirituellem Fortschritt aus mir werden mag. Diese Lust an der Kunst ist meine primäre Antriebsfeder, nicht die Angst vor dem Erlöschen meiner Existenz im Tod. Sicher leugne ich nicht, dass mir bei dem Gedanken ans Sterben natürlich auch mulmig im Bauch wird. Aber dennoch will ich diese Furcht ganz bewusst nicht zum Motor meines Strebens machen.

Ich will den Berg besteigen, weil er da ist, nicht weil ich irgendwohin will. Diese Unterscheidung ist mir sehr wichtig, denn ich vermisse sie in vielen spirituellen Konzepten. Wenn mein Streben die personale Identität über den Tod hinaus mit sich bringen mag, dann werde ich mich damit auseinandersetzen, wenn es soweit ist.

Abschließend möchte ich diese Gedanken mit einer Aussage des Liedermachers Ludwig Hirsch, der sich in seinen Texten stark mit dem Tod auseinandersetzte, und der meinte, der Tod gebe gerade dadurch, dass der das Leben limitiere, erst einen Sinn, denn erst durch das Setzen dieser Grenze werde das Leben wirklich etwas Kostbares. Würde ich das Leben nicht seiner Kostbarkeit berauben, wenn ich es völlig darauf ausrichten würde, diese Limitierung zu überwinden?