Die Kunst der Schwarzen Erde
von W.H.Müller
"Auch wenn die physikalische Seite der menschlichen Evolution Vergangenheit und Gegenwart beherrschen mag, so ist es einzig der philosophische Tod, dem die Zukunft gehören wird."
Fulcanelli, "Les Demeures Philosophales"
Mit Cylianis "Der Entschleierte Hermes" und Sévéros philosophischer Anekdote "De Azote" gelangen zwei Schriften in deutscher Sprache zur Veröffentlichung, die in traditioneller Weise die Universalität der hermetischen Philosophie veranschaulichen. Es ist diese Universalität, auf die wir in unserem Vorwort zu ARS MELANCHTHONICA I näher eingehen, auch indem die Symbolik der Alchemie auf ihren urbildlichen Gehalt hin untersucht wird.
Die Erläuterung dessen, was im allgemeinen als "Lebensprinzip" oder das Solare Prinzip des Lebens bekannt ist, wird in dem dritten Band unserer Buchreihe zur "Königlichen Kunst der Alchemie" einen Höhepunkt finden. In "Abrac - Die Kraft des Lebens und der Schlüssel" wird in einer aussergewöhnlichen und erstmals umfassenden Weise die Symbolik und Hieroglyphik der Völker in Hinblick auf die Verehrung des Solaren Prinzips erläutert.
Auch werden die gegensätzlichen, kultischen Merkmale der einen oder anderen Epoche herausgestellt, so dass der Konflikt, der am Grunde jeder menschlichen Existenz zu finden ist, für den hermetisch und cabalistisch interessierten Leser nachvollzieh- und greifbar werden kann.
Das Solare Prinzip des Lebens ist der zentrale Gegenstand der hermetischen Philosophie. Es steht in Zusammenhang mit der Kraft der Imagination, der Magie im ursprünglichen, cabalistischen Sinne des Wortes. Oswald Crollius schrieb in einer seiner Schriften (1):
"Die Imagination des Menschen ist ein wahrer Magnet, der die Kraft besitzt, aus bis zu einhundert verschiedenen Orten Dinge an sich zu binden:... Mit ihm kann der Weise oder wahre Magier die Sterne zu sich holen, kann durch ihn mit Steinen, Abbildern und Metallen arbeiten, die schliesslich dieselbe Kraft annehmen, wie die Gestirne... Alles, was wir in der grossen Welt sehen, kann durch das Mittel der Imagination erschaffen werden. Es folgt, dass alles Pflanzen, Metalle und alles Tugendhafte durch die Kraft der Imagination, durch die Kraft des wahren Gabalie erschaffen werden kann."
In der Geschichte der Menschheit hat man dem Solaren Prinzip des Lebens viele Bezeichnungen gegeben. Der französische Kabbalist Stanislas de Guaita verfasste folgende Worte (2):
"Es ist, wie die Kabbalisten sagen, die fluide Schlange von Asiah---die alten Platoniker sahen darin die physische Seele der Welt, die in sich die Samen aller Lebensformen trägt; die Valentinischen Gnostiker personifizierten diese Kraft als den Demiurgen, "gewissenloser Eröffner der unteren Welt"---Je nachdem von welcher Seite betrachtet, ist sie für die Hermetiker die Quintessenz der Elemente, das Azoth der Weisen...oder auch das Geheime Feuer, lebendig und philosophisch. Für den Magier ist es der Vermittler zwischen den zwei Naturen; diese Kraft ist der manipulierbare Mittler, gleichgültig dem Guten, wie dem Bösen gegenüber...der universelle Atlas, der die Welten im Gleichgewicht hält...es ist das panthomorphe Feuer, die plastische und imaginierende Seele; dies ist die Astralschlange."
Diese "Astralschlange" nun wird von vielen praktischen Philosophen als ihre "Prima Materia" beschrieben, die innerlich und alchemistisch umgewandelt werden muss. Andere wiederum sprechen von dem "gefallenen Engel", den es nach seinem "Fall in die Zeitlichkeit" wieder zu erhöhen gilt. Die Sufis nennen in diesem Zusammenhang Luzifer, aus dessen Krone einst der kostbare Smaragd fiel, und Kenner hermetischer Literatur werden sofort an die oftmals genannte Tabula Smaragdina erinnert, die bei den Sufis symbolisch mit der Visio Smaragdina, der "smaragdenen Vision", einhergeht, durch die dem Adepten die Mysterien der Seele offenbart werden.
Alle Symbole, die das Solare Prinzip des Lebens betreffen, konvergieren an einem Punkt, den wir den ursprünglichen locus artis nennen, jener Ort, an dem der initiierte Mensch zu einem "Künstler der Schwarzen Erde" wird, jener Ort aber auch, an dem der Adept aktiver Teilnehmer an einer furchtbaren Katastrophe wird, aus welcher die gegenwärtige elementare Welt einst hervorging. Dieser Ort, der, wie sich die sufischen Hermetiker ausdrücken, "auf keiner Landkarte verzeichnet", und nur im Bereich der geographia sacra, "heiligen Geographie" oder "Geosophie" zu finden ist, wird auch als Schwelle bezeichnet. Sie ist das Reich der imaginierenden Seele, des im Zustand der Animation befindlichen Solaren Prinzips, anima coelestis.
Der Begriff Hermetik weist auf einen Hauptaspekt des magischen Vorgangs hin, den die Menschen seit ältester Zeit als die "Schöpfung" bezeichnen. "Hermes" ist der Bote der Götter, geboren von Maia, dem seelischen Fundament der kosmischen Welten.
Was ihre Überlieferung betrifft, so ist die Hermetik so alt wie die Menschheit selbst, auch wenn die frühesten kultischen Ausformungen oftmals nicht immer kollektiv als "hermetisch" bezeichnet worden sind. Der bekannte Religionswissenschaftler Mircea Eliade schrieb zu jener verborgenen Dimension des Wissens, die von Natur aus kultur- und "zeitunabhängig" zugänglich ist, Folgendes (3):
"Odhin-Wotan war der Herr der Wut, des furor religiosus (Wotan, id est furor, schreibt Adam von Bremen). Wut, wie auch andere religiöse Begriffe aus dem Indo-Europäischen (furor, ferg, menos), drücken den "Zorn" und die "extreme Hitze" aus, die durch eine exzessive Verinnerlichung der heiligen Macht verursacht wird. Der Krieger ermattet während seines initiatorischen Kampfes, er produziert eine "Hitze", die uns an die "magische Hitze" erinnert, die auch in Schamanen und Yogis ensteht...Auf dieser Ebene ähnelt der Krieger den "Herren des Feuers"---Magiern, Schamanen, Yogis, Schmieden...Der heilige Schmied arbeitet mit dem Feuer, der Gott der Krieger, mit seinem furor, stellt er auf magische Weise das Feuer in seinem eigenen Körper her. Es ist diese Intimität, die innere "Beziehung" zum Feuer, die so unterschiedliche, magisch-religiöse Erfahrungen und so unterschiedliche Berufungen konvergieren lässt, wie wir sie vorfinden beim Schamanen, beim Schmied, beim Krieger und beim Mystiker."
Das Wort Hermetik wird im allgemeinen von dem arabischen girmiz, "etwas, das scharlachrot einfärbt", abgeleitet. Es steht als solches in einem unmissverständlichen Verhältnis zum Weib der Apokalypse, Pselion, der Hure Babylon, aber auch zum Rubedo der Alchemisten, dem Roten Stein, der den Triumph signalisiert, den die Umwandlung der Astralschlange, der Kraft des Lebens, im Menschen mitsichbringt.
Es ist die Umwandlung dessen, was durch das mysteriöse Ereignis des "Falls" in den Zustand der Unreinheit verfiel. Wenn in sufischen Schriften davon gesprochen wird, verweisen die Autoren auf die notwendig gewordene Reinigung des Unreinen, von der Wiedereinrichtung der adamischen Ur-Ordnung und seiner übernatürlichen Harmonie, welcher jedoch die alchemistische Erweckung des Lichtorgans, dem Sinn der Ewigkeit vorausgeht. Hat der Adept diese Erweckung innerlich vollbracht, offenbart sie ihm die verborgene Ordnung der Welten.
Dies geschieht an jenem Ort, an dem sich "die zwei Meere treffen", dort, wo der "Pilger zum Weltenberg" die imaginierende Seele vorfindet und ihrer habhaft werden kann.
Auch der Begriff Alchemie kann aus dem Arabischen abgeleitet werden: Al-khemia gilt als eine alte Bezeichnung "Ägyptens", dem "Land der Schwarzen Erde". Doch wie zuvor schon das Reich der Imagination, der aktiven Teilnahme am universellen Geschehen, der Magie, ist auch dieses Ägypten auf keiner bekannten Landkarte zu lokalisieren, denn es ist das Ägypten der heiligen Geographie, von dem auch die initiierten Autoren des Pentateuch und anderer Schriften des Alten Testaments zu berichten wussten.
In der hermetischen "Hierarchie des Lichts", der sufischen "Lehre von den sieben Latifa", wird die schwarze Farbe mit dem gefallenen Zustand Adams gleichgesetzt. Der Islam huldigt kollektiv dem gefallenen Engel in der Kaaba von Mekka. Der Stein, der sich in dem Heiligtum befindet, aus dem der historische Begründer des Islam "alle Tauben entfernt haben soll", symbolisiert jenen Adam, der nur durch sieben Perambulationen oder Umrundungen erlöst bzw. gereinigt werden kann.
Auf die metaphysische Bedeutung dieser Perambulationen, im Hinblick auf die aktive Imagination, wie sie von Ibn Arabi beschrieben wurde, die Erschaffung des hermetischen Körpers, arabisch burak, den verborgenen Pol oder das Imamat, sowie die sufisch-alchemistische Praxis, arabisch tawil, werden wir in unserer im Frühjahr erscheinenden Veröffentlichung ARS MELANCHTHONICA II in vielen Einzelheiten eingehen.
Im Zusammenhang mit dieser genannten inneren Reinigung, der Erhöhung dessen, was als vermittelnde Kraft der sufischen Symbolik zufolge Gabriel, der "Engel der Menschheit", ist, setzen die zwei Lehren des Weges der Linken und des Weges der Rechten Hand an.
Die Frage, die sich stellt: Soll der Engel der Menschheit erhöht, soll er erlöst werden oder nicht? Es gibt zwei Antworten hierauf.
Jene, die die Intelligenz der Initiation durch die Praxis des Grossen Werkes der Alchemie erhöhen, um schliesslich aus dem Solaren Kreislauf der seelischen---Solaren---Wiedereinbindungen, im allgemeinen fälschlich als "materiell-körperliche Wiedergeburt" aufgefasst, auszubrechen, sind als die Vertreter der Schwarzen Magie bezeichnet worden; jene, die das Gegenteil zum Ziel haben, als Vertreter der Weissen Magie.
Die bekannte Theosophin H.B. Blavatsky, die in ihren Schriften eine unmissverständliche Haltung zu dem einnahm, was ihr vorgegeben wurde, unter der Praxis der Linken Hand zu verstehen, wies die "Schwarze Magie" einer vorsintflutlichen Zivilisation, die "Weisse Magie" dagegen, der nachsintlutlichen, "neuzeitlichen" Zivilisation zu.
Der magische Schöpfungsakt, die Imagination, steht im Mittelpunkt der Auseinandersetzung beider Seiten. Der französische Dichter und Kabbalist Victor Hugo äusserte sich zu dieser kosmischen Wirklichkeit in seinem masonischen Gedicht "Das Ende Satans" mit folgenden, bemerkenswerten Worten, die eine höhere Stufe der Einweihung erkennen lassen:
"Was! das unendlich Gute, das unbegrenzt Böse;
Du das Gute, ich das Böse. Ist das möglich?
Die Welt regiert von zwei Unsichtbaren!
Träumst du davon Schöpfer? Die Welt für uns
beide! Nein, du bist das Angesicht, ich bin das
Knie!"
In den tantrischen Überlieferungen des alten Indien sind die zwei Wege als pitriyana und devayana, der "Torweg der Menschen", verbunden mit dem indra-loka, Mond, und der "Torweg der Götter", verbunden mit dem brahma-loka, Sonne, bekannt. Die griechischen Hermetiker nannten viele Jahrhunderte später das erste Elysium, das zweite Empyrium. Die "Eleusischen Mysterien" sind aus diesem Grund auch als die Lunaren Mysterien bekannt. Es ist bemerkenswert, dass das griechische Wort Elysium phonetisch-cabalistisch Illusion anklingen lässt und wir sogleich eine Beziehung herstellen können zur Mutter des Hermes, Maia, deren hermetische Bedeutung im "Westen" ganz der indisch-tantrischen Vorstellung der kosmischen Welt als eine Illusion gleichkommt.
An jenem Ort, dem zuvor erwähnten locus artis, der in den Schriften der Sufis mit der Sphäre zwischen den Welten, dem Mesokosmos, gleichgesetzt wird, "scheiden sich die Geister." An jenem Ort ausserhalb der "niederen adamischen Sinnlichkeit", der Sphäre der Okkultation, nimmt der Adept der praktischen Philosophie das "Schicksal der Welt", das die Griechen unter anderem telosie nannten, in die Hand; hier wird er zu einem aktiven Teilnehmer in einem Konflikt, der die Urwelt, den Urhimmel in zwei Hälften spaltete.
Es ist an jenem Ort, an dem Herkules mit zwei Schlangen ringen muss; hier, wo sich zwei Meere treffen, verbinden sich auch zwei Naturen, die eine himmlisch, die andere irdisch. Hierauf weist das grosse hermetische Emblem, der Caduzäus, "Stab des Hermes", hin. Doch in diesem Kampf um Leben und Tod muss eine der zwei Schlangen letztendlich besiegt werden, worauf Cyliani in seiner Schrift "Der Entschleierte Hermes" allegorisch und cabalistisch einging.
Zwei Wege bestimmen das Drama der seelischen Existenz des Menschen und das emotionale (4) Echo dieses Dramas reicht in alle Bereiche der inneren, kosmischen Welt hinein, die im allgemeinen als "Schöpfung" bezeichnet wird. So offenbart sich die Alchemie, die "Kunst Khems", als die Chemie des Alls, an der jedes Individuum, menschlich oder nicht, im Leben Teil hat.
Im akkadisch-babylonischen Schöpfungsepos "Enuma Elish" besiegt Marduk, der Daimon (5), Tiamat und Apsu, die urweltliche Ganzheit, die in vedischen Schriften als Hamsa bezeichnet wurde. Sie bildet die metaphysische "Urkaste", die einst in zwei Unterkasten, die Kshatriyas und Brahmanen gespalten wurde. Mit den Symbolfarben rot und weiss stehen sie für die zwei Wege, das pitriyana und devayana, symbolisiert durch Mond und Sonne, die zwei Gestirne, deren sphärische Vereinigung zur Geburt des "Geistkindes" führt, das allein den Menschen zum letzten aller Mysterien führen kann.
Doch auf welchem der beiden Wege gelangt der praktische Hermetiker zu dieser inneren Geburt und zu den Offenbarungen, die ihr folgen? Und wie kann der Mensch die Geburt dieses "Kindes" überhaupt herbeiführen? Demjenigen, der ihre cabalistischen Worte richtig zu verstehen weiss, geben sowohl Cyliani, als auch Sévéros hierauf die definitive Antwort.
Anmerkungen
(1) "La Royalle Chymie de Crollius", Lyon, 1624; zitiert in Stanislas de Guaita,
"La Clef de la Magie Noire", Guy Trédaniel, Seite 145.
(2) Vgl. "La Clef de la Magie Noire", Seite 101.
(3) Vgl. "Forgerons et Alchemistes", Flammarion 1995, Seite 88ff.
(4) Zu verstehen in seiner ursprünglichen Wortbedeutung: Emotion ist abgeleitet von dem lateinischen motere, "bewegen", und signalisiert im hermetischen Kontext das primum mobile bzw. das Solare Prinzip des Lebens, das für die emotionale "Grundkonstitution" des Menschen verantwortlich ist. In der Hermetik steht das Emotionale der Logik gegenüber.
(5) Das griechische Wort daimon, ein "göttliches Wesen" bezeichnend, ist wurzelhaft verwandt mit dem Sanskrit daimi, "teilen", "spalten".



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