Die Kundalini-Shakti
doch der rote Glanz ist in meinen Augen; und mein Flitter ist purpur & grün." (Liber Liber Legis, Hadit 50)
Die Kundalini-Shakti
Der Begriff "Kundalini-Shakti" kommt aus dem Sanskrit, der heiligen Sprache der Hindus in Indien. Er bedeutet "Schlangenkraft", die Kraft der Schlange. Diese Bezeichnung bezieht sich in der ursprünglichen Lehre auf eine spirituelle Kraft, die in jedem Menschen am unteren Ende der Wirbelsäule schläft. Wenn sie erwacht steigt sie durch verschiedene Zentren, die sogenannten Chakras (Chakra bedeutet Rad, Kreis), inmitten der Wirbelsäule empor, bis sie sich über dem Scheitel sammelt.
Das erste Chakra, in dem die Kundalini schläft, wird als
Muladhara
(Wurzelzentrum) bezeichnet. Das letzte Chakra, in dem die Kundalini sich sammelt, wird als
Sahasrara
(Sitz Shivas) bezeichnet. Dazwischen liegen weitere fünf Chakras, insgesamt werden gewöhnlich sieben Chakras genannt.
Nach den traditionellen Schilderungen kann das Aufsteigen der Kundalini auf fünf verschiedene Weisen geschehen: wie das Kriechen einer
Ameise
; wie das Schwimmen eines
Fisches
; wie ein
Affe
, der mit einem großen Sprung das Chakra Sahasrara erreicht; wie ein
Vogel
, der von einem Zweig zum nächsten hüpft; und wie eine
Schlange
, die sich im zickzack aufwärts bewegt.
Die Praxis der Erweckung und des Aufsteigens der Kundalini wird als
Kundalini-Yoga
oder
Tantra-Yoga
bezeichnet. Ziel dieses Yoga ist, die Kundalini in das Chakra Sahasrara zu bringen. Sobald die Kundalini dort angekommen ist,vereinigt sie sich mit dem Göttlichen, in diesem Fall dem Gott Shiva. Als Folge werden alle göttlichen Kräfte, die im Menschen schlafen, aktiviert und zeigen sich als Weisheit und Seligkeit. Wer die Kundalini in das Chakra Sahasrara geführt hat, gilt als
erleuchtet
.
Die
Methoden
des Kundalini-Yoga bestehen aus Reinigungsübungen, Atemschulung (Pranayama), Körperschulung (Hatha-Yoga) und intensiver Konzentration. In einigen Schulen, die dem sogenannten linkshändigen Pfad folgen, werden auch sexuelle Techniken angewendet.
Soweit die Ü
berlieferung
.
Die heutige
Anwendung in der Thelema Society
stimmt nicht mit allen Aspekten der Überlieferung überein. Der Kern der Erfahrung bleibt jedoch erhalten. Das rechtfertigt es, an die Tradition des Kundalini-Yoga anzuknüpfen und die Bezeichnung Kundalini-Shakti zu verwenden.
Die
Erfahrung der Kundalini
, wie wir sie kennen, besteht in dem Aufsteigen einer Energie, die aus dem Chakra Muladhara hervorgeht, in der Wirbelsäule heiß und zickzackförmig - eben wie eine
Feuerschlange
- aufsteigt und sich im Chakra Sahasrara sammelt.
Je mehr sich die Kundalini im Chakra Sahasrara sammelt, desto steifer, kälter und lebloser wird der
Körper
. Das Bewußtsein sammelt sich mit der Kundalini im Chakra Sahasrara und wird zu tiefer Verzückung und
Ekstase
. Alle irdische Schwere fällt ab, die Empfindung, mit der ganzen Welt eins zu sein, erfüllt das Bewußtsein. Wunschlose Glückseligkeit erlaubt nur noch das Sehnen, in diesem Zustand für ewig zu verbleiben.
Die
traditionelle Interpretation
, dieser Zustand sei die Einheit mit der Gottheit, ist aus diesen Erfahrungen nachvollziehbar. Damit kann man sich zufriedengeben und in diesem Zustand verweilen. Aber, wann ist der moderne westliche Mensch schon zufrieden? Wir waren es jedenfalls nicht - und forschten weiter.
In einem alten indischen Text über Kundalini fanden wir den entscheidenden
Hinweis
: Die Sammlung der Kundalini im Sahasrara sei nur der Anfang, stand dort. Der entscheidende Punkt sei erst erreicht, wenn man sich aus der Selbstbeschauung der Verzückung löse und die neue Welt, in die man nun eingetreten sei, annehme. Die wesentliche Mitteilung war, daß der ganze Prozeß der Kundalini darauf hinauslaufe, daß der Mensch, indem er alle Energien aus seinem materiellen Körper abziehe, einen neuen feinstofflichen Körper bilde. Dieser feinstoffliche Körper ist auch als Lichtkörper oder
Astralkörper
bekannt - und so werden wir ihn im folgenden nennen. Der Astalkörper, fuhr die Schrift fort, sei unsterblich und seine Heimat sei die feinstoffliche Welt der Götter (Devas), wir werden diese Welt im folgenden
Astralwelt
nennen.
Astralkörper und Astralwelt sind auch in der westlichen esoterischen Tradition bekannt, stehen aber nicht in Verbindung mit der Kundalini. In der westlichen Tradition geht es meist um die Bildung der Vorstellung eines feinstofflichen Körpers, in den dann das Bewußtsein übertragen wird oder um die
Projektion
des Bewußtseins an einen Ort außerhalb des Körpers. Solche Methoden haben auch ihren Wert, wir verwenden dafür die Bezeichnung
Ätherkörper
, sind aber von der Praxis der Kundalini qualitativ verschieden bzw. weit entfernt. Wir können nicht mit einer wissenschaftlich exakten Definition oder Erklärung der Astralwelt dienen. Die entscheidende Frage dürfte sein, ob die Astralwelt
wirklich
oder eingebildet ist. Wir beschreiben die Astralwelt als Wirklichkeit nach folgenden Kriterien:
- Kontinuität: Wir gehen abends schlafen, träumen, und wachen morgens wieder in der Welt auf, in der wir schlafen gegangen sind. Aber in der folgenden Nacht träumen wir gewöhnlich nicht in der Welt weiter in der wir die vorhergehende Nacht geträumt hatten. Kontinuität in diesem Sinne hat nur die Wachwelt, nicht der Traum. Die Astralwelt hat die Kontinuität der Wachwelt. Wenn man wieder hineingeht, kommt man in Situationen, die kontinuierliche Entwicklungen der Situationen des letzten Besuches sind.
- Widerstand: Erfahrung machen bedeutet auf Widerstand stoßen. Die Welt macht nicht das, was wir wollen und erwarten, sondern sie hat ihre eigenen Gesetze. Das gilt sogar für den Traum, denn wir können träumend in Situationen uns erleben die Angst machen, wir können Alpträume haben - auch wenn wir das nicht wollen. Widerstand der Welt ist ein Kenzeichen für Wirklichkeit, die Welt wirkt auf uns ein. Die Astralwelt ist widerständig, wenngleich weicher als unsere Alltagswelt. Da eine widerständige Welt aber auch im Traum auftreten kann, ist Kontinuität ein schwerwiegenderes Kriterium.
- Intersubjektivität: Intersubjektivität bedeutet, daß Erfahrungen von mehreren Menschen geteilt werden, daß sie alle in ähnlichen Situationen ähnliche Erfahrungen machen und sich darüber auch austauschen können. Intersubjektivität ist, nach unseren Erfahrungen, für die Astralwelt gegeben.
Die Astralwelt ist kontinuierlich, bietet Widerstand und ist intersubjektiv. Da wir in unserer Alltagswelt keine besseren Kriterien für Wirklichkeit haben, der Alltagswelt nach diesen Kriterien Wirklichkeit zusprechen, müssen wir auch der Astralwelt Wirklichkeit zugestehen. Jede kontinuierlich erlebte Welt, deren Kontinuität nicht beliebig abbricht, sondern stetig erweiterbar ist, muß eine wirkliche Welt sein.
Diese Astralwelt, d.h. das was wir hier Astralwelt nennen, ist unseres Wissen einzig mit der Entwicklung der Kundalini erreichbar.
Bis hierhin wird dieser Text für viele Menschen noch einen Hauch von Vernunft oder Vorstellbarkeit haben. Der Punkt, an dem uns manche für verrückte Spinner erklären, folgt:
Der Astralkörper ist unsterblich, d.h. der Mensch wird durch die Entwicklung der Kundalini und den dadurch entstehenden Astralkörper unsterblich. Mit unsterblich ist gemeint: Der Astralkörper altert nicht, er kann nicht an Altersschwäche sterben. Das bedeutet nicht notwendig seine Unzerstörbarkeit. Ob der Astralkörper unzerstörbar ist, darüber können wir z.Zt. nichts sagen.
Wir nennen Wesen die im Astralkörper leben Immortalisten. Es gibt in der Astralwelt viele Immortalisten, es gibt Gemeinschaften von Immortalisten und Immortalistenkulturen, mit denen man im Astralkörper kommunizieren kann. Aus diesen Kommunikationen und eigenen Erfahrungen stammt unsere Kenntnis der Astralwelt. Die Astralwelt ist eine qualitativ andere Welt als unsere Alltagswelt. Es gibt keine Naturgesetze in unserem Sinne, eher so etwas wie Wahrscheinlichkeitsgesetze, besser vielleicht: Verhaltensgewohnheiten. Im Vergleich zu der toten Materie unserer Wirklichkeit könnte man sagen: die Astralwelt lebt. Die Materie der Astralwelt ist geistiger und plastischer als die Materie unserer Welt. Die traditionelle Bezeichnung als feinstoffliche Welt hat eine gewisse metaphorische Berechtigung.
Der Versuch, die Astralwelt zu beschreiben, bleibt immer metaphorisch, denn die Astralwelt ist qualitativ anders als unsere Alltagswelt. Um sie zu verstehen, muß man sie erfahren.
Man kann neue Kontinente nicht entdecken, ohne bereit zu sein, alte Ufer aus den Augen verlieren. (Fridtjof Nansen)



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