"Dichtung ist eine Expediton nach der Wahrheit." Franz Kafka

von Michael D. Eschner

Wer hört oder liest will verstehen. Das ist gewöhnlich nicht schwer, man versteht eben. Aber manchmal weiß man nicht ob man richtig verstanden hat, insbesondere bei Mitteilungen die nicht in der gewohnten  Alltagssprache sprechen. Das Liber AL ist eine Mitteilung der Götter - nicht alltäglich und nicht immer leicht zugänglich. Wagen wir es dennoch.

Zuerst stellt sich die Frage: Was ist das Liber L?

  • Das Liber L ist keine Sammlung oder Verkündung von Wahrheiten oder Glaubenssätzen.
  • Das Liber L ist keine Sammlung von Aussagesätzen die wissenschaftlich interpretiert und auf ihre Wahrheit geprüft werden können.
  • Das Liber L ist kein Werk, welches nur hohe Eingeweihte oder Erleuchtete verstehen können.
  • Das Liber L ist kein Werk, welches nur Leute verstehen können die jahrelang die Kabbalah oder sonstige magischen oder okkulten Modelle studiert haben.
  • L 3.39: "... und jedem Mann und jeder Frau, die du triffst, wäre es auch nur, daß du mit ihnen ißt oder trinkst, sollst du das Gesetz geben."
  • L 1.34: "...: das Gesetz ist für alle."

Im Liber L vel Legis offenbart sich die Gottheit, in ihren Formen als Nuit, Hadit und Ra-Hoor-Khuit, den Menschen.

Was heißt das? "Offenbart sich die Gottheit" ist nicht so zu verstehen, daß verkündet wird, seht her, ich bin die Gottheit. Die Zielrichtung liegt auf: Selbstoffenbarung, Sichoffenbaren, sein inneres Sein ausdrücken. Die Gottheit erzählt uns wer und wie sie ist.

Stell dir vor du begegnest einem interessanten Menschen. Ihr kommt ins Gespräch und auf dein Nachfragen erzählt er dir von sich selbst,  erzählt über sein Leben, sein Lieben, seine Erfahrungen und seine Überzeugungen. Du hörst zu, du fragst nach, erfährst weiteres, erblickst vielleicht neue Lebensmöglichkeiten und so wird dir dieser Mensch immer vertrauter und letztlich zum Freund. Der Freund sagt dir die Wahrheit über sich selbst und du kannst ihn weder verstehen noch Freund nennen wenn du ihm nicht glaubst was er dir sagt. Dein Freund ist ehrlich!

Ihr bleibt nun nicht stehen beim Reden, sondern unternehmt gemeinsam Sachen, die du vorher nicht kanntest oder nicht getan hast. Gemeinsam macht ihr neue Erfahrungen, geht neue Wege, erstürmt fremde Gipfel und erweitert euer Leben.

Betrachte das Liber Legis genauso: Ein Gespräch mit einem Freund der dir von sich erzählt und aus dessen Lebenserfahrung du lernen kannst. In diesem Sinn ist das AL eine Offenbarung, die Selbstoffenbarung der Gottheit. In ihren eigenen Worten:

LLL 1. 2:"Die Entschleierung der Gesellschaft des Himmels".

Wenn du dich im Gespräch mit dem Liber L auf den Text einläßt, dann ist das L weder schwierig noch bleibt es geheimnisvoll - zumindest nicht mehr als jeder andere Mensch es ist. Schwierig und geheimnisvoll ist das L nur, wenn du theoretisch herangehst und dein Verstehen nicht in deinem Leben praktisch umsetzt. Wenn du dein Verstehen Praxis werden läßt und mit dem L neue Lebenserfahrungen sammelst, wirst du lernen das L zu verstehen - und alles wird ganz leicht sein!

Das bedeutet aber nicht, daß man nun das L so verstehen kann wie es einem gerade in den Kram paßt. Das würdest du ja bei einem Gespräch mit einem Freund auch nicht tun. Du würdest versuchen zu verstehen, was er dir mitteilen will - und ihm nicht willkürlich irgendetwas unterstellen. Wenn du dir nicht sicher bist, was dein Freund dir sagen wollte, wirst du nachfragen. Das ist mit Gespräch gemeint: nicht irgendeine Bedeutung zu unterstellen, sondern Fragen und das Liber L auch mal ausreden lassen.

Kommentare und Deutungen

Es gibt viele Kommentare zum L. Einige hat Crowley selbst geschrieben, einen umfassenden Kommentar gibt es von Marcello Motta und von MDE - und dann ist das ganze Internet voll von AL-Deutern, die die verschiedensten Theorien über das AL und seine Inhalte vertreten.

Bevor du dich an das Studium irgendwelcher Deutungen machst solltest du der oben angegebenen Methode folgen und deine eigenen Erfahrungen mit dem Liber Legis machen. Erfahrung bedeutet: nicht nur lesen und kommentieren, nicht bei der Theorie stehen bleiben, sondern in ein Gespräch mit dem L eintreten. Geh an das L mit den Fragen heran die dich wirklich interessieren, mit Fragen die dir auf der Seele brennen. Nur was du praktisch verwerten, praktisch in deinem Leben ausprobieren und anwenden kannst hat Wert. Dadurch findest du eine eigene Beziehung zum L. Dann, wenn du eine eigene Beziehung zum Liber L gefunden hast, erweitere deinen Horizont mit den Deutungen anderer Menschen.

Warum sollte man sich mit den Deutungen und Kommentaren anderer Menschen überhaupt beschäftigen? Weil man dadurch den eigenen Horizont erweitert. Was andere zum L sagen ist nicht besser, wahrer oder durchdachter als das was man selbst aus dem L liest. Andere Menschen lesen anders und sehen dadurch anderes. Diese anderen Deutungen kannst du den eigenen gegenüberstellen und wirst dadurch mehr und andere Möglichkeiten sehen und zu einem vertiefteren Verstehen gelangen. Was "wahr" bedeutet kann man nur verstehen, wenn man versteht was "falsch" bedeutet - und umgekehrt. Genauso ist es mit dem Verstehen des L, nur im Vergleich zu anderen Deutungen und im Verstehen anderer Deutungen kann man die eigene Deutung verstehen.

Sei vorsichtig mit L-Deutern die ihre magische oder okkulte Kompetenz zu sehr betonen. Solche Menschen benutzen die Betonung ihrer Kompetenz oft nur um der Verständigung aus dem Weg zu gehen und ihre eigenen Deutungen autoritär absolut zu setzen. Am besten ist es, wenn du Menschen findest mit denen du im gegenseitigen Gedankenaustausch verständigungsorientierte Gespräche über das L führen kannst.

Die Handschrift

LLL 3.47: "Dieses Buch soll in alle Sprachen übersetzt werden: aber immer mit dem Original in der Schrift des Tieres; denn in der Zufallsgestalt der Buchstaben und ihrer Stellung zueinander: darin sind Geheimnisse, die kein Tier ahnen soll."

Das Tier ist "der erwählte Priester & Apostel" und selbst dieser wird die Geheimnisse des Buches nicht alle entschlüsseln können. Auch sein Nachfolger nicht, "kein Tier". Wer aber dann?

Das ist gerade das Geheimnis des Gesprächs: das individuelle Verständnis des L, welches sich aus diesem Gespräch mit dem Liber Legis ergibt und für jeden ein anderes, eben seiner besonderen Individualität entsprechendes Verständnis ist. Dein Verständnis des L kann niemand anders so verstehen wie du!

Der individuellste Teil des L ist das handschriftliche Manuskript. Wenn Du vom gedruckten Text zur  Handschrift übergehst, was geschieht? Du gehst weg von den genormten Buchstaben zu den individuellen, einmaligen Formen der Handschrift. Das Liber L wird dadurch noch persönlicher, denn es hat in der "Zufallsgestalt der Buchstaben und ihrer Stellung zueinander" viel mehr Ausdrucksmöglichkeiten als in einem gedruckten Text.

Du wirst vielleicht irgendwo deinen Namen entdecken, du wirst vielleicht an manchen Stellen etwas anderes lesen als im gedruckten Text, du wirst vielleicht Bilder und Muster erkennen die du vorher nicht gesehen hast. Das Gespräch mit dem L wird näher und intimer und es eröffnet noch mehr Möglichkeiten der Mitteilung, des Verstehens und des Gesprächs. Jetzt offenbart sich, daß das L für dich ganz persönlich geschrieben wurde.

Aber versuche auch hier nicht irgendwelche okkulten Geheimnisse zu entdecken, denn das Geheimnis ist offenbar. Es geht um deinen Lebensweg und um die Existenz Deines Seins. Das alles wird sich dir im intensiven Gespräch mit dem L erschließen. Das ist das ganze Geheimnis und es ist ein Geheimnis, denn die Bedeutung die das L für dich hat wird für jeden Anderen immer einen Rest von Geheimnis behalten: niemand ist wie du!

Die Wahrheit

Wer behauptet, daß er die Wahrheit des L entdeckt hat, die er nun anderen Menschen verkündet, der versteht es nicht:

LLL 3.63 "Der Narr liest das Buch des Gesetzes und seinen Kommentar und er versteht es nicht."

Zu diesem Thema äußert sich der Kommentar am Ende der Verse. Da dieser immer wieder zu Verständnisproblemen führt, hier eine kleine Anregung zum Verstehen:

  • Kether: Der Kommentar.
  • Chokmah: Tu was Du willst sei das Ganze Gesetz.
  • Binah: Das Studium dieses Buches ist verboten. Es zeugt von Weisheit, wenn dieses Exemplar nach dem ersten Lesen zerstört wird.
  • Chesed: Wer aber immer dies mißachtet, tut es auf sein eigenes Risiko und seine eigene Gefahr hin. Diese sind ausgesprochen schrecklich.
  • Geburah: Jene, welche die Inhalte dieses Buches diskutieren, sollen gemieden werden wie Pestherde.
  • Tiphareth: Alle Fragen des Gesetzes sollen nur anhand meiner Schriften entschieden werden, jeder für sich.
  • Netzach: Es gibt kein Gesetz außer Tu was Du willst.
  • Hod: Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen.
  • Yesod: Der Priester der Prinzen.
  • Malkuth: ANKH-F-N-KHONSU

Ein andere Perspektive ergibt sich, wenn man Überschrift, Unterschrift und die Zitate aus dem L wegläßt. Dann bleiben vier Sätze übrig:

  • Feuer: Das Studium dieses Buches ist verboten. Es zeugt von Weisheit, wenn dieses Exemplar nach dem ersten Lesen zerstört wird.
  • Wasser: Wer aber immer dies mißachtet, tut es auf sein eigenes Risiko und seine eigene Gefahr hin. Diese sind ausgesprochen schrecklich.
  • Luft: Jene, welche die Inhalte dieses Buches diskutieren, sollen gemieden werden wie Pestherde.
  • Erde: Alle Fragen des Gesetzes sollen nur anhand meiner Schriften entschieden werden, jeder für sich.

Fazit

Die Gottheit spricht mit dir, immer. Wenn du sie hören willst, hör einfach zu ....

L 3.39: "... und jedem Mann und jeder Frau, die du triffst, wäre es auch nur, daß du mit ihnen ißt oder trinkst, sollst du das Gesetz geben. Dann werden sie die Möglichkeit haben, in diesem Segen zu verweilen oder nicht; es ist kein Unterschied."