Interview mit H.R. Giger

Akron und Voenix hatten mich vor einigen Wochen zu Vernissage in Zürich zu Halloween eingeladen. Im Zentrum würde das Erscheinen der neuesten Arbeiten von Akron, Voenix und H.R. Giger stehen (“Dantes Inferno” von Akron, ). Akron habe ich die Vermittlung eines Interviews mit HR Giger, einige Stunden vor Beginn der Vernissage (ein Bericht dazu findet sich im Anschluß an diesen Text), zu verdanken.

Ich war natürlich sehr aufgeregt, als ich erfuhr, daß sich H.R. Giger gleich telefonisch melden würde. Letztlich war es wohl die mangelhafte technische Ausstattung, die es mir nicht ermöglichte, ein Telefon-Interview durchzuführen, sodaß dann H.R. Giger zustimmte, daß ich an diesem Tag bei ihm erscheinen werde. Ich rief danach Georg Dehn an, der in Leipzig eine Praxis für Analytische Astrologie und Traumdeutung betreibt und in dieser Ausgabe mit dem Artikel “Todesfahrt” vertreten ist. Er zeigte sofort Interesse H.R. Giger und die Szenerie um Akron und Voenix herum kennenzulernen. Er werde auch die Fotos machen.

Die folgenden Ausführungen stellen eher einen Erlebnisbericht, als ein klassisches Interview dar. H.R. Giger – das möchte ich hier vorwegnehmen -, hat uns mit einer wundervollen Bereitschaft, Freundlichkeit und Ausdauer empfangen, sodaß wie ich finde etwas anderes dabei herausgekommen ist, als “nur” ein Interview. Ich verzichte hier auch auf eine Kurzbiographie. Hauptsächlich aus dem Grund, daß ich es jetzt einfach nicht mehr so recht passabel finde, ein so kreatives Leben in Kürze darzustellen.

Zum anderen sind eine ganze Menge Bücher von H.R. Giger auf dem Markt wo sich solche Versuche finden lassen. Nicht zuletzt sind zahlreiche kürzere und längere biographische Aufzeichnungen im Internet - neben seiner authorisierten Hompage – auch auf anderen Seiten vertreten, die von der Begeisterung seiner zahlreichen Fans zeugen. Statt dessen werde ich im Text an verschiedenen Stellen biographische Fragmente einfließen lassen.

31.10.2000 15.00 Uhr.

Georg und ich finden nach einer kleinen Züricher Irrfahrt das Reihenhaus von H.R. Giger. Draußen prangt ein Schild, bitte durch die andere Tür Nr.1 kommen. Das tun wir dann auch, ich selbst im Zweifel, ob es richtig ist, hier schon eine Stunde vor dem verabredeten Termin zu erscheinen. Am Telefon hatte mir H.R. Giger mitgeteilt, daß er Nachtarbeiter und ein zu frühes Erscheinen sinnlos, für ihn jedenfalls furchtbar sei. Georg aber meinte: Laß es uns probieren!

“ Meine besondere Vorliebe gilt den lebensfrohen bescheidenen Leuten, die Reisen machen, zu erzählen wissen, kurz, die sich zu verwirklichen wissen. Doch leider scheine ich psychisch Kranke unheimlich anzuziehen. Sie sehen plötzlich ihre Probleme bildlich dargestellt, betrachten mich als einen der ihren, stehlen mir mit ihren Scheißproblemen meine wertvolle Zeit und betrachten mich als ihren kostenlosen Psychiater. Fans meiner Bilder sollen besser meine Poster und Kataloge kaufen, als auf einem Künstlerbesuch zu bestehen, mich dabei den Unterhaltungsclown spielen zu lassen, um auf meinen Wiener Stühlen zu verfaulen. Ausgenommen sind natürlich meine Freunde und alle schönen Frauen dieser Welt.” (H.R. Giger, Necronomicon)

Als wir an die Tür kommen begrüßt uns H.R. Giger und erinnert sich, daß da etwas für heute angesagt war, hatte aber seinem Eintrag im Kalender nichts genaueres mehr entnehmen können. Als der Begriff “AHA” fällt, hat er´s. Wir stellen uns vor und er zeigt uns gleich einen speziellen Tisch, an dem er arbeitet. Ich habe keine Ahnung von den ganzen angewandten Verfahren, die wir dann zu hören bekommen. Er fragt uns, ob wir ein Paar seiner Arbeiten sehen wollen – naja klar, nichts lieber als das und schon stehen wir vor seinem Zodiakal-Brunnen im Garten seines Hauses.

Die Fotoapparate werden gezückt. Hier kann Kunst, die in der Natur trotz des zum Teil gegensätzlichen Materials (Metalle der Zodiakalzeichen) wundersam integriert wirkt, abgelichtet werden. H.R. Giger geht in´s Haus und läßt eigens für uns den Springbrunnen an – rauschendes Wasser – wir sind beeindruckt. Zudem gibt es um den Brunnen herum Skulpturen, Bilder, Fragmente zurückliegender Arbeiten zu sehen. Ich bin überrascht, daß er diese Arbeiten den Launen der Natur aussetzt.

Er führt uns in verschiedene Räume seines Reiches – überall drängen sich die Kunstwerke. Und es ist schnell klar, daß er mehr Platz für seine Arbeiten gebrauchen könnte. Er gibt uns Hinweise, wie dieses oder jenes Bild, diese oder jene Plastik entstanden ist, welche Materialien und Techniken zur Anwendung kamen und andere Details. Wir haben sofort den Eindruck, daß wir hier nicht auf einen manirierten Künstler treffen. Wir fühlen uns sofort angenommen und uns zugetan.

Wenig später nehmen Platz an einem Tisch, und ich frage mich, ob wir jetzt “auf Wiener Stühlen sitzen” J. Ich zeige AHA-Hefte und speziell einen Artikel von Claas Hoffmann über die projektive synthetische Geometrie – er schaut es sich interessiert an und meint “jaja, das Kreuz und die Symmetrie ist bei allen Verrückten vertreten.” Wir müssen alle lachen.

Dann sieht er die im gleichen Heft abgebildeten Bilder von Crowley und meint dazu “ah, die sind böse ne”. Dann erzählt er über Ulla von Bernus, die ihm Originale von Crowley verkaufen wollte. Seine Aussage “die hat mich fast verrückt gemacht” amüsiert uns. Ich bleibe dran und frage, ob er mit ihr nicht in der Schweizer Thelema-Abtei (Stein im Appenzell) gewesen sei. Er bestätigt, weiß aber nicht was draus geworden ist. Wir suchen nach einem Namen, eines der berühmten Magier in Stein. H.R. Giger fällt nur das Wort “Fleischer” ein, und sagt uns der Begriff triffts nicht, “Wurst” passe aber auch nicht. Ich bringe dann “Metzger” und dann hatten wir den Namen. (langjährige AHA-Leser, die die Artikelserie von P.R. König zum OTO-Phänomen verfolgt haben, werden sich sicher an Herrn Metzger erinnern)

Er zeigt uns Zeichnungen und Objekte, die mit der Ausstattung der Bar in Chur zusammenhängen. Fenster, Stühle, ein Rundbogen, der an ein Rückgrat mit Rückenmark erinnert und Teil eines rippen-und gewölbeartigen Arragements in der Bar von Chur werden soll. Das Gewölbe wird in Spritzbeton gemacht erfahren wir. “Und das gibt eine Höllenarbeit” für die Spiegelwand der Bar hat er sich etwas besonderes einfallen lassen – sitzt man in der Bar, kann man nach draußen sehen. Von außen jedoch sieht man nur die Spiegelwand. “Im Januar fangen wir an diese Bar für das Museum zu bauen. Ein ehemaliges Geschäft – Decke muß abgerissen und eine Wand entfernt werden – eine fürchterliche Sache”.

Telefongeräusche. Er führt ein kurzes Telefonat. Georg und ich fotographieren währenddessen mit Freuden im Raum umher. Meine Befürchtung, daß er etwas dagegen haben könnte oder daß mit dem Telefonat ein Abbruch des Gespräches verbunden sein könnte verliert sich sehr schnell. Er ist gleich wieder für uns da und zeigt uns in einem mit schweren Vorhängen versehenen Raum, ein schwarzes Tischensemble in einem ebenso dunklen Raum. Den Harkonnen - Tisch – wir können angesichts der Pracht nur begeistert lachen und strahlen vermutlich in der Dunkelheit wie Mondgesichter. Er bietet uns an, daß wir uns in die Stühle setzen und er stellt er sich dahinter - und wir knipsen ganz fasziniert. Weiter geht es mit dem Betrachten eines seiner riesigen Lieblingsbilder namens “Alienmonster” – das Material ist eine Blache eine wetterbeständige Abdeckplane, wie man sie für LKW´s braucht. “Es soll bleiben” sagt er verschmitzt.

Als wir uns dann wieder zu Tisch setzen sagt H.R. Giger auf Akron bezug nehmend: “Ich mache nicht die gleichen Dinge wie Akron. Akron ist Magier, wie sagt man, Berufsmagier. J Und ich bin Maler he! Er ist eine faszinierende Persönlichkeit und vor allem, wie er redet. In einem Tempo J - wie ein Maschinengewehr, also ich war jedesmal völlig erledigt. Aber er ist ein feiner Mensch. Na ich kann ihnen sagen, wie ich Akron kennengelert habe: Das liegt jetzt zehn oder zwölf Jahre zurück.

Akron kam im Zusammenhang mit einer Ausstellung in der Bar “Haus zur letzten Laterne” und einem Symposion über Alchemie im Stadttheater St. Gallen zu mir. Ich hatte da eine ganze Menge ziemlich erotischer Bilder ausgestellt und prompt hat es deshalb Krach gegeben. Akron hat also einige Arbeiten von mir gesehen und dann die Idee gehabt aus meinen Sachen ein Tarot machen. Und ich hab gesagt, ich mag keine neuen Bilder malen und so und Akron hat erwidert, meine Bilder wären schon Tarot-Karten.

Er müsse die passenden nur noch aussuchen. Ich habe dann dem Akron gesagt, daß er es versuchen könne und so hat er aus meinen Bildern diese Tarot-Motive ausgewählt. Und dann ging es drann, die einzelnen Karten zu beschreiben. Wir hatten abgemacht per Telefonat ca. eine Stunde jede einzelne Karte zu behandeln. Ich habe ihm alles erzählt, über das Bild, den Aufbau, was ich damit verbinde und Akron hat seine Sichtweisen dazu gegeben und so hat er dann diese Tarot-Karten beschrieben. Ich fand das recht witzig und interessant, was er da gefunden hat.”

“Und wenn der Kopf fällt, dann sag ich hoppla!”

von Steffen Siegert

Unser Gastgeber beginnt dann über den “Magier” und den “Tod” zu sprechen. Der Begriff Guilliotine fällt und zeigt uns unerwartet ein Bildmotiv hinter uns an der Wand. “Das ist die St. Gallen-Krawatte, eine Teiltötungsmaschine und wenn die Guilliotine runtersaust, dann macht es "Hoppla"! Hören wir ihn sagen. “Kennen sie dieses "Hoppla" fragt er uns, dieses “Hoppla” von dem Brecht und der Lotte Lenia, aus dem Macki Messer?” Und dann beginnt H.R. Giger mit großer Freude so etwas wie einen Gesang an:

“Und wenn der Kopf fällt, dann sag ich Hoppla”. Auf dem Bild sehen wir eine Frauenfigur, die im Zentrum eine unverkennbare sehr metallisch und scharf wirkende Guilliotine ziert. Weiter unten ist ein prächtiger Phallus erkennbar, unter dem sich wiederum ein Netz, ein Auffangkorb befindet. Es ist klar, was passieren würde, wenn das Ding runtersaust. H.R. Giger fährt fort: “Das ist meine überzeugendste Plastik – also das tut den Männern irgendwie weh. Drum habe ich eine Frau genommen, damit es den Männern nicht so weh tut (verschmitzt lächelnd). Die Guillotine ist gespannt mit Federn, ein schönes Ding nicht? Und das Netz ist so einem Volleyball-Korb entnommen.” Und dann entlockt er sich einen zischenden Ton, der wirklich wie das Geräusch einen herabstürzenden Guilliotine klinkt und wirkt sehr belustigt dabei.

STS: Wenn sie heute noch mal Bilder für ein Tarot malen würden, würden diese Bilder heute anders aussehen, andere Motive vorkommen, andere Techniken angewendet werden? H.R. Giger: Ich habe dazumal die Sachen ja gemalt, ohne an ein Tarot zu denken. Außer bei der Zahl 15 vielleicht. Deswegen kann ich nicht sagen, ob ich´s anders gemalt hätte. Akron hat die Bilder ausgewählt und ich war immer einverstanden. Ich muß zugeben, von Tarot verstehe ich nicht allzuviel, praktisch nichts.


”H.R. Giger hat in den Jahren 1972-1977 drei Kunsträume mit der Spritzpistole gemalt...der Betrachter muß sich in diese im Grundriss rechteckigen oder quadratischen Environments hineinbegeben und sieht sich dann von vier mit Szenerien beladenen Wänden umschlossen. Die Räume tragen die Bezeichnungen "Psychedelisches Environment" (1972-1973), "Passagen-Tempel" (1974-1975) und "Spell" (1973-1977)...”

(Dr. Fritz Billeter, aus dem Necronomicon)


STS: Und welche Aussagen verbinden Sie mit der Gestalt des Baphomet?

H.R. Giger: Das habe ich, wie Sie wissen lange vorher gemalt. Zum Zeitpunkt von “Spell” interessierte ich mich stark für magische Sachen und habe dazu alles mögliche gelesen auch von Crowley - das war so 1972 bis 1977 und da ist dieses “Spell” entstanden und auch dieses Environment, wo auch der Baphomet drinn ist. Ich hatte dann diese Sätze im Kopf von “wie oben so unten” usw. naja und mit meinem bißchen Wissen habe ich dann dieses 2,40m x 4,20m Bild mit dem Baphomet in der Mitte gemalt. Und manche waren da überrascht, weil sie da alles mögliche drinnen gefunden haben –zahlenmäßig und so. Beim Baphomet-Bild habe ich die beiden Pentagramme übereinandergelegt – zu einem “Tentagramm”, also einmal die Spitze nach oben und einmal nach unten und dann nach der Aussage von Agrippa von Nettesheim habe ich einmal das Bild gemalt, wo der Mensch eingeschrieben ist im Pentagramm und einmal der Baphomet mit Ohren, Spitzbart und verlängerten Hörnern und dann habe ich die beiden Motive im “Spell” übereinandergelegt. STS: Aber das ist jetzt nichts so, daß Sie dazu eine philosophische Aussage haben? HR Giger: Ach, überhaupt nicht, das können ja andere machen.

Er sagt das wieder in dieser Mischung von Schmunzeln und Lachen, die charmant und vereinnahmend ist. Er fährt dann fort zu erzählen, daß der Baphomet so ein Bild war, das er bewußt machen wollte. Im Unterschied dazu hat er eine ganze Reihe von Werken mit der Spritzpistolen-Technik erzeugt, wo er so gut wie nichts zuvor skizzenhaft erstellt hat - links oben angefangen und dann die Flächen ausgefüllt. Und so sind in den Tempelräumen, in den Environments “ziemlich magische Dinge, na schon gelungene Sachen drinn, wo ich nicht weiß, woher die kommen. Ich hab die einfach so gemacht.”

STS: Sie haben einmal gesagt, daß Ihre Bilder auch den Aspekt von Heilung in sich tragen, weil Sie damit z.B. der Bearbeitung Ihrer Träume Form gegeben haben.

H.R. Giger: Stimmt, das waren diese Passagen.

Dann entschuldigt er sich, daß ihm jetzt erst einfällt, daß wir was trinken sollten. Wir hören noch, während er schon in einem Nebenraum ist, daß er uns doch nicht verdursten lassen könne. Dann gibt´s Ananassaft.


“Kunst auf Bestellung anzufertigen ist für mich ein Ding der Unmöglichkeit. Wenn ich male, so ist es in erster Linie für mich selbst, weil ich wieder einmal etwas Neues von Giger sehen möchte... Ich liege dann meistens auf dem Bett, lese, träume, blättere in Kunstkatalogen und höre Musik. In nervöser Spannung hoffe ich den Entschluß, mit der Arbeit anzufangen, zu finden. Ich zögere den Entschluß immer wieder hinaus; es kann Tage dauern. Wenn ich dann aber einmal angefangen habe, so stören mich die weißen Flächen so sehr, daß ich dauernd weiterarbeiten muß, bis alles überdeckt ist. Den Antrieb dazu geben mir meine Obsessionen, die Freude am gelungenen Detail, neue Erfindungen, Zusammenhänge oder ganz einfach die Möglichkeit, persönliche Spannungen, Ängste oder Probleme zu visualisieren und mich davon zu befreien. So ist das Format des Bildes auch meist das einzige, das ich vorher bestimme. Vom Inhalt lasse ich mich überraschen.” (H.R. Giger, Necronomicon)


STS: Welcher ist der gegenwärtig vornehmliche Weg, bei dem Ihnen Ihre Einfälle kommen?

H.R. Giger: Ich habe das mal beschrieben mit dem Airbrush. Das ist so die direkteste Methode. Nähe und Distanz zum Untergrund, mehr oder weniger Druck, mit dem die Farben aufgetragen werden – so entsteht auf magische Weise etwas – ganz feine Linien, oder eine Wolke.

STS: Verstehe ich Sie richtig, wenn ich sage, daß diese Variante Ihnen die Liebste ist?

H.R. Giger: Das ist die surrealistische Variante, quasi aus dem vom Bauch heraus, die eigentlich so die verblüffendsten Resultrate liefert. Aber es gibt auch Motive wo meine Idee zuvor klar war und ich versucht habe sie so gut wie möglich darzustellen. Meine Baby-Figuren zum Beispiel.

STS: Würden Sie da einer Methode den Vorzug geben?

H.R. Giger: Na, nein, das muß beides sein, also ich habe zur gleichen Zeit immer beides gemacht. Dreidimensionale Sachen und Design, die ja Gebrauchskunst ist. Ich mache da keinen Unterschied. Heutzutage ist es bei dem wenigen Raum gut, wenn man noch eine Skulptur oder was auch immer noch irgendwo hineinsetzen kann. Ah, mir fällt ein, ich muß ihnen draußen im Garten etwas zeigen. Irgenwo auf einer Insel haben Leute Baby-Skulpturen geschnitzt und ich habe eine davon seit Jahren draußen im Garten stehen. Das gefällt mir sehr gut. Das ist ein Holzrelief in der Art meiner Bilder. Und ich muß Ihnen das jetzt zeigen – das war für mich verblüffend, wie das jetzt ausschaut.

Wir gehen in den Garten. Auf dem Boden ein Holzrelief mit vielen Babygesichtern. Wir betrachten es. Auf dem Holzrelief sind eine Vielzahl von Pilzen gewachsen. Manche von ihnen haben sich ihren Weg genau durch die Augen der Gesichter gebahnt. H.R. Giger ist begeistert: “Diese Pilze hier – das finde ich wunderbar oder?” sagt er mit strahlendem Gesicht. “Das ist doch hervorragend, nicht?”

Giger sieht die Pilze gewissermaßen als Pickel auf den Gesichtern und verweißt noch mal auf die Schnitzer der Inseln, wo das erstellt wurde. “Diese Inselbewohner haben diese Pickel weggelassen, und jetzt hat die Natur das doch gemacht! Solche Sachen begeistern mich”. Ich werde von ihm nach Yves Klein gefragt - ich muß passen. Wir erfahren, daß es sich bei Yves Klein um einen bereits verstorbenen Künstler handelt, der mit Abdrücken von Frauen gearbeitet, Airbrush verwendet und auf seinen Bildern ein ganz intensives Blau erzeugt hat. Er hat auch Schwämme (Pilze) auf Bilder gesetzt und unserem Gastgeber gefällt die Überlegung, daß er ja mit seinem “Pilzbild” eine Hommage an Yves Klein machen könnte. Allerdings wäre es wohl besser damit noch etwas zu warten, die Pilze können ruhig noch etwas wachsen. Außerdem habe er noch ein anderes Bild, daß er an die gleiche Stelle setzen werde in der Hoffnung, daß auch hier die Natur den Pilzen ihren Durchbruch gewährt.


“Ein ...Ursprung meiner Phantasie war unser Keller. Den Zugang bildete eine alte, modrige, steinerne Wendeltreppe, die in einen gewölbeartigen Gang führte. Wie mir unser Nachbar, der Hotelbesitzer, erzählte, besaß Chur zwei unterirdische Gänge, die sich vom bischöflichen Schloß unter dem Rehberg hindurch bis hinunter zur Stadt dahinzogen. Ein Teilstück dieses Ganges bildete unser Keller. Der Fluchtgang vom Keller des Hotels zur Reichsgasse war früher offen, und wer es wagte, konnte ein ziemliches Stück hineingehen. Doch wegen Einsturzgefahr wurde er vor einiger Zeit zugemauert. Ich selbst sah immer nur diese verschlossene Pforte, was meine Phantasie unheimlich beflügelte. In meinen Träumen hingegen waren diese Gänge geöffnet und führten in ein ungeheures Labyrinth, in dem alle möglichen Gefahren auf mich lauerten. Fast jeder Traum führte mich die Wendeltreppe hinab in diese magische Welt der Phantasie, die mich abschreckte und zugleich anzog.” ( H.R. Giger, Necronomicon)


STS: Haben Sie Vorbilder?

H.R. Giger: Dali, da kommt niemand vorbei, oder Kubin, oder de Goya, Leonardo da Vinci – ich habe ja auch gerne kleine Erfindungen - oder natürlich Hieronymus Bosch – das ist der Gott über allem, der ist stark, nicht!?

STS: Und wie steht es mit Timothy Leary?

H.R. Giger: Wissen Sie, er war zu einem Zeitpunkt in der Schweiz, wo er wegen der Vietnam-Geschichte geflohen ist. Man wollte ihn einsperren, er war Staatsfeind Nummer eins, weil er die Leute vom Vietnamkrieg abhielt. Und darum suchte er in der Schweiz Aufnahme. Ich habe dann für ihn Stimmen gesammelt - die Leute haben ihn hier bis dahin nicht gekannt. Er war 1970 oder 1972 da, und der Carl Laßlo in Basel und der Wegmüller die haben Stimmen für das Asyl gesammelt, und mein Vater der hat Leary im Fernsehen gesehen. Ich durfte den Namen gar nicht erwähnen, ich dachte der wird sauer. Timothy Leary habe ich quasi moralisch unterstützt. Und als dann der Film “Alien” rauskam besuchte ich ihn in Los Angeles, und er hat mir dann ein Vorwort geschrieben für das “New York City”-Buch und auch zu “Alien” – das hat ihn sehr interessiert. Er hat sich so dann quasi bei mir revanchiert, weil ich für ihn eingetreten bin. Ich habe ihn mehrfach in LA gesehen – ein toller Typ.

STS: Die langjähriger Leser der AHA sind ja mit den Positionen Timothy Leary´s recht gut vertraut. Sie haben einmal geschrieben. “...das erstrebenswerteste Ziel eines jeden Menschen sei es aufzusteigen, gottähnlich zu werden.”

H.R. Giger: Ja, J das ist alles mit ein bißchen Augenzwinkern gemeint, nicht! Bei mir hat´s noch viel Humor drinn, obwohl das die Leute manchmal nicht wissen wollen. Meine ganze Arbeit “The Mysterie of San Gottardo ”, ist einfach eine große Satire, das ist einfach boshaft, nicht? Viele Dinge sind also nicht so ernst zu nehmen. Und das habe ich gerne.


Ich schildere die verschiedenen Wege zur Lösung der Kundalini, wie sie in der Vergangenheit in der AHA bereits vorgestellt wurden und frage H.R. Giger, wie oft er sich schon außerhalb seines Körpers wahrgenommen habe. Er erwidert: “Ja, sicher, ich habe da schon alles mögliche erlebt, aber ich bin immer noch am Boden geblieben. Das Forschen zu diesem Thema, wie es ihre Zeitschrift macht, ist sehr interessant. Und das muß eigentlich jeden normalen Menschen interessieren, oder sollte. Na einfach, die Menschheit teilt sich in zwei große Gruppen, die einen, die für solche Themen und Erfahrungen sind und die anderen, die eben nicht. Ich habe zwar einige Erfahrungen gemacht, aber es ist ja immer eine ziemlich gefährliche Sache, darüber zu erzählen.”


STS: Also Sie sagen, daß Sie so etwas erlebt haben, daß es soetwas wie die astrale Welt gibt?

H.R. Giger: Ja.

STS: Und würden Sie sagen, daß Ihnen diese Erfahrungen etwas gegeben haben, Kraft, Energie?

H.R. Giger: Ja, und vor allem hat es mir verschiedene Sachen gezeigt, die ich vorher niemals so gesehen habe. Zum Beispiel einen Gegenstand, der ein Licht in sich hat, welches strahlt und so. Man sieht das vielleicht in den Passagen, da sieht man Dinge drin, die plötzlich farbig werden nicht? Ja, das ist schon ein Riesengebiet, sehr interessant. Aber wenn man über diese Dinge spricht, gerät man immer in Gefahr zu sektieren.

Ich werde dann immer, wenn irgend was beschissenes in der Schweiz oder anderswo passiert, als Illustrator für diese Sachen genommen, wenn´s irgendwie geht, und das habe ich langsam über. Zum Beispiel haben sich schon irgendwelche Mörder oder Kinderschänder auf mich bezogen, die Presse wälzte ihr Spectakulum aus, und dann hat´s so ausgesehen, als ob ich mit denen irgendetwas zu tun hätte – ne Frechheit, nicht?

Oder auch nur die Schädel-Skulpturen in der Giger- Bar in Chur, es finden sich immer wieder Anlässe für Personen, die mich verheizen wollen. Wird so etwas lange genug gemacht, dann kommt man in eine sehr ungünstige Situation, dann wird man als sektenzugehörig eingestuft und das ist verdammt schlecht, weil man dann auch von der Kunst her nicht mehr richtig eingeschätzt wird. Mit dem Oskar, den ich gewonnen habe, wurde da die Weiche gestellt – also von da an hat man nicht mehr über mein Werk gesprochen, sondern nur mehr über mich. Alles stürzte sich auf die “Alien-Bilder” - ich konnte machen was ich wollte.

STS: Und was haben Sie dann getan?

H.R. Giger: Ich habe dann irgendwann mal einfach aufgehört, Airbrush-Bilder zu machen. Sehen Sie, in den Staaten tauchten auf einmal Unmassen von Airbrush-Künstlern auf, die das da fast wie ein Sport aufzogen, z.B. als angewandte Kunst für Science-Fiction-Zeitschriften und ähnliches. Aber vieles davon ist keine Kunst mehr für mich, es sind Illustrationen! In Airbrush kann man ziemlichen Kitsch machen – Airbrush ist eine prädestinierte Technik, um Kitsch zu fabrizieren. Man kann mit relativ wenig Meisterschaft bleuffen, nicht! Manche hat es daher veranlaßt zu sagen, mit Airbrush könne man keine Kunst machen. Das stimmt einfach nicht. Mit jedem, mit allem, kann man Kunst machen, wenn man´s beherrscht und richtig anwendet. Ich habe dann angefangen zu zeichnen immer auf dem Größe von A4 - es gibt mir Befriedigung meine Arbeiten in dieser Größe in meinem Zimmer zu machen. Sicher, später komme ich dann nicht drumherum, die Arbeiten größer auszuführen. Aber das ist ein Krampf, anstrengend. Vielleicht, ich bin auch etwas faul geworden.

STS: Arbeiten Sie denn mit jungen Künstlern zusammen, gewissermaßen mit Ihren Meisterschülern?

H.R. Giger: Nein, aber klar, ich habe auch schon Unterricht gegeben, habe das dann mehr in gefälliger Weise gemacht. Nein, ich züchte keine Schüler, aber ich habe bestimmt viele Schüler, die in meinem Sinne malen. Manchmal bekomme ich ein ungutes Gefühl, soviele sind es schon.


“... ich beschloß, selbst eine Geisterbahn in unserem Haus einzurichten. Ich wählte den Korridor, der sich wegen seiner Länge und seinen vielen Ecken und Nischen ausgezeichnet dafür eignete...Aus Pappe, Draht und Gips bastelte ich menschliche Skelette, die ich mit Taschenlampenbirnen farbig beleuchtete. Einige meiner kleinen Freunde wurden in weiße Leintücher gesteckt und andere bewegten versteckt irgendeinen Mechanismus, der einen Sargdeckel hob, einen Gehängten an einem Ast leicht bewegte oder den Rachen eines Riesenmonsters öffnete.

Die Besucher meiner Geisterbahn, meist Jungen und Mädchen von der Straße, wurden für ein Entgelt von 5 Rappen in einem Karren, der auf Kugellagern lief und von hinten zu steuern war, meistens von mir dirigiert durch diesen Hexenkessel geschoben. Das Eingangstor zu dieser Hölle hatte ich auf dem Jahrmarkt abgeguckt. Es war zweiflüglig, mit Blech beschlagen und mit Schlangen, Fledermaus und Totenschädel bemalt.

Am unteren Rand der Tore waren zwei Gummipneus aufgenagelt, so daß man den Karren direkt ins geschlossene Tor fahren konnte. Dies öffnete sich mit einem lauten Knall und das neugierige Kind bereute es schon, im Wagen zu sitzen. Meine Gespenster kamen nun zum Einsatz. Die Kinder wurden mit allen Mitteln tüchtig erschreckt und liefen zum Teil, noch bevor ich den Karren ganz ans Tageslicht geschoben hatte, weinend in den Hof hinaus.” (H.R .Giger, Necronomicon)


H.R. Giger zeigt uns dann sein neueres Buch “ wwwHR+Giger com”. Es enthält auch eine Sammlung von Bildern anderer von ihm geschätzter Künstler – Ausdruck seiner Verehrung für diese Personen und ihre Kunst und gleichzeitig Ausdruck seiner Sammlerleidenschaft. Die originelle Anordnung der Themen wird dem aufmerksamen Leser sicher nicht entgehen. “New York City”-Bilder finden sich ebenso wie Motive, mit denen sich H.R. Giger über die St. Gallener, die ihn doch immer mal wieder versuchen in die Pfanne zu hauen, lustig macht.

Weiter - Zeichnungen zur Untertunnelung der Schweiz, zum Garten mit der Bahn und zum Schloß, das er inzwischen gekauft hat. Für dieses Schloß möchte ich eine Bahn haben, sagt er, eine kleine Geister-Schloßbahn. Im Buch blätternd frage ich, was aus der Giger-Bar in Tokio geworden ist. “Die haben sie abgerissen, weiß auch nicht, leider”. Und was ist aus den ganzen Ausstattungsstücken geworden? “Die sind nicht zurückgekommen. Ich weiß nicht, wo die Sachen jetzt sind.”

STS: Die Bar in Chur ist offenbar der Schwerpunkt Ihrer gegenwärtigen Arbeit. Gibt es auch einen Zeitpunkt, bis alles fertig sein soll?

H.R. Giger: Das weiß ich nicht. J Also mit der Bahn, das weiß ich so und so noch nicht. Für Behinderte wird es spezielle Lifte geben, und ich werde dann etwas mit Schienen machen, mit denen man ganz enge Kurven fahren kann. Die Bar wird Stufen haben, sodaß man obwohl stehend, auf gleicher Höhe mit den Sitzenden sein kann. Die Bodenplatten werden aus Aluminium bestehen, genügend Nischen wird es natürlich auch geben :)


Unterdessen meldet sich kräftig miauend der Kater von H.R. Giger. “Mückie” oder so ähnlich. Er wird sofort versorgt – offenbar Hunger. Wir erfahren weiter im Buch blätternd, wie ein Künstler darauf kommt Baugespanne aus Schlittschuhen zu malen (Herr Domenig - bekannter Schweizer Architekt und Präsident des Eishockey-Verbandes ist Besitzer der Giger-Bar in Chur). Dann glaube ich ein Bild zu erkennen, das als Sodomie-Bild Gigers in die Schweizer Tagesgeschichte eingegangen ist. Aber ich täusche mich. H.R. Giger zeigt Georg und mir das Motiv, das für so viel Wirbel gesorgt hat. Uns wird beklommen.

Nichts, aber auch gar nichts an Sodomie läßt sich hier finden. Wir befinden uns bei der Betrachtung für einen Augenblick in einem Zwischenraum von prustendem Lachen und Verzweiflung. Hier hat offenbar ein Betrachter seine eigenartigen Projektionen herausgelassen, denke ich. Es sind Leute wegen einiger Bilder bis zur Wirtschaftspolizei und zum Bundesgericht gezogen, erfahren wir. “Die haben gesagt, es wäre nicht empfehlenswert die Sachen in einem öffentlichen Gebäude auszuhängen. Ich gebe dann bei solchen Dingen lieber nach, ich will mich nicht mit diesen Behörden herumstreiten. Inzwischen hängen sie wieder, als ob nichts gewesen wäre.”

STS: Die St. Gallener gewöhnen sich also nicht an H.R. Giger?

H.R.Giger: Nein, also dort habe ich immer Probleme. Zum Beispiel wollten sie ein Plattencover, auf dem Christus auf einer Steinschleuder zu sehen ist, nicht zeigen – das hat ihnen also gar nicht gefallen! Die St. Gallener sind sehr katholisch und ich bin reformiert! Ich war zwar früher in einem katholischen Kindergarten, aber ich mußte da wohl zuviel beten und sonstwas. Aber ich finde den Katholizismus schon noch interessant, rein aus visueller Sicht gibt das viel mehr her, als das Protestantische.

Er fragt, ob wir nun extra für diesen Vernissage-Abend aus Deutschland nach Zürich gekommen seien. Wir bestätigen und sagen, wegen des Interviews und der Vernissage. Dann zeigt er uns auf dem Boden stehende, auf 23 Stück limitierte Graphiken, von denen sechs Stück in der Baviera-Gallerie, in der die Vernissage nachher stattfinden wird, ausgestellt sind. Er erzählt über eine spezielle Technik, Alu-Eloxan-Print haben sie sie genannt.

Die Technologoie hat einer von H.R. Gigers Kollegen entwickelt. Aluminiumplatten wurden chemisch geöffnet, eine lichtempfindliche Schicht hinzugegeben, Filmmaterial eingeführt und mit Licht beleuchtet. Nach einem Auswaschungsprozess wurde mittels eines Rollers Farbe darauf gegeben, die Trocknung abgewartet und alles wieder wegwaschen. Danach folgte das chemische Schließen des Bildes. “Die Oberfläche ist sehr glatt. Es ist unheimlich gemacht, nicht?”, fragt er uns.

Wir verstehen zwar von der ganzen Herstellungskunst nicht ausreichend, denken aber, daß sich auch hierin wieder so ein durchgehender Zug H.R. Gigers zeigt: Das geheimnisvoll vielschichtig Verborgene im Innern. Es bedarf einer gewissen “Andacht”, damit es offenbar wird. Ich hoffe das hier einigermaßen exakt wiedergegeben zu haben. Es zeigt die Freude, die H.R. Giger mit immer wieder neuen Techniken und Technologien verbindet – darin ist er sich unzweifelhaft treu geblieben, ein forschender Künstler, immer begierig auf Neues.

Georg: Gibt es denn hier im Haus auch Originale ihrer Arbeiten?

H.R. Giger: Nein, das ist alles im Museum.

STS: Und wie oft gehen Sie in Ihr Museum?

H.R. Giger: Ja, so ca. alle zwei Wochen. Ich bin dann immer so zwei Stunden da, auch für die Leute zum signieren und um Fragen zu beantworten.


“Aber wenn einmal jemand ehrlich ist, wie ich es zu sein versuche, wird er es nicht leugnen können, oft selbst von schlimmen Gedanken gequält oder entsetzlichen Alpträumen heimgesucht zu werden. Die meisten dieser Menschen mit einem chaotischen Innenleben haben Hemmungen und Angst, sich selbst ihre vielleicht perversen Gedanken einzugestehen, geschweige denn, sie zu erzählen oder zu zeichnen, um beim Mitmenschen ja keinen schlechten Eindruck zu hinterlassen. Dabei könnte gerade auf diese Weise manchem psychisch Kranken geholfen werden, und die Psychiater würden brotlos, wie das die Künstler schon seit Jahrhunderten gewohnt sind.” (H.R. Giger, Necronomicon)

Dann erzählt er uns, daß er das Museum alleine finanziert und daß das eine fürchterliche Belastung sei. “Gekauft und finanziert und ausgebaut und alles von meinem Geld”. Es kommen noch zu wenig Leute. Mit den Touristenführern ist die Werbung derzeit noch zu wenig entwickelt. Wenig später schenkt er uns je ein Baphomet-Tarot (in Französisch, Deutsch war keins mehr da) und einen neuen, im Taschen-Verlag (www.taschen.com) erschienenen Kalender. Was wir jetzt erleben ist eine kleine Signier-Orgie, die uns allen Spaß macht.

Er legt Wert darauf, daß wir unsere Visitenkarten in die AHA kleben und signieren. Ich hole eine Fotographie heraus. Um 1990 herum hatte es mir ein Plattencover von Emerson, Lake & Palmer (Brain Salad Surgery, 1973) angetan, was dazu führte, daß ich es als Zentrum auf einer recht großen rechteckigen Leinwand anbrachte und mit verschiedenen Farben umgab. Das Ganze zierte fast schon als Altar mein Wohnzimmer.

Ich wußte damals nicht, daß dieses Cover auf der Vorlage von H.R. Gigers Bild basierte und natürlich habe ich erst recht nicht daran gedacht, daß ich eines Tages bei ihm sitzen und ein Gespräch führen würde. Nun prankt auf der Rückseite dieses Fotos “für Steffen, HR Giger, 31.10.2000” und ich denke, so ist die Welt doch in Ordnung!

Georg bietet unserem Gesprächspartner seinerseits ein eigens erstelltes, ausgedrucktes Horoskop an und darf sofort mit der Deutung loslegen. H.R. Giger hört interessiert und schmunzelnd zu und läßt sich im Anschluß auch das Horoskop von Georg signieren. Wie so oft, müssen wir alle drei lachen, einfach eine nette Geste und angenehme Atmosphäre.

STS: Eine letzte Frage, welches Buch lesen sie gerade?
H.R. Giger: Auf jeden Fall habe ich mich bemüht Akrons Buch (“Dantes Inferno”) zu lesen, eine interessante aber auch schon etwas anstrengende Lektüre für michJ. “Ja der Akron, (sagt er), der kann sich gut äußern, das ist enorm nicht? Er redet wie ein Maschinengewehr. Und damit verblüfft er die Leute auch sehr, nicht! Ich habe mehr Mühe hm?!”

Der Zeitpunkt der Vernissage-Eröffnung ist näher gerückt. Es ist nun daran, uns zu verabschieden. In einigen Stunden werden wir ihn ja wiedersehen.

Danke H.R. Giger, für diesen wunderbaren Aufenthalt bei Ihnen!

Für all jene, die es nun doch nicht o.k. finden, daß ich auf eine Kurzbiographie verzichtet habe – ein kleines Entgegenkommen: “H.R. Giger – das bedeutet 40 Jahre phantastischer Kunst. Der Künstler wurde 1940 in Chur (Schweiz) geboren. 1962 zog er nach Zürich, wo er Architektur und Industriedesign studierte. Neben seinen surrealistischen Traumlandschaften ist er vor allem durch das Design für Ridley Scotts Film Alien bekannt geworden. Für seine Mitarbeit an diesem Film erhielt HR Giger 1980 einen Oskar in der Kategorie "Best Achievement for Visual Effects".

Im Laufe der Jahre folgten Filmprojekte wie Poltergeist II und Alien III, an deren Realisierung Giger maßgeblich beteiligt war. Für den MGM-Film Species entwarf er eine außerirdische Schöne sowie eine phantastische Eisenbahn. Gigers Entwürfe für Plattencover sind mehrfach ausgezeichnet worden. So wählte das Musikmagazin Rolling Stone die Cover für Debbie Harrys LP Koo Koo und für Emerson, Lake & Palmers Brain Salad Surgery zu den 100 besten der Musikgeschichte.

1998 erschien Gigers erster illustrierter Roman The Mysterie of San Gottardo, eine Mischung aus Filmscript, Comicbook und schwarzer Komödie. Im gleichen Jahr wurde das Museum HR Giger Château St. Germain, CH-1663 Gruyères, eröffnet, mit Werken der 60er und 70er Jahre sowie den Filmdesigns zu Alien I und III, Species und Poltergeist.

Das Museum ist täglich außer Montag von 10 bis 17 Uhr geöffnet ( im Winter von 13 bis 17 Uhr), Tel.: ++41/(0)26/9212200, Fax. ++41/(0)26/9212211.” (entnommen dem Kalender “HR Giger”, 2001 TASCHEN DIARY, www.taschen.com)