Bis vor kurzem zierte das Schlagwort von den "fiktiven Kulten" nur die Polemik von Sektenjägern. Seit neuestem wird dieser Vorwurf auch in der inneresoterischen Auseinandersetzung benutzt. So haben z.B. naturreligiöse Gruppen ihre Angriffe gegen Arkangruppen um diese Variante bereichert. Es scheint deshalb an der Zeit sich mit dem Begriff der "fiktiven Kulte" etwas sachlicher auseinanderzusetzen.

von MDE

Mit dem Kampfbegriff des "fiktiven Kultes" soll ein Gegensatz zwischen erfundenen und originären Kulten aufgestellt werden. Da der Vorwurf "fiktiver Kult" zu sein aus der naturreligiösen Richtung kam, welche sich selbst damit als "nicht fiktive Kulte" darstellen wollte, scheint es mir sinnvoll, das Thema an letzterem Anspruch aufzurollen.

Sind die naturreligiösen Gruppen originäre, also nicht fiktive, Kulte? Da diese Gruppen sich alle auf vorchristliche Gottheiten, besonders auf Naturgottheiten, beziehen, wird ein Einstieg in die Problematik der antiken bzw. vorchristlichen Religionen das Thema erhellen.

Die meisten wissenschaftlichen Beschreibungen der alten Zeiten erklären uns, daß die Menschen früherer Zeiten abergläubige und unlogische Primitive gewesen seien, die sich eben genauso abergläubige und primitive Bilder und Erzählungen über die Welt gemacht hätten. Das sei zwar oft eine sehr hübsche Dichtung, aber im wesentlichen nur historisch interessant.

Im Gegensatz dazu steht die esoterische Sichtweise, welche in den Mythen vollständige spirituelle Welterklärungen sieht, ausgesprochen von erleuchteten, ursprünglichen und naturverbundenen Weisen. Die Mythen seien zwar weder logisch noch rational, aber gerade das treffe das ursprünglich menschliche und spirituelle der Welt.

Beide Interpretationen sind falsch! Um das zu verstehen, müssen wir versuchen die Situation der Menschen in den Zeitaltern des Mythos, in der Antike und den vorhergehenden Zeiten, zu verstehen. Wir werden nicht umhin können uns ein wenig mit der Evolution des Menschen aus dem Tierreich und der Situation des Menschen in der frühen Geschichte zu beschäftigen. Ich werde die Darstellung extrem kurz halten und nur auf die wichtigsten Eckpunkte eingehen.

Jedes Lebewesen muß mit seiner Umwelt erfolgreich interagieren um überleben zu können. Es muß Wissen woher es Futter bekommt, es muß Wissen was es essen kann, es muß wissen wie es essen kann usw. Alle für das Überleben wichtigen Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten muß ein Lebewesen ab der ersten Sekunde nach seiner Geburt haben und einsetzen können, sonst stirbt es. In der Evolution wurde dieses Problem durch die Entwicklung der Instinkte gelöst. Instinkte steuern das Verhalten von Tieren und diese Instinkte haben Tiere ab der ersten Sekunde nach der Geburt. Nur durch ihre Instinkte konnten die ersten Lebewesen überleben und Nachkommen auf die Welt loslassen.

Im Laufe der Jahrmillionen entwickelte sich ein Gegenpol zu den Instinkten, die Fähigkeit zu lernen. Lernen ist nur in Bereichen möglich, die von den Instinkten freigegeben werden. Ein Verhalten kann entweder instinktiv oder erlernt sein, beides zusammen geht nicht.

Wie kann nun aber ein Lebewesen überleben, wenn es erst lernen muß wie man überleben kann, d.h. wenn es erst lernen muß, was es schon können muß, um lernen zu können? Die Antwort lautet: Gemeinschaft. In einer Gemeinschaft, die das Lebewesen schützt und ernährt kann es auch dann überleben, wenn es selbst nicht weiß wie das zu tun sei. Die Gemeinschaft stellt diesem neuen Lebewesen nicht nur Schutz und Nahrung zur Verfügung, sondern auch eine Umgebung in der es, aus den Erfahrungen der anderen Mitglieder der Gemeinschaft, lernen kann. Daraus folgt:

Wir werden nur durch Menschen zu Menschen.


Stellen wir uns die Situation vor. Da wird ein kleines Menschenkind geboren. Es verfügt im wesentlichen über einige Sinnesorgane, einige Greiforgane, ein Gehirn und einige rudimentäre Reflexe. Mit den Sinnesorganen kann das Kleinkind noch nichts anfangen, die Augen z.B. liefern nur irgendwelche unverständlichen Flecken. Mit den Greiforganen, Händen und Füßen, kann es auch nichts anfangen, außer ein wenig zappeln. Einzig der Saugreflex ist nützlich, denn dadurch kommt das Kind zu seiner Nahrung.

Betrachten wir es jetzt von der anderen Seite: Das Kind hat Sinnesorgane, es kann also prinzipiell Daten aus der Außenwelt empfangen. Das Kind hat Greiforgane, es kann also prinzipiell Dinge in der Außenwelt verändern - und diese Veränderungen mit den Sinnesorganen wahrnehmen. Das Kind hat außerdem ein Gehirn, mit dem es alle Daten verarbeiten, sortieren, in Beziehung setzen und vor allem - sich merken kann. Das Kind kann so gut wie nichts, aber es hat alle Möglichkeiten um lernen zu können.

Das Kind muß nun alles über die Welt lernen, was uns vertraut ist. Es muß lernen was ein Ding ist, was eine Person ist und wie sich diese beiden Unterscheiden. Es muß lernen, daß Dinge und Personen nicht zu ihm selbst, sondern zu einer Außenwelt gehören. Selbst was Raum ist muß das Kind erst lernen. Aber, wie lernt es das alles? Jedes Kind lernt primär durch die Interaktion mit der Mutter auf die es alternativlos angewiesen ist. Die früheste und intensivste Erfahrung die jedes Kind macht ist die Interaktion mit der Mutter, mit einem lebenden Menschen - nicht mit einem toten Ding. Wichtig daran ist: Das Kind erlebt als erste Erfahrung, daß seine Umwelt von sich aus handelt - und diese Erfahrung ist so früh, tief und intensiv, daß sie das Kind auch als Erwachsenen nicht mehr losläßt.

Kinder können schon im Alter von wenigen Monaten Dinge und Personen unterscheiden - aber Dinge sind für sie keine toten und leblosen Gegenstände. Das Kind betrachtet Dinge entsprechend seinen ersten Erfahrungen mit der Welt als Ding mit Seele. Wenn der Schnuller nicht schmeckt, dann ist der Schnuller böse und man schimpft mit ihm. Wenn das Kind dann als Erwachsener gelernt hat, daß ein Computer keine Seele hat, wird es ihn, den ursprünglichen Erfahrungen folgend, immer noch als blöde Kiste beschimpfen.

Der Schweizer Psychologe Jean Piaget ist berühmt geworden durch seine Untersuchungen zur geistigen Entwicklung des Kindes. Piaget teilte die Entwicklung des Kindes in vier Entwicklungsperioden ein, welche in weitere Stufen unterteilt sind. Die vier Perioden sind:

Sensomotorische Periode: 0 - 2 Jahre, Lernen auf der Grundlage von Informationen durch physische Erkundungen und sinnliche Reize.
Präoperationale Periode: 2 bis 7 Jahre, egozentrisches Denken und nicht-logische Intuitionen auf der Grundlage von Wahrnehmungen.

Konkret operationale Periode: 7 bis 11 Jahre, konkrete Operationen befassen sich mit wahrnehmbaren Dingen, welche geordnet, serialisiert und klassifiziert sowie in mathematischen Operationen verarbeitet werden können.
Formal operationale Periode: von 11 Jahren aufwärts, formale Operationen sind Operationen zweiter Ordnung, d.h. Operationen auf Operationen. Sie umfassen logische Lehrsätze und hypothetisches Denken auf der Grundlage theoretischer Konstrukte.

Piaget beobachtete, daß Kinder Gegenstände für lebendig halten. Bis zum Alter von vier oder fünf Jahren, einer Stufe innerhalb der präoperationalen Periode, glaubt das Kind, jedes Ding sei von einem Willen beseelt und könne handeln. Der Ball kann sich weigern dorthin zu fliegen wohin er geworfen wurde, der Stuhl ist schuld, daß man sich an ihm stößt. Danach kommt ein Übergangsstadium. Das Kind korrigiert seine Weltsicht. Jetzt sind nur noch Objekte die sich bewegen, dahineilende Wolken oder ein fahrendes Auto, lebendig. Die Wolken z.B. wissen, daß sie sich beeilen müssen um Regen zu bringen. Im dritten Stadium sind nur noch Objekte die sich von selbst bewegen lebendig. So wird ein Fahrrad, welches von einem Menschen bewegt wird, nicht selbst als lebendig angesehen. Das letzte Stadium, in dem nur Pflanzen und Tiere als lebendig angesehen werden, kommt erst mit elf oder zwölf Jahren.

Für unsere Zwecke relevant ist der Unterschied zwischen der dritten und der vierten Periode. Bis einschließlich der dritten Periode erfährt das Kind die Welt subjektivisch, d.h. es erfährt Dinge als Subjekte mit eigenem Willen und eigener Seele, wie es selbst. Dennoch ist das Kind schon in der dritten Periode fähig logisch zu denken. Es versteht die Logik der Klassen und Beziehungen und kann Reihen sowie Teil⁄Ganzes-Beziehungen koordinieren, die mit konkreten Dingen zu tun haben.

In der vierten Periode geht das Kind von den subjektivischen Erklärungen weg und zu funktionalen Erklärungen über. Diese Phase ist charakterisiert durch die Logik der Lehrsätze, die Fähigkeit, von einer Hypothese aus zu allen ihren Schlußfolgerungen weiterzudenken. Dies auch dann, wenn Lehrsätze und Hypothesen abstrakt sind, d.h. nicht mit konkreten Dingen belegt. Das Kind kann Operationen zweiter Ordnung durchführen: Denken über Gedanken und über Theorien. Es kann abstrakt denken, nicht nur anhand konkreter Gegenstände.

Wenn wir die Entwicklung über die verschiedenen Phasen unter dem Aspekt der Konstanz der Welt betrachten, dann wird deutlich, daß es eine Entwicklung von wenig zu mehr Konstanz ist. Eine Welt in der alle Dinge beseelt sind und einen eigenen Willen haben ist chaotisch und Ereignisse sind unvorhersagbar. Je weniger Dinge beseelt sind, desto weniger absichtliches Handeln ist in der Welt. Daraus folgt, daß mehr Ereignisse als durch Naturgesetze geregelt verstanden werden und die Welt berechenbarer wird. Alles was sich gesetzmäßig verhält ist berechenbar und vorhersagbar. Das Kind lernt, daß es in einer berechenbaren physikalischen Welt lebt. Nur die soziale Welt bleibt weiterhin beseelt und unberechenbar.

Nun zu den Menschen der Frühzeit. Wir müssen uns vergegenwärtigen, daß dies das Kindstadium der Menschheit war. Genauso wie für Kinder Dinge beseelt sind und deshalb alle Ereignisse auf Absichten beruhen, so war es auch für die frühen Menschen. Diese Menschen waren nicht dümmer als wir. Sie wollten genauso effektiv handeln wie wir. Sie erforschten die Natur auf ihre Art genauso effektiv wie wir. Aber, sie hatten schwierige Problem zu lösen.

Manche Ereignisse im Leben der frühen Menschen wiederholten sich konstant auf die gleiche Art. Wenn man Fleisch ins Feuer hielt wurde es gar, wenn man einer Kuh die Haut abzog hatte man Leder und Fleisch konnte man essen. Das hatte man ausprobiert, das funktionierte, das war kein Problem.

Andere Ereignisse jedoch waren unvorhersehbar. Da hatte man in einem Jahr eine reiche Ernte, aber im nächsten Jahr wuchs kaum etwas - obwohl man doch alles genauso gemacht hatte wie im Jahr davor. Da fielen die Krokodile an der Furt über einen Wanderer her, während der andere ungeschoren hindurchwaten konnte. Da wurden Menschen krank, während andere gesund blieben. Wie konnte man das erklären?

Der frühe Mensch erklärte es sich nach dem einzigen Erklärungsschema über welches er verfügte: Alles ist beseelt und alle Ereignisse sind beabsichtigt. Ob die Ernte gedieh oder verfaulte, daß mußte wohl der Gott der Ernte entschieden haben. Wenn die Krokodile den einen Wanderer fraßen, den anderen aber nicht, dann konnte der Gott der Krokodile, vielleicht aber auch ein feindlicher Hexer das bewirkt haben. Wenn ein Mensch krank wurde, dann hatte er wohl irgendeinen Gott verärgert, der sich nur rächte.

Man muß sich diesen Vorgang ganz klar machen. Alles war belebt. Jede Person und jedes Ding, jeder Baum und jeder Stein, hatte eine Seele. Hinter allem was geschah steckte deshalb eine Absicht. Um dies zu belegen hier ein kleiner Ausschnitt aus der römischen Götterwelt:

Name des Gottes/ Aufgabe
Domiducus / Heimführen der Braut

Liber/ Befreit den Mann durch den Samenerguß
Libera/ desgleichen für die Frau
Alemona/ nährt den Fötus
Vagitanus/ öffnet den Mund des Kindes beim ersten Schrei
Levana/ hebt das Kind vom Boden auf
Cunina/ schützt die Wiege
Statanus/ Lehrt das Kind stehen
Fabulinus/ lehrt das Kind reden

Diese Göttervielfalt mag dem modernen Menschen albern erscheinen, aber sie war eine zwingende Konsequenz des subjektivischen Denkens. Es gab einen alltäglichen Bereich, wo alles vorhersagbar funktionierte. In diesem Bereich waren die frühen Menschen nicht anders als wir: intelligent und lernfähig. Es gab einen anderen Bereich, in dem die Ereignisse unvorhersehbar waren. In beiden Bereichen wurden Dinge und Ereignisse für beseelt gehalten. Aber im letzteren Fall mußten die Ereignisse irgendwie in die richtige Richtung gelenkt werden. Deshalb mußte man die Geister oder Götter die in diesem Dingen wohnten durch Opfer und Gebete günstig stimmen - oder irgendwie zwingen sich entgegenkommend zu verhalten. Hier liegen die Wurzeln für Religion und Magie:

  • Religion: Man kann die Götter zu nichts zwingen, aber man kann sie bitten sich wohlwollend zu Verhalten. Diese Bitten können durch Gebete, Zeremonien oder Opfer unterstützt werden.
  • Magie: Man kann die Götter zwingen etwas erwünschtes zu tun, wenn man die geeigneten Mittel anwendet.

In den ältesten Ritualen findet man beide Elemente, religiöse und magische. Erst in historisch späteren Zeiten wurde deutlicher zwischen Magie und Religion unterschieden.

Nicht nur Personen und Dinge hatten eine Seele und konnten handeln, sondern für Gattungen galt das gleiche. Es gab folglich die Stammesseele oder den Stammesgott und auch einen Gott der für die ganze Welt, so weit man sie kannte, zuständig war. Da alles eine Seele hatte, hatten auch Eigenschaften Seelen und deshalb war ein Ding, welches eine Eigenschaft mit einem anderen Ding teilte in gewissem Maße mit diesem identisch. Das sind alles völlig logische und sachliche Erklärungen, wenn man sich vergegenwärtigt, daß Ding mit Seele die früheste, ursprünglichste und zu dieser Zeit einzig mögliche Erklärung war. Das war keine Frage von Religion oder Glauben, es war unfragliche Wahrheit, es war alternativloses Wissen, denn anderes war nicht denkbar!

Die Vielfalt der Götter war für die frühen Menschen kein Problem. In Ägypten gab es viele Schöpfungsgötter, jeder mit einem anderen Namen und einer anderen Geschichte. Gemeinsam war allen Göttern das Göttliche, insofern waren sie eins. Den Schöpfungsgöttern war gemeinsam die Fähigkeit der Welterzeugung, insofern waren sie eins. Warum sollte es nicht verschiedene Aspekte dieser Einheit geben? Jeder dieser Schöpfungsgötter hatte doch andere Eigenschaften und Fähigkeiten, andere Zuständigkeiten. Sie waren eins und anders.Wir wissen, daß die Ägypter im Skarabäus den Schöpfergott Kephra verehrten. Der Skarabäus galt als ein Tier, welches sich ungeschlechtlich vermehrte, weil er seine Eier in eine Mistkugel einrollte aus der dann die neuen Käfer entstanden. Auch Kephra war ein Gott, der die Welt ungeschlechtlich, d.h. ohne Partner, erzeugt hatte. Folglich hatten der Skarabäus und Kephra eine gemeinsame Identität und man konnte durch den Skarabäus Kephra verehren. Den Ägyptern war völlig bewußt, daß der Skarabäus nicht Kephra war. Sie verehrten den Skarabäus auch nicht, wie heute meist angenommen wird, als Symbol für Kephra. Zwischen dem Käfer und dem Gott bestand, einfach durch die gleiche Art der ungeschlechtlichen Zeugung, eine Identität - ansonsten waren sie verschieden. Aber diese Identität machte den Skarabäus zu einer ganz natürlichen Verbindung zu Kephra.

Wenn die frühen Menschen herausgefunden hätten, daß der Skarabäus sich ganz normal zweigeschlechtlich fortpflanzt, wäre seine Verbindung zu Kephra nicht mehr existent gewesen. Sie hätten deshalb im Skarabäus nicht mehr Kephra verehren können. Dieses Beispiel mag verdeutlichen wie wenig reflektiert moderne Menschen handeln, wenn sie ähnliche Verbindungen heute immer noch als Symbole für eine Kraft oder Gottheit ansehen, nur weil das früher einmal so war. Für den frühen Menschen gab es eine natürliche Teilidentität zwischen Skarabäus und Kephra. Wenn der moderne Mensch den Skarabäus als Symbol für Kephra betrachtet, dann beruht das nur auf einer persönlichen Entscheidung - und das ist ein sehr wichtiger Unterschied.

Wenn man sich das vergegenwärtigt, dann wird deutlich, daß die frühen Menschen weder besonders weise noch besonders dumm waren. Sie handelten einfach unter Berücksichtigung allen verfügbaren Wissens so effektiv sie konnten! Sie waren Menschen wie wir, nur auf einer früheren Kulturstufe. Wenn man dies berücksichtigt, dann waren sie weder mystischer noch abergläubiger als wir, handelten weder besser noch schlechter als wir, sondern einfach so erfolgreich wie es ihnen möglich war.

Dann gab es einen Bruch. es entstand ein neues Äon, d.h. eine neue Entwicklungsstufe der Menschheit begann.

Die entscheidende Erkenntnis, welche die Achsenzeit, etwa 800-300 v. Chr., kennzeichnete und weshalb diese Zeit Achsenzeit genannt wird, war die Erkenntnis, daß es Dinge ohne Seele gibt. Diese Erkenntnis probten der Buddha, Lao Tse und Konfuzius im fernen Asien und die griechischen Naturphilosophen in unserem Kulturkreis. Diese bahnbrechende Entdeckung wird als der Übergang vom Mythos zum Logos, vom subjektivischen zum rationalen Denken, bezeichnet. Vom Mythos der allbeseelten Welt, zum Logos der unbeseelten Dinge. Damit hatte die Menschheit ihre mythische Unschuld verloren und mußte nun in den Kampf um die Wahrheit eintreten.

Wenn wir Piagets Entwicklungsmodell übertragen, dann ist dies die Zeit des Übergangs von der dritten Entwicklungsperiode, dem konkret operationalen Denken, zur vierten Entwicklungsperiode, dem formal operationalen Denken. In Ausdrücken der Menschheitsgeschichte ist es der Übergang vom subjektivischen zum funktional-relationalen Denken.

Erst jetzt ist es denkbar, daß die Welt vielleicht doch nicht allbeseelt ist. Erst jetzt ist es denkbar die Frage nach der Wahrheit der Götter zu stellen. Wer weiß, daß alles beseelt ist und keine Alternative denken kann, für den kann sich die Frage nach der Wahrheit der Götter nicht stellen. Wer aber die Alternative kennt, der muß Erfahrung und Logik koppeln um die Wahrheit zu erforschen. Die Aufgabe, welche das Ende des mythischen Zeitalters den Menschen stellte war: Erschaffe eine neue Welt, die Welt des Logos. So entwickelte sich die neue Zeit des Rationalismus und der Wissenschaft. Was bewiesen war wurde Wahrheit genannt, der Rest wurde Hypothese oder Aberglaube - und der Glaube mußte sich rechtfertigen, wie auch immer.

Jeder moderne Mensch ist aufgewachsen mit dem Wissen, daß Dinge unbeseelt sind, daß Ereignisse durch Naturgesetze bestimmt sind. Man mag sich noch so lange einreden es sei anders - die ursprüngliche Unschuld des nicht-anders-sein-könnens ist verloren. Sie kann nie wieder hergestellt werden. Deshalb ist die Klage sensibler Menschen völlig korrekt: Die moderne Welt hat ihre Seele verloren. Wir müssen hinzufügen: Die Menschheit kann diese Allbeseeltheit des mythischen Zeitalters nie zurückgewinnen. Wer heute versucht die alten Götter zu verehren, der verhöhnt sie!

Die mythische Welt war chaotisch, aber beseelt. Die moderne Welt ist naturgesetzlich, aber unbeseelt.

Dennoch, daß kann nicht das Ende sein. Zu erklären wie das Wissen von den Göttern entstand ist keine Widerlegung der Götter. Naturgesetze aber sind Widerlegungen. Ein Gott der vollkommen berechenbar wäre, der hätte keine Seele, wäre also kein Gott, nicht einmal ein intelligentes Wesen. Die Seele ist ja gerade das unberechenbare. Sie funktioniert nicht nach Gesetzen, sondern gemäß ihrem Willen. Für die meisten Menschen sind heute die Naturgesetze genauso unfraglich wie es die Götter für die frühen Menschen waren. Der Logos ist heute genau so wahr wie früher der Mythos.

Wieder einmal sind wir an einem Wendepunkt der Menschheit angelangt. Unsere Aufgabe ergibt sich aus der Vergangenheit: Weder der Mythos noch der Logos ist die ganze Wahrheit. Wir müssen unsere Welt, wieder einmal, neu erschaffen.

Dies ist der Punkt an dem heute sowohl die neuen Naturreligionen als auch die Arkandisziplinen ansetzen - und damit kommen wir auf die "fiktiven Kulte" zurück. Es sollte deutlich geworden sein, daß es keine Kulte geben kann die "originär" an antike Traditionen anknüpfen könnten. Es sollte weiterhin deutlich geworden sein, daß jede Weltanschauung ein Ausdruck ihrer Zeit und der jeweiligen Entwicklungsstufe der Menschheit ist.

Ich möchte deshalb vorschlagen, den Begriff "fiktiv" durch den Begriff "imaginär" zu ersetzen. Alle Weltanschauungen und damit alle Kulte, seien sie in Religionen, als Wissenschaft oder als Kultur manifest, sind in ihrem Kern imaginär: der Mythos genauso wie der Logos. Sie sind Erzählungen, mit denen Menschen sich die Welt erklären, Erzählungen die am Lagerfeuer oder im Philosophenstübchen entstanden. Sie sind imaginär, weil sie nicht gefunden, sondern erfunden werden. Es sind die Großen Erzählungen der Menschheit die Kulturen entstehen und vergehen lassen: das Imaginäre - und damit der beste Teil des Menschen, seine schöpferische Kraft.

Wir Menschen finden unsere Weltanschauungen nicht irgendwo da draußen, sondern wir machen unsere Weltanschauungen selbst. Wer das leugnet und versucht Menschen mit dem Wahrheitsknüppel zu ködern, z.B. indem er die eigene Weltanschauung als originär und andere Weltanschauungen als fiktiv bezeichnet, der ist schlicht unredlich.


Literatur:

Günter Dux, Die Logik der Weltbilder. Suhrkamp 1990
Mary Ann Pulaski: Piaget, Eine Einführung in seine Theorien und sein Werk. Fischer 1979
Oerter⁄Montada: Enwicklungspsychologie. Psychologische Verlagsunion 1987