Von Benedictus Schultz

Unter denen, die Yoga aus dem Buch und speziell aus Crowleys Schriften erlernt haben - oder dies zumindest versuchten - , gibt es eine typische und spezielle Herangehensweise an das Thema Yoga. Man hört auch immer mal wieder, dass Yoga eine ziemlich gewalttätige Sache sei; und möglicherweise stehen diese beiden Umstände in einem engen Zusammenhang.

Crowleys Schriften zum Thema Yoga, konzentriert dargelegt im ersten Teil von Magick Buch IV und in "Acht Lektionen über Yoga", sind bis heute wahrscheinlich immer noch das Beste, was von Europäern über Yoga geschrieben worden ist. Crowley ist jedoch kaum auf einzelne Übungen eingegangen, schon gar nicht auf Übungsabfolgen, und es finden sich nur wenige Bemerkungen dazu, dass der europäische Mensch im Sinne seiner Gesundheit ein paar Anpassungen vornehmen sollte.

Zu seiner Zeit sah er sich außerdem mit dem Umstand konfrontiert, dass es in Europa kaum Yogalehrer gab, dass einige der komplizierteren Abläufe ohne Lehrer kaum richtig erlernbar sind, dass nicht jede Übung für den Anfänger geeignet ist (im selben Sinne, wie auch der Neuling nicht mit der Initiation zum 5. Grad beginnt) und dass im Idealfall der Lehrer seine Schüler über Jahre begleitet.
Dies alles konnte er nicht transportieren, und so ist das über seine Schriften vermittelte Yoga so etwas wie der grundlegendste Kern - und somit bar jeder Hilfestellung. Man kann Yoga so sicherlich erlernen, wenn man viel Zeit und Geduld und noch dazu eine eiserne Konstitution mitbringt - in etwa der Art, wie sie einem Himalaya-Bergsteiger zur Verfügung steht - für alle anderen wird das Unterfangen schwierig.

Die alten indischen Yogis, die genau das taten, was in Crowleys Anweisungen steht, nämlich sich auf den Hintern zu setzen, ‚bei sich zu sitzen', sich nicht zu bewegen und wachsam zu sein, stellten bald fest, dass so etwas eigentlich gar nicht geht. Da lenkt hier eine Blähung ab, und da quält eine Verspannung, überhaupt tut ziemlich bald der Rücken weh, und der Hals und Nacken wird steif, und es wird hauptsächlich eine endlose Quälerei. Der Hinweis, man solle gerade sitzen, hilft hier auch nicht weiter - der durchschnittliche, ungeübte moderne Europäer hat in Bezug auf die richtige Körperhaltung so viel Gefühl wie ein Schwein für Tanz. Er wird schief und falsch und verspannt sitzen und dies lange Zeit nicht einmal merken.

Laut Crowley muss man da halt durch, und das ist auch nicht falsch - nur wurden von den alten Yogis einige Übungen erfunden - hauptsächlich den Tieren abgeguckt - um dem Anfänger wie auch dem Fortgeschrittenen die Sache leichter zu machen.

Es ist grundsätzlich keine gute Idee, diese Übungen aus einem Buch lernen zu wollen. Es steht selten drin, wie man mit möglichst wenig Risiko in die Haltung hineinkommt und wie man sie auflöst, worauf speziell geachtet werden kann und sollte, (was für jeden, sich auch zeitlich ändernd, immer ein bißchen anders ist). Auch die Kontraindikationen sind häufig nicht genannt. In einem besonders krassen Fall, in "Yoga für alle Lebensstufen - in Bildern" findet sich als eine der ersten Übungen bereits auf Seite 38 der Kopfstand - ohne sonstige Hinweise z.B. der Art, dass man langsam hineingehen sollte, um sich die Möglichkeit einen langsamen Druckausgleiches zu verschaffen, dass man am Anfang eben nicht gleich eine halbe Stunde drin bleiben sollte; und dass ein, sagen wir, 40jähriger, rauchender, schweinefleischessender Europäer mit deutlicher Abneigung gegen Sport mit einer solchen Übung einen Schlaganfall riskiert.

Von fast allen klassischen Formen gibt es für den Anfänger abgewandelte Varianten, die ‚neoklassischen' Asanas - nur finden die sich selten in den Büchern. Statt dessen findet sich ein Bild mit einem vollendeten "Skorpion", einer Haltung, die kaum ein europäischer Yogalehrer einnehmen kann. Ein Anfänger wird beim Durchblättern eines solchen Buches zwangsläufig zu der Annahme gelangen, dass Yoga hauptsächlich ein Zeitvertreib für spinnerte Inder ist.

Wohl gemerkt: Man kann diese Übungen sicher auch aus Büchern erlernen. Die Fehlerquote wird ziemlich hoch sein, auch die der Verletzungen, und vor allem wird in den Hintergrund geraten, dass all diese Übungen an sich eigentlich gar nicht so wichtig sind, sondern vor allem ein Gefäß für eben jenen substanziellen Inhalt, über den ohne Hilfsmittel dieser Art wenig bis gar nichts mitgeteilt werden kann.

Wer heute in einer größeren Stadt lebt, ist in einer beneidenswert besseren Lage als zu Crowleys Zeiten - er kann sich einen Lehrer suchen, und mit ein bisschen Glück sogar unter mehreren auswählen. Er ziehe also los, treffe einen Yogalehrer und antworte auf die Frage, ob er schon einmal Yoga gemacht habe, lieber mit einem Nein.

Eine Antwort der Art, "Naja, ich habe schon eine Weile im Asana gesessen", wird von einem Yogalehrer, der nicht Crowley gelesen hat, im allgemeinen nicht verstanden. Nun sitzt er da in einem Kurs, versucht mehr oder weniger geschickt, das zu machen, was die anderen tun, und ist gleich mit dem nächsten Problem konfrontiert, nämlich, dass er keine Ahnung hat, ob der Lehrer etwas taugt. Und hier kann man dem Aspiranten leider nur ein paar grobe Faustregeln mitgeben.

  1. Man suche das Weite, wenn während der Yogastunde keine Pausen gemacht werden. Die Pausen sind wichtig, da die Haltungen den Körper herausfordern, und das alles erst einmal auch verdaut werden möchte. Später wird ein anderer Umstand noch wichtiger; der Yogi muss in sich hineinhorchen, in etwa mit der Frage "Was hat sich in meinem Bestande durch die Übung eigentlich verändert?"
  2. Man suche das Weite, wenn sich der Lehrer während der Pausen die Finger manikürt (Das ist keine Erfindung und auch kein bisschen übertrieben). Ebenso, wenn der Lehrer die Pausen mit einer elektronischen Stoppuhr abmisst.
  3. Ein guter Lehrer wird in den Pausen eine ausgewogene Mischung herstellen zwischen Zeiten, wo er mit Worten die Aufmerksamkeit auf besonders interessante Stelle lenkt bzw. einfach daran erinnert, dass die Beobachtung des Körpers oder des eigenen Atems wichtiger ist, als sich über den letzten Kinofilm den Kopf zu zerbrechen (man glaubt gar nicht, wie oft das vergessen wird). Er wird daran erinnern, dass jede, auch die schwierigste Haltung eigentlich Meditation sein oder zu einer solchen werden sollte, und er wird auf Zeiten achten, in denen Ruhe herrscht und in denen auch der Yogalehrer still ist.

Darüber hinaus und abgesehen von den Fähigkeiten des Lehrers ist es natürlich auch so, dass nicht jeder zu jedem Lehrer passt. Ist man sich von Anfang an unsympathisch, sollte man wohl besser nichts erzwingen - andererseits hat es wenig Sinn, sich jede Woche einen anderen zu suchen. Falls sich die Schwierigkeiten im Umgang miteinander erst nach einem halben Jahr ergeben, kann das mit dem Yoga selbst zu tun haben; es ist ein Pfad der Selbstbegegnung, und wenn man bestimmte Dinge nicht sehen will, kann es gerade das Kennzeichen eines guten Lehrers sein, dass er sehr hartnäckig und mit der groben Feile arbeitet und schlichtweg unerträglich wird.

Hier ist nicht mehr möglich, als dem Interessierten die Skywalker-Maxime auf den Weg zu geben: "Hör auf was Dein Herz Dir sagt". Bessert sich die Situation über längere Zeit nicht, obwohl man wirklich und ehrlich mit dem Gedanken herangeht "Ich bin nur hier, um Yoga zu erlernen" (und nicht etwa, um toll zu sein), wird es Zeit, zu gehen.

Für die Yogapraxis gibt es noch ein paar nützliche Hinweise:

  1. Kämpfe nicht gegen Deinen Körper. Er ist nicht ein Gegner in einer Art Ringkampf. Er ist auch keine Maschine, die jeden Tag zu jeder Uhrzeit die gleiche Leistung bringt. Nimm Rücksicht darauf; erzwinge nicht mit Gewalt eine Haltung, die gut gelockert in der Mitte eines wärmeren Tages gut funktioniert hat - und an einem kühleren Morgen den Körper überfordert. Yoga ist auch Feintuning am eigenen Körper und sollte liebevoll und geduldig ausgeführt werden.
  2. Versuche, Deinen Körper "zu bewohnen", anstatt ihn zu benutzen oder gar "mit ihm umzugehen". Bei Übungen mit besonderen Belastungen für bestimmte Körperteile solltest Du versuchen, mit ihnen zu kommunizieren. Genau wie in der Magick Kräfte der Natur personifiziert werden, damit man sie ansprechen kann, kann man es im Yoga mit dem eigenen Knie tun; das ist allemal hilfreicher, als den Unterschenkel mit ruckhafter Bewegung in den Lotussitz zu zwingen, als wäre er ein Stück Holz: genau dies ist gewalttätig und bringt in aller Regel keine Pluspunkte.
  3. Alle Asanas, auch die schwierigsten, sollten mit der Zeit zur Meditation werden, so dass man "im Asana verschwindet". Auch unter der Belastung einer speziellen Haltung sollte der Atem wieder ruhig und tief werden.
  4. Reguliere den Atem nicht zu streng. Gerade als Anfänger weißt Du über Deinen Atem sehr wenig, und Du mischst Dich in Dinge ein, von denen der Körper mehr versteht als Du. Regulierst Du in dieser Phase zu viel, ersetzt Du unaufmerksames Atmen gegen falsches Atmen. Klüger ist es, den Atem zu beobachten. Allein dadurch wird er schon tiefer und besser. Aufmerksamkeit gegenüber dem eigenen Atmen lässt ihn besser werden. Du wirst auf diese Weise viel über Deinen Atem lernen, und erst dann kannst Du vorsichtig mit Experimenten beginnen. Sei kein Kontrollfreak. Für die gibt es die Bundeswehr. Sei rezeptiv und lasse zu.
  5. Achte beim Atmen vor allem auf das Ausatmen. Achte im Ausatmen vor allem auf den Punkt, an dem das Ausatmen zum Ende kommt und das Einatmen wieder beginnt. Lasse zu, dass sich diese Ausatempause verlängert, versuche, den Atem nicht vorzeitig zurückzuzwingen. Dabei können Ängste aufsteigen, "was, wenn der Atem nicht zurückkommt?" - nimm Dir also Zeit damit.
  6. Hast Du beim Meditieren zu viele störende Gedanken im Kopf, dann ärgere Dich nicht. Beobachte sie so ungerührt wie möglich - lasse diese Gedanken zu und lasse sie dann gehen. Atme tiefer aus. Das klemmt nach einer Weile dem rasenden Denkcomputer den Strom ab.
  7. Schließe am Anfang (sagen wir, im ersten Halbjahr) bei der Meditation nicht willkürlich die Augen. Fixiere einen Punkt (Eine Kerze, einen Stein... notfalls eine helle Fluse auf dem Teppich), denn das hilft beim Fixieren der Aufmerksamkeit. Fallen die Augen nach einer Weile von allein zu, ist das okay.
  8. Wenn im angenäherten Lotus bzw. Schneidersitz Knie und Oberschenkel nicht bis auf den Boden kommen, dann stütze sie mit einer Decke oder einem Kissen ab, erst recht dann, wenn Du am Tag länger als eine Viertelstunde sitzt. Andernfalls riskierst Du Veränderungen an den Hüftgelenken. Oberschenkel und Knie kommen bei regelmäßigem Üben von allein auf den Boden, und dann sind diese Hilfsmittel nicht länger nötig. Falls dieser Sitz ohnehin sehr schwierig ist, versuche das Gesäß mit Hilfe von ein bis drei Telefonbüchern anzuheben.

Zuletzt: Yoga ist keine Gymnastik und keine Athletik und erst Recht kein Wettkampfsport. Westliches Leistungsdenken hat hier nichts verloren. Finger weg von PowerYogaIntersiv-Wochenendkursen, es sei denn, ihr übt ohnehin regelmäßig.

Zusammengefasst: Der gewalttätige Ruf, den das Yoga in unserer Kultur genießt, hat mehr mit unserer gewalttätigen Kultur zu tun, als mit dem Yoga, und mit den Wegen, auf denen wir das Yoga erlernen. Crowley ist hier nicht unschuldig, aber er hatte einen guten Grund: Zu seiner Zeit gab es keine anderen Möglichkeiten.

Wer heute Yoga erlernen will und bereit ist, sich dafür die nötige Zeit zu nehmen, nicht alles auf einmal will und Beharrlichkeit nicht mit Ehrgeiz verwechselt (in unserer Kultur also so eine Art Genie wäre), wird Yoga als eine harmonische Kunst antreffen, voller Leichtigkeit und Harmonie und ungefähr so gewalttätig wie ein Schnürsenkel.