Die erdachte Welt
Einige Überlegungen für und wider die kabbalistische Arbeit
von Knut Gierdahl
Philosophie ...
... was ist sie, wenn nicht eine Weise, nicht so sehr über das was wahr oder falsch ist zu reflektieren als über unser Verhältnis zur Wahrheit. Philosophie ist eine Bewegung, mit deren Hilfe man sich nicht ohne Anstrengung und Zögern, nicht ohne Träume und Illusionen von dem freimacht, was für wahr gilt. Philosophie ist die Verschiebung und Transformation der Denkrahmen, die Modifizierung etablierter Werte und all der Arbeit, die gemacht wird, um anders zu denken, um anderes zu machen und anders zu werden als man ist.
(Michel Foucault: Der maskierte Philosoph)
Wenn jemand Magie betreiben will, wird er sein Denken verändern und entwickeln müssen. Im Weltbild, das wir in der Schule gelernt haben, das unsere Kultur prägt, ist Magie nicht vorstellbar - es sei denn, als Sammelbegriff psychischer Störungen. Die Art zu denken zu entwickeln heißt, Inhalt und Form des Denkens zu verändern. Daß dafür die Methoden der Kabbala ein Weg sein können, wird oft genug herausgestellt.
Daß kabbalistische Methoden auch Schwächen haben, daß es Alternativen gibt, wird meines Erachtens dagegen viel zu wenig beachtet.
Bei vielen Erklärungen magischer Phänomene, die in gutgemeinter Absicht so einfach wie möglich gehalten sind, werden den Adressaten die unter der Oberfläche liegenden Verständnisebenen 'erspart'. Vielmehr wird versucht, neue Inhalte (z.B. ein Bannungsritual) in die vertrauten Denkmuster einzufügen (wenn dich dein Gesprächspartner auf der Party stört, sag ihm das direkt, spätestens beim dritten mal wird er gehen).
Die Folge davon ist: jeder versteht die Wirkungsweise des Bannungsrituals. Versteht genau das, was er schon wußte, nichts Neues. Die Form des Denkens wird nicht selbst zum Thema und kann darum kaum erkannt werden. Gerade das aber war in den alten Kabbalaschulen das Wesentliche, das innere Geheimnis hinter der (mehr oder minder) populären Form.
Frühere Zeiten kannten dafür die Sprache der Mystik, aber diese Sprache läßt dem Alltagsdenken sehr viel Raum, sie ist bildhaft und allgemein. Abstrakt-formale Darlegungen zwingen das Denken auf andere, unnormale Wege. Wenn man nicht folgen kann, merkt man dabei schnell, daß man nicht versteht :)
Wozu ist 'nichtalltägliches' Denken wichtig? Das 'Geheimnis des Lebens' oder wie man es sonst nennen will, ist ein Geheimnis, weil es in den Denkbahnen des Alltagsdenkens nicht greifbar ist, jedoch nicht, weil es in versteckten Büchern steht :) Die Fragestellung ist dennoch sehr schlecht - alternativ könnte ich fragen, Wozu lebst du? Wichtige Frage, aber nicht geeignet für objektiv verbindliche Antworten. Seine Antwort kann nur jeder selbst finden.
In "Ars Apophtegmatica" schreibt Harsdörffer:
Diese Versetzung der Buchstaben ist ein Theil von der Ebreer Cabala / und veranlast zu feinen Gedancken / vermehret die Erfindung / bringet eine Lieblichkeit und sondere Schlichtigkeit in den Gedichten / und fliessen daher Scherz- und lehrreiche Einfälle. Diese Art der Poetischen Erfindungen ist deßwegen angenehmer / als keine andere / weil sie keinem / als von dessen Namen sie ausgesuchet ist / gemein sein kann / und schicket sie zu weilen auf die Zeit / Ort und anderen Umstände sehr artig ohn alle Stümpeley.
Aufbau der Kabbala
Kabbala hat ein Grundgerüst von Struktur (Korrespondenzen) und darauf aufbauenden Methoden, wie z.B. Wortkabbala, Zahlenmystik, ... und damit eröffnen sich Möglichkeiten. Die Möglichkeiten der Kabbala sind nicht identisch mit den Methoden, sie resultieren daraus. Das ist einerseits leicht einsichtig. Dennoch ist es wichtig, sich immer wieder daran zu erinnern und sich das Wozu? von Struktur und Methode zu beantworten. Indem man das tut, setzt man sich mit den Ideen tiefer und auf einer persönlichen Ebene auseinander und versteht die eigene Art zu denken immer besser.
Doch zuerst zum Aufbau. Die Kabbala umfaßt alles, was in der Welt ist und setzt die beschriebenen Elemente in Beziehung zueinander. Farben, Steine, Gefühle, und auch Götter, Geister, Bewußtseinszustände und Orte, .... ordnet die Kabbala in bedeutungsvolle Zusammenhänge (vgl. dazu Liber 777). Dies ist ein wesentlicher Unterschied zu (natur-) wissenschafltichen Ansäzten: Kabbala bringt Bedeutung in die Welt und damit macht sie Welt lebendig - im Gegensatz zur Darstellung der Wissenschaft. Naturwissenschaft erfaßt die Welt als eine Welt unbelebter Objekte, denen keine Bedeutung innewohnt und die folglich nicht aus sich heraus bedeutsame Verbindungen haben, sondern solche Verbindungen entstehen erst durch die Theorien der Naturwissenschaft. Da eine wissenschaftliche Theorie widerum auf philosophischen, mathematischen, logischen usw. usf. Theorien beruht, wird klarer, daß das Weltbild der Naturwissenschaft kein einfach beschreibendes Abbild von Welt ist, sondern eine bestimmte Perspektive; nicht das ganze Bild, sondern ein Aspekt der Welt wird darin erfaßt.
Kabbala ordnet Qualitäten, Bedeutungen der Welt und dadurch entstehen Bedeutungsnetze. Doch - faßt Kabbala wirklich Qualitäten zusammen, in dem Sinne, daß diese Qualitäten vorhanden sind, objektiv also, und erhellt daraus Muster? Die Frage zu verstehen und zu klären, ist wichtig. Wenn sie so richtig gestellt ist, dann folgt daraus
- eine verborgene Ordnung in der Welt, die durch Kabbala erschlossen wird
- der Kabbalist erkennt mehr als der Naturwissenschafter von der Welt, nämlich den Zeichen eingegebene Bedeutung.
- Folglich wäre Kabbala das wahrere Modell der Welt
Beispiel: Was ist Eisen? Die Naturwissenschaft sagt uns, daß Eisen ein leitfähiges Metall ist, was sich durch seine Gitterstruktur erklärt. Durch Kohlenstoffreduktion kann man daraus Stahl gewinnen, ... usw. Eine gängige kabbalistische Ansicht ordnet Eisen dem Planeten Mars und der Sephirah Geburah zu, Eisen ist feurig, aggressiver Natur, ... usw.
An diesem Beispiel kann man sehen, daß es nicht darum geht, eine Sichtweise absolut - gegen die andere zu setzen. Um ein Auto oder Messer zu bauen, ist ein exaktes Wissen physikalischer und chemischer Abläufe wichtig. Um im Leben Sinn zu finden, ist der zweite Ansatz hilfreicher, da er Muster erkennen läßt. Beide zeigen gleichberechtigte Ausschnitte aus der Wirklichkeit. Weder die naturwissenschaftliche noch die kabbalistische Interpretation ist besser oder wahrer als die andere. Und wir erkennen schon an diesem einfachen Beispiel, daß das Aufgeben des Wahrheitsanspruches (s. Punkt 2) kein Manko, kein Verlust ist - im Gegenteil: wenn wir frei von der einen wahren Sichtweise werden, indem wir derer viele sehen, können wir wählen und der Welt eigene (Be)-Deutung geben.
Was ist mit Punkt 1, der verborgenen Ordnung im Gegensatz zur allgemein gewußten? Während heute die naturwissenschaftliche Sichtweise allgemein für die tragfähigere gilt, war es bis zur Renaissance eine naiv-mythologische; die Überzeugung, die alles Einzelne als Teil der großen Weltordnung auffaßt - sei es eine kosmische Harmonie oder der Plan Gottes.
Nochmal: Erfaßt Kabbala objektive Qualitäten der Welt und erhellt daraus Muster? Ja und nein!
Sie erfaßt etwas Objektives und erhellt Muster, doch diese Muster sind so fein, daß sie jederzeit verschoben, gelöst und neu geknüpft werden können. Wir selbst erzeugen unsere Welten-Muster. Wenn wir die große unveränderliche Ordnung in der Welt suchen, finden wir eine statische, tote Welt. Kabbala schafft keine statische Ordnung, sondern eine dynamische Struktur, mit der Umwelt und Innenwelt erschaffen und zu verstehen sind. Stillstand ist tot.
In der Kabbala wird das Universum insgesamt als belebt aufgefaßt, sie setzt uns in eine lebendige Welt. Struktur brauchen wir, weil die grenzenlosen Möglichkeiten ohne sie chaotisch und überkomplex werden (Wahnsinn ist nicht umsonst die Berufskrankeit der Magier und Mystiker). Wir wären orientierungslos allein in der Unendlichkeit der eigenen Innnerlichkeit.
Diese dynamische Struktur nenne ich Kabbala. Sie stellt Formen bereit, aus denen jeder seine Welt schaffen kann.
Schon die frühe Kabbala ist ein Gegenentwurf zur Alltagswelt. Gegenentwurf, weil die kabbalistische Perspektive - als geheimes Wort Gottes - die unbekannten Welten jenseits des Alltäglichen zeigt und und durch meditative Praktiken, Nachdenken über das eigene Denken und Infragestellen gewohnter Denkweisen (auch Reflexion genannt) und Rituale Zugang zu diesen nichtalltäglichen Welten aufzeigt.
Jeder Mensch, der erfolgversprechend nicht-alltägliche Erfahrungen machen will, muß auf nicht-alltägliche Weise denken. Die bis ins frühe Mittelalter tätigen Schulen jüdischer Mystik entwickelten jahrhundertelang Kabbala weiter, veränderten, diskutierten, probierten neues. Irgendwann starb die lebendige Lehre aus, übrig blieb ein trockenes Gerüst mit dem Hauch des Mystisch-Unerklärlichen.
Heute wird fast ausschließlich Kabbala des Mittelalters transportiert. In Büchern konserviert, kann sie in Köpfen nicht mehr lebendig werden - denn sie ist ein archaisches Überbleibsel und in unserer Kultur genauso wenig anschlußfähig wie die antike Naturphilosophie. Das heißt nicht, daß es nicht versucht wird - aber die Ergebnisse dessen sprechen für sich und gegen diesen Versuch.
Wer sich heute mit der traditionellen Kabbala begnügt, ist ein Reaktionär. Wenn wir heute Kabbala betreiben und dies nicht auf Grundlage unserer Zeit - sondern ohne und gegen heutiges Wissen - haben wir mehr mit nekrophilen Götzenanbetern als mit Suchenden gemeinsam. Weder die Kabbala noch irgendeine andere antike 'Geheimlehre' kann heute in der traditionellen Form wiederbelebt werden. Jede dieser Lehren, Philosphien und Modelle ist ein Kind ihrer Zeit. Wir, die wir in die westliche Kultur der Postmoderne sozialisiert sind, können unsere Wurzeln nicht ignorieren ohne den Preis der Selbstaufgabe.
Ein Einwand könnte sein, daß gerade Kabbala ein besonderes, höheres Wissen offenbart, welches nicht den normalen Wandlungen der Erkenntnisgeschichte unterliegt, sondern darüber liegt. Enthält die Kabbala heiliges Wissen? "Alle Worte sind heilig...", sagt das Liber Al. Worte beschreiben und formen unsere Welt. Was oder ob die Welt ohne Sprache, ohne Darstellung wäre, wissen wir nicht. Da wir mit jedem Wort (eine Darstellung der) Welt erschaffen, sind alle Worte heilig. So heilig oder profan, wie wir selbst uns machen.
Wenn man Kabbala z.B. mit der modernen Zeichentheorie (Semiotik) vergleicht, und dies ist wegen des gleichen Themengebietes, der Beschreibung von Zeichen und deren Zusammenhängen, naheliegend, dann kann man verstehen, wie Zeichen immer interpretiert werden und sich verändern, aber auch verblassen können. Zeichen sind nicht wahr. Wahr kann der Zusammenhang von Zeichen und Bezeichnetem sein. Zeichen werden immer gedeutet und ihre Deutung ist durch Kultur und Zeit mitbestimmt. Wichtiger noch: sie ist immer eine Tätigkeit des Interpretierenden, nie etwas das einem geschieht.
Kabbala hat kaum Grenzen für Spekulation und eine Deutungsbreite, die jeder Beliebigkeit offen ist. Wer sich mit den Korrespondenzen des G.D. oder der Kabbalisten des 19. Jhd. beschäftigt, wird dies sicher bemerkt haben. Die dunkle Sprache der Mystik schildert so gut oder schlecht es möglich war, die Erfahrungen nichtalltäglichen Denkens. Sie läßt dem Alltagsdenken viel Raum für vage Deutungen, für Mehrdeutigkeiten. Abstrakte Darstellungen hingegen sind ein viel strengeres Denk-Feld und für jeden, der nichtalltägliches Denken lernen will, hilfreich. Seien es Darstellungen der Logik, Philosophie, Physik o.ä. Denn es geht weniger um Inhalte, als um die Form.
Die Form des Denkens zu ändern, ist ein größerer Schritt, als neue Inhalte in den alten Denkbahnen kennenzulernen. Ähnlich wie Hatha-Yoga oder Ballett (neben vielem anderen) die Körperbewußtheit und -koordination steigern, helfen formalisierte Modelle, die 'Bewegungen' des Denkens zu erkennen und bewußter zu gestalten. Vielleicht wird das analog zum Body-Building eines Tages Mind-Building genannt?
G. Meyrink schrieb in "Der Golem": Ist es Ihnen niemals aufgefallen, daß das Tarockspiel 22 Trümpfe hat, - genausoviel, wie das hebräische Alphabet Buchstaben? ... - Wie laut, lieber Freund, wollen Sie eigentlich, daß Ihnen das Leben die Antworten in die Ohren schreien soll?

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