Der lächelnde Tod, Teil des Lebens, ein Fest

von Wanda

Mexiko, schillernd chaotisch, viele Feste, viel Leid. Der Gegenpol zur amerikanischen Gleichmacherei. Ein Aufschrei, irrational und voller Farben. Das Verhältnis USA zu Mexiko und anders herum soll hier nicht Thema sein, sondern das Leben als Fest, wie es die Mexikaner verstehen. Arm und reich klaffen in Mexiko wie auch woanders immer mehr auseinander. In Mexiko verbindet sie alle aber ein Kanon der Traditionen. Die sind nicht überall gleich, nur ein roter Faden verbindet sie: die Freude am Feiern und Überleben!

Symbolisch stehen sich hier zwei Welten gegenüber: die rationale Kopfwelt und die irrationale Gefühlswelt. Ein Spannungsfeld, das von historischen Erfahrungen zehrt. Das stets Wiederkehrende: der Tod. Erstaunlicherweise ist in unserer versachlichten Welt der Tod, ein mit Angst, also eher negativen Gefühlen verbundenes Thema.

In der als irrational z. T. verpönten Welt der Mexikaner ist der Tod ein wichtiger Teil des Lebens. Hier leben die vorchristlichen Werte der amerikanischen Ureinwohner befruchtend weiter.Mexiko war vor der spanischen Eroberung 1521 ein von den Azteken dominiertes Vielvölkerreich mit einer reichen Brauch- und Mythenwelt. Für die Ureinwohner Mexikos war die Kraft der Erde und des Weltzeitalters endlich und konnte also verbraucht werden. Leben entzieht Kraft, die rückerstattet werden muss, um das Bestehen der Welt zu sichern.

Nach ihrer Vorstellung war das Weltzeitalter nur durch das Götteropfer geschaffen worden. So teilen beispielsweise die Mayas die Zeit der Menschen auf der Erde in fünf Weltzeitalter oder Sonnen ein. Das erste Menschenzeitalter ertrank im Wasser, die nächste Sonne war das Zeitalter der Erde und wurde von einer wilden Bestie in einer dunklen Nacht verschlungen. Die dritte Sonne war die des Feuers und wurde durch einen Flammenregen zerstört. Das vierte Weltzeitalter des Windes wurde durch einen Orkan dahingerafft. Die fünfte Sonne also auch noch unser Weltzeitalter wird irgendwann durch die Bewegung, den Wandel zerstört. Insbesondere war der Mensch nach aztekischen Vorstellungen verpflichtet, dieses Opfer als Menschenopfer zurück zu erstatten. Schöpfung und Zerstörung gehen immer Hand in Hand miteinander.

Die drei Totenreiche

Es lassen sich drei Totenreiche bei den verschiedenen Völkern ausmachen:

Die Sonne: ein Mensch opfert sein Herz auf dem Opferaltar oder im Krieg, auch das Sterben im Kindbett zählte zu den "guten" Todesarten. Die Sonne galt als die "Schwachstelle" des Weltalters. Wer ihr sein Leben opfert, erhält die Welt und wird entsprechend geehrt, darf die Sonne einen der vier Jahre dauernden Regenerationszyklen der Welt auf ihrem Weg begleiten und wird dann zum Sonnenvogel Quetzal. Sein Körper ist vollkommen unwichtig.

Mictlan: die Erde. Für alle, die eines natürlichen Todes sterben. Ein mühevoller und gefährlicher Weg der Verwesung, der auch vier Jahre dauert, auf dem das Fleisch von seinen Knochen gerissen wird; schließlich kommt der Tote zum siebenarmigen Fluss, wo er nur durch spezielle Grabbeigaben (u.a. aus Papier gefertigten Kleidern, einem aus Ton geformten gelben und schwarzen Hund) weiterkommt. In Mictlan ruhen die Gebeine, bis sie im nächsten Weltzeitalter zur Schöpfung neuen Lebens verwendet werden.

Tlalocan: das Haus des Regen- und Lebensgottes Tlaloc; kann mit unserem westlichen Paradies verglichen werden. Ein Jenseits, nicht viel anders als die irdische Welt, aber viel komfortabler und angenehmer. Die Toten leben hier in einer immer fruchtbaren Umgebung ohne jede Sorge um Naturereignisse und Mangel, ein blühender Garten, wo jeder seine gesellschaftliche Position behält. Das Menschenopfer kann hier den Status erhöhen. Die Toten sind hier aber nicht von den Menschen getrennt: als Ahnen haben sie ebensoviel Anrecht auf das Land wie ihre Nachfahren und damit auch auf die Erträge. Sie besuchen die Lebenden auf Totenfesten und werden hier von ihnen bewirtet. Bei den Azteken hatten nur Opfer von Naturkatastrophen und Seuchen Zugang.

Die Toten waren in allen drei Vorstellungen für die Lebenden wichtig: entweder regenerierten sie durch den Tod die Weltkraft und konnten so Dank beanspruchen, oder sie waren die Eigner des Landes und konnten die Lebenden zum Guten wie zum Bösen beeinflussen. Darstellungen von Totenschädeln, wie wir sie vielfach aus vorspanischer Zeit kennen, sind keine Symbole von Grausamkeit. Sie waren Objekte des täglichen Lebens u.a. als Skulpturen und an Ketten. All diese Formen drücken die Verbindung zu den Toten, nicht den Schrecken vor dem Tod aus; die Toten handeln für die Lebenden und bleiben geachtete Mitglieder der Gemeinschaft.Mit den Spaniern kam das Christentum nach Mexiko. Ein Synkretismus entstand. Auch die Europäer kannten die Darstellung des Skeletts in jeder Form: auf Grabsteinen, als Totenkopf an Rosekränzen, als "Wendefiguren", halb Schädel, halb Christus, als Totentanz u.a.m. Die Übereinstimmungen waren überraschend und so konnten beide Kulturen vieles voneinander übernehmen. Der Inhalt war aber eher gegensätzlich: Europa stellte nicht die Toten, sondern den Tod als eine abstrakte Macht dar, als Ergebnis der Erbsünde von Adam und Eva. In Europa ist das Skelett Symbol des Todes, in Mexiko des Lebens über den Tod hinaus!

Für die Masse der mexikanischen Ureinwohner waren die blutrünstigen Götter der Azteken "fremde" Götter gewesen. Durch die Zerstörung des Aztekenreiches fiel es vielen leichter zu konvertieren. Bedingung blieb, dass eigene Vorstellungen, die mit dem Land verbundenen Kulte, besonders die Ahnenkulte nicht angegriffen wurden. Die Missionare ließen sich hier auf Tauschgeschäfte/Kompromisse ein. Ihr zentrales Anliegen war die Abschaffung der Menschenopfer, was ihnen auch gelang. Unter anderem wurde der Gebrauch des Kruzifixes verboten, da die Indios dies als Opfer identifizierten. Es wurden Kirchen ohne Dach geschaffen, da Angst vor geschlossenen Tempeln herrschte. Durch die Konzentration auf bestimmte Elemente des Glaubens wurde der Widerstand gegen andere gemildert. Der katholische und der indianische Totengedenktag fiel bei einigen Völkern beinahe auf den gleichen Tag. Die Formen im Gedenken und in der künstlerischen Darstellung waren ähnlich. So, fast unmerklich vermischten sich die Vorstellungen und so retteten sich einige der vorspanischen Totenrituale in den christlichen Glauben.Die Europäische Kunst der Conquista-Zeit ist beherrscht von der Präsenz des Todes, der als Schädel, ausgehende Kerze, Stundenglas symbolisiert wird. Gleichzeitig erinnert sie den Menschen an die Hoffnung: die Erlösung durch das Selbstopfer Christi. Der Tod kam durch die Sünde in die Welt, Christus hat den ewigen Tod aufgehoben. Der Aufforderung der katholischen Kirche, dass jeder seiner Todesstunde gedenke ("memento mori"), prägte entscheidend die europäische Einstellung bis zur Aufklärung im 18. Jahrhundert.

Die "Calaveras" des José Guadalupe Posad

Aus dem Totenkopf, dem Symbol des "memento mori" wurde im 19. Jahrhundert ein Warnsignal, eine Drohung, etwas Unheimliches geradezu Unanständiges. In Mexiko am Ende des 19. Jahrhunderts erwacht aber fern ab von der weiterhin europagläubigen Hauptstadt Interesse an der Darstellung der eigenständigen mexikanischen Entwicklung. Bedeutenster Vertreter ist José Guadalupe Posada, der als Künstler und Zeitungslithograph in León seine ersten wichtigen Schritte macht. Er schuf die "Calaveras" - humoristische Darstellungen seiner Zeit in Form von Gerippen. In bewusster Anlehnung an die vorspanische Kultur griff er diese Form auf.

Das beste Beispiel ist seine "Catrina", eine typische Mittelstandsdame der Jahrhundertwende, die als Halsschmuck die Federschlange der Azteken trägt. Diese Rückbesinnung auf eine eigene, besonders von den USA abgehobene Kultur bestimmte die mexikanische Revolution und das nationale Selbstbewusstsein. Der große mexikanische Diego Rivera hat Posadas Werk aufgegriffen und fortgeführt.

Heute noch werden in Mexiko zu Allerheiligen/Allerseligen (1. und 2. November) Totenfeste gefeiert.