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Offener Brief

Offener Brief an Michael D. Eschner auf seinen Beitrag "Fiktive Kulte" in AHA Aug./Sept.2002
von Theo Erlemann

Lieber Michael,

Du schriebst in Deinem Beitrag "Fiktive Kulte" in der AHA-Ausgabe Aug./Sept.2002: ,,Bis vor kurzem zierte das Schlagwort von den ,fiktiven Kulten' nur die Polemik von Sektenjägern. Seit neuestem wird dieser Vorwurf auch in der inneresoterischen Auseinandersetzung benutzt. So haben z.B. naturreligiöse Gruppen ihre Angriffe gegen Arkangruppen um diese Variante bereichert."

So zutreffend diese Aussage auch sein mag, so muss sie doch, um nicht ein falsches Bild abzugeben, relativiert werden. Es mag sein, dass es naturreligiöse Gruppen gibt, die es nötig haben, Arkangruppen anzugreifen. Möglicherweise, um sich selbst gegenüber ihre grundsätzliche Unklarheit und Unsicherheit hinsichtlich ihrer eigenen Religiosität zu verschleiern. Es sollte jedoch klar sein, dass es sich bei diesen Gruppen um Exoten im naturreligiösen Lager handelt.

Der Weg der Arkangruppen und der der Naturreligiösen mag auf den ersten Blick sehr unterschiedlich aussehen - für den einen oder anderen Neuling womöglich sogar diametral entgegengesetzt. Doch allein das gemeinsame historische Feld, hier besonders der englische Okkultismus der 20er bis 50er Jahre einschließlich der prägenden Figur A.Crowleys, macht deutlich, dass beide Strömungen ein enges verwandtschaftliches Verhältnis verbindet. Hier schließlich wurzelte auch das "Rosiacrusian Theatre" bzw. der "New-Forest-Coven" als Keimzelle der modernen naturreligiösen Bewegung, der für Gerald B. Gardner inhaltliche Basis für die Entwicklung der "Old Religion", die später "Wicca" genannt werden sollte, war und aus der später wie auf internationaler Ebene so auch im deutschsprachigen Raum eine naturreligiöse Bewegung, fernab von den faschistischen idyllisierenden Teutsch-Religionen der Nazis nach griechisch-römischem Freistil entstand.

Sicherlich - es gibt immer noch eine Handvoll merkwürdiger Wanderprediger, die vorgeben, von ihrer verstorbenen Oma oder Tante das gesamte Erbe mittelalter-licher Hexerei übernommen zu haben. Merkwürdigerweise entspricht deren geheimes Wissen einem Querschnitt durch die Ramschtische moderner Eso- Buchläden. Sicherlich gibt es solche, die verbreiten, weltweite Anführer von über einhundert Hexenzirkeln zu sein: gerade heute sind solche Märchen sehr beliebt und finden schnell ihre Gläubigen. Und, mit Verlaub gesagt, die AHA hat hier in jüngster Vergangenheit einen sicheren Instinkt für den Griff ins Klo bewiesen. Parallelen zur Geschichte um Hitlers Tagebücher drängen sich auf - Wunschdenken kann eben auch einen kritischen Geist korrumpieren.

Was den Topos "fiktive Kulte" angeht scheint mir, dass den so bezeichneten Kulten mit dem Vorwurf, erfunden zu sein gleichzeitig ihre Wirklichkeitsbedeutsamkeit abgesprochen werden soll, als existierten sie nur ,,in der Einbildung".

Wenn als Gegensatz hierzu der Ausdruck "originär" (auf einen Ursprung zurückführend) genannt wird, wird der Argumentationsstrang deutlich, dem die christlichen Kirchen, vornehmlich die katholische folgen: eben das "Kontinuitätsprinzip". Bemerkenswert genug, wenn es naturreligiöse Gruppen gibt, die ebenfalls dieses Prinzip zur Legitimation ihres "Wissens" bemühen müssen. Noch hält die Kurie der katholischen Kirche ihr Kuriosum hoch, obschon längst kariös: Die ganze Autorität des "Papstes" stützt sich darauf, von dem Apostel Petrus, erst später als erster Bischof Roms benannt, dieses "Amt" in Kontinuität übernommen zu haben. Und nur wer's glaubt wird selig. Wenn genau dieses Prinzip aber in naturreligiösen Kreisen zur "Legitimation" der eigenen Autoritätsansprüche (!!!) bemüht wird, lässt dies deutliche Rückschlüsse auf solcherlei Gestalten, deren innere Verfassung und deren Motive zu.

Ich lehne mich nicht weit aus irgendeinem Fenster, wenn ich behaupte: Wir sind als Menschen "kulturelle Lebewesen". Und die Vererbung dieser Kultur beruht auf impliziten Mechanismen: als Kleinkind schon saugen wir sowohl Kultur als auch Geschichte unserer menschlichen Umgebung auf - einerseits abhängig auch vom geistigen Horizont der uns unmittelbaren und mittelbaren umgebenden Personen - andererseits aber auch durch die uns umgebenden Produkte und deren spezifische wie historische Formen. So gelangen implizite Informationen, vermutlich bis aus der Steinzeit zu uns. Daher basiert späteres Wissen meist auf "Entfaltung" von bereits innerlich Bekanntem.

So verhielt es sich auch in der Geschichte von Zauberei und Hexentum: mal tauchte es ab in subkulturelle und unterbewusste Bereiche, mal wurde es wieder an die Oberfläche menschlichen Kulturtätigseins und damit ins Bewusstsein gehoben.

In diesem Sinne (!) gibt es tatsächlich eine Kontinuität in der Geschichte der Hexerei und Magie, die aber keine persönliche (!) Kontinuität ist.

Dies wird freilich einen Kirchenmann nicht davon abhalten, moderne Kulte und magische Bewegungen als "fiktiv" zu bezeichnen - denn die Kirchen akzeptieren per se nur Offenbarungsreligionen, für die das Kontinuitätsprinzip eine entsprechend hohe Bedeutung haben muss. Eine Mysterien-/ Erfahrungsreligion wird für sie immer das Prädikat "fiktiv" haben, im Sinne von "nicht oder nur bedingt wirk-lich".

Was aber, sei hier gefragt, macht einen Kult wirk-lich? Ich denke, einzig und allein, dass er authentisch ist, d.h.: dass er ausgeübt wird und lebendig gelebt wird. Und dass er bereinigt ist von Schimären, die bestenfalls im Lager der Rollenspieler- und Mittelalterfreaks ihren Platz haben mögen. Moderne Naturreligion ist weder Theateraufführung noch museales Panoptikum, ist weder Auditorium für Zaubervorführun-gen noch für massive idyllische Selbstsuggestionen, inklusive der berühmten "tanzenden Elfen im Walde".

Moderne Naturreligion hat die Kraft, hier und heute zu sein. Denn ihren Kern findet sie darin, Um-welt zu Mit-welt für uns werden zu lassen, Menschen die Augen zu öffnen für den Zusammenhang, in dem sie sich in dieser Welt, auf diesem Planeten tatsächlich bewegen, ihre Rolle, Funktion und Sinn aufzudecken und das verehren zu lernen, was die stärkste und mächtigste Kraft im Universum ist: das Leben. Und damit im vollen Sinne Priesterinnen und Priester des Lebens zu werden.

Ich hoffe, dies macht klar, dass es keinen Graben zwischen Arkangruppen und Naturreligiösen gibt, der eine Kommunikation unmöglich oder auch nur überflüssig machen würde.

Liebe Grüße,
Theo Erlemann

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