2005/ 1: Liber Legis, Der Kanon des Gesetzes, Hermetik

Die große Ketzerei (des Mittelalters)

6,90€

Am 16. März 1244 fällt die Festung Montsegur. Über 300 Katharer ergeben sich nach 9monatiger Belagerung dem Kreuzfahrerheer. Den Belagerten wird ein Ultimatum gestellt. Die Geschichte ist folgende: Sie sollen die Burg übergeben, ihrer Irrlehre abschwören und erhalten freien Abzug. Auf einer Wiese unterhalb der Burg, Camp Cremats genannt, erfüllt sich danach das Schicksal derer, die nicht abschwören. 200 Bewahrer des Glaubens, Frauen und Kinder, sollen hier im Namen der heiligen Inquisition ihren Tod durch die Flammen finden.

Liber L vel Legis oder Liber Al vel Legis, Kanon des GesetzesIn der kalten Märznacht vor der Übergabe gelingt es drei Katharern, über die Felsklippen zu flüchten. Sie führen ihr Heiligtum, den wahren Schatz der Katharer, mit sich. Soweit die Geschichte. Bis heute wird spekuliert, was damals in der kalten Winternacht unter größter Gefahr aus der belagerten Burg in Sicherheit gebracht wurde. Waren es brisante schriftliche Überlieferungen, die für die Kirche eine Gefahr darstellten, handelte es sich um Kultgegenstände, die auf keinen Fall in die Hände der Inquisition fallen sollten? Auf jeden Fall liegt der Ort dieses Geschehens nicht weit entfernt von Rennes le Château und dort wird immer noch nach Spuren gesucht.

Meist wird der ominöse Schatz der Katharer oder Templer als die Bedrohung für Papstkirche oder gar die moderne Demokratie angedeutet. Und wer weiß... Wenn man den Schatz erst findet... dann... wird alles anders....

Wie wäre nun folgendes: Es geht nicht um den ominösen geheimen Schatz, Kelch oder Urkunde etc. Sondern das eigentlich Enthüllende mit dem Potential (!, nicht mehr, nicht weniger), das Weltbild unserer Kultur zu wandeln oder zu erschüttern, ist die schlichte Tatsache, daß es die Katharer gab. Das hieß nämlich, zigtausende Menschen waren von einer Erlösungslehre überzeugt, die eine andere Wahrheit enthielt als die kulturell verbindliche. Das päpstliche Dogma lautete, daß es nur die eigene eine Wahrheit gibt, nichts abweichendes. Der vollwertige Mensch und also der Mensch ist als Katholik Teil dieser einen Wahrheit. Nun wurde diese Lehre immer mal erschüttert, was die Teufelsstorys des Mittelalters gut dokumentieren. Aber das waren Einzelne, die abgefallen und vom Widersacher eingekauft wurden. Steht in der Bibel, ist o.k. Aber da steht nicht, daß ganze Bevölkerungsgruppen, ganze Regionen samt Klerus und Adel (den Garanten der Ordnung) sich einer anderen Wahrheit anschließen und schon durch ihre pure Anzahl das alles tragende Dogma aufheben. Und der HErr wirft weder Feuer noch Sintflut vom Himmel, um den Fehler zu korrigieren, sondern nichts passiert. Relativierung ist ein viel schwerer Angriff auf das Dogma, als die Muselmänner, 100 Blaubärte und Dr. Fausts zusammen.

Ob Jesus am Mittwoch, Dienstag oder Sonntag gestorben ist, in Indien oder England, 40 Jahre früher oder später - das ändert heute herzlich wenig. Aber am Begriff »Wahrheit« kommen wir nie vorbei, auch und gerade nicht, wenn wir uns für weltoffen, undogmatisch halten und jeder nach seiner Fasson glücklich werden mag.

Wenn wir bedenken, daß Wahrheit etwas mit dem eigenen Leben zu tun hat (nicht nur mit IQ-Tests) ... wenn wir bedenken, daß es verschiedene Wahrheiten gibt, die jede in sich absolut gilt und die dennoch gleichberechtigt nebeneinander existieren können (nicht: die eine ist wahrer als die andere)... wenn wir bedenken, daß das rein gar nichts damit zu tun hat, daß alles beliebig ist - dann hat uns die Erinnerung an einen Traum, der im März 1244 zerschlagen wurde, einem neuen Denken näher gebracht, als jeder Griff in die Mottenkiste der Geheimlehren. Alles Neue beginnt in unseren Herzen und Köpfen.

in diesem Sinne – ganz der Alte,

Knut Gierdahl

Inhalt

Liber L vel Legis

von MDE

»Das heute als Liber AL vel Legis bekannte Buch hieß ursprünglich »Liber L vel Legis«, das »Buch L oder Gesetz«. Noch bei den ersten Veröffentlichungen in »Thelema« 1909 und in Equinox 7 und 10, 1912 und 1913, trug das Buch diesen Titel. Später schrieb Crowley, daß der Titel des Buches wahrscheinlich »AL« sein sollte, weil er das »L« von Aiwass hörte, aber die Schreibweise nicht sah.«

Der Kanon des Gesetzes

von MDE

»Ist das Liber L vel Legis ein Offenbarungswerk? Entweder - wird unter Thelemiten oft argumentiert - beinhaltet es dann eine feste, nämlich göttliche oder kosmische Wahrheit. Oder, lautet die Alternative, seine Bedeutung ist subjektiv und für jede(n) verschieden. Letzteres gilt oft als das spezifisch Neuäonische. Was, wenn sie beide zutreffen und irren? Suchen wir einen neuen, anderen Zugang zu unserer Lebenswelt - denn nichts anderes ist Thema des Liber Legis.«

Die Welt ist Klang

von Markus Schmieke

»Mantras sind Klangschwingungen, die uns mit einer höheren spirituellen Wirklichkeit verbinden. Da letztlich das gesamte Universum und auch unsere eigene ewige spirituelle Seele aus der spirituellen Wirklichkeit hervorgegangen sind, besitzt eine solche Verbindung unbegrenzte Kraft. Daher gibt es nichts, das man mit Mantras nicht erreichen kann.«

Trinksprüche

von Fr. Eremor

»Natürlich wird dieser Titel, »Trinksprüche«, für einige Verwirrung sorgen. Ist Eremor jetzt endgültig verrückt geworden? Was hat er jetzt wieder ausgeheckt? Ist er unter die Alkoholiker gegangen und sucht nun nach ritualmagischer Rechtfertigung für sein Suchtproblem? Nun, im Folgenden werde ich ein Ritual vorstellen, dass eigentlich jeder kennt, aber kaum jemand bewusst für seine magischen Zwecke nutzt.«

Der Mensch als Beobachter

Radikalkonstruktivistische Annäherungen zur Skizzierung einer nachhaltigen Ethik
von Alexander Graeff

»Schaut man im Lexikon unter Konstruktivismus nach, so findet man nebst dem funktionalistischen Kunststil des frühen 20. Jahrhunderts unter der Kategorie Philosophie einige Beschreibungen zu einem in den Sechzigern bekannt gewordenen, radikalen Ansatz der Erkenntnistheorie, der besagt, dass die Wirklichkeit selbst auf eine aktive Konstitutionsleistung des Subjekts zurückzuführen sei und nicht – wie der in herkömmlichen Theorien propagierte Ansatz besagt – als objektive Instanz neben den Subjekten Bestand habe.«

Die Abenteuer von Phrast Ambix IX: Totenmesse

von Dominik Irtenkauf

»Durch das Tor konnte man auf Zypressen und moosbewachsene Grabsteine sehen. Phrast spürte einen großen Unwillen, dieses gotische Traumbild zu betreten. Die alte Frau bewies keinen guten Geschmack, ihn in ein solch überholtes Szenario zu entführen. Der Wind heulte auf, als das Weiblein ihn durch den Torbogen drücken wollte. Der Erdboden war unter dem Gitter aufgeworfen. Phrast stolperte beinahe. Die Alte hinter ihm lachte teuflisch.«

Magick und die Schwarze Bruderschaft

von Sirentro

»Bereits in unserem vorherigen Artikel sprachen wir über die Schwarze Bruderschaft, die von Crowley wie niemals zuvor in der Geschichte der Esoterik mit derartiger Deutlichkeit genannt und in Hinblick auf ihre Bedeutung für Magie und Hermetik definiert wurde; und wir sprachen von jenem »FreedomTower«, dessen Grundstein vor nicht allzu langer Zeit in New York feierlich gelegt wurde.«

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