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Georg Dehn trifft Stephen Mace

Magisches Treffen in New York

Am 23.11.1999 trafen sich Georg Dehn, Herausgeber und Autor des Buch Abramelin und Stephen Mace im Herzen Manhattans. Anlaß war der Besuch Georg Dehns bei seinem amerikanischen Verlag Samuel Weiser. Der Spaziergang im Central Park wird für beide zu einem wichtigen Ereignis.

von Georg Dehn

In Stephen Mace, Autor mehrerer Werke über thelemitische Magie, (deutsch im Verlag Johanna Bohmeier) offenbart sich ein hervorragender Kenner der Abramelin-Magie und ein kreativer Forscher in der praktischen Magick. Seine Auseinandersetzung mit Austin Osman Spare und die Kenntnis seines Werkes sind ebenfalls beeindruckend.

Überraschend ist jedoch, dass er sich seit einiger Zeit mit dem Hauptwerk Oswald Spenglers auseinandersetzt. Der in Deutschland heute nicht mehr beachtete "Untergang des Abendlandes" ist für Mace alles andere als ein wertkonservatives, pessimistisches Traktat, sondern eine Untersuchung auf historischem Hintergrund. Es geht Spengler um die Darstellung der Kulturen in einer Wellenbewegung von Höhepunkten und Tiefen. Die so markierten Grenzlinien sind oft bestenfalls für Geschichtsesoteriker nachvollziehbar, wirken im Bewusstsein der Allgmeinheit aber durch das, was oft numinos als Geschichts- oder Kulturepoche dargestellt wird. In der demnächst auf deutsch erscheinenden Aufsatzsammlung "Nemesis" wird diese Untersuchung abgedruckt.

Stephen Mace' Intuition offenbart sich auch darin, dass er Reverend Kenneth Hagin's "Authority of the Believer" entdeckt, und in dieser fundamentalistisch christlichen Abhandlung Parallelen zur Methode Abramelins herausgearbeitet hat (kommt in Nemesis). Was im englischsprachigen Raum noch völlig neu ist, sind die diversen Quellen des Abraham von Worms, die Georg Dehn synoptisch zum Urtext rekonstruierte.

Wir kennen das Ergebnis, ein sowohl magisch als auch historisch fundierter Text, der dieses Standartwerk der heiligen Magie neu erschlossen hat (Überarbeitung zur 2. Auflage im Herbst). Allein die Tatsache, dass auf deutsch und hebräisch mehrere parallele und voneinander teilweise unabhängige Übersetzungen existieren, klingt für Amerikaner faszinierend. Besonders, wenn mensch bedenkt, dass diese Quellen bis 1608 zurück datieren. Mace anerkennt als besonders wichtig, dass z.B. die Einweihungszeit nicht wie bei Mathers insgesamt sechs Monate dauert, sondern drei mal sechs Monate. Der Beginn an Passah (Ostern, Ostara, Opferfest) und Abschluss an Laubhütten (Halloween, Samhain) nach 18 Monaten ist sehr schlüssig. Besonders inspiriert Stephen das im Englischen fehlende "Buch Zwei", die Gebetspraxis und ein sozusagen alternativer Gebrauch zu den Quadraten und Amuletten. Diese Technik hat auch einen Bezug zum Besprechen und zu den Mantras.

Hervorragende Kulisse für dieses Gespräch war der Central Park. Der symbolträchtige Flirt mit der hübschen Frau, die ihre Pudel ausführte, unterstrich die Erörterungen und leitet über zu Georgs energetischer Wahrnehmung des Ortes New York. Dehn, der sich auch mit Feng Shui beschäftigt, sieht die oft kulturkritisch und ökologisch verrissene Betonansammlung in einem ganz anderen Licht und bezeichnet seine eigene bisherige Einschätzung als Vorurteil. Der Felsen, der die Insel Manhattan bildet, setzt sich in den Hochhäusern fort. Die Gesamtschwingung wird als liquid und hochgetuned bezeichnet, jedoch nicht hektisch, hysterisch oder exaltiert. Das oft beobachtete High resultiert in seiner Sicht nicht aus dem größenwahnsinnigen Jahrmarkt der Eitelkeiten einer Elite, sondern aus dem geomantischen "Tiroler-Effekt", den umgebende himmelstürmende Zinnen und harmonisch resonierende Mineralmassen erzeugen. Astrologisch hat er nach alten Quellen NYC als Zwillingsstadt identifiziert.

Er recherchierte dazu: In Deutschland finden wir unter diesem Zeichen in den traditionellen Zuordnungen die Städte Mannheim, Jena, Leipzig. Es gibt hier markante Übereinstimmungen. Alle sind für ihr jeweiliges Land bedeutende Städte, waren Hauptstadt und bekamen den Rang zugunsten einer konkurrierenden Stadt streitig gemacht. (NY war kurze Zeit Hauptstadt der Vereinigten Staaten, bevor Philadelphia und danach Washington gewählt wurden, Mannheim wurde als Hauptstadt gegründet, Leipzig konkurrierte gegen Dresden um diesen Titel).

Besonders die Kultur bildet einen besonderen Schwerpunkt, weniger zwar in Jena, stark jedoch in Mannheim und ganz besonders in Leipzig. Letztere sind wie NY auch Messestädte, Medienzentren und Sitz von High-Tech, Internet und Kommunikationsindustrie, genauso wie Hochschulen für diese Bereiche, ob EDV oder Journalisten. Leipzig, bekannt als Bücherstadt war vor dem Krieg ein weitaus bedeutenderer Platz für Literatur als New York.

Letzteres zeichnet sich auch aus als Stadt der Kunst, während Leipzig mindestens eine renommierte Kunsthochschule beherbergt. Abgesehen von dieser Muse ist das Zeichen Zwilling mit seinem Herrscher Merkur also sehr typisch und dominant vertreten.

Besonders zwischen Leipzig und NYC besteht die Gemeinsamkeit, dass auch die Bevölkerung sehr kommunikativ und offen ist. Beide gehören zu den seltenen Orten, die von den Eingeborenen sehr geliebt werden. Im Vergleich fällt das Urteil der Einwohner so gefeierter Städten wie Paris, Berlin, London oder München oft sehr kritisch aus. Nach dem erfolgreichen Vermessen der Metropole lud Stephen den deutschen Kollegen in seine Heimatstadt Milford in Connecticut.

In seinem typischen Holzhaus aus den fünfziger Jahren, wohnt er mit seiner Mutter, zurückgezogen fast wie Lovecraft, nahe dem Meer und der Natur. Sein Freund Hal von Hofe, als Frater Idomme Mitglied des Ordo Astarte, war weiterer Gast. Er begleitet einen hohen Grad in diesem Orden und ist in seinem bürgerlichen Beruf Studienrat an der Highschool, wo auch Stephen schon als Aushilfslehrer fungierte.

Beide sind Naturwissenschaftler und bringen in die esoterischen Disziplinen den oft vermissten kritischen Geist. In der Diskussion über das magische Spektrum definiert Stephen in seiner charakteristischen, oft ironischen Treffsichertheit: "Schwarze Magie will alles umsonst." Beide sind in vielen Bereichen bewandert, diskutieren Gurdjieff mit derselben Sicherheit wie Rudolf Steiner.

Weiter nördlich, im Bundesstaat Maine residiert schon seit fast 20 Jahren der Verlag Weiser, die erste Adresse in Sachen Kabbala und Inner Traditions. Donald Weiser, ein weißbärtiger älterer Herr hatte ursprünglich die Buchhandlung seines Vaters Samuel Ende der Vierziger Jahre am Broadway übernommen. Er baute nach dessen Tod die spirituellen Gebiete als Hauptmetier aus und fand das Ankh als Geschäftssymbol. Bis heute betreibt er sowohl Antiquariat (das größte esoterische Fachantiquariat der USA) als auch den Verlag, mit der inzwischen als Lebensgefährtin aus Kalifornien zugezogenen Astrologin Betty Lundstedt (Buchveröffentlichungen auch in Deutschland, eigener Verlag vor Eintritt bei Weiser war Aurora Press). New York verließ Weiser, als die permanent steigenden Mieten ein Überleben nicht mehr zuließen.

Donald berichtet, dass in "seinem" Abschnitt am Broadway, im Greenwich Village, also einer Strecke von vielleicht drei Kilometern, in den Zeiten von Kerouac, den Beatniks und späteren Hippies, mal 40 Buchhandlungen waren. Heute sind es vielleicht noch fünf. Wobei das "Strand" ein hervorragendes und riesengroßes Antiquariat ist, das nahe der Universität gut überleben konnte. Überlebt hat im Village auch der esoterische Hexen-Kram-Laden "Enchantments". Ein lauschiges, urgemütliches Souterrain-Geschäft in einer hippen Nebenstr. Der Flair der 60er lebt hier und das Publikum zwischen 20 und 50 Jahren, diskutiert Kräutertinkturen und Räucherungen. Die Szene unterscheidet sich weder äußerlich in Habitus und Kleidung noch inhaltlich von der europäischen. Schwerpunkte sind Crowley, Schamanismus, Witchcraft (als Oberbegriff für das, was wir in Europa unter Wicca und keltisch-germanischem Heidentum verstehen).

Unbezahlbare Raritäten bietet Kraus Inc., ein Antiquariat an der 46th Street. Gichtels Theosophia Praktika z. B. in einer handkolorierten Erstausgabe für schlappe 6000 DM. Es ist das wohl erste europäische Buch über die Chakren (als Ausdruck der Planetensphären). Ca. 250 Jahre alt. Morgan Pierponts Library ist eine Privatsammlung des Magnaten der vorherigen Jahrhundertwende. Georg schleppt den staunenden New York Kenner Stephen durch eine famose Sammlung, die ihren Höhepunkt in der Bibliothek des Rockefeller-Konkkurrenten hat. In einem fast saalgroßen, mit Originalteilen ausgestatteten Renaissance-Zimmer mit Empore finden sich unter anderem Dokumente für die astrologischen Interessen des Sammlers. Ein Katalog ist vorhanden und so kann hier auch für Forschungszwecke der Fundus an der Madison Avenue zwischen 36. und 37. Straße genutzt werden.

Ein anderes Schmankerl, das wohl mehr Ausländer als Einheimische kennen ist das Nikolas Roerich Museum in der Upper West Side, 107. Straße nahe dem Riverside Drive. Dieses einzige speziell ihm gewidmete Museum des Tibet- und Himalaya-Reisenden umfasst etwa 200 Bilder. Ein Schüler der von Roerich mit seiner Frau Helena gegründeten Agni Yoga Gesellschaft stiftete das gründerzeitliche Haus 1949. Das restliche Werk von insgesamt 7000 Stück ist meist in Rußland verteilt. Roerich war ein Meister in Öl, seine bekanntesten Bilder zeichnen sich durch ihre rosa bis violett gehaltenen Grundtöne aus. Beeindruckende Gebirgslandschaften in Blau, schamanistische Szenen, volkskundliches in rot und henna, immer wieder das Thema Frau, Jungfrau, Welt-Mutter. Er hatte sich schon früh einen Namen durch Bühnenbilder für Richard Wagner gemacht. In der Folge arbeitete er für Mussorgsky, Rimsky-Korsakow und Igor Strawinsky.

Nach der russischen Revolution führte ihn sein Weg von Finnland über Europa nach New York. Er verbrachte jedoch viele Jahre in Zentralasien, wo er in Kullu am 13.12.1947 starb. Nicht weit von hier, direkt an der Ecke zur Columbia Universität hatte Jack Kerouac seine WG mit Alan Ginsberg, Gregory Corso und William S. Burroughs. Der Besucher aus Deutschland pilgert vorbei, der Magier aus Connecticut will nichts von diesem Personenkult
wissen.

Eine richtige Pilgerstätte ist erst das "Imagine"-Mosaik in Strawberry Fields. Die sogenannten Ecke des Central Parks vorm Dakota House in dem John Lennon wohnte, ist täglich stark besucht. Stephen Mace ist mehr intreressiert an der Freimaurer-Symbolik des Hauptbahnhofs. Eines der ersten Gebäude in NYC das sein Überleben dem Denkmalschutz verdankt. Jaqueline Kennedy-Onassis hat diese städtebauliche Wende erkämpft. Der Merkur über der Bahnhofsuhr, inmitten der Glasschluchten im aufziehenden Dunst der Nacht romantisch ausgeleuchtet, provoziert Mace zu ironischen gesellschaftskritischen Überlegungen.

Gemeinsamkeiten mit Georg Dehn hat Stephen in einer sehr pragmatisch und aufgeklärt verstandenen Magie. Es führt zu weit, diese Gespräche zu dokumentieren. Wir empfehlen zum Einstieg in Stephens Welt das Buch "Dem Himmel das Feuer stehlen". Post an den Autor leitet sowohl Johanna als auch Georg weiter. Ein erster Besuch in Europa steht an. Hoffen wir, dass die Veranstaltungen, die die Reise ermöglichen, bald in die Wege geleitet werden.

Wer kämpft kann verlieren,
wer nicht kämpft hat schon verloren.

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