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Das Labyrinth als Symbol der Selbstfindung

Das Labyrinth ist ein komplexes Gleichnis, das der Mensch ersonnen hat. Seit der frühen Antike tritt es in der ganzen Welt auf. Labyrinthartige Muster lassen sich in allen Kulturen als solche erkennen. Meist übersehen wird hingegen der Unterschied zwischen auf Labyrinthen und Irrgärten.

Das älteste Labyrinth, das man heute sicher datieren kann, entstand 1800 v.d.Z. im ägyptischen Harawa. Das sagenhafte Labyrinth des Daedalus wurde dann 1600 v.d.Z. im kretischen Knossos gebaut. Zur gleichen Zeit wie in Knossos soll es die ersten Labyrinthe im noch urzeitlichen Skandinavien gegeben haben.

von Dr. Angela Jekosch

Der Weg in die Mitte
Das klassische Sieben-Pfade-Labyrinth wird - anders als die vielwegigen Irrgärten - auch "einbahnig" genannt. Es hat nur einen einzigen, aber höchst verschlungenen Weg hinein in die Mitte. Nicht Steine, Hecken oder sonstigen Materialien machen das eigentliche Labyrinth aus. Die sind nur die Begrenzung für das, was Du dort finden willst:

Den Weg ins Zentrum. Typisch für das klassische Labyrinth ist, daß die Mauer an einer Stelle nur, dem Eingang, geöffnet ist. Und gleich hinter dem Eingang beginnt der unübersichtliche Weg ins Zentrum.

Der Besucher wird nun auf vielen Umwegen in die Mitte geleitet. Immer wieder führen die Wege in die Nähe des ersehnten Zentrums. Kreuzungen und Sackgassen wie bei Irrgärten gibt es keine. Man kann den Weg nicht verfehlen. Aber die abrupten, pendelartigen Richtungswechsel sind hochgradig verwirrend. Schon nach kurzer Zeit hat man keine Ahnung mehr, in welche Richtung man gerade geht.

Wozu wurden seit dreitausend Jahren solch verwirrenden Labyrinthe gebaut?
Wie bei den meisten Zeugnissen aus vergangener Zeit kann man die Bedeutung, die ein Gegenstand dereinst hatte, kaum definitiv beweisen. Aber wir können uns an die jederzeit erlebbare Wirkung halten, die solch ein Labyrinth auf seinen Besucher hat:

Wer das Labyrinth betritt, ist eingeschlossen, isoliert, abgeschlossen von seiner bisherigen Umgebung. Es gibt nur den Weg nach vorn - ins Dunkle oft, immer aber ins Ungewisse, Unbekannte. Für den Entschluß, sich trotzdem hineinzuwagen, ist Mut und unbedingtes Wollen Voraussetzung.

Hinter dem Eingang beginnt das Prinzip Umweg. Immer neue, pendelartige Richtungswechsel, dazu die stark eingeschränkte Sicht lassen einen schnell Überblick und Orientierung verlieren. Verwirrung und Orientierungslosigkeit mag eine mitunter sehr beängstigende Erfahrung sein. Doch ohne Verwirrung kein Lernen: Es ist ein intuitives, praktisches Entdecken uralter Geheimnisse.

Das Geheimnis des Menschen in dieser Welt läßt sich in den verschlungenen Wege des Labyrinthes entdecken. Immer ohne zu wissen, was hinter der nächsten Kehrtwende kommt, irrt der Mensch seines Weges. Er mag sich ausgeliefert fühlen - den Mauern ringsum, dem Demiurgen des Labyrinthes.

Trotzdem hängt es nur von ihm selbst ab, ob er die Mitte findet. Keine irreführenden Kreuzungen, keine faktischen Hindernisse, nichts versperrt ihm den Weg. Auch wenn es ihm so scheinen mag. Nichts als die eigenen Ängste und Zweifel sind da zum Überwinden.

Es ist ein intuitives, praktisches und rationales Entdecken. Geh den Weg selbst und sieh Dir selbst dabei aufmerksam zu. Durch (blindes) Gehen oder Grübeln kann niemand das Geheimnis des Labyrinths entschlüsseln. Aber jeder der selbstbewußt und zuversichtlich weitergeht, gelangt schließlich doch zwangsläufig in die Mitte.

Was befindet sich im Zentrum des Labyrinthes?
Darauf dürfte es sehr verschiedene Antworten geben. Und was einer in der Mitte erwartet, bestimmt wesentlich sein Gehen. Wie unbedingt er in die Mitte will, wird mehr als irgendetwas anderes seine Ausdauer beeinflussen. Die alten Griechen haben anderes erwartet als Menschen in den letzten Jahrhunderten. Der sterbende Simon Bolivar z.B. in García Marquez` Roman "el general in su labirinto" erwartet den schleichenden Tod. Der griechische Held Theseus im Labyrinth des Daedalus erwartet seine Bewährungsprobe.

Antike
Theseus ist der Name des Helden, der im bekanntesten Labyrinthmythos die Hauptrolle spielt. Als Sohn des Königs von Athen meldet Theseus sich freiwillig als "Tributjüngling". Sieben davon hatte Athen jedes Jahr an Minos, den König von Kreta zu liefern. Die sieben jungen Männer und sieben jungen Frauen Athens, sollen in das kretische Labyrinth verbannt werden. Dort, so heißt es, werden sie vom Minotaurus verschlungen.

Minotaurus, der Körper ein Mensch, der Kopf ein Stier, ist der Sproß aus einer Liebesnacht zwischen Pasiphae und einem Stier. Pasiphae aber war die Königin von Kreta, Frau des Königs Minos. Auch der Stier war stammte aus keinem Stall, sondern ward vom Gott des Meeres - Poseidon - persönlich gesandt. (1)

Theseus, angelangt am Hofe von Minos, muß von beeindruckender Gestalt gewesen sein. Die Tochter des Königspaares, Ariadne, verliebt sich in ihn. Sie will folglich, daß Theseus das Labyrinth wieder lebend verlassen würde. So verrät Ariadne das Geheimnis des Labyrinths an Theseus. Sie gibt ihm ein Garnknäuel, dessen Faden er auf seinem Weg ins Labyrinth abwickeln konnte. Auf dem Rückweg würde er es zurückverfolgen können und so den Weg nach draußen finden. Theseus tötet den Minotaurus in der Mitte des Labyrinthes. Ohne Probleme findet er mit Hilfe des Ariadnefadens auch wieder lebend aus dem Labyrinth heraus.

Soweit der griechische Mythos.
Wer oder was mag Minotaurus sein? Auf wen oder was muß man durch die vielen Umwege außerordentlich gut darauf vorbereitet sein?

Eine Hypothese ist die: Minotaurus ist keinesfalls irgendein Ungeheuer, sondern das genaue Ebenbild des Menschen. Er ist ein göttliches Wesen, der Sprache mächtig, ein Wesen mit Intentionen und Träumen, die das ganze Universum umfassen. Aber faktisch ist er noch ein ein gefangenes Tier. Seine göttlichen Potenzen kann er bislang nur zu besonderer Grausamkeit nutzen.

Mit dieser Realität konfrontiert zu werden, fordert dem Suchenden einiges ab. Er ist weder nur Tier noch nur Gott, sondern als Mensch notwendig beides. Der Mensch als eine Brücke und ein Übergang zwischen zwei Systemen. So die Aufgabe jedes inkarnierten Menschen. Diese Aufgabe mißlingt dem Menschen, der nicht gut genug vorbereitet ist. Die einen trauen sich ans Tier nicht ran, die anderen sich den Gott nicht zu. Zeigt schon der antike Mythos. Nur Theseus, als einziger erfüllt die Aufgabe.

Es gibt andere Mythen
was der Suchende in der Mitte des Labyrinthes finden könne. Bei vielen Mythen zum Beispiel wartet in der Mitte des Labyrinths kein Ungeheuer, sondern eine Jungfrau. So etwa in den skandinavischen "Trojaburgen". Trojaburgen werden denn auch als Tanz- oder Spielplätze beschrieben. Liebe als das, was Du auf beschwerlichen Umwegen suchst im Labyrinth?

Es gibt auch Deutungen des kretischen Labyrinth-Mythos, in denen es v.a. um Ariadnes Rolle geht. Sie wird als Göttin des Labyrinthes verstanden, als diejenige, die das Geheimnis des Labyrinthes kennt. Ihr zu Ehren werden die Labyrinth-Tänze veranstaltet. Nachdem sie Theseus im Kampf gegen Minotaurus geholfen hat, trifft sie Dionysos und wird seine Frau. Dionysos löst "das minotaurische Problem des Menschen" bekanntlich mit Hilfe von Ekstase.

Oder: Das klassische Sieben-Pfade-Labyrinth stellt den Weg des Planeten Merkur dar (2). Und zwar so, wie er innerhalb eines Jahres von der Erde aus beobachtet werden kann. (3). Merkur ist der Planet, der für Kommunikation und Vernunft „zuständig“ ist. Auch ist Merkur/ Hermes in der griechischen Mythologie der Bote zwischen Göttern und Menschen. Mit seiner Hilfe können Botschaften der Götter empfangen werden. Labyrinth als Ort, an dem Du den Göttern am nächsten bist? Oder Dir selbst?

Heute
Die Bibliothek ist ein großes Labyrinth,
Zeichen des Labyrinthes des Welt.
Trittst du ein, weißt du nicht,
wie du wieder herauskommst.
Man soll die Säulen des Herkules nicht antasten.

Umberto Eco: "Der Name der Rose"

Im metaphorischen Sprachgebrauch steht das Wort Labyrinth heute v.a. für Verwirrung und Orientierungslosigkeit. Gemeint sind zumeist faktisch oder scheinbar ausweglose Situationen. "Im Labyrinth der Gefühle" "Die Welt als Labyrinth". García Marquez läßt in: "el general in su labirinto" seinen Helden in "seinem Labyrinth" hoffnungslos umherirren. Am Ende seines Lebens führt ihn jeder Schritt weg vom Selbstbild, ein gefeierter General und Held zu sein.
Das Labyrinth ist zum Irrgarten und damit zur Metapher für unentrinnbare Verwirrung und Overflow geworden. Zu viel an Wahlmöglichkeiten läßt dem Menschen kaum die Chance, die richtige Wahlen treffen zu können. Er bewältigt die Komplexität nicht, verirrt sich, verzweifelt.

Seit der Renaissance werden solche Irrgärten gebaut, Labyrinthe mit Kreuzungen und Sackgassenhaben. Anders als in den klassischen Labyrinthen muß man nun an jeder Kreuzung neu entscheiden. Und kann sich auf´s Neue irren.
Bei den meisten dieser Irrgärten geht es denn auch nicht um Initiation und Unsterblichkeit. Eher um Sport und Unterhaltung, jedenfalls primär um Spaß: Am Rätselknacken, am Verwirr- oder Versteckspiel, am Wettkampf, an der tänzerischen, spielerischen Bewegung. Es bedarf allerdings immer neuer Irrgärten, noch komplexerer, noch verwirrenderer Farb-, Rätsel- oder Zahlenlabyrinthe. Denn ein Irrgarten wwird schnell langweilig, sobald der Spieler den Bogen raus hat.

In den letzten jahren gibt es neben der "neuen Lust am Labyrinth" auch esoterisch orientierte Labyrinth-Forscher. Sie veröffentlichen z. B. ausgefeilte Techniken, wie Labyrinthe für Meditiation, Chakrenharmonisierung oder Astrologie verwendet werden können. (Sig Lonegren: Labyrinthe.) Nicht in immer neuen Formen und Verwirrungsvarianten liegt für sie der Reiz des Labyrinthes. Sie bleiben denn auch im wesentlichen bei den klassischen, einbahnigen Labyrinthen - ohne Sackgassen und Verzweigungen. Statt dessen experimentieren sie mit Möglichkeiten, das Labyrinth als existentielle Erfahrung zu erleben und suchen nach Techniken, die es leichter machen, sich auf ein Labyrinth auch einzulassen.
Langweilig für einen "Irrgarten-Sportler", wie umgekehrt ein "Labyrinth-Schamane" kaum Sinn für die vielfältigen Trainingsmöglichkeiten in Irrgärten haben dürfte.

Obwohl
Ich finde jede dieser drei Möglichkeiten, das Thema "Labyrinth" zu verstehen, interessant. Ich wüße nicht, warum eine die andere ausschließen oder auch nur ersetzen sollte.

  • Existentielle Verwirrung und Ausweglosigkeit ist nicht notwendig tragisch. Solche Verwirrung ist vielmehr eine essentielle Voraussetzung für befreiende SelbstErkenntnis und damit SelbstEntwicklung. Und nicht nur Voraussetzung. Du kannst Dich auch ganz bewußt in Labyrinthe oder labyrinthartige Erfahrungen begeben. Computerspiele sind z. B. eine ideale Chance, Dich selbst zum Umdenken zu zwingen.

  • Das Labyrinth - ein Spielplatz. Muß man das abqualizifieren als moderne Verflachung eines ursprünglich tiefen Geheimnisses? Möglicherweise ist das Spielen im Labyrinth sogar die ursprüngliche, bleibende und nur zwischenzeitlich verschleierte, Bedeutung von Labyrinthen. Ich erinnere an die Labyrinth-Tänze zu Ehren von Ariadne oder die skandinavischen Trojaburgen. Spielen - um zu prüfen, wie weit Du der Aufgabe, ein Mensch zu sein, schon gewachsen bist. Zu testen sinnvoller weise durch Spielen. Denn nur ein Avatar wird die Prüfung gleich beim ersten Mal bestehen können.

  • Labyrinth als Ort der Selbsterfahrung. Klar, exklusiv geht das natürlich auch. Bei dem einen oder anderen. Ich nehme aber an, daß es relativ viele "Workshopler" gibt, die Initiation vom Labyrinth passiv wie ein Wunder erwarten. Wenn man sie in dieser Erwartung enttäuscht - klar, dann ist auch das ein Weg.

Anmerkungen

  1. König Minos wagte es nicht, den göttlichen Spross seiner Gattin zu töten, sondern befahl dem erfinderischen Daidalos, ein Labyrinth zu bauen, in dem die scheußliche Kreatur vor der Welt versteckt bliebe.

  2. siehe dazu Sig Lonegren: Labyrinthe, Antike Mythen und moderne Nutzungsmöglichkeiten, Frankfurt/M 1993 S. 85 ff.

  3. Der Weg des Planeten Merkur: Merkur bewegt sich im Laufe eines Jahres dreimal retrograd (rückläufig) und viermal direkt. Das stimmt exakt mit dem Pfad eines linksläufigen Sieben-Pfade-Labyrinthes überein: Er verläuft vier mal im Uhrzeigersinn und dreimal gegen den Uhrzeigersinn( retrograd)

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