Carl Orffs magische Welt
Der Schöpfer der Carmina Burana wußte wie wahrscheinlich kein zweiter Komponist seiner Epoche um die kultischen Ursprünge der Musik, um ihren archaischen Einfluß auf die Emotionen der Hörer und die Magie des rhytmischen Sprechgesanges.
von Robin Gates
Vielleicht werden sich einige Leser fragen, was ein Komponist wie Carl Orff in der “AHA” zu suchen hat. Die Antwort: Dieser Mensch wusste wie wahrscheinlich kein zweiter Komponist seiner Epoche um die kultischen Ursprünge der Musik, um ihren archaischen Einfluß auf die Emotionen der Hörer und die Magie des rhythmischen Sprechgesangs.
In seinem Lebenswerk gelang es ihm, seine stark von vorchristlichen Vorstellungen geprägte Weltsicht mit Hilfe eines Mediums zu vermitteln, das seinen Ursprung in den heidnischen Mysterienspielen hatte: dem Theater.
Orff sah sich nie als bloßer Komponist. Seit er als kleiner Junge zum ersten Mal die Aufführung eines Marionettentheaters erlebt hatte, war er in dieses Medium verliebt, und er blieb bis ans Ende seines Lebens ein Theatermensch.
Beim Anhören der Aufzeichnung eines Werkes von Orff muss man sich vergegenwärtigen, dass man lediglich dem akustischen Teil einer Einheit aus Wort, Klang, Mimik, Gestik und Bühnenbild begegnet. Die berühmte “Carmina Burana”, sein bekanntestes Werk, ist eigentlich als Ballet angelegt.
Doch bleiben wir gleich bei dieser Sammlung mittelalerlicher, säkularer Lieder. In diesem frühen Werk fand Orff zu seinem persönlichen Stil, er bezeichnete es als das erste Werk, das er “völlig bewusst” konzipiert hätte und schrieb nach der Uraufführung seinem Verleger: “Sie können alles, was Sie vorher gedruckt haben, einstampfen und vernichten. Mit `Carmina Burana´ beginnen meine Gesammelten Werke.”
Die “Camina Burana” ist grob in drei Abschnitte gegliedert, die von einer gewaltigen Visison der Schicksalsgöttin Fortuna umrahmt werden. Die drei Teile besingen das Erwachen des Frühlings und die aufkeimende Liebe, leiblichen Genuss in Form von Sauf- und Fressliedern, sowie einem Lobgesang auf Venus.
Zartheit und Derbheit gehen Hand in Hand, und der Schlussgesang führt wie ein sich drehendes Rad wieder zurück an den Anfang, zur Schicksalsgöttin, dem Auf und Ab des Weltrades, dem alle Natur, alles Leben und jede Liebe unterworfen ist. Unbarmherzig hart wird der Mensch als Spielball unerforschlicher, geheimnisvoller Mächte dargestellt, der sich aber nichtsdestoweniger seine unbändige Lust am Leben erhält und jeden Augenblick genießt.
Es war diese im Kern vorchristliche, heidnische Weltsicht, die Orff dem Publikum vermitteln wollte, nicht, wie er es ausdrückte, “irgendwelche schöne Musik machen”. Absichtlich beließ er die ursprünglich lateinische Sprache der Lieder – obwohl ihm bewusst war, dass eine tote Sprache etwas Magisches enthält, weil sie sich nicht mehr verändert und nicht mehr im Alltag gesprochen wird. Sein Umfeld warnte ihn, er werde durch deren Unverständlichkeit sein Publikum verprellen – er blieb bei seinem Vorhaben.
Amüsiert bemerkte er schließlich, dass der immense internationale Erfolg der “Carmina Burana” ihm Recht gegeben hatte. Ausgerechnet die Sprache, die angeblich kaum jemand mehr verstand, verband Menschen aus den verschiedensten Kulturkreisen, weil die mythischen Bilder, die in ihr heraufbeschworen wurden, dem Wesen des Menschen immanent sind.
Dem Bild des Weltrades blieb Orff treu. In einem seiner späteren Werke, das ich persönlich für eines seiner homogensten und vitalsten halte, klingt es wie eine ferne Erinnerung an die “Carmina Burana” wieder an. Es handelt sich um die Vertonung des Grimmschen Märchens “Der Mond”, ein Märchen, das nordischen Ursprungs ist. Darin stehlen vier Männer den Mond von einem Eichbaum herab, um ihn in ihr Land zu bringen, in dem nachts ständig Dunkelheit herrscht.
Als sie sterben, bekommt jeder von ihnen ein Viertel des Mondes mit ins Grab gelegt. In der Unterwelt setzen sie ihn wieder zusammen, hängen ihn an die Decke, und sein heller Schein macht die Toten so unruhig, dass sie anfangen, aufzuwachen und sich zu einem wilden Saufgelage zusammentun. Der Radau der Toten, die sich wieder wie Lebendige aufführen, stört die bestehende Weltordnung so sehr, dass eine Figur namens Petrus ( offensichtlich eine christliche Überlagerung von Odin) auf seinem Pferd in die Unterwelt reiten muss, um nach dem Rechten zu sehen. Er beteiligt sich an dem Saufgelage und trinkt alle Toten unter den Tisch, bevor er sie wieder zu Ruhe bettet. Leise sagt er ihnen:
Hört ihr Toten,
laßt euch sagen,
keine Glocke wird mehr schlagen;
nichts von Freuden, nichts von Strafen,
ihr sollt schlafen, nichts als schlafen,
schlafen...
In Orffs magischem Weltbild gibt es kein jüngstes Gericht wie im Christentum, keine karmische Belohnung für gute Taten, keine Strafen für Verbrechen, nur einen tiefen Schlaf, die Rückkehr in den dunklen Schoß der Allmutter. Doch selbst dieses Weltbild ist dem Wandel unterworfen, der einzigen Kraft, die dauerhaft ist.
Hört ihr jetzt das Ticken, Tacken,
und das leise Räderknacken,
hört ihr, wie das Weltrad geht,
bis es einmal stille steht.
Orff schrieb über “Der Mond”, es handle über die Vergeblichkeit menschlichen Bemühens, die Weltordnung zu stören und gleichzeitig über das Geborgensein in eben dieser Weltordnung.
Zu dem geringen Bekanntheitsgrad des Märchens meinte er: “...Geben Sie sich keine Mühe, die meisten Ausgaben (Grimms Kinder - und Hausmärchen) pflegen dieses Märchen auszuschließen. Es ist auch kein Kindermärchen, sondern eines der ältesten Volksmärchen. Der Urstoff von dem Monde, den die vier Brüder stehlen, um ihre vollständige Dunkelheit zu beleuchten, findet sich schon in der `Kalewala´, dem berühmten Nationalepos der Finnen...
...Petrus, der in dem urgermanischen Märchen sicher schon früh an die Stelle von Odin getreten war, ist in einer späteren Version sogar zum `heiligen´ Petrus geworden...am Ende aber, als er sich entschlossen auf sein Pferd setzt und in die Unterwelt hinabreitet, wird seine Identität mit Odin wieder deutlich...Er wird zum Wächter, der Himmel, Welt und Unterwelt in Ordnung hält...”
Carl Orff gelang auch die Integration der Percussion- Instrumente in das klassische Orchester. Gerade durch die scheinbar simpel anmutenden Klanginstrumente wie Bongos, japanische Tempelglocken oder Triangeln wird das Publikum direkt in die archaische Welt der Mythen hineingezogen. Der harte, rhythmische Sprechgesang, dem man sich nicht entziehen kann, wird zu einer Beschwörung, einem magischen Akt.
Eindrucksvoll zeigt sich das im “Wetterzauber” des “Ludus De Nato Infante Mirificus”, dem Orffschen Weihnachtsspiel, das seinen heidnischen Ursprung an keiner Stelle verleugnet. Schon im Titel wird deutlich, dass Orff begriffen hatte, welche vorchristlichen Ursprünge das Weihnachtsfest besitzt. Er nennt es einfach nur “Spiel von der Geburt des Göttlichen Kindes”.
Das unheimlich suggestive Werk beschwört die Zeit der Rauhnächte herauf. Die zerstörerischen Kräfte der Natur, die die Geburt der neuen Sonne verhindern wollen, treten als Hexenchor auf. Eine Vorstellung von Geschlechtslosigkeit, von blinder Naturgewalt, erreichte Orff dadurch, dass die Hexen von Männern dargestellt werden, die konsequent im Falsett kreischen. Nur die Anführerin der Hexen wird von einer Schauspielerin gesprochen. Ihren Gegenpart stellt die Erdmutter dar, eine Altsängerin, zusammen mit dem Chor der ersten Frühlingsblumen des neuen Jahres.
Ich werde nie vergessen, wie ich als Kind zum ersten Mal den “Wetterzauber” vernahm, einen lateinischen Text, den die Anführerin der Hexen chantet, um einen gewaltigen Schneesturm herbeizurufen, der die Geburt des Göttlichen Kindes verhindern soll, verbunden mit dem wuchtigen orffschen Schlagwerk, während draußen die Dunkelheit der Rauhnächte hereinbrach, der Wind im Kamin heulte und ich auf dem Wohnzimmerboden saß, die Stereoanlage meiner Eltern aufgedreht bis zum Anschlag. Es war pure Magie, und ich bin heute noch davon überzeugt, dass dieser Text, eingebunden in ein entsprechendes Ritual, einen ziemlich wirkungsvollen Wetterzauber hervorrufen könnte.
Im Laufe seines Lebens endete Orff schließlich bei den Griechen, die seiner Vorstellung vom kultischen Theater am nächsten kamen. Er vertonte “Antigone”, “Ödipus der Tyrann” und “Prometheus”, eine Trilogie über die Auseinandersetzung zwischen dem Göttlichen, dem Menschen und dem Schicksal. Dabei wurde sein Stil immer minimalistischer, das Orchester trat nur noch als reiner “Tonträger” auf, weder als Konkurrent der Singstimmen noch als Untermalung. Die Übermittlung der Tragödie war sein Hauptanliegen.
Orffs Lebenswerk endete mit der “De Temporum Fine Comoedia”, dem “Spiel vom Ende der Zeiten”. Das Wort “Comoedia” mag vielleicht etwas deplaziert wirken für ein Endzeitspiel, aber Orff hatte bei der Wahl dieses Begriffes das mittelalterliche Mysterienspiel im Sinn, in dem alles Szenische, was keine Tragödie ist, was gut oder zumindest glimpflich ausgeht, als “Comoedia” bezeichnet wird.
Ein letztes Mal breitete Orff seine Weltsicht vor dem Publikum aus: Die westliche Welt steht am Ende einer aus antikem und christlichem Gedankengut erwachsenen Kultur und muss notwendig auf gemeinsame mythische Urbilder zurückgreifen. Einer der Kernsätze des Stückes stammt von dem frühchristlichen Griechen Origines: Das Ende aller Dinge wird aller Schuld Vergessen sein.
Besonders deutlich wird diese Auffassung, die schon in “Der Mond” zum ersten Mal anklang, am Schluss durch den Auftritt Lucifers. Ein Lichtstrahl fällt auf seine schwarze Rüstung mit dem Drachenhelm, sie fällt von ihm ab, und er wird jetzt, am Ende der Welt, wieder zu dem “Lucifer”, dem Lichtträger, der er einst war, während ein Chor chantet: “Ta panta nus- Alles ist Geist”.
Alle Taten werden vergessen, es existieren keine Begriffe mehr wie “Sünde” oder “Vergebung”, der Schuldige wird zurückverwandelt in einen Zustand der Un-Schuld.
Spirituelle Geistigkeit und wilde Gier nach dem Leben kennzeichnen das Werk von Carl Orff. Derselbe Komponist, der griechische Tragödien vertonte, vertonte ebenfalls der Aphrodite gewidmete Gesänge des Catull.
Jünglinge/Mädchen:
Leidenschaftlich pochend,
das schwellende Glied, schwänzelnd,
wie ein Fischlein,
das nach seinem Quell verlangt.
Mädchen:
Meine Hand ist begierig,
Schwanz, Schwänzlein, so wild, so wild!
Meine Hand ist begierig, es zu greifen.
Jünglinge:
Meine Göttin, meine Göttin,
Liebesgöttin!
Im Orffschen Welttheater haben sowohl Spiritualtiät als auch Lebenslust ihren Platz, ja sie bedingen einander sogar. Vielleicht ist es das, was diesen Komponisten so sympathisch macht, seine Nähe zum Leben, mit all seiner Derbheit und Brutalität, aber auch mit all seiner Sinnlichkeit und Schönheit. Sein Werk bietet denen, die daran interessiert sind, einen magischen Akt zu einem Fest für alle Sinne zu machen, eine Menge an Inspirationen. Und orffsche Instrumente sind für viele Hexen und Heiden bereits fester Bestandteil ihrer Rituale.
Sechzehn Jahre nach seinem Tod ist er populärer denn je. Als Klangzauberer und Geschichtenerzähler, verhilft sein unverwechselbarer künstlerischer Stil Menschen in aller Welt, die mythischen Urbilder ihrer Seelen bewusst zu machen.
Biographisches zu Carl Orff (1895-1982)
- 1895 -10. Juli: Carl Orff wird in München als Sohn eines Offiziers geboren.
- 1900 -Orff erhält Unterricht für Klavier, Orgel und Cello.
- 1911 -Orff schreibt rund 50 Lieder zu Texten von Heinrich Heine, Friedrich Hölderlin und anderen Klassikern.
- 1912 -Komposition des ersten größeren Chorwerkes nach Friedrich Nietzsches "Also sprach Zarathustra"
- 1913 -Nach einer japanischen Sage schreibt Orff die Oper "Gisei".
- bis 1914 -Studium an der Akademie der Tonkunst in München.
- 1914 -Kurzfristiger Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg.
- 1915-1919 -Kapellmeister an den Münchener Kammerspielen, am Nationaltheater Mannheim und am Landestheater Darmstadt.
- 1924 -Mitbegründer der “Günther-Schule", die eine neue Verbindung von Bewegung und Musik anstrebt.
- Leitung der Abteilung für tänzerische Musikerziehung an der “Günther-Schule".
- 1930-1935 -Veröffentlichung seiner pädagogischen Arbeiten im musikalischen “Schulwerk für Kinder"
- 1935 -Veröffentlichung von “Das Paradiesgärtlein", ein Ballett nach Lautensätzen des 15. Jahrhunderts.
- 1936 -Komposition des “Kinderreigen" für die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Berlin.
- 1937 -Uraufführung der Bühnenkomposition “Carmina burana" in Frankfurt/Main. Nach der Uraufführung zog Orff fast sein ganzes, bis dahin entstandenes Werk zurück: “Carmina burana" sollte das “ Opus 1" sein.
- 1939 -Orffs Märchenoper “Der Mond" wird in München uraufgeführt.
- 1941 -Uraufführung der Bühnentrilogie “Orpheus", “Klage der Ariadne" und “Tanz der Spröden" in Gera.
- 1943-1949 –“Die Kluge" (1943), “Cartulli Carmina" (1943), “Die Bernauerin" (1947), “Antigone" (1949) werden uraufgeführt.
- Orrf betont, dass seine Vertonungen antiker Tragödien keine Opern seien: “Das Wichtigste, was ich getan habe, ist - glaube ich - dies: ich habe die Musik wieder mit Sprache versöhnt und mehr noch. Musik ist für mich die 'Musik' der Griechen, als Einheit von Klang, Sprache und Bewegung."
- 1950-1960 -Leitung einer Meisterklasse für musikalische und dramatische Komposition an der staatlichen Hochschule für Musik in München.
- 1952 -Orff verfasst eine musikalische Untermalung von Shakespeares “Sommernachtstraum"
- 1955 und 1957 -Auszeichnung mit dem Ehrendoktor der Universität Tübingen und der Universität München.
- 1956 -Mitglied des Ordens “Pour le merite" für Kunst und Wissenschaft.
- 1959 -Uraufführung des Bühnenwerkes “Ödipus, der Tyrann" in Stuttgart.
- 1961 -Übernahme der Leitung des neugegründeten Orff-Institutes an der Akademie “Mozarteum" in Salzburg.
- Orffs Weihnachtsspiel “Ludus de nato infante mirificus" wird in Stuttgart uraufgeführt.
- 1972 -Komposition des “Gruß der Jugend" zur Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in München.
- 1982 -29. März: Carl Orff stirbt im Alter von 86 Jahren in München.
Mein Herz ist wie ein See so weit
Mein Herz ist wie ein See so weit,
Drin lacht dein [Antlitz]* sonnenlicht
In tiefer süßer Einsamkeit,
Wo leise Well an Well sich bricht.
Ist's Nacht, ist's Tag?
Ich weiß es nicht,
Lacht doch auf mich so lieb und lind
Dein sonnenlichtes [Angesicht]**
Und selig bin ich wie ein Kind.
* Orff: “Auge"
** Orff: “Augenlicht"
Text: Friedrich Wilhelm Nietzsche
Vertonung: Carl Orff “Mein Herz ist wie ein See so weit" (1919)



Sicher online kaufen: Bei der Bestellung werden deine Daten SSL verschlüsselt. Nutze Paypal oder Click&Buy zum Bezahlen.