Partnerbeziehung - wie geht das?
Sex, Liebe, Tantra, Traumpartner, Beziehung, ... das sind Schlagworte, die die Verkaufszahlen und die Einschaltquoten seit eh und je in die Höhe treiben. Es ist ein zentrales Thema, was jedem Menschen wichtig erscheint - egal ob Homo oder Hetero, Magier oder Hexe, Thelemit oder Christ. Obwohl das Thema in aller Munde ist, sind die Scheidungsraten höher als je zuvor.
von Pandula
Glück in der Liebe
Die Ansprüche an einen Partner sind gewachsen. Die ehemals durch die Kinder gesicherte Altersversorgung ist heute kein Grund mehr eine Familie aufrechtzuerhalten, denn jeder hat sich selbst versichert. Selbst die nicht gewerblich tätige Hausfrau wird im Trennungsfalle mit Alimenten versorgt. Die Partner werden nicht mehr von den Eltern bestimmt oder wegen der Tradition über Generationen hin vorherbestimmt, sondern jeder hat die freie Auswahl, die nicht mal mehr durch örtliche Gebundenheit eingeschränkt wird.
Was ist der Grund, warum Menschen immer wieder intime Nähe, eine Seelenverwandtschaft, zu einem Freund ersehnen? Was ist es, was eine intime Beziehung zwischen zwei Menschen zusammenhält? Und wie lassen sich die in der Krisensituation unüberwindlich erscheinenden Probleme lösen?
Ich will in diesem Artikel eine soziologische Perspektive zum Thema Beziehung einnehmen. Denn schon wenn zwei Menschen sich aufeinander beziehen bilden sie ein soziales System. Diesen einführenden Worten folgt zuerst ein Theorie- und dann ein Praxisteil. Du kannst jedoch den einen unabhängig vom anderen lesen bzw. anwenden. Die, hier nur angerissene, Theorie basiert auf dem soziologischen Modell von Niklas Luhmann. Die anschließende Praxis wurde daraus abgeleitet und bereits in verschiedenen Experimenten erfolgreich angewendet.
Theorie
Wir wollen also Beziehungen unter soziologischer Perspektive beobachten, genauer unter der Perspektive eines sozialen Systems. Ein System besteht aus Elementen und Relationen und definiert sich durch eine Grenze, die das System von der Umwelt trennt. Ein Haufen Sand ist zum Beispiel kein System. Man kann eine Handvoll hinzutun oder wegnehmen und es bleibt immer noch ein Haufen Sand. Bei einem System kann man nicht einfach Elemente wegnehmen oder dazutun ohne daß sich das System verändert.
Übertragen wir diesen allgemeinen Systembegriff auf die Gesellschaft, in der eine Intimbeziehung ein Teilsystem bildet, dann reden wir von einem sozialen System. Was sind nun die Elemente und Relationen in einem sozialen System? Es ist nicht der Mensch, der ein Element des sozialen Systems darstellt, vielmehr besteht der Mensch als ganzes aus mehreren verschiedenen Systemen: Er besitzt einen biologischen Körper, dessen Elemente die Knochen, Muskeln, Haut etc. bilden (man kann hier noch genauer in Verdauungssystem, Nervensystem etc. unterteilen). Dem Menschen ist ebenso ein psychisches System eigen, dem die inpiduellen Vorstellungen, Gedanken, Wünsche etc. als Elemente zugerechnet werden. Und außerdem ist der Mensch ein soziales Wesen. Er entwickelt sich nur mit und durch andere Menschen selbst zum Menschen.
In einem sozialen System sind die Elemente die einzelnen Kommunikationen und die Relationen sind die Erwartungen (genauer die Erwartungserwartungen, also daß, was ich von dir erwarte, daß du von mir erwartest).
Eine Kommunikation besteht aus Mitteilung, Verstehen und Information. Eine Mitteilung ist ein Angebot eine bestimmte Selektion vorzunehmen, d. h. einen bestimmten Gedanken aufzunehmen, eine Idee zu diskutieren. Erst wenn dieses Angebot angenommen wird, kommt Kommunikation zustande, und mehr noch: erst wenn die Mitteilung verstanden wurde, d. h. so, wie der Mitteilende sie gemeint hat, können wir von Kommunikation reden.
Die Prüfung des Verständnisses läßt sich in der Anschlußkommunikation oder -handlung überprüfen. Wenn ich beispielsweise sage "Mach doch mal das Fenster zu" und der andere holt mir einen dicken Pullover und läßt das Fenster offen, dann kann man nicht von Verstehen reden - zumindest nicht vom Verstehen des Gemeinten. Verstanden wurde in diesem Beispiel vielleicht "Mir ist kalt, mache deshalb bitte das Fenster zu" und der Pullover war ein funktionales Äquivalent um Wärme zu erzeugen. Wenn man sich vergegenwärtigt, wie viele verschiedene Interpretationsmöglichkeiten eine Mitteilung bietet, dann wird klar, wie unwahrscheinlich eine erfolgreiche Kommunikation ist.
Niklas Luhmann unterscheidet genaugenommen drei Unwahrscheinlichkeiten:
- Erstens die Unwahrscheinlichkeit, daß Ego versteht, was Alter meint.
- Zweitens die Unwahrscheinlichkeit, daß die Mitteilung den/die richtigen Adressaten überhaupt erreicht.
- Drittens die Unwahrscheinlichkeit des Erfolgs, d. h. des Annehmens bzw. Handelns von Ego nach der Orientierung.
Jede Kommunikation stellt die Forderung angenommen zu werden, d. h. beinhaltet die Aufforderung, daß man ihr zustimmen möge. Im Laufe der Evolution haben sich sogenannte Kommunikationsmedien gebildet (anschließend an die Entwicklung von Sprache und Verbreitungsmedien wie Schrift, Druck, Funk), um die Unwahrscheinlichkeit des Erfolgs von Kommunikation zu minimieren. Luhmann unterscheidet vier Kommunikationsmedien, die sich auf die wichtigsten bzw. eindeutigsten gesellschaftlichen Teilsysteme beziehen, nämlich auf Politik (Macht), Wirtschaft (Geld), Wissenschaft (Wahrheit) und Familie (Liebe).
Dieser Artikel thematisiert zwar im speziellen das Kommunikationsmedium Liebe. Jedoch ist zum Verständnis dessen auch der Kontext der anderen Medien nützlich.
Denn nicht alles, was oberflächlich als eine Beziehung erscheint, muß sich im Medium Liebe aufhalten.
So können zwei Partner, die nur noch aus Gewohnheit zusammenleben, und nicht mehr aus dem Grund den anderen glücklicher zu machen, sondern vielleicht, weil die Folge des Alleinseins unangenehmer ist als dieses zusammen-die-Wohnung-teilen, in das Medium Macht oder Geld gewechselt sein. Die intimste Form der Interaktion ist die Paarbeziehung.
Dem Medium 'Wahrheit' kann man den Bereich 'Wissenschaft' zuordnen. Dieser Bereich läßt sich in weitere Spezialbereiche aufgliedern: Naturwissenschaft, Formalwissenschaften (Mathematik), Psychologie, Soziologie etc. Jeder dieser Bereiche hat eine Spezialsprache, die aber teilweise aufeinander aufbauen oder voneinander abhängen. Teilweise lassen sich auch allgemeine Grundsätze formulieren, die für alle gelten, z. B. Grundsätze für wissenschaftliches Arbeiten oder Regeln für eine vernünftige Kommunikation. Diese Grundsätze stehen fest und werden auch nicht immer neu diskutiert, sondern vorausgesetzt.
Die Referenzen sind im allgemeinen konsentiert, und wenn ein Dissens besteht, ist klar, daß zuerst die Referenz geklärt werden sollte. Darin liegt auch der Vorteil der Medien. Man muß sich nicht immer wieder neu auf die Regeln der Sprachverwendung einigen, sondern kann diese voraussetzen, was die Kommunikation erheblich erleichtert.
Die Kommunikationsmedien haben also die Funktion Komplexität zu reduzieren und für Anschlußselektivität (sinnvolle Anschlußhandlungen) zu sorgen. Jeder, der sich eines Mediums 'bedient' (innerhalb eines Mediums kommuniziert) wählt seine Handlungen bzw. Kommunikationsbeiträge unter der Perspektive des Mediums aus und macht sie so innerhalb dieses Rahmens anschlußfähig.
Um anschlußfähig zu sein, ist in der Regel ein gewisses Vorverständnis notwendig, denn ein Vorteil dieser 'Spezialsprachen' ist, daß die Grundsätze nicht jedesmal neu konsentiert werden müssen.
Luhmann baut seine Medientheorie auf der Unterscheidung von Erleben und Handeln auf. Erleben und Handeln betrachtet er als eine Differenz, die nicht das Verhalten vollständig kategorisieren soll, sondern eine Perspektive darstellt, die man einnehmen muß, wenn man unterscheiden will, was ein System sich selbst oder anderen zurechnet.
Diese Frage wird dann wichtig, wenn man entscheiden will, was was beeinflußt bzw. was zuerst da war. Die Welt läßt sich als eine Verweisungsstruktur auf anderes beschreiben (Bücher, die auf bestimmte Sachverhalte verweisen; Regeln, die Verhalten orientieren oder einfach ein See, der "zum Baden einlädt") und damit dirigiert sie das Erleben.
Andererseits wird die Welt durch das Handeln einzelner Systeme konstituiert. Kauft ein Konzern z. B. alle Rohstoffquellen auf, die für bestimmte Produkte notwendig sind, so bestimmt er die Preise, die Produktionsmenge oder, anderes Beispiel, wird der Regenwald abgeholzt, so hat das Auswirkungen auf das Klima etc. Im ersten Fall erlebt das System und reagiert nur auf das Erleben. Im zweiten Fall steht die Entscheidung und damit die Handlung des Systems an erster Stelle, welche Wirkungen in der Umwelt hat, und damit für andere Systeme in der Umwelt zum Erleben wird.
Kommunikation ist eine Synthese einer dreifachen Selektion aus Information, Mitteilung und Verstehen.
Entsprechend gibt es in einer Kommunikationssituation Ego und Alter, sozusagen als die "Träger" von Verstehen und Mitteilen.
- Ego ist der Verstehende (der Adressat) und
- Alter ist der Mitteilende.
Verknüpfen wir nun beide Konzepte: Wenn man alle Möglichkeiten der Zurechnung bei Ego und Alter berücksichtigt, ergeben sich durch Kreuztabellierung vier Konstellationen. Luhmann ordnet die vier symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien diesen vier Konstellationen zu, wenn er Ego und Alter als jeweils Erlebenden bzw. Handelnden darstellt.
Tabellarischer Überlick
| Ego's Erleben | Ego's Handeln | |
| Alters Handeln | Alter handelt und Ego erlebt
(Eigentum/Geld) |
Alter handelt und Ego handelt
(Macht/Recht) |
| Alters Erleben | Alter erlebt und Ego erlebt
(Wahrheit) |
Alter erlebt und Ego handelt
(Liebe) |
Was besagt diese Tabelle?
1. Wirtschaft, Geld
Die Zurechnungsform, bei der Alter handelt und Ego dieses Handeln als Erleben zu akzeptieren hat kommt im Wirtschaftsmedium zum Tragen, z. B. dann, wenn Preise mitgeteilt werden, die man nur annehmen kann.
2. Macht
Im Falle von Macht wählt Alter durch eigenes Handeln ein Handeln von Ego aus. D. h. jemand, der Macht ausüben will, muß dies aktiv tun (z. B. eine Partei, die sich für ein Parteiprogramm entscheidet). Will jemand ernsthaft in Konkurrenz damit treten, so kann er nicht nur einfach darauf reagieren (z. B. nur passiv dagegenwettern), sondern er muß eine Alternative anbieten, für die er sich selbst aktiv entschieden hat. Und er muß die Vorzüge seiner Alternative gegenüber der des Konkurrenten aufzeigen und begründen können. Nur dann kann ein fruchtbarer Wettstreit entstehen.
3. Wahrheit
Und der vorletzte Fall (2. Zeile, linkes Feld): immer wenn es um Wahrheitsfindung geht, dann geht es darum, das Erleben von Ego und Alter zu beobachten (empirisch), zu konsentieren und zu prüfen (Konsistenz, Kohärenz). Wahrheit bezieht sich auf Fakten, die erlebt/wahrgenommen werden.
4. Liebe
Im Falle der Liebe honoriert Ego den Erlebenshorizont von Alter durch sein Handeln. Oder anders formuliert, das Erleben von Alter ist das Motiv für das Handeln von Ego. Liebe wird hier also definiert als eine Intimbeziehung, in der Alter für Ego zum Motiv des Über-sich-hinausgehens wird. Ego, der sich fragt, ob Alter ihn liebt, muß Alter als Alter-Ego sehen, für den Ego als Alter zum Motiv des Übersichhinausgehens wird.
Vier Optionen, vier Medien der Kommunikation
Es geht nicht um eine Manipulation, sondern um das Verstehen von Zusammenhängen. So beobachtet der Wissenschaftler, wie zwei Stoffe miteinander reagieren, vergleicht und diskutiert seine Erfahrungen und Modelle mit anderen Wissenschaftlern - immer auf der Grundlage des eigenen Erlebens. Konstruierte Versuchsanordnungen dienen eher dem Zweck eine Beeinflussung des Beobachters durch dessen Handeln auszuschließen.
Der Vorschlag dieser vier Kommunikationsmedien beruht auf ihrer Wichtigkeit und Relevanz, welche sie im Gesellschaftssystem haben. Die Medien treten jedoch nicht immer in Reinform auf, sondern überschneiden sich z. B. dann, wenn es im Wirtschaftssystem auch um Machtverhältnisse geht. Es stellt sich darüberhinaus die Frage, ob oder wie sich andere Teilsysteme wie z. B. Kunst/Kultur, Religion integrieren lassen.
Kommen wir noch einmal zurück auf das Kommunikationsmedium Liebe. Eine Intimbeziehung zeichnet sich also dadurch aus, das sich die Partner lieben.
Woran erkennen wir, daß sich zwei Menschen lieben?
Hier soll Liebe nicht als ein subjektives Gefühl definiert werden, sondern ganz praktisch, an Handlungen beobachtbar. Nämlich, erkennen kann man, daß ein Mensch einen anderen liebt, wenn er dessen Erwartungen erfüllt. Damit sind wir bei den Relationen eines sozialen Systems, den Erwartungen bzw. Erwartungserwartungen.
Wenn ich jemanden liebe, dann bin ich bestrebt ihn glücklich zu machen und mein Glück steigert sich, wenn das seine sich steigert.
Das gilt natürlich für beide. D. h. mein Partner ist auch bestrebt mich glücklich zu machen und wird nur dann glücklich, wenn ich glücklich bin. Ein Mensch wird dann glücklicher, wenn sich seine Erwartungen erfüllen. Das meint nicht nur die kleinen kurzfristigen Freuden des Alltags, sondern bezieht auch langfristige Ziele und Erfolge mit ein (die den kurzfristigen auch mal widersprechen können, wenn, um ein langfristiges Ziel zu erreichen, kurzfristig Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen sind.)
Praxis
Im folgenden findest Du einige konkrete Übungen, die Du zusammen mit Deinem Partner durchführen kannst. Sie dienen dem Zweck, daß ihr euch beide besser kennenlernt.
Der ideale Partner
Beide Partner notieren unabhängig voneinander ihre Erwartungen, die sie an ihren Wunschpartner haben. Es ist wichtig, hierbei von dem konkreten Partner zu abstrahieren. Bei dieser Übung geht es darum, die eigenen Vorstellungen zu formulieren, wie sich jeder seine ideale Beziehung vorstellt, möglichst ungetrübt von dem, was man dem anderen zutraut oder nicht. Dies wird sicherlich nicht 100%ig funktionieren, weil ja jeder schon seine Erfahrungen notwendigerweise mit einbringt. Dennoch sollte es möglich sein, nicht das Bild des eigenen Partners beim Formulieren vor Augen zu haben, sondern die Vision des Traummannes oder der Traumfrau.
Schreibe Deine Vorstellungen spontan nieder ohne lange die Konsequenzen abzuwägen und ohne Deine Erwartungen zu zensieren. Dann solltest Du mit etwa einer ¾ Stunde auskommen.
Frage Dich bei Deinen einzelnen Erwartungen, ob Du sie wirklich willst und ob Du sie auch über einen längeren Zeitraum aufrecht erhalten willst und kannst - oder ob Dir nach einer Weile doch zu langweilig wird. Man könnte bei einem idealen Partner (gerade weil die Betonung darauf liegt, daß man nicht zensieren sollte und keine Abstriche aufgrund realistischer Einschätzungen, sondern einfach seinen innersten Wünschen freien Lauf lassen) auf die Idee kommen, daß dies ein Mensch ist, der einem alle Wünsche erfüllt, Millionär ist und trotzdem unendlich viel Zeit für einen selbst hat.
Aber - würde Dich ein solcher Mensch tatsächlich (auf längere Sicht) glücklich machen? Oder würde er Dich nach einer kurzen Zeit der Zufriedenheit fürchterlich anöden, weil er alle Deine Erwartungen erfüllt und nichts neues mehr passiert? Wie sieht es aus mit einem kleinen Streit hin und wieder - wegen der Möglichkeit der Versöhnung ...?
Gegenseitiges Verstehen
Stellt euch nun gegenseitig eure Erwartungen vor. Zuerst beginnt einer mit dem Erläutern seiner Erwartungen an seinen Traumpartner. Der andere hört zu und stellt nur Verständnisfragen, keine Bewertungen, Kritik oder eigene Ideen. Es geht nur darum, die Visionen des Partners zu verstehen. Danach wechselt die Position, d. h. der, der eben nur zugehört und gefragt hat stellt jetzt seine Vorstellungen vor und der andere hört zu und fragt nach, wenn er etwas nicht versteht.
Versucht als Zuhörende die Darstellungen eures Partners nicht auf euch selbst zu beziehen, sondern konzentriert euch allein darauf nachzuvollziehen, wie dieser Traumpartner aussehen würde und wie er sich, den Erwartungen eures Partners gemäß, verhalten sollte.
Das ist wichtig, weil es vorerst um das reine Verstehen der Erwartungen eures Partners geht. Wenn ihr zu früh beginnt diese Erwartungen auf euch selbst zu beziehen, dann verstrickt ihr euch sehr schnell in Leistungsstreß oder Zensur.
Nach diesen beiden Übungen habt ihr eure eigenen Visionen von einem idealen Partner formuliert und einen Eindruck von dem, was euer Partner für Vorstellungen hat. Eine gute Sache ist es, wenn ihr Freunde habt, die ihr an euren intimen Beziehungsthemen teilhaben lassen könnt und wollt.
Dann könnt ihr euer gegenseitiges Verstehen prüfen, indem jeweils einer die Visionen des anderen den Freunden erzählt und letzterer dann hören kann, was angekommen ist. Von Verstehen kann man dann reden, wenn Du es einem dritten so erklären kannst, daß Dein Partner dem zustimmt.
Weiterhin kann es äußerst bereichernd sein, wenn Du einen Freund, der auch Deinen Partner kennt, fragst, was er denkt, was Du von Deinem Partner erwartest. Du hast damit die Möglichkeit einen Blick über Deine 'Beziehungskiste' hinaus zu werfen. Du bekommst Feedback von einer außenstehenden Person, die immer eine umfassendere (aber auch allgemeineren) Perspektive einnehmen kann, als jemand, der in diesem (Interaktions)System verstrickt ist. Wenn Du dieses Gespräch führst, dann versuche herauszufinden, aufgrund welcher Handlungen von Dir er Deine Erwartungen schlußfolgert.
Das ist wichtig, weil Erwartungen niemand direkt wahrnehmen kann. Man kann sie immer nur erschließen aufgrund bestimmter Handlungen, aber der Schluß muß nicht immer treffend sein. So kann ich z. B. auf den Schluß kommen, daß jemand, der Bier trinkt, seine Sorgen 'runterspülen' will - tatsächlich kann es aber sein, daß das Bier das effektivste Mittel ist den Durst zu löschen (wenn man weiß, wann man damit aufhören muß).
Kognitives und normatives Modalisieren
Du hast jetzt Wunschvorstellungen an einen idealen Partner formuliert. Jetzt ist es an der Zeit diese genauer zu untersuchen:
Welche von diesen Erwartungen willst Du auf jeden Fall aufrecht erhalten? Und bei welchen Erwartungen bist Du bereit Abstriche zu machen oder ganz darauf zu verzichten?
Wenn Deine Erwartungen nicht erfüllt werden, dann hast Du zwei Möglichkeiten, darauf zu reagieren. Du kannst an Deinen Erwartungen festhalten und vom anderen verlangen, daß er sie unbedingt erfüllen sollte. Im Falle einer Beziehung wäre die Folge, wenn Dein Partner diese unbedingte Erwartung von Dir nicht erfüllen will, daß Du wahrscheinlich die Beziehung (früher oder später) auflösen wirst.
Du modalisierst diese Erwartung normativ, d. h. Du setzt sie unveränderlich als Norm fest und Deine Umwelt oder Deine Mitmenschen müssen sich daran anpassen (und nicht Du an die anderen). Die andere Möglichkeit auf eine Erwartungsenttäuschung zu reagieren besteht in kognitivem Modalisieren. In diesem Falle bist Du bereit, Deine Erwartungen entsprechend den Umweltverhältnissen zu verändern. Du erwartest nicht, daß sich Deine Mitmenschen bzw. Dein Partner verändert, sondern Du veränderst Dich, paßt Dich den jeweiligen Gegebenheiten an.
Schaue Dir also jetzt Deine Vorstellungen zu Deinem Traumpartner an und beurteile jede einzelne, ob Du sie im Falle einer Enttäuschung kognitiv oder normativ modalisieren würdest.
Vielleicht mußt Du die ein oder andere Formulierung konkreter fassen, um dies entscheiden zu können. Dafür ist es sinnvoll, wenn Du beschreibst, wie Dein Partner im konkreten Fall handeln müßte, damit er Deine Erwartungen erfüllt. Mit paradigmatischen Beispielen kannst Du Deine Vorstellungen anschaulicher und handhabbar machen.
Wenn Du Deine Vorstellungen (und Dein Partner seine) jetzt auf diese Art und Weise konkretisiert hast, dann tauscht eure Erwartungen aus.
Bei diesem Austausch geht es zuerst darum, den anderen zu verstehen.
Stellt zuerst sicher, daß ihr versteht, was der andere erwartet, was er unbedingt will und in welchen Fällen er seine Erwartungen modifiziert. Danach gebt euch gegenseitig Feedback, inwiefern ihr bereit seid, die Erwartungen des anderen zu füllen oder in welchen Fällen sich eure Erwartungen widersprechen oder zumindest nicht entsprechen. Jetzt geht es noch nicht um eine Klärung der eventuellen Dissense, sondern vorerst nur darum, diese festzustellen.
Glückssteigerung
Zum Abschluß dieses Beziehungsexperiments notiere (jeder Partner für sich), was Du selbst tun willst und wirst, um Deinen Partner davon zu überzeugen Deine Erwartungen zu erfüllen. Vielleicht weißt Du, daß er gewisse Probleme oder Schwierigkeiten hat, bei denen er Deiner Unterstützung bedarf. Es kann auch sein, daß Du Dein eigenes Verhalten nur ein klein wenig ändern mußt, um Deinen Partner zu einer Verhaltensänderung zu motivieren.
Deine eigenen Überlegungen diesbezüglich können erstmal nur Hypothesen sein. Ein Hypothese in der Form 'Wenn ich x tun würde, dann würde mein Partner y tun.' Nachdem jeder diese Hypothesen für sich formuliert hat, teilt sie euch gegenseitig mit. Dann könnt ihr gemeinsam zu einer Entscheidung kommen, wie ihr euch gegenseitig dabei unterstützen könnt, die Erwartungen des jeweils anderen zu erfüllen - und euch damit gegenseitig immer glücklicher machen könnt.
Webtipps
- Edition "Miteinander reden" vom Evolos Verlag bietet Artikel und Übungen zum Kommunikationstraining
- von Niklas Luhmann: Liebe als Passion: Zur Codierung von Intimität
- Maria-Anne Gallen & Hans Neidhardt: Das Enneagramm unserer Beziehungen. Verwicklungen, Wechselwirkungen, Entwicklungen.



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