(das folgende ist ein Auszug des 1. Teils des Artikels von W.H. Müller)

W.H. Müller

DIE ZAHL DES TIERES UND DIE APOKALYPSE DER PHILOSOPHEN - Teil 1

1. Hier ist Weisheit...

"Ich throne als Königin, ich bin keine Witwe und werde keine Trauer kennen."
---Apokalypse des Johannes 18:7

Wie wir feststellen werden, ist der Inhalt der Offenbarung bzw. die Apokalypse des Johannes hermetischer Natur; in seinem Mittelpunkt steht das christliche Mysterium, das allerdings nicht unbedingt das "Mysterium" des Christentums ist, das sich heute der Öffentlichkeit präsentiert.
Offizielle Geschichtsquellen datieren die Entstehung des Textes, der das "Buch des Neuen Bundes", das als "Neues Testament" bekannt geworden ist, abschliesst, in eine Zeit zwischen 70 bis 95. n. Chr. Was die Zeit um 70 n. Chr. betrifft, so wird diese genannt, da man im allgemeinen annimmt, dass das in der Apokalypse genannte Tier, der Antichrist, mit dem römischen Kaiser Nero identisch sei. Da jedoch, und wie immer im Falle initiierter Schriften, Historie und Metahistorie oder heilige Historie absichtlich miteinander verwoben werden, ist eine Zuordnung primär hermetischer Inhalte zu primär "historischen" bzw. "bekannten" Ereignissen oder Persönlichkeiten ein Schritt in die falsche Richtung. Wie wir eindeutig feststellen werden, bezieht sich die Symbolik des Tieres, von dem in der Apokalypse des Johannes die Rede ist, zwar auf das Wort Nero, letztendlich und hermetisch betrachtet nicht aber auf den römischen Kaiser gleichen Namens. Vielmehr haben wir es hier mit einer beabsichtigten Doppelsinnigkeit zu tun, die nur durchschaubar wird, wenn wir die Hermetik als "Lesemass" ansetzen. Jegliches andere "Mass" muss sich als unzureichend erweisen, zumal wenn es sich um einen Text handelt, der die initiatorische Qualität der Apokalypse aufweist.
Eine nähere Betrachtung des Verfassernamens Johannes, mit dem wir unsere hermetischen Erläuterungen beginnen wollen, zeigt, dass dieser symbolisch gewählt wurde. Ob es das oder ein Pseudonym des Verfassers war, ist im Hinblick auf unsere Intentionen unerheblich und bleibt daher hier ausgespart.
Der griechische Name Ioannis ist von dem hebräischen Wort für "Taube", Ionah, IVNH, abgeleitet. Allein die Wahl dieses Symbols als Name für den Verfasser einer solchen Schrift signalisiert deren Solar-Lunare Ausrichtung, denn die Taube kann in der Hermetik sowohl Sinnbild des Mondes als auch des Solaren Helden, d.h. des Krieges sein:
Wir kennen daher die Tauben der Diana, der römischen Göttin der Jagd. Der Aspekt des Gerichts, das stets eng mit der Bedeutung des inneren Krieges verknüpft ist, wird besonders deutlich, wenn wir daran denken, dass das lateinische Diana phonetisch-cabalistisch auf den hebräischen Wortstamm für "Gericht" und "Norden", der DN lautet, hinweist. Zu den Tauben der Diana können wir bei dem französischen Alchemisten Fulcanelli lesen (1):

"Die Alchemisten stellen den ersten Merkur, von dem wir schon mehrfach als der universelle Dissolvant gesprochen haben, unter die Ägide der Diana mit ihren 'lunaren Hörnern'. Seine Weisse, seine silberleuchtende Natur hat ihm auch die Bezeichnung Mond der Philosophen und Mutter des Steins eingebracht. In diesem Sinne ist es auch, dass Hermes über das Werk spricht: 'Die Sonne ist sein Vater und der Mond seine Mutter.'"

Ein von den griechischen Hermetikern verwendetes Wort für "Mond" lautet Io, das wir nun deutlich in Ioannis wiedererkennen können. Es lässt gleichzeitig aber auch die alte hebräische Bezeichnung für "Gott", Iao, anklingen. Der urbildliche Gehalt dieses Wortes nun ist eindeutig: I bzw Iota zeigt die Gott-Einheit an, während A und O hebräisch A und U ausgesprochen werden können und daher phonetisch-cabalistisch Iau ergeben, wobei wir an das verwandte sumerische ia-hu, "erhabene Taube" erinnert werden, welches zahlensymbolisch der 5 und der 10 entspricht. Die daraus entstehende 15 ist nun jene Zahl, in der wir die überaus wichtige Verbindung von 6 und 9 wiederfinden. Und wie die Sprachen der Mysterienlehren miteinander verwoben sind, zeigt nun die bemerkenswerte Tatsache, dass der Zahlenwert 69 wiederum dem griechischen Wort krios, "Lamm", entspricht, und das "Lamm" bekannlich eines der Symbole Jesu Christi im Neuen Testament darstellt.
In dem oben erwähnten, sumerischen ia-hu können wir aber auch den Ursprung des hebräischen Jerusalem, d.h. Iahu-Salem, erkennen; und es ist Johannes, der der Überlieferung zufolge in Jerusalem geboren wird (2).
Übernehmen wir nun das hebräische Iao ins Griechische, stossen wir auf die Symbolik der zwei Buchstaben Alpha und Omega, die mytho-hermetisch Saturn (Sonne) und Mond entsprechen. Und sogleich fällt uns auch eine aufschlussreiche Doppelsinnigkeit auf, denn es ist Jesus Christus, dem in der Apokalypse des Johannes 22:13 folgende Worte in den Mund gelegt werden:

"Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende."

Wir stellen fest, dass die Johannes-Symbolik und die wirkliche hermetische Bedeutung Jesu Christi an einem gewissen Punkt zusammenfliessen, zu ein- und demselben Urbild werden, obwohl, und das muss betont werden, einer allegorischen Äusserung Augustinus' zufolge, Johannes und Jesus zwei gegensätzliche Kräfte signalisieren (3):

"Bei der Geburt Jesu nimmt der Tag zu, während er bei der Geburt des Johannes abnimmt."

Doch müssen wir diese Aussage nur in den richtigen Kontext setzen: Jesus Christus ist die demiurgische, spaltende Kraft; hierin liegt der Grund für die Zuordnung, die von Augustinus und anderen "Kirchenvätern" getroffen wurde. Und Jesus ist in einem gewissen Sinne, im Hinblick auf eine bestimmte schöpferische Funktion mit Johannes identisch, was auch durch die Tatsache bestätigt wird, dass, wie oben bereits angeführt, in der griechischen Zahlensymbolik das Omega für den "Mond" steht.
Eine analoge Symbolik finden wir in der seltener vorkommenden Darstellung des Judas als der Zwillingsbruder Jesu, was, übersetzt aus der Sprache der Mysterienlehre ebenfalls bedeuten soll, dass Jesus und Judas zwei Aspekte ein- und derselben Kraft versinnbildlichen, was auch durch die folgenden, aus dem Evangelium des Johannes 13:27 bekannten Worte ausgedrückt werden soll:

"Als Judas den Bissen Brot genommen hatte, fuhr der Satan in ihn. Jesus sagte zu ihm: Was tu tun willst, das tu bald!"

Jesus wird in der Apokalypse des Johannes als "Anfang und Ende" bezeichnet, weshalb er selbst die apokalyptische Kraft darstellt, die schliesslich das Zeitenende bringt. Eines wollen wir an dieser wichtigen Stelle unserer Ausführungen zu bedenken geben: Inwieweit war es dem Verfasser der Apokalypse bewusst, dass die Kraft, vor der er mit geschickten stilistischen Mitteln eindringlich warnt, eigentlich jene Kraft ist, die von der Religion, der er angehörig gewesen sein soll, verehrt wird?
In der griechischen Buchstaben- und Zahlensymbolik signalisiert der erste Buchstabe des Alphabets Saturn bzw. Chronos, der sogenannte "Schlüsselfürst", während das Omega, wörtlich das Grosse O, das haben wir oben bereits gesagt, für den Mond steht. Bei den Alchemisten wird dieser Antagonismus durch das Wort Azoth ausgedrückt, das, auf das hebräische Alphabet übertragen, Aleph und Tau in sich verbindet. Formelhaft können wir daher sagen: Das Aleph, das uranfängliche Feuer, griechisch to pyr, wird vom Mond, den generativen Wassern, empfangen. Es tritt in ihn zwecks einer makrokosmischen Befruchtung ein; Feuer und Wasser vereinigen sich und das, was entsteht, ist die innere Sonne, die purpurne Sonne der Philosophen, auch symbolisiert durch den sechsseitigen Stern, der sich uns somit als ein Solar-Lunares Symbol offenbart.
Mit dieser Zuordnung, die wir am Ende der Apokalypse des Johannes vorfinden, wird auf die zweiseitige Natur Jesu Christi hingedeutet: Die Kraft, der die christliche Verehrung gilt, ist die demiurgische Schlange, die wir auch abwechselnd als Solares Prinzip bezeichnen.
Kommen wir nochmals zur Bedeutung der Taube: A.J. Pernety schrieb in seinem wegweisenden Wörterbuch zur Mytho-Hermetik (4):

"D'Espagnet und Philalethes haben die Allegorie der Taube verwendet, um den volatilen Teil der Materia des Werkes der Weisen zu bezeichnen. Er (Philalethes, Anmerkung des Übersetzers) sagt, dass die Tauben der Diana als die einzigen dazu in der Lage seien, die schreckliche Wildheit des Drachen zu zähmen."

Zum anderen aber ist die Taube auch zu einem Symbol des Friedens geworden. Die etymologische Begründung dafür findet sich in der Tatsache, dass die Wortwurzel des genannten, hebräischen IVN(H) enthalten ist in NQIVN, "Schuldlosigkeit", "Blösse", sowie in IVNQ, "Trieb", "Schössling". Mit der hebräischen Wortwurzel IVN verwandt ist das aus der Gnosis bekannte Wort Aion, der Herkules der Philosophen, der das Solare Prinzip als die schöpferische Kraft des gegenwärtigen kosmischen Zyklus bezeichnet.
Ionah, Ioannis, die "Taube", offenbart sich uns bei näherem Hinsehen als ein ambivalentes Symbol, das unterschiedlicher inhaltlicher Absichten gerecht werden kann. In Oskar Fischers Anhandlung zur Zahlensymbolik findet sich folgender Kommentar (5):

"Noch vornehmer als die Taube ist die Turteltaube (thor 606 oder 6 x 101)...Übrigens steht die Taube wie der Vogel überhaupt (griech. ornis 430) in ganz besonderer Beziehung zum Reich der Dämmerung...Tauben legte man den Märtyrern in die Gräber."

Doch wollen wir noch einen Blick auf das Sumerische werfen, dessen Bedeutung für die Verschlüsselung von Texten hermetischen Inhalts nicht genug betont werden kann und das uns auch an dieser Stelle weiteren Aufschluss über die symbolische Bedeutung der Taube für das Grosse Werk der Alchemie gibt:
So haben wir dar für "Taube", ein Wort das gleichzeitig auch "aufspalten" und in der Form dar-dar "abspalten" bedeutet. "Turteltaube" wird im Sumerischen mit ir-sag wiedergegeben, und das darin enthaltene ir kann verbial "darbringen" und substantivisch auch "Diener" bedeuten. Schliesslich kennt die sumerische Sprache auch te für "Taube", identisch mit dem Keilschriftzeichen ti (6), aber auch, und dies ist überaus bedeutsam, für "heilen".
In Hinblick auf die Konvergenz der Tauben-Symbolik und anderer verwandter und letztendlich gleichbedeutender Sinnbilder heisst es bei Oskar Fischer auch (7):

"Phönix, Taube und Palme sind in der Hieroglypenschrift in gleicher Weise Bilder der Zeit und der Zeugung". (8)

Und an anderer Stelle (9):

"Das eine hebräische Wort für Taube, jona, hat mit dem Artikel denselben Horusdurchbruchs-Wert 2 x 43...wie ha-emm 2 x 43 "die Mutter". Als Taube brütet der Gottesgeist das Weltei aus, wird "Mutter" der Dinge."

Besonders der genannte "Durchbruch des Horus", der traditionell als ein Falke dargestellt wird, signalisiert den inneren Krieg, den der Alchemist gegen den Zustand des Abgespaltenseins von der Gott-Einheit und auf seinem initiatorischen Weg zum Krönenden Androgynat in sich selbst führen muss. Der Falke steht als Raubvogel somit der Taube antagonistisch gegenüber, obwohl er die Verwandlung des einen in das andere symbolisiert und auf die Concordia der Alchemisten hindeutet. Aufgrund der urbildlichen Konvergenz der Symbole stellen wir fest, dass die Taube, der Phönix als eines der grössten Sinnbilder der Hermetik, Jesus Christus bzw. den christlichen Prototypus versinnbildlicht, während der Falke hier folgerichtig auf die Gegenwart des Antichristen hinweist.
Doch kaum sind wir zu dieser wegweisenden Feststellung gekommen, fällt uns sogleich eine neue bemerkenswerte Doppelsinnigkeit auf:
Das griechische Horus, das den Falken bezeichnet, wird im im Ägyptischen durch Hu wiedergegeben. Dasselbe Wort bedeutet im Sumerischen allerdings Taube. Und Hu ist wiederum mit dem keltischen Esus bzw. Hesus, also Jesus identisch. Und wenn wir "Jesus" Ye-sus schreiben, erkennen wir sogar Ye oder Semele, zwei griechische Bezeichnungen für den "Mond".

2. 666: Das Signum Serpentium

"Dann sah ich eine weisse Wolke. Auf der Wolke thronte einer, der wie ein Menschensohn aussah. Er trug einen goldenen Kranz auf dem Haupt und eine scharfe Sichel in der Hand."

---Apokalypse des Johannes 14:14

Eingangs wollen wir auf eine offensichtlichere Bedeutung der Zahl 666 eingehen, die allerdings in der Regel aufgrund äussert spekulativer Deutungen, die sich stets vorzudrängen scheinen, zu wenig Beachtung findet. Ein Autor, der sich in einem ganz besonderen Masse mit dieser Zahl auseinandersetzte, war der deutsche Sprach- und Schriftkundler Rudolf Falb, dessen gegen Ende des 19. Jahrhunderts erschienenes Hauptwerk mit dem unscheinbaren und auf den ersten Blick mit unseren Ausführungen inhaltlich sogar unverwandten Titel "Das Land der Inca" bis heute ein Monument der Entschlüsselungskunst darstellt. Er erkannte, dass die Zahl des Tieres mit einem bestimmten---wenn auch nur symbolisch zu verstehenden---Zeitzyklus verknüpft ist, welcher der universellen Evolution des Solaren Prinzips entspricht, und der bei den antiken Philosophen als Saros-Periode bekannt war. Er führt aus (10):

"So erscheint die Erinnerung der Völker an den Feuerberg und die Feuer-Erzeugung, sowie an eine damit in Verbindung stehende grosse Weltumwälzung allenthalben mit dem vornehmsten Zeichen des Priestertums, der Mitra, verknüpft. Ja, es stellt sich heraus, dass die Idee der Divination überhaupt ursprünglich die Kenntniss der Periode des Feuer-Turnus zur Grundlage hat, und dass diese geheimnisvolle Zahl im Hauptschmucke des Priesters auf irgend welche Art zur Darstellung kam. In der Apokalypse wird die Zahl 666 hervorgehoben. Man hat sie auf das römische Reich, auf Julian den Abtrünnigen, auf Muhamaed u.s.w. gedeutet. Allein uns scheint die Beziehung zum Saros viel entschiedener. Wir erblicken in 666 die drei semitischen Vau - das 'dreifache Weh' der Apokalypse..."

Da die Zahl drei im hermetischen Kontext die Bedeutung von Wiederkehr, dessen Agens der Heilige Geist ist, annimmt, steht sie auch in einer fundamentalen Beziehung zu den drei sichtbaren Phasen des Mondes (11):

"Demnach drückt 666 die Stier-Periode (Apis-Periode), die Drehung des tor in der Form tor-rot "Zerrüttung" = Saros aus."

Die zwei ineinandergeschobenen Dreiecke, die den Solar-Lunaren Davidstern bilden, veranschaulichen die "Verbindung der beiden entgegenstehenden Mondsicheln im Vollmond", dem sogenannten thorus, was in dem vom Falb vorgestellten Wort tor-rot = sor-ros, d.h. Stier + Drehung ausgesprochen wird.
Dasselbe Wort finden wir nun in dem persischen Serosh oder Sraosha, der Intelligenz des göttlichen Gesetzes, welche wiederum mit dem Heiligen Geist sinnidentisch ist (12):

"Somit ist Serosh in der That der Saros, die Periode, deren Symbol---das Doppelhorn---bereits bei den Ägyptern hochwichtiges Zeichen war. Dies ist auch der Grund, weshalb die drei Vau www bei den Ägyptern die Hieroglyphe für 'Götter' bildeten. Immer liegt die Idee des Taurus, des Stieres, zu Grunde, und zwar in der griechischen Form, welche hebräisch geschrieben wieder die Zahl 666 zu Tage fördert."

[Den kompletten ersten Teil des Artikels gibt es in der AHA 4/03. Die Fortsetzung erscheint in 5/03]