Interview mit Andrej Tschernow
Eher zufällig stieß ich im Internet vor einigen Monaten auf Andrey Tschernows Webseiten. Überrascht stellte ich fest: das Liber Al vel Legis gibt es bereits in russischer Sprache! Grund genug für einen längeren Mailkontakt mit dem Übersetzer, aus dem dieses Gespräch stammt.
Wir unterhielten uns in englisch, die dadurch zustande gekommenen, teilweise nicht ganz ‚glatten‘ Formulierungen wollte ich nicht zu stark umändern, denn das würde die Eigenheiten dieser Kommunikation nichten. Mir hat es viel Freude gemacht, ich hoffe, euch beim Lesen geht es ebenso.
von Knut Gierdahl
Wie bist Du mit Crowleys Schriften und Thelema in Kontakt gekommen?
Obwohl ich mich seit langem für Crowleys Arbeiten interessiere, kann ich keinen genauen Zeitpunkt als Beginn dessen angeben. Hin und wieder traf ich in unterschiedlichen Zusammenhängen auf Crowleys Überlegungen, und fand seine größere Klarheit im Vergleich zum allgemeinen Level okkulter Diskurse herausragend. Das Ergebnis war, daß ich im Laufe der Zeit seine Methoden genauer, tiefer kennenlernen wollte.
Ok, Du kannst keinen genauen Zeitpunkt festmachen. Aber kannst Du ein Schlüsselerlebnis, eine kritische Situation beschreiben, in der Du dachtest, daß Crowleys System interessanter oder hilfreicher sein könnte als andere?
Die Situation hatte nichts Kritisches, aber sie zog sich über einen langen Zeitraum hin. Ich erinnere mich, daß das erste, was meine Aufmerksamkeit auf sich zog, sein besonderes Vermögen der Konstruktion symbolischer Korrespondenzen war. Dies ist auch kennzeichnend für freimaurerisch inspiriertes Denken, dort erreicht es aber nicht die Größe (master level), die Crowley darin zeigt. Seine magischen Intuitionen beeindrucken mich mehr, wenn ich sie durch verschiedene alte Quellen bestätigt finde, was heutzutage nur durch meine eigene Erfahrung verständlich wird. Wenn ich alle Sachen erwähnen wollte, würde die Liste zu lang.
Du hast das Liber Al vel Legis ins Russische übersetzt. Was motivierte dich dazu?
Da ich nicht gern in Englisch denke, übersetze ich automatisch in Gedanken, als ich das Liber AL das erste mal las. Viele Übersetzungsfragen tauchten auf und ich begann, mir die Übersetzungsversuche anderer anzusehen und fand deren Qualität unakzeptabel. Da ich Perfektionist bin, kann ich nicht damit leben und versuche, Kontakt zu einigen Autoren aufzunehmen, zuerst einmal, um einige notwendige Korrekturen vorzunehmen (beispielsweise taucht mein Name neben anderen in der offiziellen russischsprachigen Übersetzung des OTO auf), aber das bringt nicht viel und schließlich ringe ich mich dazu durch, meine eigene Übersetzung zu machen.
Wie bekannt ist dieses Buch heute in Rußland deiner Meinung nach? Wieviele Übersetzungen des Liber AL gibt es ungefähr in Russisch?
Ich kenne zur Zeit 4 veröffentlichte (gedruckte) Übersetzungen, alle von schlechter Qualität. Als ich mit meiner Al-Übersetzung begann, gab es nur eine weitere. Die höchste aktuelle Auflage ist eine 11.000er, deren Autor war stark von seinen früheren Castaneda-Übersetzungen beeinflußt und verfehlte ziemlich oft den Punkt.
Es ist oftmals problematisch, seine spirituellen Ambitionen mit dem Broterwerb unter einen Hut zu bekommen. Darf ich fragen, was du beruflich machst?
Ich habe an der Moskauer Uni Analyseprogrammierer studiert und in dem Bereich arbeite ich auch.
Was bedeutet Thelema für dich?
In der landläufigen Bedeutung nehme ich es nicht ernst (z.B. als Subkultur-Bewegung, eine der ‚spirituellen New Age-Lehren‘ oder gar ‚Religion‘), aber den persönlichen Aspekt Thelemas nehme ich ernst genug. Dabei sehe ich mich Crowley, seiner Zeit, seiner intellektuellen Umwelt und besonders seinen rastlosen Bemühungen, all das zu etwas Bedeutungsvollem zu verschweißen, eng verbunden. Thelema ist der sichtbare Strom seines alchemistischen Großen Werkes, aber was unsichtbar bleibt, ist für mich interessanter.
Kling interessant:) Beschreib doch bitte genauer, was das praktisch bedeutet, daß du Thelema ernst nimmst. Was tust du unter dieser Prämisse?
Mich haben immer die Wege zur ‚Erlösung‘ oder ‚Befreiung‘ des menschlichen Geistes interessiert, in der Art und Weise, wie diese Begriffe in der Gnosis verwendet werden. Der Mahayanabuddhismus betont (individuelle Erlösungsvorstellungen als Illusion der Individualität widerlegend), daß dieser Weg unmöglich ist ohne symbolischen Austausch (im Sinne von M. Mauss) mit anderen. In diesem Kontext behandle ich Thelema als symbolischen Austausch auf dem Weg der gnostischen Erlösung des Geistes, der Weg der Auflösung in Nuit und Vereinigung mit dem eigenen Heiligen Schutzengel.
Über meine Praktiken zu diesem Punkt oder anderen möchte ich nichts öffentlich enthüllen, so laß uns das nicht diskutieren.
Schade, aber... ok. Bist du Mitglied einer thelemischen Gruppe oder Ordens?
Nein. Ich glaube nicht, daß irgendein okkulter Orden (ich gebrauche den Begriff im Sinne R. Guenons, z.B. initiatorische Orden) in der modernen ‚zivilisierten‘ Welt möglich ist. Was möglich ist, ist eine Art von lockerer Beziehung oder Fanclub mit gemeinsamen Interessen. Möglicherweise existieren noch einige Gruppe im Osten oder Indien, aber da ich nicht dort geboren bin, hat das für mich keinerlei Bedeutung.
Wenn du nicht zu einem Orden gehörst – was für Kontakt hast du zu anderen Thelemiten oder Menschen mit Interesse an okkulten Themen?
Natürlich habe ich Kontakt mit anderen Thelemiten – zuerst wende ich mich mit Fragen an verschiedene Thelema-Mailinglisten (und Lists zu Ägyptologie, usw). Ich habe außerdem Kontakt zum Moskauer OTO. Mitglieder des Petersburger OTO helfen mir bei meiner Übersetzung und ich muß auch Bill Heidrick erwähnen, der freundlicherweise einige unklare Passagen per E-mail erklärte.
Durch mein eigenes Studium der Magick habe ich auch Kontakt zu anderen okkult-Interessierten, das weiter auszuführen, würde hier zu weit führen.
Wie schätzst du die Bedeutung des Internet für das Neue Aeon ein?
In dem Maße, wie die menschlichen Beziehungen ernsthaft zerstreut sind, steigt die Tendenz zur Kompensation. Es ist der Versuch, wieder Verbindungen in neuen Konfigurationen zu schaffen, und das Internet spielt eine zentrale Rolle in diesem Prozeß. Es hat sowohl Gutes als auch Schlechtes. Gut, denn Kompensation ist besser als nichts. Schlecht, denn die Kompensation ist nicht der ursprüngliche Zustand in seiner Fülle, und so werden die Nebeneffekte ebenfalls zunehmen. Ich hoffe, die Kluft zwischen den Vor- und Nachteilen wird so viele Jahre bestehen, daß sie nicht von den heute Lebenden gezählt werden können.
Wie steht es mit der ‚spirituellen‘ oder ‚religiösen‘ Freiheit in Rußland?
Ich habe absolut kein Problem mit meiner Freiheit, weder zu Zeiten der Sowjetunion, noch heute. Freiheit anderer ist ein komplexes Thema, das zu diskutieren wäre. Es hängt von zu vielen Faktoren ab und ich möchte da nicht tiefer einsteigen.
Ich hörte, daß ein neues Gesetz die Religionsfreiheit einschränkt.
Es ist ein Gesetzentwurf, kein geltendes Gesetz. Die Intention ist, sogenannte ‚destruktive Sekten‘ wie Scientology, Aum-Shinrikyo usw., zu bekämpfen, um unschuldige Kinder undsoweiter zu schützen. Ich bezweifle, daß irgendeines der Ziele auf diesem Wege erreicht wird. Andererseits zweifle ich, daß dieser Gesetzesvorschlag wirklich etwas einschränken kann. Es ist keine reale Bedrohung.
Wir hören immer wieder von der wachsenden Kraft der nationalistischen Bewegung in Rußland. Fact or Fancy?
Als Vogelscheuche für den Durchschnittsmenschen wird die nationalistische Bewegung und die von ihr ausgehende Gefahr, eigentlich ein Phantom, von den Massenmedien und verschiedenen "humanistischen" politischen Kräften hochgeredet. Sie dienen damit sich selbst, machen Eigenwerbung und spielen mit weit verbreiteten Ängsten, darum hörst du so oft davon. Die Bewegung selbst ist ein erbärmlicher Anblick, weit entfernt von der Suche nach kultureller Identität, wie sie sein sollte.
Die Diskussion geht darum, daß das Christentum die einzig legale Religionsform werden soll. Stimmt das?
Selbst im schlechtesten Fall wird es Katholiken, Protestanten, Juden, Muslime und auch Buddhisten geben, all die sogenannten ‚traditionellen Konfessionen‘.
In Westeuropa sind heidnische Elemente (Kelten, Germanen, Druiden, Vikinger, Wicca undsoweiter) sehr populär. Wie ist das in deinem Land? Und wo liegen die Wurzeln der heidnischen Traditionen?
Wir haben ebenfalls einheimische (home-grown) Kelten, Druiden, Vikinger, Castaneda und New Age- Anhänger, Tolkienfans usw. Wicca sind aktuell nicht populär, vielleicht weil die Mädchen mehr an einem guten Ehemann interessiert sind. Die ursprünglichen Heidentraditionen auf dem Ex-UdSSR-Gebiet haben nicht genügend schriftliche Quellen und anderes Material hinterlassen, besonders wenig über esoterische, innere Aspekte. Das provoziert verschiedene Arten uninteressanter Spekulationen oder Maskenball-Scout-Spiele mit Holzschwertern. Die einzige übriggebliebene reale heidnische Tradition ist der Schamanismus; weit entfernt von Zentralrußland ist er fast tot.
Ich stimme vollständig der Analyse aller modernen Erneuerungsversuche zu (den thelemischen eingeschlossen), die M. Eliade in seinem Buch "Occultism, witch craft and cultural fashions" aufstellte.
Andrej, vielen Dank für die sehr interessante Unterhaltung. In Deutschland ist das Vorurteil weit verbreitet, daß Rußland mehr oder weniger ein Entwicklungsland ist (auch, aber nicht nur auf dem Gebiet der Spiritualität). Wenn unser Gespräch – zumindest teilweise – dieses Vorurteil korrigieren konnte, bin ich sehr froh:)
Wenn wir über ‚Entwicklungsland‘ sprechen, müssen wir diesen Ausdruck schärfer fassen. Wenn wir über den Prozeß der ökonomischen Globalisierung sprechen, paßt der Ausdruck, und ich denke nicht, daß es gut ist, wenn wir versuchen, unseren traditionellen Lebensstil so zu ändern, daß das mit unseren kulturellen Zielen konfligiert. Meine Hoffnung ist, daß wir diesen neuen Weg nicht zu weit gehen. In anderen Bedeutungen, eingeschlossen die Spiritualität: definitv nein. Verglichen mit unserer Geschichte und dem Umfang der Dinge, die getan wurden und passiert sind, sind einige europäische Länder und die USA Entwicklungsländer.
Andrejs Homepage: http://ache.pp.ru



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