Aleister Crowley - auch ein Meister der darstellenden Kunst?

Crowley - rex de art de pictura

„Jedes Gemälde enthüllt mir etwas, was ich bis dahin noch nicht über mich wusste. Meine Kunst bringt mir echte Erkenntnis... Die Kunst ist die Methode der Götter, ihre Mysterien zu enthüllen, es ist der faszinierendste und zeitloseste aller Genüsse. Wir alle, jeder unabhängige und einzigartige Einzelne, sind Teil Gottes; und nicht bloß Unterschriftsstempel seines erhabenen Namens." - Aleister Crowley

von Marc Montana

In Colin Wilson’s Buch „Das Okkulte“ (dt. bei Fourier, 1988) findet man in dem Kapitel zu Aleister Crowley eine Fußnote, die darauf hinweist, dass es einen Katalog zu der Ausstellung gibt, die 1931 in Berlin seine Bilder in der „Porza“ Gallerie zeigte. Da es keine mir bekannten Bücher zu Aleister Crowleys Malerei gibt und auch seine Biografen eher spärlich darüber berichten, und es nur etwa zwei Hände voll Abbildungen der Bilder in den gängigen Biografien gibt, war ich gleich Feuer und Flamme.

Im „Preussischen Geheimarchiv“ in Berlin – Dahlem und in der „Sammlung der Stiftung Preussischer Kulturbesitz“ soll sich nach der Fußnote je ein Exemplar dieses Ausstellungskataloges befinden. Da der zweite Hinweis eher wage ist begab ich mich also ins „Preussische Geheimarchiv“ und der Name dieses Instituts ließ mich die Suche nach Crowley’s Exponaten noch spannender empfinden, wie es die ganze Sache ohnehin schon tat..

Im „Preussischen Geheimarchiv“ findet der „Esoterisch-Interessierte“ zwar jede Menge Nachlässe berühmter Preußen, sowie die Statuten und Gründungsdokumente der echten Freimaurerlogen mit denen auch Friedrich der Große in Kontakt stand, aber von Aleister Crowley hatte der freundliche Mitarbeiter, der sich ganz interessiert an meinem Vorhaben zeigte, noch nichts gehört. Als ich ihm erklärte, dass Crowley seine magische Ausbildung im freimaurerisch-magischen Orden „Golden Dawn“ erhielt und W.B. Yates ein Ordensbruder von ihm war, antwortete er mir, „ah das ist mehr so die dunkle Abteilung der Kunst dieser Zeit...!?“

Ich musste Herrn Recht geben, schon aus Zeitgründen und begab mich nach Berlin Tiergarten um dort in der Kunstbibliothek, die auch zur „Stiftung Preussischer Kulturbesitz“ gehört, weiterzusuchen. Wegen der Ungenauigkeit der Fußnote begann ich langsam an der Existenz des Ausstellungskataloges zu zweifeln, doch hier in der Kunstbibliothek hatte meine Suche augenblicklichen Erfolg. Der Katalog zur Ausstellung von Crowleys Bildern in der Porza Gallerie 1931 ist im Verzeichnis. Es handelt sich bei dem Katalog um eine Rarität und daher musste ich diverse Formulare ausfüllen um die Seriosität meines Vorhabens zu bekunden, um dann noch einen weiteren Tag zwecks der Bearbeitung meines Antrages zu warten.

Am nächsten Tag war ich pünktlich zur Öffnung der Bibliothek zur Stelle und ein Freund von mir hatte sich bereit erklärt den Schatz digital abzulichten, denn fotokopieren ist bei Raritäten nicht drin. Einen Moment lang überlegte ich, ob Crowley meine Aktionen amüsieren würden, wenn er mich beobachtete und ich kam zu dem Schluss, dass ihm meine Anstrengungen sicher mit großer Befriedigung erfüllen würden.

Endlich bekam ich einen blau gebundenen Band in die Hand gedrückt mit einen schwarzen Filz Tuch, damit ich das Buch schonend betrachten durfte, aber nur an einem extra dazu reservierten Platz und unter den Argusaugen des Bibliothekars.
Der Band bestand aus einer Sammlung diverser Kunstkataloge der 20er Jahre, späte Sezession, Expressionisten und ganz am Ende: Aleister Crowley.

Doch, was war das? Der Katalog war gar keiner , sondern nur eine Art Prospekt mit etwa sieben Abbildungen, Gemälde in Öl und Bleistiftzeichnungen, drei davon kannte ich bereits. Außerdem war da noch ein mehrseitiger Text, der dem Ausstellungsbesucher Aleister Crowley und seine Kunst vorstellt.

Ich hatte keinen Ausstellungskatalog gefunden, sondern nur eine Ankündigung der Ausstellung. Meine Enttäuschung verflog allerdings langsam als ich den höchst amüsanten Text darin las, der von einem gewissen „K. N.“ unterschrieben war. Es dauerte eine Zeit bis ich heraus fand, wer sich hinter diesen Initialen versteckt und dieses Vergnügen möchte ich keinem der AHA-Leser vorenthalten:

„Ich hörte zuerst von Crowley durch einen Berliner Maler und Astrologen, der beansprucht, als Kenner vieler Horoskope einen besonderen Blick für ungewöhnliche Menschen zu haben. Er brachte mir einen Ausschnitt aus dem Berliner Tageblatt über den Weltenbummler, Alpinisten, Abenteurer und Dichter Crowley. Ein beigedrucktes Porträt zeigte einen massigen, starkknochigen Kopf mit weltmännisch-ruhigem Ausdruck, konzentriert, einfach. Kaum zu glauben, dass dieser Mann als tibetanischer Mönch riesige Fußwanderungen gemacht, eher schon, dass er in ägyptischen Luxushotels Tausende verschwendet habe. Hunger, Elend und jede Demütigung soll er durchlebt haben – andererseits wegen seiner die Landbevölkerung empörenden Orgien aus südlichen Ländern ausgewiesen worden sein. Seine Bücher seien Offenbarungen „nur Eingeweihten höchsten Grades zugänglich“ und ... er habe Bilder gemalt, die merkwürdig nahe an Dix oder Nolde herankämen, obschon er von diesen Künstlern nie etwas gesehen habe.

Reproduktionen zeigten ein groteskes Gemisch von Phantastik und Realismus, Darstellungen von Wüsten und Hochgebirgen, Fratzen, Masken, symbolischen Gestalten, alle: farbig von brutaler Härte und einer beabsichtigten grellen Buntheit, ähnlich dem Stil des Düsseldorfer Bilder-und Allegorienmalers Adalbert Trillhaase. Von einem formal-künstlerischen Gesichtspunkt aus sind derartige Arbeiten garnicht zu beurteilen, aber doch merkwürdig als Dokumente der eigenen Welt eines Weltfahrers, besonders eines Engländers und beachtenswerter als manche Erzeugnisse vom laufenden Band des routinierten Kunstmalers.
Befreit von allen romanhaften Legenden wird der äußere Lebenslauf Crowleys wie folgt geschildert:

Crowley ist 56 Jahre alt. Er wurde in England erzogen, studierte im Trinity-College, Cambridge, und war für die diplomatische Laufbahn bestimmt. Als junger Mensch hatte er außer dem Ehrgeiz, unbesiegbar im Schachspiel zu sein, eine Leidenschaft für die Besteigung unzugänglicher Berge. 1894 machte er Hochtouren in den Alpen; 1900 erreichte er in Mexiko Höhenrekorde, die bisher nicht überboten sind; 1901 bereiste er die Südsee, Japan, China, Ceylon, Indien.

Im folgenden Jahre war er Unterführer einer Himalaya-Expedition auf dem Chogo Ri, den zweithöchsten Berg der Erde. Die nächsten Jahre verbrachte er auf Ceylon mit Großwildjagden (Elefanten, Löwen, Tiger), 1905 führte er eine Himalaya-Expedition auf den Kanchinjunga. Dann kam die Zeit der großen Fußwanderungen, meist als Mönch verkleidet und unter großen Entbehrungen, von Rangoon durch China bis nach Schanghai. Später pilgert er durch Nordafrika, durchquert die Wüste Sahara und bereist Spanien. Zwischen diesen Exkursionen liegen Monate literarischer Arbeit in Schottland und in London. 1913 lebte er in Mexiko, während des Krieges in New-York, seit 1919 meist in Sizilien, Tunis, Algerien, Paris.

Eine stattliche Reihe solide gebundener Bücher liegt vor, darunter Romane und Dramen:

Aceldama (1898), The Star and the Garter (1903), Alice, an Adultery (1903), The Sword of Song (1904), Orpheus (1905), Clouds without Water (1909), The Winghed Beetle (1910), The World`s Tragedy (1910), Sir Palamedes (1914), Tannhäuser (1902), Mortadello (1912), Household Gods (1914), Berashith (1903), Konx Om Pax (1907), 777 (1907), The Equinox, No. I-X (1909-1913), Sconted Garden of Abdullah (1910), The Book of Lies (1913), The Equinox Vol. III (1919), Magick, Moonchild, The Confessions (2 Bände erschienen.)

Die Lebensdaten und Angaben stammen von einem Freunde Crowleys, der später ihre sachliche Richtigkeit bestätigte.

Eines Tages muss wohl irgendwo eine Notiz erschienen sein, wonach Crowley eine Ausstellung seiner Bilder in Berlin plane. Jedenfalls wurde ich plötzlich von den verschiedensten Seiten gewarnt vor den geheimen Kräften dieses „schwarzen Magiers“. Telefonanrufe, anonym und mit Nammensnennung, rieten wegen höchster Gefahr jede Verbindung mit Crowley striktest zu meiden. Jemand suchte mich auf und beschwor mich, der drohenden „Umgarnung“ Widerstand zu leisten. Mir nahestehende Personen wurden gebeten, ihren Einfluß aufzubieten, um mich zu retten. Es stellte sich heraus, dass Crowley fanatische Gegner hat, die in ihm den Urtyp des Bösen sehen, der jeder Schandtat fähig sei. Ein ganzes, umfangreiches Buch existiert über seine Greuel, Orgien und Ketzereien. U.a. soll er bei einer Himalaya-Expedition seine Träger getötet und gefressen haben!

Ebenso maßlos äußern sich die Verehrer: „Eingeweihter in die Mysterien thibetanischer und buddhistischer Klöster, Träger des höchstens Grades einer weltumspannendern Loge, ein Vollendeter, dem nichts fremd ist, ein Dichter von ungeahnter Bedeutung usw. Nach all dem aufgeregten Hin und Her, erschien Crowley.... ein mächtiger, fast schwerfällig wirkender Mann von ruhigem Phlegma, eher einem jovialen englischen Landedelmann ähnlich als einem dämonenumwitterten Visionär.

Wenn so die Teufelsanbeter aussehen, so sind viele unserer selbstgewissen, bürgerlichen Industrie-und Wirtschaftsfürsten, kirchliche und weltliche Würdenträger vom gleichen Dienst. Aber diese Herren stehen ja künstlerischen Leistungen so fern, dass ich sofort Crowley Abbitte tat, nachdem ich sein unmittelbares Verständnis für Dix, Nolde, Beckmann, Otto Mueller, Schmidt-Rottluff, Scholz bemerkte. Er sah zum ersten Mal Arbeiten dieser Maler und sein Urteil war absolut instinktsicher und dabei von jener Bescheidenheit, die mittelmäßige Betrachter nie vor Kunstwerken haben.

Auch bei späteren Unterredungen erwies er sich stets als zurückhaltend, völlig frei von Pose und ohne Empfindlichkeit gegenüber kritischen Einwendungen zu seinen Bildern. Im Vergleich zu Menschen ähnlichen Rufes, (etwa Rudolf Steiner, der schon äußerlich wie ein Schauspieler wirkte oder zu der weltberühmten Miss Beasant mit ihrem Löwenhaupt und Pastorenpathos oder zu ihrem offiziellen „Welterlöser“ Krishnamurti, der von Kind an zu einer Edelkitsch-Haltung verurteilt ist,) wirkt Crowley fast bürgerlich-behäbig. Allerdings habe ich nie über etwas anderes mit ihm gesprochen als über Fragen der Malerei und die Legenden von Freund und Feind weder nachgeprüft noch beachtet.

Verzeichnis der ausgestellten Bilder

  1. H.P. Blavatsky
  2. Die Heilige Familie
  3. Marie
  4. Negerin
  5. Südostasien
  6. Die Tore der Wüste
  7. Im Mekong Tal
  8. Die Welt ein Opal
  9. Montigny-sur-Loing
  10. Montblanc
  11. Tunis (ensemble)
  12. El-Qued
  13. Sonnenuntergang in der Wüste
  14. Petersburg
  15. An der Küste Japans
  16. Löwenjagd
  17. ...
  18. Elises Traum
  19. The Maiden
  20. Porträt of Leah Hirsig
  21. Frundinnen
  22. Ella Burgin und ihr Werk
  23. Aldous Huxley
  24. Schweizermädchen
  25. Mein Traum
  26. Leah Hirsig
  27. Lea la Goulue
  28. La Procoureuse
  29. Camille (Lápache)
  30. Norman Mudd
  31. Anna
  32. Erwartung
  33. Papuanerin
  34. Mali und Igel
  35. Portrait
  36. Gift
  37. Karneval
  38. Mann mit Zigarette
  39. Skizze
  40. The Poong-jye
  41. Die Witwe
  42. Fontainebleau
  43. Unschuld
  44. Der kleine Alte
  45. Odaliske
  46. Fischerboot
  47. Ladenmädchen
  48. Denkerin
  49. Monna Louisa
  50. Frau mit Eidechse
  51. Renate Gottsched
  52. Stromboli
  53. Die Barke
  54. Laura Brown
  55. J.W.N. Sullivan
  56. Mädchen im Sessel
  57. Mulattenmädchen
  58. Radio City
  59. Zigeunermädchen
  60. Sturm und Drang
  61. Acherstraße
  62. Der Zwerg von Tuggurt
  63. Die Hügel von Skye
  64. Die Heilige Stadt der Sahara
  65. Der rote Turban
  66. Djerba
  67. Timbuktu-Mädchen
  68. Farbenskizze
  69. Don Quixotes Land
  70. Der Gletscher
  71. Rhytmen
  72. Intervalle
  73. Wannsee

Interesse gezeigt und die von ihr veranstaltete Ausstellung ist zweifellos anregend und stärker als vieles, das von englischer Kunst vorzuführen wäre. Die Bilder sind durch die Intensität ihres Wollens und die Primitivität der Mittel eher mit deutschen Künstlern verwandt als mit dem Aufguss nach den üblichen französischen Rezepten, der heute jenseits des Kanals gemixt wird. Dass aus dem Lande strenger Konvention, gar von Cambridge, ein Bursche kommt, der mit 56 Jahren völlig ungebrochen als Maler hervortritt, nachdem er offenbar sein Leben lang Berge, Meere, Wüsten als fanatischer Amateur im wörtlichsten, größten Sinne betrachtet hat, ist zweifellos besonders überraschend. Die kritische Beurteilung der Bilder ist nicht meine Sache. Ein vollsaftiger, zupackender Outsider, ein ganzer Kerl von elementarer, treibender Kraft steht dahinter.“
K.N.

Ich muss zugeben, es dauerte eine ganze Zeit lang bis mir klar wurde, wer diesen Text geschrieben hat. Der Autor ist meiner Meinung nach niemand anderes, als Crowley selbst, der ganze bombastische Stil, das Prahlen mit den Vorurteilen die gegen ihn zu der Zeit in Umlauf waren, das alles spricht die deutliche Sprache des „Grossen Wilden Tieres“, hier in seiner Vorstellung als avantgadistischer Bohemien im brodelnden Berlin, kurz vor Beginn des „III. Reiches“. Auch wenn der Text in deutsch von einem seiner „Anhänger“ (anders kann man, nachdem was man über Crowley erfährt, den ihm wohlgesonnenen Umgang dieser Zeit nicht bezeichnen) geschrieben wurde, hat Crowley ihn ins betreffende Ohr geflüstert.

Crowley war sich der P.R.-Mechanismen seiner Zeit durchaus bewusst und wer von dem „verdorbensten Menschen“ seiner Zeit noch nichts gehört hatte, der erfuhr das Wichtigste dann durch diesen Text zu seiner Ausstellung. Besonders amüsant sind die Ausfälle gegen Rudolf Steiner, die Teosophen und da selbstverständlich gegen „Krishnamurti“, der ja Crowley tatsächlich den Titel als „Welterlöser“, so wurde er von den Theosophen um Anni Beasant erkoren, streitig machte.

Hat sich Crowley doch 1926 in Gesellschaft von Eugen Grosche (z.d.Zt. Sekretär der Pansophischen Loge), Marta Küntzel und Karl Germer (beide OTO) und einer Hand voll anderer führender Okkultisten der Zeit zum „Weltenlehrer“ küren lassen.
Obwohl es schon ziemlich seltsam ist, mit seinen Verbindungen zu „Geheimlogen“ als künstlerischer Referenz zu protzen, blieb das „Amt“ Crowleys als „Weltenlehrer“ den Besuchern der „Porza“ Gallerie verschwiegen. Die als „Konferenz von Weida“ in die Geschichte des Okkultismus eingegangene Ausrufung Crowleys als “Weltenlehrer“ interessierte 1931 nur noch ein kleines Grüppchen, gegenüber der Akzeptanz von „Krishnamurti“ unter den Theosophen, der immerhin auch von seinen Gegnern zumindest diskutiert wurde.

Wie professionell Crowley „Öffentlichkeitsarbeit“ an passenderem Ort mit seinem Titel „Weltenlehrer“ plante, zeigt ein Brief an einen amerikanischen Thelemiten, den John Symonds zitiert.
„Die einzige Methode, um richtige Publizität zu bekommen ist die Vorbereitung einer Weltenlehrer-Kampagne. Wenn das richtig angepackt wird, wird es über die Theosophen einen gewaltigen Schrotthaufen von unendlich viel Zeitungsstorys von ausgezeichnetem Nachrichtenwert geben.

Ich schlage vor, dass Du etwa so anfängst: >Der Weltenlehrer gibt hiermit öffentlich bekannt, dass Doktor Besant irrt, wenn sie annimmt, das Er sich im Dezember oder in irgendeinem anderen Zeitpunkt in Mr. Krishnamurti manifestieren wird. Weiterhin bin ich der Meinung, dass die Sache effektvoller wird, wenn Du um die Person des besagten Weltenlehrers eine Aura des Geheimnisses schaffst zum Beispiel kannst Du sagen, dass Du weißt, wer er ist und wie man ein Interview mit ihm arrangieren kann. Aber du sollst mich dann raushalten, bis Du einen Exklusivvertrag für die Story hast.“

Solche Spielchen betrieb Crowley also professionell.
Die „Porza“ war der ideale Partner für Crowley um eine Ausstellung seiner Bilder, zumal in Berlin, zu ermöglichen. Einige Jahre nach dem ersten Weltkrieg gegründet, war die „Porza“ eine Organisation die von Künstlern um Richard Huelsenbeck ins Leben gerufen wurde, um zu einer „panmondialen Gemeinschaftsbewegung mit zwingender Idee und zwangloser Organisation“ zu wachsen. Die „Porza“ unterhielt eigene Gebäude in Berlin, Paris, Zürich, London, und Lugano. Von einem kleinen Ort in Italien borgte sie sich übrigens den Namen.

Ihre Ausstellungen förderten weniger berühmte Talente und ermöglichte es bereits namhaften Künstlern international auszustellen und künstlerischen Austausch anzuregen, der über die starren Grenzen der Länder und deren nationalistischen Bestrebungen nach dem ersten Weltkrieg hinausging. Es gab Lesungen von Carl Zuckmayer, Ausstellungen von Künstlern wie Käthe Kollwitz , Ewald Matae, Klose, Dix und viele andere bekannte und unbekannte Namen der Zeit. Aus Frankreich kamen Künstler wie Marc Chagall, Robert Delaunay oder Suzanne Duchamp-Grotti, die mit der „Poza“ ausstellten.

Was es auch Aleister Crowley ermöglichte seine Bilder in Berlin auszustellen, war u.a.die Tatsache, dass die Mitgliedschaft für Künstler bei der „Porza“ unentgeldlich war, genauso wie die Organisation der Ausstellung ihrer Werke. Crowley war zu dieser Zeit ziemlich pleite und lebte, wie es sein Biograf John Symonds schildert, „von den unfreiwilligen Zuwendungen seiner Freunde“.

Versucht man sich die hier abgebildeten Gemälde Crowleys so voller Farbe vorzustellen wie oben in dem „K.N.-Text“ geschildert, ist der Einfluss der deutschen Expressionisten auf Crowley offensichtlich. Dass Crowley, wie behauptet nie etwas von Malern wie Dix, Nolde oder Otto Müller gehört haben soll, ist absurd. Diese Maler waren Ende der 20er Jahre spätestens in aller Munde, besonders in den Kreisen in denen Crowley, auch in Paris verkehrte.

Der Kontakt zur „Porza“ war ja nur möglich durch Begegnungen mit anderen Künstlern und Crowley hatte eine ausgeprägte Wahrnehmung für die Strömungen seiner Zeit. So sind bezeichnenderweise gerade die Schilderungen des Flairs der Pariser Boheme zwischen den Kriegen in Crowleys Romanen „Moonchild“ und „Diary of a Drug Fiend“, das Gelungenste dieser Werke. Crowley bewegte sich genau in diesem Milieu zwischen Bars, Restaurants und kleinen Theatern, das von Malern wie Beckmann, Dix auch von George Grosz und Georg Scholz mit dem Pinsel so treffend geschildert wurde.

Man würde sich den Spaß verderben, würde man Crowley mit diesem Text Falschspielerei vorwerfen. Crowley fuhr sozusagen zweigleisig. Er war Teil der Szenerie von mehr oder weniger erfolgreichen Künstlern, die sich etwa im Pariser „Quartier Latin“ oder, wie in Berlin „Unter den Linden“ trafen, das New Yorker „Village“ sollte bald auch noch dazu kommen. In diversen Biografien der Zeit taucht Crowley immer wieder mal kurz auf, so auch in einem Tagebuch von Henry Miller, wo Miller kurz erwähnt, wie Crowley ihm 30 Francs pumpte. Crowley beherrschte die Selbstinszenierung in diesen Kreisen und in der Presse, meisterhaft. Vielleicht versuchte er so zu wirken, wie die Figur des generösen “King Lamus“ in seinem „Drug Fiend“. Seinen Charme verglich er sicherlich mit dem des „Peter Pendragon“ im gleichen Buch.

Die Inszenierung des Gesamtkunstwerks Crowleys, wie oben in dem „K.N.“ Text geschildert, ist genauso wichtig, wie jeder einzelne Pinselstrich an seinen mir bekannten Gemälden. Ein Konzept, mit dem Crowley seiner Zeit als Künstler weit voraus war, die Selbstvermarktung des Künstlers als Teil seiner Kunst, ein Prinzip, das erst viel später, durch Künstler wie Andy Warhol formuliert wurde.

Ohne Crowleys Biografie und selbstverständlich sein thelemitisches Magiekonzept zu kennen sind Crowleys Schöpfungen der Malerei, wie auch seine als Romane und Novellen vorliegende Werke schwer zu verdauen. Ich glaube kaum, dass sich ein Betrachter, der Crowley nicht kennt, großen Gefallen an der Bleistiftzeichnung von seiner langjährigen „Frau in Scharlach“ Leah Hirsig finden kann. (Leah la Goulue, siehe Abbildung..) Wer die Geschichte dieser Beziehung kennt, das Drama zwischen ihrem großen Amt als prächtige Gefährtin des Tieres und irdischer Verkörperung Babalons, sichtbar vor aller Augen, bei gleichzeitiger völliger Armut und gesellschaftlicher Ächtung, Sucht und Krankheit, wird davon einiges in dem dargestellten Gesicht entdecken.

Crowleys Ölgemälde wirken vor allem „expressionistisch“ . Das Bild des markanten weiblichen (?) Profils mit Zigarette im Mundwinkel, das einen Schatten wirft, der an die Gesichtszüge einer schwarzen Afrikanerin erinnert, ist schon fast „wild“ also „neo-expressionistisch“ in seiner Gebärde und erinnert mehr an Rainer Fetting als an seine Vorgänger der 20er Jahre. Alle hier gezeigten Bilder haben mit Erfahrung im herkömmlichen Sinne gar nichts zu tun, die Wahrnehmung wird nicht als sinnliche Erkenntnis eines Gegenstandes aufgefasst, sondern als ein Akt der Vorstellung objektiviert, der immer äußerst geheimnisvoll wirkt. Hier trifft der glasklar spekulierende Geist des gebildeten Crowley mit dem des Mystikers zusammen. Es geht Crowley kaum darum, das äußere Wesen des gemalten Objektes darzustellen, sondern sein Inneres, was nur durch die Darstellung des Prozesses seiner Erkenntnis möglich ist.

Dass Crowley dabei fröhlich in manieristischer Tradition aufgreift, was der Zeitgeist so an Passendem bereithält, beschreibt Crowleys zwiespältiges Drama und das des „Outsiders“ der er ist, perfekt. Tatsächlich verzehrte sich Crowley geradezu nach Anerkennung einer Gesellschaft, mit der er doch längst gebrochen hat und sei es im Superlativ des „verdorbensten Menschen der Welt“. So adelt dann der oben zitierte „K.N.“ Text Crowleys expressionistischen Stil, der scheinbar nur aus ihm selbst erwuchs.

Ein wenig verwunderlich ist zunächst vielleicht die Tatsache, dass Crowley in dem „K.N.“ Text nicht mit einem Wort den Maler Gaugin erwähnt, beschreibt doch John Symonds in seiner Crowley Biografie, dass sich Crowley , „ mit Gaugin bis zu einem Punkt identifizierte, an dem er, wie er sagte, wahrhaftig von ihm gequält wurde.“ Und weiter, „Wie Gaugin hatte er es vorgezogen, ins Exil zu gehen, anstatt das Bürgertum zu tolerieren; wie Gaugin hatte er die Wände seines Hauses mit dem Glanz seiner Visionen bedeckt, wie Gaugin hatte er erst spät im Leben mit der Malerei angefangen.

Und schliesslich notierte er, dass der französische Maler ein Eingeweihter höchsten Grades gewesen war, der bei hellichtem Tag einmal eine Undine gesehen und gehört hatte. Gaugin war am 8. Mai 1903 gestorben – sechs Monate, nachdem Crowley Rodin kennen gelernt hatte. Durchaus möglich also, dass er ihn kannte! Und indem er seine Hände zur Sonne erhob, bot das Tier dem Geiste Gaugins seinen Körper dar, der da wohl geweiht ist durch Jahre intimer Vereinigung mit schwarzen, braunen und gelben Männern und Frauen – wann immer der Geist Gaugins zwecks weiteren Ausdrucks seiner selbst ein Vehikel benötigen sollte.“

Es ist müßig über den sichtbaren Einfluss Gaugins auf die hier vorliegenden Bilder Crowleys zu spekulieren. Die Betonung der südländischen Charaktere, die tiefen schwarzen Schatten, die ovalen Formen lassen sich leicht auf Gaugin zurückführen. Dass er ihn nicht erwähnt , trotz seiner Bewunderung, ist reine Promotion, zu ähnlich sind die Biografien und Vorlieben, verwirrend ähnlich in einem Text, der die Originalität des Malers Crowley darstellen soll. Hier konnte der Meister auch mal schweigen...

Es ist natürlich ein bißchen unfair über die Malerei Crowleys zu schreiben, wenn man nur so wenig Anschauungsmaterial, wie das hier vorliegende zur Verfügung hat. Wie aus der Katalogablichtung zu ersehen ist, stellte die „Porza“ in der Ausstellung in Berlin 1931, 73 seiner Gemälde aus. Die Titel klingen fantastisch und es ist nur zu hoffen, dass es bald gelingt, an die Sammler der Werke heranzukommen, um ein Werksverzeichnis oder sogar eine Ausstellung zusammenzustellen. In dem Buch von P.R. Koenig „das OTO-Phänomen“ erfährt man, dass Crowley sechs Kisten mit Gemälden nach der Ausstellung in Berlin zurückließ und sich 1936 per Brief an OTO Mitglieder um Martha Kuentzel, bemühte die Bilder zurückzubekommen. Was daraus wurde, konnte ich nicht mehr in Erfahrung bringen.

Fußnote
Drei Wochen nach der Ablichtung des „Ausstellungskatalogs“ rief mich eine Mitarbeiterin der Berliner Kunstbibliothek an und erklärte mir, dass es normalerweise ein horrendes Honorar kosten würde, rare Bestände der Bibliothek für „kommerzielle Zwecke“ zu kopieren. Als ich dem Direktor der Sammlung erklärte, dass es sich bei der AHA um ein Blatt mit bescheidener Auflage, aber brennend interessierten Leserkreis handelt, bekamen wir die Erlaubnis zur kostenlosen Abbildung von Crowleys Bildern und Publikation des Textes. Dafür bedanke ich mich persönlich und im Auftrag der AHA-Redaktion bei den Mitarbeitern der „Staatliche Museen zu Berlin Preussischer Kulturbesitz“.