Interview mit Akron
Akron ist bekannt als Künstler und Magier (sowie Astrologe, Autor, hermetischer Psychologe, u.v.a. - an Beschreibungen mangelt es nicht). Findest du dich darin wieder oder siehst du da wichtige Teile deiner selbst ausgeblendet?
Ich sehe mich als einen Denker, der sich beim Denken beobachtet und das Ergebnis seiner Einsichten gleich in das Resultat seiner Sichtweisen mit einfließen läßt. Ein Mensch auch, der begriffen hat, daß es eine Verschwendung von Energie bedeutet, über das zu reflektieren, worüber man reflektiert, denn dabei reflektiert man nur über die inneren Eingebungen, die einem zufließen. Viel spannender ist doch die Frage, woher diese Eingebungen kommen? Wo sie ihre Quellen haben? Oder was die Kraft, die in mir wirkt, durch mich hindurch sagen will, wenn sie Bilder in anderen Menschen auslöst? Wo ist der Ursprung des schöpferischen Geistes, der uns die Ideen zukommen läßt, aus denen wir dann die Welt gestalten? Die Prägeform des Stempels oder die Kraft des Stempelnden, der uns "Stempelabdrücke" nach seiner Prägeform schafft? In meinem Fall: Was sind die Kräfte, die durch mich hindurch nach Gestaltung drängen, und vor allem, was gibt mir die Kraft, die Kanäle zu finden, die andere Menschen einladen, sich darin zu spiegeln. Die "Realität kreativer Vorstellung" ist eine Realität eigener Art, und geistige Schöpfungen können in anderen Menschen deren eigene Kreativität entzünden, denn die subjektive Vorstellungskraft eines Menschen genügt, um daraus ein eigenes Universum entstehen zu lassen. Ich habe mich in meiner Jugend von den surrealen Welten und den magischen Widersprüchen der surrealen und psychedelischen Meister berühren lassen und mich in ihre Träume versetzt, und die Frage, die sich mir stellt, ist die: Habe ich mir damals die Voraussetzungen zu einer Realität erschaffen, die heute durch meine "Eingebungen" hindurch in die Köpfe anderer Menschen dringt?
Dein bevorzugtes Ausdrucks-, Arbeits- oder wie auch immer -mittel scheint seit langem die Sprache zu sein. Die Auseinandersetzung mit sich selbst, mit dem eigenen Denken ist nicht erst in der "Göttlichen Komödie" zentral ... und verlangt dem Leser einiges ab: Was bedeuten dir Philosophie, oder vielleicht passender, die Gnosis?
Ich glaube, daß alles, was sich uns auf der Ebene unseres Erlebens zeigt, eine Täuschung ist, und alles, was wir sehen, nur auf den Standpunkt verweist, von dem aus wir wahrnehmen. Da mich aber nicht so sehr meine Wahrnehmung interessiert (die ist sowieso von den mir anerzogenen Modellen determiniert), sondern mehr das innere Erleben abzüglich des Standpunktes, von dem aus ich wahrnehme (denn sonst reduziere ich das Erleben stets auf das Gefäß meiner Wahrnehmung), läßt sich mein philosophischer Ansatz mit den Mitteln der Sprache auch nur sehr schwer präzisieren. Ich möchte die Dualität in Frage stellen, um den Dualitäten meiner Prägungen durch einen "kontrollierten" Durchbruch auf die andere Seite zu entkommen, ohne aber die Brücke abzubrechen, die mich mit der Gesellschaft verbindet (nämlich meine Hinterfragungen in Dualität zu pressen und damit eine gewisse Leserschaft anzusprechen). Anders gesagt: Erfahrungen aus zweiter Hand bedeuten mir nichts. Mich interessieren keine Dogmen, keine Glaubensformen und keine Weisheiten oder Erklärungen, wie man die Welt zu betrachten hat ... mich interessieren ganz andere Dinge.
... Zum Beispiel?
Beispielsweise die unbewußten Mechanismen, die uns zwingen, unsere Kreativität in solche Formen zu schöpfen, aus denen wir dann eben Dogmen und Glaubensformen hervorbringen. Dann die Frage nach dem Ursprung der menschlichen Entwicklung, die darauf zielt, warum wir gerade diese Formen und nicht andere entwickelt haben, um unser Weltbild darin fassen und kontrollieren zu können, oder welche anderen Gefäße uns zu anderen Erkenntnissen hätten führen können und, damit verbunden, die ur-rudimentäre Frage, was die innere Ordnung der Matrix ist, nach dem wir Modelle bestimmen und entwickeln. Und dann interessiert mich natürlich auch der Preis, der den Göttern für diese "Gefäßmiete" zu zahlen ist: der Tribut für die Illusion, so zu sein, wie wir sind, verbunden mit dem Glauben, daß wir das so gewollt haben oder daß es zumindest dem Willen einer übergeordneten Instanz entspricht (einem guten Vater im Himmel, einer höheren spirituellen Absicht im Universum oder einem schöpferischen Willen im Ozean der Psyche). Im weiteren frage ich mich, welchen anerzogenen gesellschaftlichen Mustern die Lücke zwischen den geistigen Erkenntnissen der Menschheit und den politischen Realitäten in der Welt entspricht, und was es trotz allen intellektuellen Einsichten und technischen Errungenschaften so schwer macht, uns seelisch und geistig zu entwickeln.
Was macht für dich "Kunst" aus, was verbindest du mit diesem Begriff?
Das Fenster, das sich dem schöpferischen Geist als intuitives Fenster öffnet, ist gewissermaßen ein schöpferischer Ausschnitt aus dem Ozean des kreativen Selbst, das mit dem Unbewußten verbunden ist. Der Künstler versucht über die Realität eines Dinges in die psychische Energie eines Gegenstandes einzudringen, d.h. in die Energie, die das Bild des Gegenstandes, das er künstlerisch verändern möchte, in ihm auslöst. Obwohl er seine Visionen für seine eigenen Ziele kreiert und sich dabei nur solcher Symbole bedient, die eine Bedeutung für ihn haben, schafft er mit seiner Schöpfung gleichzeitig auch einen Inhalt im Außen. Aus der Sicht der Magie rückt er den behandelnden Gegenstand aus dem Zustand seiner Funktionalität und gibt ihm eine neue Dimension. Den frei gewordenen Raum füllt er je nach Zunft mit bildender oder suggestiver Energie (der bildende Künstler mit seiner Vision, der Schreiber mit seinen Zaubersprüchen), und die Differenz, die zwischen seinem verzauberten Gegenstand und dessen Funktionalität besteht, definiert der Mensch als "schöpferischen Freiraum" oder eben als Kunst. Im alltäglichen Leben mögen Gebrauchsgegenstände austauschbar oder unwichtig erscheinen (eine Bierflasche läßt sich von ihrer Funktionalität her künstlerisch nicht definieren), doch je weiter ich diese Bierflasche in die Vision meiner Kreativität tauche, desto mehr wird sie zur individuellen Schöpfung und unterscheidet sich von den anderen Bierflaschen. Picassos kubistische Bierflasche drückt deshalb nicht nur einen hohen Stellenwert individuellen emotionalen Empfindens aus (wenn nicht im Kunstwerk selbst, so doch zumindest im Auge des Betrachters), sondern sie transportiert über ihre rationale Funktionalität hinaus auch Picassos persönliche Botschaft wie das Aufbrechen von Zeit und Raum oder das Umstülpen von Außen- und Innenwelt in die Welt hinaus. Damit ist die "Verzauberung" dieser normalen Bierflasche ein Stück von Picassos persönlicher Magie.
Die obligatorische Frage: Was verstehst du unter Magie?
Magie ist die zielgerichtete Handhabung psychischer Energie und reicht durch den "Brennpunkt" des Egos von der Erfüllung kurzsichtiger Wünsche über die Verschiebung von Seelenlandschaften (Veränderung des Zusammenspiels der verschiedenen interagierenden Seelenanteile) bis hin zur Veränderung körperlich-materieller Realität. Ich will sagen, daß magische Techniken viel mit Manipulation der Vorstellungskraft zu tun haben, und gleich auch noch hinzufügen, daß die Vorstellungskraft immer noch eine der am meisten unterschätzten Funktionen des menschlichen Geistes ist, denn es gibt in der unergründlichen Psyche so viele Varianten von magischen Systemen wie Sterne am Himmel, die unserem Wachbewußtsein alle unbekannt sind. Bleiben wir bei der "Küchenmagie". Der Zündfunke ist die persönliche Absicht. Der Magier gibt in seine Vorstellung die gewünschte Absicht ein, und sie kann sich in der Vorstellung eines anderen verwirklichen, wenn dieser auf der (gleichen) Sendefrequenz empfängt. Möchte ich jemand beeinflussen, muß ich seine Gedanken und Gefühle auf die von mir benutzte psychische Bandbreite locken (ich muß seine Vorstellung an meine Zielrichtung binden, d.h. ich muß seine Emotionen in ihm wecken und dirigieren können), damit sich meine Absicht in ihm quasi erfüllen kann. Aber Vorsicht: Kann sich die Energie über einen bestimmten Zeitraum nicht manifestieren, dann staut sie sich und schießt wie in einer verstopften Kanalisationsanlage wieder zurück. Dadurch überschwemmt sie mit den beabsichtigten, aber unverwirklichten Bildern manchmal die Vorstellungsräume der eigenen Psyche.
Hängen Kunst und Magie miteinander zusammen?
Ja. Kunst ist der objektive Wunsch, sich auf den Schwingen des inneren Empfindens in die Tiefe tragen zu lassen und aus den Fragmenten des Unbewußten "persönliche" Visionen zu erschaffen. Magie ist dagegen das subjektive Verlangen des Menschen, die in der Tiefe "schlummernden" Dämonen seinen eigenen Wünschen dienstbar zu machen. Beiden ist eine Erfahrung gemein: die Erweckung von Kräften, die unterhalb unserer Bewußtseinsschwelle liegen. In der Kunst werden diese Kräfte über den Prozeß der Entstehung langsam in die Realität gehoben, aber sie sind stets in der schöpferischen Vision des Künstlers "gebannt". In der operativen Magie hingegen werden diese Energien direkt in das bewußte Selbstbild des Betreffenden katapultiert. Über den Erfolg läßt sich streiten. Was eine unreife Seele völlig irritieren kann (sie fühlt in sich plötzlich die Energien unbewußter Kräfte und glaubt, diese manipulieren zu können), verhilft einem reifen Menschen zu enormen Gewinn. Weiß er, daß er mehr als das Selbstbild ist, das er als sein "Ich" bezeichnet, rückt er sein Ego beiseite und macht in seinem Persönlichkeitsbild Platz, damit sich die überpersönlichen Teile auf den bewußten Teil seiner Wesenheit einschwingen können. Dadurch stimmt er sich gleichzeitig auf die Schwingungen dieser überpersönlichen Kräfte ein und wird zum Durchlaß für Botschaften, die für das bewußte Erleben normalerweise nicht nachvollziehbar sind.
Du arbeitest jetzt und schon seit einiger Zeit intensiv mit Voenix zusammen. Früher hast du mit H. R. Giger zusammengearbeitet. Und eine ganze Zeit davor war Musik sehr wichtig. Sind das für dich heute abgeschlossene Etappen oder inwiefern sind diese Stationen noch bedeutsam?
Musik war für mich im Nachhinein nicht wegen meiner künstlerischen Entwicklung wichtig, sondern wegen der psychologischen (ich habe damals in Sachen Übertragung der Gefühle und Mißbrauch von Macht durch die Berührung mit dem Rotlichtmilieu so einiges erfahren). Und natürlich auch, um meinem bourgeoisen Elternhaus zu entwischen, denn meine Mutter hätte mich am liebsten als erfolgreichen Anwalt gesehen. Und HRG war zwanzig Jahre später in meinem Leben wichtig, um aus der Esoterikschiene herauszukommen (ich hatte 1990 schon drei erfolgreiche Bücher veröffentlicht). Deshalb war der "Baphomet" damals für mich eine Lebensentscheidung. Von meinen Autorenkollegen hat das keiner verstanden. "Never changes a winnig team", war die Devise, zu deutsch: Man sollte die Sparte nicht wechseln, solange sich die Bücher so gut verkaufen, das Dilemma war nur: mir stand der ganze esoterische Ansatz bis zum Hals. Es hatte sich aber gelohnt: Die Schöpfung des "Baphomets" ging mir leicht und flüssig von der Hand und selten wurde ein Projekt vom Verlag so unterstützt. Die kreativen Leute um Direktor Fred Weber lasen Giger und mir jeden Wunsch von den Augen ab, und von heute aus betrachtet war es aus künstlerischer Sicht wahrscheinlich meine fruchtbarste Zeit. Aber nach zwei medienträchtigen Vernissagen in Chur und Zürich war dieser Lebensabschnitt im September 1992 vorbei und der letzte und schwierigste Teil meiner "magischen Absicht" zog herauf: die Entwicklung eines eigenen Zyklus in Verbindung mit einem eigenen "Brand".
Da mir der Meister nicht folgen konnte (er ist noch ein paar Jahre älter als ich), suchte ich nach einem jüngeren Begleiter, der für meine Impulse offen war, und hab' eine entsprechende Botschaft in das Postfach der "magischen Absichten" gestellt. Dann ging alles sehr schnell. Eine Woche später hat mir der neue Leiter des "Urania-Verlags" das Kartenset eines jungen Mannes vorgestellt ("Magie der Runen"), und da wußte ich, das war der Gesuchte. Ich bat ihn, den Künstler zu kontaktieren, und schon war er am Apparat und konnte es gar nicht fassen, mit mir zu telefonieren. Er sagte, daß er von mir geträumt hätte: daß er mich im Traum vor ein paar Tagen in meinem Haus in der Schweiz besucht habe. Als ich einen Moment überlegte, ob er mich auf den Arm nehmen wollte, setzte er noch einen drauf, indem er erzählte, daß er mir in die düsteren Kellergewölbe eines geheimnisvollen Turmes gefolgt wäre (mein Haus hat einen Turm, aber das konnte er nicht wissen, und in den "düsteren Kellergewölben" seines Traumes hat er letzten Sommer ein großes Wandbild gemalt), und das war ein ausreichendes Indiz dafür, daß er bereit war, mir auf der Reise durch die Unterwelt zu folgen. Der Rest der Geschichte ist bekannt; sie ist mittlerweile Realität.
Die AHA versteht sich als Magazin des Neuen Aeons. Was unsere Leser besonders interessieren dürfte: Inwiefern spielt das Konzept eines neuen Zeitalters der Menschheitsgeschichte für dich persönlich und in deinem Wirken eine Rolle?
Ich habe so meine Zweifel, ob die Visionen, die wir in die Zukunft projizieren, das Prädikat eines "neuen Zeitalters" verdienen. Wir scheinen nur sehr schwer zu akzeptieren, daß die Zukunft nur die Auswirkung unserer Gegenwart ist, deren Wurzeln wiederum in unserer Vergangenheit liegen, und ich plädiere dafür, daß wir zuerst die Verantwortung für das Ungleichgewicht unseres vergangenen Handelns übernehmen, bevor wir über eine mögliche Zukunft fabulieren, die technisch gesprochen von unserer Gegenwart abgekoppelt ist. Es ist nämlich falsch zu glauben, daß sich unsere Entwicklung in einem Umfeld des Gleichgewichts vollziehen könne; sie mag es zwar ständig suchen, aber sie darf es nicht erreichen, damit Realität überhaupt möglich ist. Dieses Problem ergibt sich aus der Unvereinbarkeit zweier Absichten: Der Mensch trachtet nach einem Gleichgewicht, um seine Entwicklung zu kontrollieren; gleichzeitig streben die vitalen Antriebskräfte aus der Form, was eben dieses Ungleichgewicht verursacht. Gleichgewicht ist eben kein statischer Zustand, sondern es wird durch die ständig herbeigezwungenen Veränderungen ermöglicht. Nur weil wir den Preis für unsere Entwicklung in diesem ständigen Ungleichgewicht nicht zahlen wollen, wird statt der konsequenten Hochrechnung der Gegenwart, die zur folgerichtigen Zukunft wird, die Gegenwart verdrängt und eine visionäre Vorstellung in die Zukunft projiziert (und damit gleichzeitig auch die Konsequenzen der ständigen Veränderungen verdrängt).
Der Mensch ist der Mensch, und die Fehler sind ihm nicht von irgendwelchen bösen Teufeln eingelöffelt, sondern Notwendigkeiten seiner eigenen Entwicklung. Wie sich das Rad der Entwicklung auf dem Schicksalspfad auch dreht, immer ist es folgerichtig, was geschieht, denn jede Wirkung wird im Kraftfeld einer Ursache, aus der sie hervorgeht, erzielt (da jede Drehung gleichermaßen die Folge einer Ursache wie auch die Ursache einer weiteren Wirkung ist, bewegt sich das Ganze selbst durch seine eigene Drehung weiter). Und indem alle Handlungen in ein Netzwerk von Beziehungen eingesponnen sind, ruft die ständige Drehung des Rades immer neue Aspektkombinationen der Daseinsfaktoren hervor, und die unterschiedlichen Auswirkungen werden in immer neue Ursachen-Kerne aufgespalten wie Atomkerne in einer Kettenreaktion. Gerade auch solche Erkenntnisse wie die der "Vision eines neuen Zeitalters der Menschheitsgeschichte" (als aufgrund ständiger Bewegungen ausgelöste Wünsche nach Veränderung), nur sollte man die durchaus brauchbaren Eingebungen weder zu einem Credo aufblasen noch zu revolutionären Einsichten stilisieren. Sie sind nichts anderes als eine neue Variante der ewig alten Suche nach dem Paradies.
Du leitest das "Templum Baphomae". Ist das ein Orden und in welche Richtungen geht ihr da?
Das ist ein verrückter Haufen von durchgeknallten Göttinnen (lacht!), die ständig den "Magus" veräppeln wollen (vgl. Voenix Comic-Reihe im AHA). Nein, im Ernst, was als eine Experimentierspielwiese begann, um über die Bilder der Vorstellungen unter Einbeziehung all unserer Techniken in unbekannte Nachtmeere vorzudringen und die Grenzen der kollektiven Prägungen zu überwinden, hat sich um einen festen Kern von innovativen Leuten zu einem kreativen Unternehmen ausgeweitet, das neben der Gestaltung von Ritualen und der Organisation der keltischen Feste inzwischen auch die "Akron Verlags AG" beinhaltet. Ziel ist, die Grenzen der kollektiven Prägungen zu überwinden und aus diesen Erfahrungen heraus neue Ufer zu avisieren (wie wir es beispielsweise in der "Dante-Reihe" anstreben).
Wir machen gemeinsam Bücher, Comics, unterstützen auch musikalische, filmische und architektonische Projekte und sind überall zur Stelle, wo Leute bereit sind, magische Kräfte an weltliche Konzepte zu binden und die damit verbundene "Schattenarbeit" zu leisten. Wir nehmen auch Schülerinnen und Schüler auf, aber im Gegensatz zu anderen Gruppierungen legen wir keinen Wert auf theoretisches Wissen. Unser Fokus richtet sich ausschließlich auf die praktische Erfahrung im Leben, wie man durch den Kontakt mit den verschütteten inneren Stimmen und der Kommunikation mit den uralten Wesensteilen in der menschlichen Entwicklung die Wege des Geistes aufspüren und - unter Einbeziehung des Preises, der diesen inneren Kräften aus der Infragestellung der anerzogenen gesellschaftlichen Muster und dem Abbau der damit verbundenen Selbstdarstellungsbilder zu zahlen ist - für sich nutzen kann.
Gerade ist dein neues Buch, "Das Auge der Hölle" erschienen. Worum geht es darin?
Das Buch handelt von einem Streifzug durch die jahrhundertelange Geschichte menschlicher Alpträume, und ist die Fortsetzung der Trilogie, die auf "Dantes Inferno", einer Reise durch die Unterwelt, folgt. Während der Held mit seinem Mentor die dunklen Bilder in der Abstellkammer der menschlichen Psyche bereist, die ihn unter anderem durch die höllischen Exzesse der sexuellen Folter in der Skorpion-Hölle führen, explodiert in der Zeitungsredaktion eine Bombe. Im selben Augenblick erwacht er im Hotelzimmer neben einer geheimnisvollen Frau, die ihn an die schrecklichen Szenen seines Traumes erinnert. Zugleich fällt ihm ein, daß er zu einer wichtigen Redaktionssitzung muß, und er verläßt fluchtartig den Ort. Auf der realen Ebene ist er Journalist, und der Chefredaktor schickt ihn zum Interview mit einem teuflischen Autor, der am Abend auf einem Kongreß über den Geheimbund der alten atlantischen Priester referieren will, die mittels eines "magischen Auges" aus dem Sternbild des Roten Drachens herübergechannelt sind. Auf dem Weg ins Hotel wird er zuerst von einem Taxi gerammt und im Koma anschließend von Akron zu einer goldenen Pyramide geführt. Im Inneren des virtuellen Gebildes begegnet er wieder der Fremden aus dem Hotelzimmer, die ihm erklärt, daß sie sich in den kollektiven Träumen der Menschheit befänden, in denen die alten Zauberer ihre schwarzen Geheimnisse versteckt hatten, nachdem Atlantis von einer Atombombe zerstört worden war.
Sie zeigt ihm ein elektronisches Kraftfeld, in dem der Geist des Autors gefangen ist, und aus dem dieser telepatisch mit Eva, seiner Redaktionskollegin, kommuniziert. Der Geist warnt Eva vor der "als zukünftige Erinnerung in die Träume der Leser installierten" Bombe, die in Kürze in der Redaktion hochgehen wird, und erklärt ihm nebenbei, daß er von einer als Journalistin getarnten Agentin noch an diesem Abend in seinem Hotelzimmer entführt werden soll. Um die Sache zu klären, entschließt sich der Reisende, ins Hotel zu fahren, und ruft ein Taxi herbei. Auf dem Weg überfahren sie seinen Doppelgänger, der sich vor den Wagen stürzt, um seine Alpträume zu beenden, und die Fahrerin, die sich ihm als eine moderne Wächterin der Unterwelt vorstellt, teilt ihm mit, daß er nur ein Gedanke im Hirn des bewußtlosen Schreibers sei. Er befinde sich noch immer in einem entrückten Bewußtseinszustand, nachdem er vor zwanzig Jahren von einem Auto überfahren worden wäre, und bleibe solange in seinen Vorstellungen gefangen, bis jemand seine Geschichte zu Ende träume.
Ein "als zukünftige Erinnerung in die Träume der Leser installierter" Gedanke? Was möchtest du dem Leser mit solchen verwirrenden Konstruktionen sagen?
Ich möchte auf etwas aufmerksam machen, das wir uns in dieser Form gar nicht bewußt sind: das Zusammenspiel zwischen Wunsch und Realität, die Relativität von Vergangenheit und Zukunft und die Austauschbarkeit unserer Selbstbilder. Jeder weiß, daß wir es in der Seele nicht nur mit Erlebnissen zu tun haben, an die wir uns erinnern können, sondern auch mit Begebnissen, die wir von uns abgespalten haben, da wir uns mit ihnen nicht identifizieren können. Doch neben den bewußten und verdrängten Vorgängen haben wir uns auch noch mit unerlebten, aber uns zugehörigen Erfahrungsmustern auseinanderzusetzen, die wir energetisch in unsere Erinnerungen eingeknüpft haben (und das weiß keiner!). Diametral zu den Ereignissen, die wir zwar erlebt, aber verdrängt haben, gibt es diese "unerlebten Wunschvorstellungen", die wir nicht erfahren haben, die aber trotzdem so stark mit uns verbunden sind, daß wir sie als Teil unserer Erinnerung betrachten (beispielsweise "Akron", mein Alter ego). Diese Geschehnisse bilden mit anderen unerlebten Energien Erlebnisbündel, die unter unserer Bewußtseinsschwelle eigene Handlungsabläufe kreieren und, ohne je Realität zu werden, auf unsere Persönlichkeit großen Einfluß nehmen. Sie können das mentale Geschehen verändern, so daß wir im Nachhinein tatsächlich glauben, unrealisierte Begebenheiten in der Wirklichkeit erfahren zu haben. Mit anderen Worten: Unbewußt gibt es keine duale Schiene Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft, sondern das ganze menschliche Erleben ist wie ein Spinnennetz so in die Psyche verwoben, daß wir jedes zukünftige Ereignis mit ähnlichen vergangenen Erfahrungen vergleichen und das Erlebnis an der Stelle im Netz positionieren, an der es an vergangene Ähnlichkeiten anknüpft.
Ist das aus Sicht eines normalen Lesers nicht sehr schwer zu verstehen?
Natürlich ist es schwierig, denn das Ganze ist aus der Sicht des Unbewußten formuliert, und deshalb kann die Geschichte auch nicht linear erzählt werden, sondern sie wird in unterschiedlichen Erzählungskomplexen über das ganze "Assoziationsgeflecht der Psyche" verteilt, deren Fortlauf nicht "fadenförmig" verläuft, sondern sich von den verschiedenen "Assoziationsgeflechten" aus zu einem unsichtbaren Ganzen "strickmusterförmig" entwickelt. "Das Auge der Hölle" illustriert diesen Mechanismus, wenn sich die vielen Wege mit zunehmender Dauer immer mehr verdichten und die immer wieder gleichen Bilder durch verschiedene Sichtweisen und Rückblenden zu einer fixen Realität verbinden, die dem Leser zeigt, wie simple Bilder durch bloße Vernetzung zu ganzen Vorstellungs- und Empfindungskomplexen im menschlichen Hirn "realisiert" werden.
Was sind deine wichtigsten Zukunftsprojekte?
Was noch bleibt? Die Beendigung der Dante-Reihe vielleicht. Es fehlen "Fegefeuer" und "Himmel", jedoch spüre ich im Moment den Geist noch nicht, der mir sagt, daß ich es schreiben will (das kommt aber möglicherweise noch!). Dann der "Akron-Tarot" (der unrealisierte Tarot, den ich 1991 dem "Baphomet" geopfert habe, als ich mich zur Zusammenarbeit mit Giger entschloß, und den ich, obwohl er nie geschrieben wurde, trotzdem als Teil meines Werks betrachte. Er soll im Nachhinein die Lücke schließen, die zwischen dem "Crowley-Tarot" und dem "Baphomet" entstanden ist). Sonst bleibt nicht mehr viel. Ich möchte meine Kraft unserem "Hexentempel" zur Verfügung stellen und sehen, daß wir die "Manifestierung kreativer Visionen" noch etwas effizienter bewirtschaften können. Das wär's dann aber schon. Mein Geist hat noch einen "Schreibtisch zwischen den Welten", auf dem die Arbeit in den letzten fünfzig Jahren liegengeblieben ist.
Akron, ich danke Dir für das Gespräch.
(Fragen für die AHA stellte Knut Gierdahl)
Biografisches
- 1948 in der Walpurgisnacht in Münsterlingen TG am Bodensee geboren.
- 1948 - 1960 Kreativer Querulant (ohne Kindergartenabschluss); Auffälligkeiten: äusserst misstrauisch gegen Erwachsenenmodelle, aber um so intensivere Beschäftigung mit Magie von Kindesbeinen an, als Jugendlicher auch mit Philosophie und Kunst.
- 1961 - 1967 Katholische Kantonsrealschule in St. Gallen. Anschl. kaufmännische Lehre in der Nationalversicherung Basel.
- 1967 - 1968 tingelt er als Berufsmusiker durch Deutschlands Nachtlokale.
- 1968 geht Charles nach München; Musikstudien.
- 1969 Begründer und Herausgeber von "Blackstone", einer der ersten Schweizer Underground-Zeitschriften. Erste Berührung mit der aufdämmernden esoterischen Strömung, die ihm aber nicht zum eigentlichen Credo wird.
- 1969-1972 Mitbegründer der Regensburger Black-Magic-Band "Black Mass". Zeitweise Schlagzeuger der Münchner Kultband "Amon Düül". Religionsskandal in Thalmassing wegen angeblicher Schwarzer Messen und einer nackten Jungfrau am Kreuz, die zum Show-Teil der Band gehörte. Ein vom Freistaat Bayern eingeleitetes Verfahren wegten Blasphemie verläuft im Sande; anschliessend Nicht- Verlängerung der Arbeitsbewilligung in Deutschland.
- 1975 verfasst er den experimentellen Roman "Die Fünfte Wand".
- 1976 Autor und Dramaturg der Rock-Oper "Pyrrho", die im St. Galler Stadttheater seine Uraufführung erlebt.
- 1974-1978 Kulturkritiker bei der "Ostschweizer AZ" in St. Gallen.
- 1982- 86 Kauf eines abbruchreifen Schlösschens am Fuss des Ruhbergs in St. Gallen. Auf der Suche nach einem passenden Namen für das Haus erscheint Charles der Name "Akron" mit Feuerbuchstaben samt dem passenden Signet im Traum. Umbau des Häuschens in einen Miniaturtempel.
- 1991 erscheint "Der Crowley-Tarot", gemeinsam verfasst mit Hajo Banzhaf. Beginn der Zusammenarbeit mit Giger am "Baphomet".
- 1994 Zur Sommersonnenwende Gründung des OAA (Ordo Animi Akronis), der sich mit den menschlichen Prägungen hinter den kollektiven Bildern auseinandersetzt und hinterfragendes Denken sowie seelische Nachtmeerfahrten pflegt. Zur Halloween-Feier wird der ritualmagisch-orientierte Teil des OAA, der sich aus jüngeren Hexen und Magiern zusammensetzt, unter dem Begriff "Templum Baphomae" ausgegliedert und als eigener, praxisbezogener Teil im Orden weitergeführt.
- 1996 Beginn einer Dante-Trilogie aus esoterischer Sicht, Akrons 'Lebenswerk'
- 1999 Voenix beginnt im Sommer mit der Comic-Version von "Dantes Inferno"
mehr Infos unter www.akron.ch



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