2005/ 5: Fest - die Gegenwart der Götter, unterdrückte Männer

Editorial

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Wenn jemand mit dem Hammer philosophiert… gibt es keine Scherben, sondern etwas, das die Welt mehr und tiefer erschüttert: eine neue Epoche bricht an, eine neue historische Wahrheit kommt zu Sprache. Der Philosoph mit dem Hammer ist Friedrich Nietzsche, und dieser Tage hat er seinen 161. Geburtstag (am 15.10.) Eine gute Gelegenheit, sich zu fragen: kennen, verstehen wir ihn?

Eine historische Wahrheit drückt Nietzsche beispielsweise in dem Satz »Gott ist tot« aus. Jedoch ist das, so wie es hier gedruckt steht, ‚nur’ die Formel, die Bezeichnung. Historische Wahrheiten sind auch jenseits der Formel und - darum schwer zu fassen. Sie haben es merkwürdigerweise an sich, daß die ursprüngliche Gewißheit und Wucht, der Charakter ihres Allesbetreffens, im Laufe ihrer (unvermeidlichen) Deutungsgeschichte verloren geht. Je öfter eine historische Grundwahrheit wiederholt und aufgegriffen wird, desto selbstverständlicher und unsichtbarer wird sie. Nietzsche, seinen akademischen Zeitgenossen ein Grauen, ist salonfähig geworden. Was ursprünglich ein Raum des Verstehens war, wird zu einem Verstandenen im Raum, zu einem nicht sonderlich beachtenswerten Ding, zur Formel. Wofür?, das verliert sich im Nebel des Unwichtigen.

Die großen Umbrüche im Erdichten der Welt sprechen sich irgendwann herunter und werden zu einer mehr oder weniger verfügbaren & kritisierbaren Terminologie, die nur noch instrumentalen Charakter hat und also die Aufmerksamkeit einzig und allein auf die »Gegenstände« lenkt. Sie lassen die Einmaligkeit, das Wagnis und die bestürzende Kraft ihrer Anfänge kaum noch ahnen. Wer einmal einen Grundgedanken, wie den vom Tod Gottes, erfaßt hat und also einen Horizont vor Augen bekam, der über alles Erwarten groß ist und nicht mehr gesteigert werden kann, der wird das Schaudern lernen über die Banalität, auf die ein solches Denken heruntergebracht werden kann. Im Dunstkreis einer allbekannten, zur Selbstverständlichkeit gewordenen Redeweise schwindet die ursprüngliche Erfahrung – ja, sie wird selbst als konkrete Überlegung suspekt und löst sich unter relativierender Kritik auf. Woran liegt, daß Nietzsches Ausruf von jedem und auf alles bezogen werden kann? Ich würde sagen, an der Weite und unübertrefflichen Klarheit des ursprünglichen Gedankens. Dieser Umgang läutet aber zugleich das Siechtum dieses Gedankens ein. Das Jonglieren mit Worten ohne die Frage nach der historischen Dimension eines Denkens, ohne das Weltbild zu erfassen … das führt dazu, daß man Nietzsches Denken auf dem Boden philosophischer und religiöser Trivialität durchwandern kann.

Es finden sich dann »Aussagen« und »Meinungen« des Autors, die zu vermeintlich allgemeinen Fragen »Stellung nehmen« und darum als die Theologie oder Philosophie oder gar nur literarische Finesse des Autors erkannt werden können und sich in dem Bereich halten, in dem man selbst schon immer die Welt und die Menschlein verstanden hat. Erschütternd, daß das Ungeheuerliche verschwinden konnte, obwohl es seine Sprache gefunden hatte und unmittelbar aus dem Text spricht. Bzw., sprechen könnte, wenn die Sprache nicht verflacht und verbraucht wäre. Ist die historische Wahrheit zur Selbstverständlichkeit abgesunken (was begeisterte Annahme wie Ablehnung gleichermaßen bewirken können), so ist sie nicht mehr die Wahrheit, die sie war. Sie ist unsichtbar, ja: verkehrt geworden.

Es scheint nun so, als ob das nicht zu ändern wäre? Bitter. Was können wir dann anfangen? Ganz einfach. Mit dem Hammer philosophieren: Tun! (Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die AHA-Beilage oder fragen das Liber Legis:)

Möge die Macht mit Dir sein!

Knut Gierdahl