2001/ 5: Kontextbezogene Wahrheit(en), Träume, Reinkarnation

Editorial

Mensch oder Hominide - wir sind nicht im Action-Kino!

Cover AHA 5, 2001Unmöglich scheint es nicht, Menschen einzuteilen - einzuteilen in Gewaltsucher und Gewaltflüchter. Kehren letztere zurück, stellen sie fest, dass sie "umzingelt sind von Gewaltsuchergruppen aus Tätern und Informanten, die das Ausweichen in gewaltfreie Räume immer mehr zu einem Ding der Unmöglichkeit machen. Ganz im Sinne seines sphärischen Denkens antizipieren wir eine Hyperkugel in der wir uns befinden, und was stellen wir fest? Die Gewalt hat sphärisches Format, Gewalt ist elementarisch, medial verteilt.

"In-der-Welt-sein heißt: "In-der-Gewalt-sein."

Vermutlich steht es dem Leser dieser Zeilen wenig im Sinn, momentan in´s Action-Kino zu gehen, und dennoch soll von diesem die Rede sein. Denn dieses deckt die Universalien der Frühgeschichte der Menschheit, genauer des Hominidisierungsprozesses im Tier-Mensch-Übergangsfeld, den realen Inhalt der vorgeschichtlichen Menschenbildung auf.

Die beiden Universalien des Actions-Kinos sind Laufen und Schießen. Ich denke es erübrigt sich, hierfür Beispiele aufzuführen. In Auseinandersetzung mit den Tieren laufen die frühen Menschen, sind auf der Flucht, drehen sich um und werfen nach dem Angreifer - das ist das älteste Aktions-Muster der Menschheit. Vorbei ist es mit der bloßen Körperanpassung an die Umwelt. Mit Flucht und Wurfdistanz wird ein unsichtbarer Ring abgezirkelt. "Nur", mit dem erfolgreichen direktem Ausweichen vor tierischer Konkurrenz ist eine Nebenwirkung verbunden: Die Läufer und Werfer-Menschen werden zu jener Gattung, die den Kopf hebt, die ins Feld schaut und vor Wachheit zittert. Der Philosoph Peter Sloterdijk formuliert das so: "Theoretisches Verhalten entsteht beim Menschen außerordentlich früh gewissermaßen aus dem Wachheitsüberschuss, der dem Aufmerksamkeitstier homo sapiens die Augen freigibt für luxurierende Blicke in das stille Feld." Und von hier aus wird nun die dritte Universalie des Actions-Kinos verständlich - das Warten, das Ruhigsitzen, der Held in der Stille vor dem Angriff.

Der Action-Film führt uns an die Konfliktgrenze, an der sich entscheidet, ob Herdenwesen überleben oder nicht. Der Mensch ist ein artilleristisches Tier, ein Werfer, Schütze und Distanzerzeuger mit den Mitteln des Geschosses. Die ersten Grenzen wurden nicht gesetzt, sondern geworfen. Das plausibilisiert die archaische Suggestivkraft von Schusswaffen im allgemeinen und Feuergefechten im Action-Kino. Wer aber vom Werfen spricht, muss auch vom Treffer reden und im Grunde genommen taucht hier das Terminator-Prinzip auf. Denn mit dem Schuss soll etwas aus den Weg geschafft werden. Das angezielte Andere ist etwas, was dort ist, wo besser Nichts wäre. Wo immer im Ernst geschossen wird, wird das Nichts eingeladen, mit dem bisherigen Etwas den Platz zu tauschen. Der Kult des Treffens ist eine immerwährende Auslöschungszeremonie, die das ursprüngliche Vernichtungswunder der Horden-Menschheit nachfeiert. Die Machterfahrungen unserer Horden-Menschheitsgeschwister zeigen uns, dass Vernichtungen älter als Schöpfungen sind, das Auslöschen grundlegender, als das Erfinden.

Steffen Siegert


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