2005/ 3: Thelema und das Abendland, Spengler & Spare

Editorial

Das Geheimnis des Lebens

6,90€

Der Schwerpunkt dieser Ausgabe ist Thelema und das Abendland. Nachdem in den letzten Ausgaben das neue Aeon an Ägypten rückgebunden wurde, geht diesmal der Blick zurück in die Anfänge der griechischen Antike. Dieser Anfang faszinierte die Dichter und Denker aller Zeiten. Thomas von Aquin übersetzte im 13. Jhd. Aristoteles ins Lateinische und gab somit der christlichen Theologie eine rationale Basis. Die nächsten Impulse, Europa gedanklich zu einen und das hiesige Jammertal wieder zu beleben, gab es in der Renaissance. Aber nun überwiegen die ‚Geheimlehren’, was aus Griechenland und Ägypten noch herüber scheint, ist mystisch, allegorisch, geheimnisvoll. Vielleicht ganz besonders wichtig, vielleicht aber auch nur hohle Formeln von Scharlatanen. Danach war die Antike zwar bekannt, aber verkam mehr und mehr zum ästhetisierten Traumbild.

Thelema und das AbendlandDas alles änderte sich mit Friedrich Hölderlin. Da er am 7. Juni 1843 starb, soll seiner hier erinnert werden. Geboren wurde er 1770 als Sohn eines Klosterangestellten und einer Pastorentochter. Während des Studiums schloß er mit Hegel und Schelling Freundschaft. Vielleicht war es ja Hölderlin, der die Aufmerksamkeit Hegels auf Heraklits Ideen über die Einheit der Gegensätze lenkte, die der Philosoph dann zu seinem System der Dialektik entwickeln sollte. 1807 kam Hölderlin, mit der Diagnose: Schizophrenie - zur Pflege in eine befreundete Familie und lebte bis zu seinem Tod im sogenannten ‹Hölderlinturm›. Seine Poesie gilt heute als ein Höhepunkt der Literatur.

Außerdem, und jetzt kommen wir auf die Antike zurück, verstand Hölderlin die griechische Kultur wie kaum ein anderer zuvor. Ihm waren die griechischen Götter keine grazilen Plastiken im feinsinnigen Verständnis des Klassizismus, sondern lebendig, diesseitig und real anwesend, auf wunderbare Weise Leben schaffend und schrecklich zugleich.

»Möcht ich ein Prophet sein? Ich glaube.«

Friedrich Nietzsche war von Hölderlin fasziniert und griff die grundlegende Spannung von Dionysos und Apoll wieder auf. Nicht die Einheit, sondern dieser unauflösliche Widerspruch Griechenlands wurde der Ausgangspunkt auch für ihn. Hölderlin erkannte und Nietzsche baute dies aus: die griechische Antike lebte, weil sie den Widerspruch, der sie erschütterte aushielt und ausstand. Das rauschhaft Wilde (Dionysos) und das geordnete Lichte (Apoll) können nur in der Gefahr gegenseitiger Vernichtung leben.

Damit war das klassizistische Griechenbild hinfällig und das Geheimnis der Antike konnte mit Aussicht auf Erfolg wieder fruchtbar gemacht werden. Das alles verdanken wir Hölderlin. Martin Heidegger sah das auch und stellte unumwunden fest: »Die geschichtliche Bestimmung der Philosophie gipfelt in der Erkenntnis der Notwendigkeit, Hölderlins Wort das Gehör zu schaffen.«

Und nun, viel Spaß beim Lesen!
Knut Gierdahl

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